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Das Herz schlägt oben schneller

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.17

Das Herz schlägt oben schneller

Text: Julia Lauter Foto: Manfred Jarisch

In Zeiten, in denen Tierfutter rund ums Jahr in Säcken geliefert wird, wirkt Helga Hagers Ziegenauftrieb wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Wer heute noch nicht aufgegeben hat, dem geht es um mehr als nur ums Geld

Dichter Nebel hängt im Grauerlenwald. Es ist noch früh am Morgen und still im Valsertal. Die Sonne dringt kaum durch die schweren Wolken – es sieht nach Regen aus. Helga Hager streicht sich die grauen Haare aus der Stirn, trinkt einen Schluck Espresso. Im Dämmerlicht leuchten ihre Augen eisblau. Sie schaut prüfend zu den Gipfeln. „Der Padauner Kogel trägt keinen Hut“, sagt sie, „es wird heuer nicht regnen.“ Sie leert ihre Tasse und verschwindet im Dunkel des Stalls. Hager muss sich beeilen, ihre Ziegen werden unruhig. Sie wollen auf die Alm.

Jahrtausendelang trieben die Menschen der Alpen ihr Vieh im Sommer auf die nahrhaften Bergwiesen, weil es im Tal an Weideflächen mangelte. Dort ernten sie auch Heu, das als Futterreserve für den Winter diente. In Zeiten, in denen Tierfutter rund ums Jahr in Säcken geliefert wird, wirkt Helga Hagers Ziegenauftrieb wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Doch will sie die Alm und die Bergwiesen ihrer Familie erhalten, hat sie keine andere Wahl. Denn die Technisierung der Landwirtschaft hat am Fuß der steilen Hänge der abgelegenen Almwiesen und Bergbauernhöfe haltgemacht: Viele Arbeiten können auch heute noch ausschließlich von Hand erledigt, die Almprodukte nur mit großem Aufwand ins Tal geschafft werden. Die Almwirtschaft entzieht sich so dem Optimierungswillen der modernen Gesellschaft. Das hat Folgen: Die Anzahl der bewirtschafteten Almen in Österreich sank seit Mitte des letzten Jahrhunderts um knapp ein Drittel auf 8000. Wer heute noch nicht aufgegeben hat, dem geht es um mehr als nur ums Geld.

Helga Hager will sich mit dem Almensterben nicht abfinden. Gemeinsam mit einer Handvoll Freunden und Bergbauern aus der Region gründete sie deshalb im Frühjahr 2016 die „Schule der Alm“, in der sie Freiwilligen das kulturelle Erbe der Alpen näherbringen möchte. Sensen, Heuen, Bewässerungskanäle anlegen, Ziegen melken – für vier Sommerkurse nimmt Helga Hager gegen kleines Geld bis zu sieben Menschen auf ihrer Alm auf. Gemeinsam mit ihnen lebt, isst und arbeitet sie in der rund 300 Jahre alten, beengten Hütte. Sie hofft, den Zauber, den sie selbst für diese Lebensart empfindet, weiterzugeben und unter ihren Gästen zupackende Mitstreiter zu finden, die sich dauerhaft für den Erhalt der Almwirtschaft im Valsertal einsetzen.

An diesem Morgen ist sie noch allein mit ihrer Herde. Helga Hager steigt voran, ihre Leitziege Mélange hinterher. Die übrigen dreizehn Tiere folgen streng nach Rangordnung. Ihre Glocken bimmeln der Bergwiese entgegen. Hirtin und Herde fügen sich in ein uraltes Bild. Schon 5500 vor Christus nutzten die Menschen in den südlichen Alpen die sommerlichen Bergwiesen als Viehweiden. Im Römischen Reich etablierte sich die Almwirtschaft und wurde im Mittelalter durch die zunehmende Verbreitung von Sensen und der Möglichkeit gezielter Rodungen perfektioniert. Damals entstand das Bild der Alpen, das wir heute kennen: urbare Täler und von Bergwiesen (tirolerisch „Bergmahd“) unterbrochene Wälder – die Alpen als Kulturlandschaft.

Auf der Alm gibt das Vieh das Tempo vor, die Sennerin fügt sich. „Je ähnlicher man den Tieren ist, desto einfacher ist das Zusammenleben“, sagt Hager. Ihr von der Höhensonne gebräuntes Gesicht ist von Lachfältchen geprägt. Auf ihren Haselnussstab gelehnt, schaut sie von oben zu, wie ihre schwarz-braun-weiß gescheckten Ziegen den steilen Fichtenwald durchschreiten. Hinter der Bergkette, auf der anderen Seite des Tals, liegt der Brennerpass, dahinter Italien. „Ich schätze die Freiheitsliebe meiner Tiere, ihre Eigensinnigkeit“, sagt die 54-Jährige. „Ziegen sind gebündelte Energie.“ Die Wolkendecke bricht auf. Die Sennerin stößt sich mit ihrem Stab vom Hang ab und steigt, dem Tross voran, den Berg hinauf.

Das Bergmahd ihrer Familie, das Ocherloch, liegt auf etwa 1700 Metern Höhe, 300 Meter oberhalb der Almhütte. Auf der Wiese blühen Bergarnika, Enzian und andere Alpenkräuter. Schritt für Schritt, Biss für Biss arbeiten sich die Ziegen vor: Sie sind Feinschmeckerinnen, die oft genug nur die Blüten fressen. Die Ziegen hier oben weiden zu lassen, ist nicht nur eine Frage der Tradition, sondern auch eine des Geschmacks: Durch die stärkere Sonneneinstrahlung in der Höhe setzen Bergwiesenpflanzen mehr Energie um als Gräser und Kräuter im Flachland und enthalten daher mehr Eiweiß und Fett. Das bekommt den Weidetieren gut und gibt ihrer Milch eine hohe Qualität. „Meine Tiere lieben es hier oben“, sagt Hager. Und auch die Sennerin verändert sich mit jedem erklommenen Höhenmeter. Eilt sie in der Enge der Almhütte rastlos zwischen Stall, Küche und Milchkammer hin und her, stets die nächste Aufgabe im Blick, so atmet sie hier oben durch.

Das Bergmahd war Hagers Kinderstube. Die Eltern gaben das Mädchen sommers zu den Großeltern, die die Alm bewirtschafteten. Helga Hager stromerte umher, erklomm Bäume, erkundete tagelang die Schluchten und Gipfel der Umgebung. Mit 15 durfte sie den ersten Sommer allein auf der Alm verbringen. Die Freiheit, die Einsamkeit, die Natur: Die junge Frau blieb sechs Sommer lang Sennerin, allein unter Ziegen. Abends starrte sie manchmal so lange in die Dunkelheit der Wälder, bis ihre Augen tränten. Dann zog es sie fort. Sie machte ihre Leidenschaft für feines Essen und gute Weine zum Beruf und arbeitete als Sommelière im In- und Ausland. Bis sie 2011 zurückkehrte – und das Bergmahd des Großvaters verändert fand: Auf der hügeligen Wiese, die ihre Familie Jahr um Jahr mühevoll bewirtschaftet hatte, wuchsen hüfthoch Gräser, Büsche, junge Fichten. „Vielen mag das als romantische Wildnis erscheinen – doch diese Flächen sind traurige Brachen“, sagt Hager. Schnell wachsende Büsche und Bäume nehmen zarteren Pflanzen wie Bergblumen und Kräutern Platz und Licht. Die Artenvielfalt, die durch das Mähen und die Beweidung entstanden ist, wird überwuchert und verschwindet. Das Erosionsrisiko verwaister Almen ist deutlich höher als das bewirtschafteter Bergwiesen und natürlicher Wälder, auch die Lawinengefahr steigt.

Hager traf damals aber nicht der Verlust der Arten oder der Schutzfunktion des Mahds, sondern der gefühlte Verrat am Erbe ihrer Großeltern. „Es hat mit das Herz gebrochen, das Ocherloch so zu sehen“, sagt die Sennerin. Sie blieb. Zwischen Mai und Oktober bestellt sie seither die Alm: lässt ihre Tiere grasen, legt Bewässerungskanäle („Waale“) an, entsteint den Hang, mäht mit der Sense, was die Ziegen nicht brauchen, bringt Heu ein und macht aus der Milch ihrer Herde cremigen Frischkäse. Im Winter arbeitet sie als Sommelière in einem Hotel in Kitzbühel – so finanziert sie ihre Almsommer. Denn trotz der Förderung, die sie für ihre Landwirtschaft erhält – pro Jahr sind es rund 800 Euro vom Land Tirol –, ist dies der erste Sommer, in dem Helga Hager schwarze Zahlen schreibt. Bis zu zwölf Einheimische halfen ihr im letzten Jahr bei der Heuernte, die Arbeit dauerte rund 200 schweißtreibende Stunden. Im Winter muss das Heu vom Stadl auf der Hochalm ins Tal geschafft werden. Das beansprucht einige weitere arbeitsame Tage. „Um das durchzuziehen, muss man eigensinnig sein“, sagt Hager. Aber in der Männerdomäne der Bergbauern könne ein bisschen Sturheit sowieso nicht schaden. „Da gleiche ich meinen Ziegen.“

Ein Sirren liegt in der Luft, wenn frisch geschliffene Sensenblätter die Alpenkräuter im Ocherloch köpfen. An diesem Nachmittag startet ein Kurs, fünf „Almschüler“ zwischen 19 und 45 Jahren stehen am steilen Hang in einer Reihe und mähen Schneisen in die blühende Bergwiese. Sie alle wollen das Leben auf der Alm kennenlernen, ihr Wochenende, ihre Auszeit vom Job oder ihre Semesterferien nutzen, um herauszufinden, was dran ist an der Ruhe und Gelassenheit, die man dem Leben hier oben nachsagt – nun kommen sie mächtig ins Schwitzen. Die Arbeit ist beinhart, zumal für ungeübte Hände. Fünf „Almlehrer“, Bergbauern aus dem Tal, führen die Freiwilligen geduldig in das Handwerk ihrer Ahnen ein: helfen der Kunststofftechnikerin aus Niederösterreich beim Einstellen der Sense, zeigen dem Tiroler Sozialarbeiter mit präzisen Handgriffen die Kunst des Sensenschleifens, demonstrieren den übrigen Teilnehmern mit ruhiger Hand den rechten Schwung. Hans Eller, 77, und Hans Holzmann, 58, – „der alte und der junge Hans“ – geben den Rhythmus vor, die Almschüler versuchen gleichzuziehen.

Die Arbeit verläuft ohne viele Worte – dass die Alten sich am Interesse und Arbeitseifer ihrer Gäste freuen, zeigt sich in zustimmendem Nicken und einem gelegentlich gemurmelten „recht so“. Die Schüler schnaufen angestrengt. Doch hier mit der Motorsense zu arbeiten, das sei keine Alternative, sagen die Almlehrer: zu laut, zu schwer, zu teuer. „Die schlagen alles z’sammen und des isch schlecht für die Insekten“, sagt der alte Hans. Die Ruhe sei hier oben wichtig. Und der junge Hans ergänzt: „So a Mähg’meinschaft, des isch herrlich, des isch g’mütlich.“ Und so geht das gemächliche Sensen weiter, Schritt für Schritt, den Hang entlang, unter den argwöhnischen Blicken der Ziegen, die weiter oben am Berg grasen. Dank ihrer Helfer bringt Hager an diesem Tag rund zwei Tonnen Heu von einem knappen Hektar Fläche in den Stadel. Die gesamte Heuernte, etwa drei Tonnen, wird den Ziegen allerdings nur vierzig Tage als Futter reichen.

Zum Mittag tischt die Sennerin ihren Helfern selbstgebackenes Brot und Ziegenfrischkäse auf. Verfeinert mit Kräutern und Fichtenwipfelsirup aus dem Valsertal. „Wer meinen Käse essen will, der muss zu mir kommen“, sagt Hager. Und sie kommen: Menschen aus dem Tal, Freunde und Wanderer. Denn trotz vieler Entbehrungen findet sich auf der Alm ein seltener Reichtum. „Ich weiß, was ich esse und was ich trinke. Wer kann das schon von sich sagen?“ Zur Brotzeit legt Hager auch Ziegenwurst auf den Tisch. „In dieser hier sind zwei meiner Lieblingstiere drin. Die Nonna und die Cappuccino“, sagt sie. Weil sie alt waren und nicht mehr trächtig wurden, mussten sie zum Schlachter. „Für uns hier ist das der Lauf der Dinge“, sagt Hager. Trotzdem isst sie nicht mit. Die Tiere sind ihr bis jetzt noch zu nah.

Distelcarpaccio, Rotkleeblütensirup, Arnikaschnaps – für die Hirtin steht der ganze Berg voll Zutaten für schmackhafte Speisen und natürliche Medizin für Mensch und Tier. Neben dem Mahd ihrer Familie hat sie noch eine Wiese auf 2000 Metern Höhe gepachtet. „Auf dem Weg dahin hole ich im September Himbeerblätter. Die trockne ich und füttere sie den Ziegen, kurz bevor sie ihre Jungen bekommen – das fördert die Milchproduktion“, sagt Hager. „Tee aus Himbeerblättern hab’ ich vor der Geburt meiner Töchter Christina und Theresa auch getrunken.“ Heute unterstützen die jungen Frauen ihre Mutter bei der Bewirtung der Almschüler, helfen ab und an in der Küche oder beim Heuen. Ob eine von ihnen den Almbetrieb einmal übernimmt? „Das wird sich zeigen“, sagt Hager. Die „Schule der Alm“, das ist ihre Vision eines Netzwerks, das den Erhalt der Almwirtschaft weniger abhängig von der Unterstützung durch die Familie oder das Dorf macht – eine talüberschreitende, solidarische Almgemeinschaft, sozusagen. Dieser Sommer stimmte Hager optimistisch: Alle Kurse waren ausgebucht, rund dreißig Almschüler packten im Valsertal mit an. Viele versprachen, wiederzukehren.

Auf den Besuch aus der Stadt wirkt Helga Hagers Alm zuweilen wie eine Keimzelle des Widerstands gegen das „Höher, Schneller, Weiter“ der übrigen Welt. Danach gefragt, zuckt die Sennerin nur mit den Schultern. Die Alm, die Bergmähder und die stillstehende Zeit auf den Gipfeln, das ist eben ihr Leben. Neben ihr liegen die erschöpften Helfer im Gras und schauen in den Himmel. Helga Hager deutet mit dem Kinn in Richtung des Dorfes Vals. „Heute hat uns das ganze Tal mit dem Fernglas beim Heuen zugesehen“, sagt sie und lacht. Dort unten glaubte lange Zeit niemand, dass Freiwillige zum Arbeiten kommen würden – wer schufte schon für Gottes Lohn? Mittlerweile ist die Neugier der Valser aber geweckt. Zaghaft fragen sie bei der Sennerin an, ob die jungen Städter wohl auch mal bei ihnen helfen kommen könnten. „Es wird langsam“, sagt sie.

Eine extra Fotostrecke über Helga Hagers „Schule der Alm“ finden Sie in unserer Magazin-App.