Atomkraft: Die Insel des Widerstands
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Atomkraft: Die Insel des Widerstands

Text: Aiko Kempen

Fotos: Thomas Damm

Auf Iwaishima wehren sich Fischer und Reisbauern seit mehr als 30 Jahren gegen den Bau eines Atomkraftwerks. In der streng auf Fortschritt ausgerichteten Gesellschaft Japans kämpfen sie dafür, ihre traditionelle Lebensweise im Einklang mit der Natur zu erhalten. Das kleine Eiland ist zu einem Zentrum der japanischen Anti-Atom-Bewegung geworden.

Die weißen Fischerboote liegen unbewegt am Eingang der Bucht. In einer Linie, festaneinandergekettet. Am Strand haben sich Demonstranten versammelt, knapp 140 sind es. Sie sitzen auf dem sandigen Boden an diesem Morgen im Herbst 2009, die meisten sind weit über siebzig. Wenig später wird man ihnen von den herannahenden Schiffen mit Bauarbeitern immer wieder über Megafon zurufen, dass sie keine Zukunft haben werden, wenn sie sich dem technischen Wandel verweigern.

Dass sie zu alt sind und niemals allein von Fischfang und Ackerbau leben können. Laut werden die Demonstranten jeden einzelnen Namen der dreißig Fischerboote hören, auch die Namen der Fischer, denen diese Boote gehören. Die Männer am Megafon wollen zeigen, dass sie die Blockierer identifizieren können, dass ernsthafte Konsequenzen drohen.

Auch Hisao Hashimotos Name wird fallen. Regungslos steht er am Steuer seines Bootes, mit dem er die Zufahrt zur Baustelle in der Bucht von Kaminoseki versperrt. In den folgenden zwei Jahren wiederholen sich diese Szenen fast täglich; Höhepunkte einer jahrezehntelangen Auseinandersetzung, in der sich eine kleine Inselgemeinschaft gegen den fast bedingungslosen Fortschrittsglauben stemmt, dem die Mehrheit der Japaner anhängt.

1982 veröffentlichte der Stromkonzern Chugoku Electric erstmals seine Pläne für ein Atomkraftwerk am Rande der Seto-Inlandsee. Das Binnenmeer trennt die japanischen Hauptinseln Honshu, Shikoku und Kyushu. Hohe Berge schotten den Küstenstreifen der Halbinsel Kaminoseki vom spärlich besiedelten Festland ab. Für die strukturschwache Region scheint der geplante Bau wie ein Segen. Chugoku verspricht Arbeitsplätze und Wohlstand dank modernster Technik.

Tatsächlich sind seit 1984 rund 4,5 Milliarden Yen (40 Millionen Euro) an Subventionen aus der Staatskasse geflossen, zusätzlich hat die Gemeinde Kaminoseki 2,4 Milliarden Yen von Chugoku Electric als „Geschenk“ erhalten. Die Förderungen im Zuge des geplanten Baus finanzieren mittlerweile rund ein Viertel des Haushalts der kleinen Kommune. Es ist wenig verwunderlich, dass sich bei einem Entscheid über die Pläne im Jahr 1989 eine deutliche Mehrheit der 3600 Einwohner für das Atomkraftwerk aussprach.

Nur in einer Fischersiedlung auf der knapp acht Quadratkilometer großen Insel Iwaishima, die zum Verwaltungsdistrikt Kaminoseki gehört, votieren weit über 90 Prozent der 450 Bewohner gegen die Pläne von Chugoku. Der Ort liegt direkt gegenüber dem geplanten Standort, nur eine knapp drei Kilometer breite Wasserstraße trennt den Hafen der Insel von der Baustelle. Dennoch sind die Bewohner Iwaishimas weitgehend autonom vom Festland. Seit Jahrhunderten leben sie von Fischfang und Reisanbau, auf der Insel wird noch immer Tauschhandel betrieben.

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Doch mit dieser Lebensweise wäre es bereits mit Beginn der ersten Bauphase vorbei. Die Pläne für das Kraftwerk sehen massive Landaufschüttungen auf einer Fläche von 140.000 Quadratmetern vor. Mit der Verkleinerung der Bucht und der Eintrübung des Meerwassers würde das empfindliche Ökosystem unwiederbringlich zerstört, warnen Forscher von der Ecological Society of Japan. Fischfang wäre hier fortan unmöglich.

So stößt schon die erste Veröffentlichung der Baupläne auf den massiven Widerstand der Insulaner. Bereits 1983 spricht sich die Fischervereinigung Iwaishimas in einer Resolution gegen das Vorhaben aus. Die Fischereirechte gegen eine Abfindung von 1,1 Milliarden Yen abzutreten, lehnen sie ab.


Generationswechsel: Mit 18 kam Naoya Okamoto (Mitte) als Anti-Atom-Aktivist aus Tokio nach Iwaishima. Inzwischen hat er dort eine Familie gegründet

Während man sich auf dem Festland hocherfreut über den Geldfluss zeigt, der scheinbar ohne jegliche Gegenleistung die Kassen flutet, betonen die Fischer von Iwaishima, sie wollten kein Geld, sondern ihre Lebensgrundlage erhalten. „Solange die Natur es uns erlaubt, wird sie uns ernähren“, schließt ihr damaliges Statement.

Der Kampf gegen das Atomkraftwerk von Kaminoseki ist für die Bewohner der Insel immer vor allem ein Kampf für den Erhalt ihrer Lebensweise gewesen. „Ich habe das Recht, weiterhin in Frieden auf Iwaishima zu leben und mein Leben als Fischer zu bestreiten. Wir Fischer tragen die Verantwortung für dieses Meer und haben die Aufgabe, es für künftige Generationen zu erhalten“, erklärt Hisao Hashimoto, als er sich 2010 gemeinsam mit drei weiteren Fischern vor Gericht für die Blockaden verantworten muss. Chugoku Electric hatte wegen der Bauverzögerung auf Entschädigung geklagt. „Seit 1982 sagen wir zu dem Vorhaben in Kaminoseki ganz klar Nein, basierend auf logischem Denken und gesundem Menschenverstand“, schließt Hashimoto sein Plädoyer. Der Fischer überzeugt die Richter. Die Klage des Konzerns wird abgewiesen.

Sich derart beharrlich gegen die herrschende Meinung zu stemmen, ist in der japanischen Gesellschaft mit ihrem strikten Verhaltenskodex keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Während die japanische Regierung bis vor wenigen Jahren ohne jegliche Zweifel die Vorzüge der Atomkraft pries und dabei die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite wusste, verließen sich die Inselbewohner auf das Urteil derer, die am eigenen Leibe erfahren hatten, welche Risiken mit der Nutzung verbunden sind.

Ichio Isobe ist einer von denen, die es besser wussten. Wenn er heute stumm aus dem Fenster seines kleinen Hauses an der Küstenstraße von Iwaishima blickt, schwankt sein Gesichtsausdruck zwischen Wut und Hoffnung. Nur wenige hundert Meter entfernt markieren gelbe Bojen auf dem Meer die Sperrzone rund um die geplante Baustelle. Isobe fehlen die Worte angesichts der Bedrohung, die er seit über drei Jahrzehnten tagtäglich vor Augen hat.

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In den Siebzigerjahren verdingte er sich als Wanderarbeiter auf dem Festland, arbeitete in Minen, in der Petroleumindustrie und als Sake-Brauer. 1975 führte ihn sein Weg für knapp zwei Monate in das damals noch brandneue Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, wo er bei angeblich harmlosen Reinigungsarbeiten ungeschützt starker Strahlung ausgesetzt war.

Die Belastung von damals haben die Behörden in einem kleinen Pass festgehalten, er verwahrt ihn zusammen mit den Fotos seiner Reisen. Rund ein Dutzend Inselbewohner waren mit ihm gemeinsam in Fukushima tätig und sahen mit eigenen Augen, wie Kühlwasser und kontaminiertes Material aus den Reaktoren in die Umwelt geleitet wurde. Bereits kurz nach ihrer Rückkehr erkrankten die Ersten der Gruppe an Krebs. Dank ihrer Berichte hatten die Bewohner Iwaishimas trotz aller Abgeschiedenheit einen ungefilterten Eindruck von den drohenden Gefahren.


Ichio Isobe musste seinen Lebensunterhalt als Wanderarbeiter im Atomkraftwerk verdienen

Mit mehr als 1500 Demonstrationen haben die Insulaner seitdem den Abbruch des Projekts gefordert. Bis heute versammeln sie sich jeden Montagabend nach getaner Arbeit am Hafen, binden sich die Stirnbänder mit ihrem Protestslogan um den Kopf und ziehen durch die kleinen Gassen der Fischersiedlung. Ein einsamer Dorfpolizist folgt ihnen auf ihrem Weg. „Genpatsu zettai hantai – Atomkraftwerk. Niemals. Widerstand!“, rufen sie mit gereckten Fäusten; allein ein Gegner ist nicht zu sehen. Das mag bizarr wirken: Eine Demonstration, nahezu unbemerkt von Öffentlichkeit und Adressat – aber dennoch mit Wirkung.

Bis vor wenigen Jahren fanden sich bei den seltenen Veranstaltungen gegen Atomkraft im Land kaum mehr als eine Handvoll Umweltschützer ein. Der ausdauernde Protest auf Iwaishima hingegen machte die kleine Insel zu einem wichtigen Anlaufpunkt für die japanische Anti-Atom-Bewegung. Bei Veranstaltungen im Gemeindezentrum treffen seitdem junge Unterstützer vom Festland auf alte Inselbewohner, engagierte Aktivisten auf Fischer, die für ihre Lebensgrundlage kämpfen.

„Ich möchte nicht Teil einer Gesellschaft sein, die auf der Annahme beruht, dass es immer einen Verlierer geben muss. Einer Gesellschaft, die Geld über alles stellt und damit Krieg, Armut und Atommüll produziert“, erklärt Naoya Okamoto seine Beweggründe. 2009 macht er sich mit gerade 18 Jahren aus Tokio auf den Weg und bezieht allein eine karge Hütte in direkter Nähe zur Baustelle. Wenn die Fischer von Iwaishima mit ihren Booten die Bucht absperren, paddeln er und weitere junge Frauen und Männer vom Festland in wackeligen Kayaks unter die Ladekräne, um die Bauarbeiten zu stoppen.

Das Lächeln weicht nie aus seinem Gesicht, wenn er erzählt. Man nennt ihn hier nur Kinchan, Goldjunge. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion gelingt es Chugoku Electric schließlich doch, den für die Behörden so wichtigen ersten Spatenstich zu setzen, bevor die Baugenehmigung ausläuft. Mehr als 500 uniformierte Arbeiter des Konzerns kämpfen sich im Februar 2011 unter dem Schutz von Küstenwache und privaten Sicherheitsfirmen über die Hügelkette bis zum Strand vor. Sitzblockaden, größtenteils von den alten Frauen der Insel gebildet, halten sie nicht auf. Bauschiffe rammen die Fischerboote.

Doch bereits drei Wochen später sollte sich in Japan alles ändern. Mit der Nuklearkatastrophe in Fukushima Daiichi am 11. März 2011 wich der japanische Fortschrittsglaube zumindest für kurze Zeit dem Zweifel. Vier Tage nach dem Unglück gab Chugoku Electric bekannt, die Bauarbeiten in Kaminoseki würden vorerst eingestellt. Nur wenig später wurden alle Atomkraftwerke in Japan heruntergefahren.

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„Für Iwaishima war es gewissermaßen ein Wunder, andernfalls hätte der Bau wohl nicht mehr verhindert werden können“, beschreibt Masae Yuasa die Wirkung des Unglücks. Die Professorin für Friedensforschung an der Universität Hiroshima beobachtet den Protest auf Iwaishima seit Jahren. „Erst durch Fukushima haben sich auch andernorts Menschen die Frage nach der Sicherheit von Atomkraft gestellt.“ Bei einer Demonstration in Tokio versammelten sich 2012 erstmals mehr als 100.000 Japaner, um eine Abkehr von der Atomenergie zu fordern.

Als Vorreiter der japanischen Anti-Atomkraft-Proteste ist Iwaishima längst weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt. Regelmäßig mischen sich Besucher vom Festland unter die Montagsdemonstranten. Im Gemeindezentrum kommen jene alten Frauen, die sich am Strand den Bauarbeitern in den Weg gestellt haben, mit jungen Journalisten ins Gespräch, die über die Folgen von Fukushima aufklären. Yuasa besucht regelmäßig mit ihren Studenten die Insel, um ihnen zu zeigen, welche Folgen der fortwährende Protest für Iwaishima hatte. Denn zahlreiche Unterstützer haben hier ein neues Zuhause gefunden und bilden eine neue hoffnungsfrohe Gemeinschaft auf der Insel.


Inzwischen haben die Insulaner neue Einnahmequellen erschlossen – wie den Verkauf von getrocknetem Seegras

Sie haben sich als Selbstversorger eingerichtet oder arbeiten gemeinsam mit den alteingesessenen Bewohnern an neuen Wegen, um die finanzielle Unabhängigkeit der Region zu sichern. Sie rösten Tee aus Blättern der Biwa-Sträucher, die überall auf der Insel wachsen, und verkaufen Seegras und getrockneten Oktopus mithilfe unabhängiger Handelskooperativen an Naturkostgeschäfte in ganz Japan.

Auch Kinchan zieht es, nachdem der Bau fürs Erste gestoppt ist, nicht zurück nach Tokio. Er hat auf Iwaishima das Zimmermannshandwerk erlernt und eine Familie gegründet. Sein Sohn Mansaku ist das erste Kind einer Generation, die seit Kurzem die Insel neu belebt. Inzwischen gibt es wieder sieben Kinder auf Iwaishima. Angesichts dieser Entwicklung erhellen sich auch Ichio Isobes Gesichtszüge, wenn ihn sein täglicher Spaziergang entlang der schmalen Küstenstraße an den jüngsten Inselbewohnern vorbeiführt.

Die Baustelle auf der anderen Seite der Wasserstraße liegt hingegen wie ausgestorben da, die weiße Laderampe ist vom Rost zerfressen. Nur ein paar Maschinen zeugen von dem geplanten Bau. Doch ungeachtet der Gefahren, die mit Fukushima in Japan sichtbar geworden sind, will Chugoku Electric an dem Projekt festhalten. Die Verfahren für eine erneute Baugenehmigung laufen. Anfang August gab die Präfektur grünes Licht für die Landaufschüttung. Der Kraftwerksneubau sei Teil der nationalen Energiepolitik, hieß es zur Begründung.

Während in Deutschland seit der Katastrophe von 2011 der beschleunigte Atomausstieg vorangetrieben wird, kehrt Japan unter der Führung von Ministerpräsident Shinzo Abe zurück zur Atomkraft. Bereits vor einem Jahr gingen die ersten beiden Reaktoren in Sendai auf der Hauptinsel Kyushu wieder ans Netz. Dabei kam es im April auf der südlichen Hauptinsel schon wieder zu schweren Erdbeben.

Es scheint, als sei die Aufbruchsstimmung in der Anti-Atomkraft-Bewegung Japans binnen fünf Jahren vollständig verflogen. Seit 2012 sinken die Teilnehmerzahlen auf Demonstrationen, obwohl sich die Folgen von Fukushima noch immer nur erahnen lassen. Die Betreiberfirma Tepco hüllt sich weiterhin in Schweigen und macht keinerlei Angaben zum Ausmaß des Schadens.

So gleichen die Protestierer von Iwaishima den Bewohnern jenes unbeugsamen gallischen Dorfes, das erbitterten Widerstand gegen eine Übermacht leistet. Und solange die Pläne für das Atomkraftwerk nicht endgültig verworfen werden, kommen die Bauern und Fischer der Insel weiter jeden Montag am Hafen der Insel zusammen, um ihre Forderungen zu artikulieren: ein Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu können.

Aiko Kempen

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