Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Die Moosmacher

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.17

Die Moosmacher

Text: Susanne Donner Foto: Henrik Spohler

Ausgerechnet Gemüse! Noch immer ist der Anbau von Gurke, Salat und Co. mit einer chronischen Umweltsünde verbunden. Denn weder Profi- noch Hobbygärtner wollen auf Torf verzichten, die schwarze Erde, für deren Gewinnung Moore sterben. Nun aber erproben – ausgerechnet – die Torfwerke die ökologische Wende: Sie züchten frisches Moos als vielversprechende Alternative

Von Weitem wirkt das sumpfige Feld wie ein riesiger Fußballrasen. Inmitten einer niedersächsischen Moorlandschaft, nicht weit von der Grenze zu Holland, baut die Firma Klasmann-Deilmann Torfmoose an. Sattes Grün zeichnet sich von schwarzer Erde ab, umrahmt von lichten Birkenwäldern. Das Moos ist lose mit Stroh bedeckt, hier und da auch mit weißem Kunststoffvlies, damit die Sonne es nicht austrocknet.

Die deutschen Torfwerke suchen nach einem Ersatz für ein begehrtes Material mit angekratztem Image. „Wir wollen eine Erde, die von der Gesellschaft vollumfänglich akzeptiert wird“, sagt etwas steif Jan Köbbing, der Leiter des Torfmoos-Projekts bei Klasmann-Deilmann. Der 33-jährige Umweltingenieur erklärt, er wolle frischen Wind in die Branche bringen – was diese auch dringend nötig hat. Denn nicht nur der Ruf der Erdenproduzenten steht auf dem Spiel, sondern auch ihre Zukunftsfähigkeit.

Deutschland braucht Torf, viel Torf. Acht Millionen Kubikmeter benötigen die Garten- und Gemüsebauern davon jedes Jahr, zwei weitere Millionen die Hobbygärtner – die Gesamtmenge würde einen Güterzug füllen, der von München bis zum Nordkap reicht. Beinahe all unser Gemüse und auch manches Obst, ob konventionell oder bio, wächst zumindest als Setzling in Torf; Salat, Gurken und Kräuter bleiben in Gewächshäusern sogar bis zur Ernte darin. Torf besticht durch seine gleichbleibende Qualität, enthält keine keimfähigen Samen unerwünschter Beikräuter und lässt sich, obwohl selbst beinahe nährstofffrei, aufgrund seiner schwammartigen Struktur beliebig mit Dünger beladen. So entsteht für jede Kultur ein maßgeschneidertes Substrat.

Die Kehrseite: Für Torf sterben Moore. Vor allem aus dem Baltikum und anderen osteuropäischen Staaten beziehen deutsche Firmen den schwarzen Rohstoff heute. Doch auch in Niedersachsen dürfen sie auf bestimmten Flächen noch immer Torf abbauen, obwohl es in dem Bundesland kaum noch naturbelassene Moore gibt. Erst im Jahr 2070 laufen die letzten Konzessionen aus. Nicht nur Naturschützer sind darüber empört, auch Klimaexperten fordern ein früheres Ende.

Denn der Abbau von Torf – der ein fossiler Rohstoff wie Kohle ist, nur jünger – setzt in Deutschland jährlich zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid frei.    

Doch nun keimt die Hoffnung, dass bereits ausgebeutete Moore selbst eine Alternative liefern könnten: Auf feuchtem Grund wachsen Torfmoose – jene bemerkenswerten Urpflanzen der Gattung Sphagnum, aus denen natürlicherweise Torf entsteht. Jedes Jahr sprießen ihre hellgrünen Blättchen bis zu zwanzig Zentimeter in die Höhe, während ältere Pflanzenteile an der Basis absterben und so Torf bilden, einen Millimeter pro Jahr. Jahrtausende des Werdens und Vergehens schufen so die natürlichen Moore mit ihren meterdicken Torfkörpern. Was bisher kaum bekannt war: Schon frische Moose eignen sich, getrocknet und zermahlen, als Substrat für die Pflanzenzucht.

Zwei Firmen, Klasmann-Deilmann nahe der Kleinstadt Geeste und das Torfwerk Moorkultur im nur wenige Kilometer entfernten Ramsloh, bauen sie derzeit auf jeweils rund zehn Hektar an – und lassen erforschen, wie die Kultivierung einer für die Landwirtschaft völlig neuen Pflanzengattung am besten gelingt. „Weil es noch kein Saatgut gibt, müssen wir auf Naturschutzflächen Moostriebe abschneiden“, erklärt Jan Köbbing. „Die Pflanzen wachsen dann wie Rasen von unten nach.“ Die geernteten Spitzen werden anschließend auf Anbauflächen gestreut, wo sie anwachsen und neue Moosteppiche bilden. Gut geeignet sind bereits abgetorfte, „wiedervernässte“ Moorflächen: „Paludikultur“ nennt sich die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren.

Manche Experten bezweifelten, dass der Anbau überhaupt klappen kann. Torfmoose gelten als spezialisierte Überlebenskünstler, die nur auf nassem Boden im Schatten von Birken oder Wollgras gedeihen. „Wir haben nun gezeigt, dass sie sogar auf festem Boden wachsen, auf Sand und Ton“, sagt Hans Joosten von der Universität Greifswald, der das Projekt der Firma Torfwerk Moorkultur wissenschaftlich begleitet. „Selbst auf schwimmenden Inseln haben wir sie angebaut.“

Das Know-how, das jetzt den kommerziellen Einsatz der Torfmoose möglich macht, stammt großenteils aus dem Labor des Greifswalder Professors. Der Pionier der naturnahen Moornutzung, ein Niederländer, der seine Gesprächspartner konsequent duzt, wirbt mit Sachverstand und Begeisterung für die Kultivierung nasser Flächen – und freut sich, dass seine Ideen nun den Weg in die Praxis finden: „Beim Torfmoosanbau sind wir weltweit Spitzenreiter.“

Doch Anbau und Ernte sind aufwendig. Im Frühjahr transportieren Arbeiter die Moosspitzen mit der Schubkarre zu den Flächen, verteilen sie von Hand und bedecken sie mit Stroh, um die zarten Pflanzen vor Witterungseinflüssen zu schützen. Sobald der Moosrasen im Sommer trockenfällt, muss mithilfe von Dämmen, Pumpen und Schläuchen der Wasserstand angepasst werden – für einen optimalen Ertrag soll er rund zwei Zentimeter unter den Spitzen liegen.

Die neue Form des Pflanzenbaus findet unter Bedingungen statt, die der Mensch die längste Zeit als lebensfeindlich ansah und strikt gemieden hat. Moore muss man trockenlegen, um sie urbar zu machen, das haben die Norddeutschen tief verinnerlicht.

Wer sie nun plötzlich nutzen will, muss sich also etwas einfallen lassen. Und so waten die Helfer bei der Ernte im Herbst mit Schneeschuhen an den Füßen über die Flächen, um nicht im Moor zu versinken – und schneiden mit Scheren an langen Teleskopstangen die oberen Zentimeter des Mooses ab. Die zarten Triebe sammeln sie in Körben und bringen sie zum Torfwerk, wo sie getrocknet werden, wenn nötig in Trommeln über heißer Luft. Anschließend erhitzt Dampf die Masse auf achtzig Grad, um Beikräuter abzutöten. Zurück bleibt ein faseriges Mehl, wie Torf, nur heller. Zwischen drei und knapp sieben Tonnen je Hektar kommen so zusammen – „viel mehr als erwartet“, wie Professor Joosten erfreut feststellt.

Doch noch sind nicht alle Probleme gelöst. Um die Moosflächen zugänglich zu machen, sind sie oft schachbrettartig von Dämmen durchzogen – ein unnötiger Flächenverbrauch. Kritiker fürchten zudem, dass es kaum möglich ist, alle Samen im Moos loszuwerden. Und kein Gärtner mag es, wenn aus seiner Blumenerde unbekannte Gewächse sprießen.

Derzeit arbeiten mehrere Firmen daran, die Moosproduktion zu vereinfachen. Freiburger Forscher etwa haben eine Methode entwickelt, um das Saatgut unter Kunstlicht zu vermehren. Und Klasmann-Deilmann möchte die Ernte ohne Wälle erproben: Mähroboter sollen wie Luftkissenboote über die Flächen fahren. Science-Fiction im Sumpf.

Das Torfwerk Moorkultur in Ramsloh ist da etwas bodenständiger und hat mit den Greifswalder Forschern eine Maschine zur Pflege von Straßenböschungen umgerüstet: Sie erledigt sowohl Saat als auch Ernte mit einem zwölf Meter langen Greifarm. „Das erleichtert die Arbeit sehr“, sagt Joosten.

Gute Neuigkeiten gibt es auch von Forschern der Humboldt-Universität in Berlin, die den Anbau von Nutz- oder Zierpflanzen auf der neuartigen Erde getestet haben. So ließen sie auf dem Torfersatz, vermengt mit Kompost, erfolgreich Weihnachtssterne wachsen und züchten nun, jeweils in sechzig Töpfen, auch Apfel- und Lebensbäume, Feuerdorn und Rhododendron. „Sie wachsen ebenso gut wie auf gewöhnlichem Torf“, sagt Studienleiter Armin Blievernicht.

Dagegen können andere Ersatzsubstrate mit dem Original in Gärtnereien nicht mithalten. Rinden- und Holzfasern etwa speichern zu wenig Wasser, und Kompost enthält in reiner Form so viele Nährstoffe, dass die Pflanzen darin eingehen. Recht gut wächst vieles auf Kokosfasern. Doch laut Blievernicht beuten indische Fabrikanten massiv Arbeiter aus, und es gibt den Stoff auch gar nicht in den nötigen Mengen.

 Torfmoose indes wären nicht nur ein vielseitiges Produkt, sondern laut Joosten auch umweltfreundlich. Zwar käme mit ihnen nach den Energiepflanzen ein weiterer Konkurrent um landwirtschaftliche Flächen hinzu – in diesem Fall aber mit echtem Gewinn für den Klimaschutz.

„Wenn Landwirte abgetorfte Moore entwässern und darauf Mais pflanzen, ist das eine ökologische Katastrophe“, sagt Joosten. Denn auf den Äckern verbleibt meist eine rund einen Meter dicke Torfschicht, die, wenn sie mit Luft in Kontakt gerät, von Bakterien zersetzt wird. Dadurch wird das im Torf gespeicherte Kohlendioxid frei; ausgetrocknete Moore emittieren jährlich bis zu 37 Tonnen Treibhausgas pro Hektar. Immerhin fünf Prozent der deutschen CO2-Emissionen gehen auf diese Quelle zurück, in den norddeutschen Bundesländern sogar bis zu dreißig Prozent.

„Wenn wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz“, erklärt Joosten, „müssen entwässerte Moore wieder unter Wasser gesetzt werden, um den schleichenden Torfverlust zu stoppen.“ Die Paludikultur wäre dann eine Nutzungsform, die dem Klima zumindest nicht schade. Nach Joostens Berechnungen würden 40.000 Hektar ehemaliger Moore ausreichen, um den deutschen Torfbedarf zu decken. Zum Vergleich: Bundesweit wächst auf mehr als einer Million Hektar Raps für Biodiesel – oft auf ehemaligen Mooren.

Dennoch droht der Mangel an geeignetem Land für die Paludikultur zum größten Hindernis zu werden, schon jetzt klagen beide niedersächsischen Erdenwerke darüber. Denn sie sind dazu verpflichtet, den größten Teil ihrer eigenen Flächen nach der Abtorfung zu renaturieren, der Moosanbau ist dort verboten.

Aus Sicht des Natur- und Klimaschutzes wären weiträumige Flutungen von Ackerflächen die beste Lösung – eine Vision, für die sich kaum ein Landbesitzer erwärmen kann. Bauern schreckt die Idee, auf völlig neue Anbaumethoden umzustellen. Und während die EU den umweltschädlichen Maisanbau subventioniert, gibt es für Moos bisher keine Fördergelder. Immerhin hat die Bundesregierung nun im Klimaschutzplan das Ziel formuliert, den Torfverbrauch zu senken, Ersatzsubstrate erforschen zu lassen und die Förderung von Paludikulturen zu „prüfen“.

Bis Torfmoos in großem Stil geliefert werden kann, ist es aber noch ein weiter Weg – bisher geht die gesamte Ernte in die Ausweitung des Anbaus. In drei Jahren, rechnet Jan Köbbing vor, könnten die beiden niedersächsischen Unternehmen zusammen etwa hundert Tonnen jährlich liefern. Es wäre ein Anfang.

Wenn alles gut geht, können Hobbygärtner also bald im Baumarkt einen Sack Erde aus Moos kaufen. Und Gärtnereien stünde endlich eine Alternative zur Verfügung – gerade Biobetriebe sollten interessiert sein. Ob sich die nachhaltige Alternative aber tatsächlich durchsetzt, wird auch davon abhängen, ob die Verbraucher bereit sind, für eine Tomate, die nie im Torf stand, ein paar Cent mehr zu bezahlen. Denn das mühsam kultivierte Moos wird wohl auf absehbare Zeit teurer bleiben als Torf, den osteuropäische Arbeiter im Akkord stechen.

Wie Sie ohne Torf gärtnern
Für Gärtnereien ist es derzeit noch extrem schwierig, auf Torf ganz zu verzichten – ein gleichwertiger Ersatz in ausreichender Menge ist nicht auf dem Markt. Für Hobbygärtner dagegen gibt es keine Ausrede: Torffreie Blumenerde ist längst säckeweise zu haben. Wenn das Gartencenter oder der Supermarkt keine im Sortiment hat, kann man den Marktleiter auf den Bedarf hinweisen – und zur Konkurrenz ausweichen. Moorfreundliche Alternativen bestehen aus Kompost, Rindenhumus, Holz- und Kokosfasern beziehungsweise Mischungen daraus. Aber Vorsicht: Angaben wie „bio“ oder „torfreduziert“ sind irreführend – am besten einen Blick auf die Zusammensetzung werfen. Wer einen Garten hat, kompostiert am besten selbst. Ein Blumenerde-Rezepttipp vom BUND Hannover: 50 bis 60 Prozent Ausgangssubstrat, zum Beispiel Gartenboden oder Erde aus Blumentöpfen des Vorjahres. 20 bis 30 Prozent Kompost dazu und rund 20 Prozent feiner Rindenhumus aus dem Fachhandel. Balkon- oder Kübelerde kann man zusätzlich mit Gesteinsmehlen oder Hornspänen anreichern.
Mehr Informationen finden Sie hier: bund.net/torffrei