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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.12

Die Sache mit dem Ringelschwanz

Text: Wolfgang Hassenstein

Wo sind sie geblieben, die rosa Tiere aus dem Bilderbuch? Fast alle Schweine leben heute vom Menschen abgeschirmt in Intensivbetrieben – ohne Auslauf, ohne Stroh und ohne die Ringelschwänze, mit denen sie zur Welt kamen. Nun gibt es Widerstand gegen den Bau neuer Riesenställe, und immer mehr Menschen fordern: Haltet die Tiere so, wie es ihrem sensiblen und schlauen Wesen entspricht! Aber was brauchen Schweine zum Glücklichsein?

Wenn Rolf Duensing-Knop die Mistgabel schwingt und Stroh im Stall verteilt, sind seine Schweine in ihrem Element. Sie wühlen und stöbern darin herum, sie werfen sich zu Boden und wälzen sich, sie schütteln die Halme im Maul wie Hunde ihre Beute. „Eigentlich sind sie satt“, sagt der Landwirt, „und trotzdem stürzen sie sich darauf.“ Neues Stroh gibt es morgens und abends nach dem Füttern, und die Tiere können gar nicht genug davon kriegen.

In jeder der zwanzig Buchten im Maststall von Rolf Duensing-Knop und seiner Frau Ingrid leben bis zu zwölf Schweine. Bekommen sie Besuch, rennen sie erst aufgeregt umher, nehmen dann Witterung auf mit ihren Rüsseln, die ständig in Bewegung sind und kommen schnüffelnd näher. Sie grunzen und quieken, stupsen sich an und tollen herum, und immer wieder flitzen sie durch die mit einer Plastikplane verhängte Öffnung kurz nach draußen. „Wenn wir Kinder zu Besuch haben, fahren die unglaublich auf die Ferkel ab“, erzählt der Landwirt stolz.

Mit Schweinen Bekanntschaft zu machen, ist eine helle Freude – und heutzutage ein echtes Privileg. Zwar gehören die Bauernhoftiere noch immer zu den ersten Wesen, von deren Existenz Kinder erfahren. Doch leibhaftig begegnen sie dann eher einem vietnamesischen Hängebauchschwein im Zoo oder den Wildschweinen im Waldgehege als einem echten rosa Hausschwein. Jahrtausendelang standen Mensch und Schwein sich nahe, in den letzten Jahrzehnten sind sie einander fremd geworden. 99 Prozent der 27 Millionen deutschen Mastschweine leben in einer abgeriegelten, auf höchste Effizienz getrimmten Parallelwelt.

Der Hof der Duensing-Knops im niedersächsischen Rodewald, dreißig Kilometer nördlich von Hannover, gehört zu den wenigen Ausnahmen. Er wirtschaftet nach den Richtlinien des Neuland-Verbandes für artgerechte Tierhaltung: Den Schweinen ist Stroh, relativ viel Platz und frische Luft garantiert, dem Landwirt dafür ein höherer Preis pro Tier. Hinterm Stall hat jede Gruppe einen kleinen Auslauf, und die Sauen dürfen zusammen mit dem Eber Hans raus auf die Weide, wo ihnen für heiße Tage eine Suhle zur Verfügung steht. Der idyllische Bauernhof wirkt wie eine Reminiszenz an eine vergangene Epoche – und ist in den Augen vieler Kollegen längst nicht mehr zeitgemäß. „Wir haben 45 Sauen und mästen unsere Ferkel selber“, sagt Rolf Duensing-Knop. „Da lachen die anderen.“

Die anderen, das sind Landwirte wie Peter Kruse. Eine halbe Autostunde von Rodewald entfernt, in Liebenau bei Nienburg an der Weser, hält er knapp 480 Sauen. „Damit bin ich in der Region schon einer der Größeren“, erklärt er und fügt gleich hinzu: „Aber nur so bleibe ich überlebensfähig.“ Kruse hat sich auf die Produktion von Ferkeln spezialisiert. In der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) setzt er sich dafür ein, die moderne Schweinezucht transparenter zu machen. Er veranstaltet Tage der offenen Tür und lässt – für die meisten seiner Kollegen undenkbar – Journalisten auf seinen Hof. „Wir haben doch nichts zu verstecken“, sagt er.

In Kruses Betrieb ist alles straff organisiert. Die Sauen sind in acht 60er-Gruppen aufgeteilt, die in den Funktionsbauten hinter seinem Wohnhaus regelmäßig drei Stationen durchlaufen: das Deckzentrum, in dem sie künstlich besamt werden, die Warteställe, in denen die tragenden Sauen in Gruppen zusammenleben, der Abferkelbereich. Hinzu kommt ein Stallgebäude, in dem die Ferkel bleiben, bis sie im Alter von sechs oder sieben Wochen von einem Händler abgeholt und an die Mäster verkauft werden.

Auch die Schweine von Peter Kruse wirken gesund. Die Ferkel sind munter und die Sauen mümmeln genüsslich in ihrem Trog. Die Unterschiede zum Neuland-Hof sind jedoch mit allen Sinnen wahrnehmbar. Hier raschelt kein Stroh, stattdessen trappeln die Tiere über Beton- oder Kunststoff-Spaltenböden. Ihr Geschäft verrichten sie dort, wo sie gerade stehen, und treten den Kot durch die Spalten in eine darunter liegende Güllegrube. In einem der Sauen-Warteställe hängt ein Ammoniakgeruch in der Luft, der in den Augen brennt. Der Ferkelstall hat keine Fenster, nur Klappen zur Belüftung – von außen verrät nichts, dass in dem schlichten Gebäude bis zu tausend Tiere leben.

Peter Kruse ist ein grundsympathischer Mann, der seinen Betrieb gewissenhaft führt und dazu steht, was er tut. „Wir machen das ja nicht, weil wir die Tiere quälen wollen, sondern weil es die modernsten und effizientesten Methoden sind“, erklärt er in lupenreinem Hochdeutsch, das in dieser Gegend auch auf dem Land gesprochen wird. Für ihn geht es darum, möglichst viele Ferkel mit möglichst geringem Aufwand zu produzieren. „Wir müssen marktorientiert arbeiten.“

Und der Markt verlangt nach billigem Nachschub: 4,5 Millionen Tonnen Schweinefleisch verbrauchen die Deutschen jährlich, jeder Bundesbürger im Schnitt 55 Kilogramm. Weil der Konsum seit Jahren stagniert, herrscht ein gnadenloser Preiskrieg. Die Hälfte des Schweinefleischs wird inzwischen über Discounter verkauft, und die anderen Supermarktketten unterbieten deren Niedrigpreise noch mit Lockangeboten. Bei Kaufland gab es neulich ein Kilo Braten für 2,22 Euro. Die Edeka-Tochter Netto Marken-Discount wirbt mit einem „Super Fleisch-Leistungsverhältnis“.

Während die Schlachtunternehmen und Handelsketten durch Masse Umsatz machen, stöhnen die Erzeuger unter dem enormen Preisdruck. Schon ein Ferkel kostet den Mäster derzeit gut 70 Euro, fürs Futter muss er pro Schwein rund 65 Euro einkalkulieren, hinzu kommen Energie- und Tierarztkosten. Im Schlachthof wird dann am getöteten Tier mit einem „Fat-O-Meat’er“ per Ultraschall der Anteil von Fett und dem wertvollerem Muskelfleisch bestimmt und für jedes Teilstück von der Schulter bis zum Schinken ein Wert errechnet. Am Ende liegt der Erlös zurzeit gerade mal bei 160 Euro. Dem Mäster 
bleiben nach Abzug seiner Kosten rund 20 Euro pro Schwein, die Abschreibung des Stalls und die Entlohnung der Arbeit sind da noch nicht mit drin. Damit sich das lohnt, müssen so viele Tiere wie möglich produziert werden. Und ihr Wohl gerät leicht aus dem Blick.

Dabei begreift man eigentlich recht schnell, was das Wesen von Schweinen ausmacht, wenn man sie eine Zeitlang beobachtet. Sie sind neugierig, spielfreudig und kuscheln gern – und sie sind leidenschaftliche Rüsseltiere. Mit ihren umgebildeten Nasen können sie nicht nur ausgezeichnet riechen, es sind auch robuste und hochsensible Wühl- und Tastorgane. Schon die Ferkel massieren mit ihren Rüsseln emsig das Euter ihrer Mutter und betasten einander. Ausgewachsene Tiere verbringen, wenn sie Gelegenheit dazu haben, rund 75 Prozent ihrer wachen Zeit damit, wühlend und grabend nach Nahrung zu suchen.

Außerdem sind Schweine, wenn man sie lässt, sehr reinliche Tiere. Rolf Duensing-Knop macht sich das zunutze: Weil seine Schweine zum „Misten“ nach draußen gehen, bleibt der Stall sauber. Zweimal in der Woche treibt er alle Tiere hinein, schiebt im Auslauf die Gatter zwischen den Abteilen zur Seite und sammelt mit dem Vorderlader den Mist ein. „Das funktioniert gut“, sagt er. „Nur wenn es sehr heiß ist, kommen sie manchmal durcheinander und misten drinnen.“

Für Peter Kruse ist dagegen klar: Ihm kommt kein Stroh in den Stall. „Das ist eine Nische“, sagt er. Für einen normalen Schweinehalter sei der Arbeitsaufwand viel zu groß, die Halme würden Spaltenböden und Güllekanäle verstopfen. In landwirtschaftlichen Beratungsstellen und Infobroschüren wird Ferkelerzeugern und Mästern sogar explizit von der Strohhaltung abgeraten. „Einstreu birgt das große Risiko von Schimmelpilzen und sonstigen Krankheitserregern“, heißt es dort.

Allerdings gibt es ohne Stroh ein Problem: Schweinen, die nichts zum Wühlen haben und die sich am Kraftfutter binnen kürzester Zeit satt fressen, wird es schnell langweilig. So langweilig, dass sie häufig eine makabre Verhaltensstörung entwickeln: Sie werden zu Kannibalen. Es beginnt damit, dass sie ein wenig am Ringelschwanz des Buchtgenossen herumknabbern. Ist der erst einmal blutig gebissen, gibt es für die Allesfresser kein Halten mehr. Schließlich entstehen eiternde Wunden, im schlimmsten Fall wandert die Entzündung die Wirbelsäule hinauf. In der Intensivlandwirtschaft greift man deshalb zu einem drastischen Mittel: Den Ferkeln werden vorsorglich die Schwänze gekürzt, was die Gefahr von Beißereien zwar nicht bannt, aber deutlich reduziert.

Auf dem Hof von Peter Kruse haben alle zwei bis drei Wochen 60 Sauen auf einen Schlag ihren Geburtstermin. Fast genau 115 Tage, nachdem ihnen im Deckzentrum mit einer langen Pipette Sperma aus der Tube verpasst wurde, herrscht in den Abferkelställen Hochbetrieb. „Da haben wir an einem Tag hunderte neue Ferkel“, erzählt Kruse beim Vorführen eines „Kreißsaals“. In jeder Abferkelbucht liegt eine Sau, umgeben von je etwa zehn wuseligen Winzlingen, die sich um die Zitzen balgen. Vor und nach der Geburt sind die Sauen zwei Wochen lang in einem sogenannten Kastenstand fixiert, kaum größer als sie selbst, damit sie nicht beim Hinlegen versehentlich ihren Nachwuchs erdrücken.

Kruse hat an so einem Tag viel zu tun, denn auf die Ferkel warten sogleich die ersten Behandlungen. Der Landwirt sammelt jeden Wurf in eine Plastikbox und schleift einem Tier nach dem anderen mit einem Drehschleifer die Eckzähne ab. Danach sind die Schwänze dran: „Ich ziehe sie durch die v-förmige, glühende Kerbe des Kupiergerätes“, erklärt Kruse. „Dabei werden sie abgetrennt und zugleich die Wunde verödet.“

In der Logik der Intensivtierhaltung macht das alles Sinn, denn mit den so präparierten Tieren gibt es später weniger Probleme. Was Tierquälerei ist und was Tierschutz, kommt dabei auf den Blickwinkel an. „Wenn ich den Ferkeln nicht die Zähne abschleife, beißen sie das Gesäuge ihrer Mutter wund“, erklärt Peter Kruse. Beim Thema Schwanzkupieren zeigt er sich aber etwas nachdenklich: „Ich verstehe, dass die Menschen das ablehnen“, sagt er. „Aber wir haben derzeit einfach keine andere Wahl.“

Nach Recherchen der Tierschutzorganisation Pro Vieh werden in Deutschland und anderen EU-Staaten noch immer neun von zehn Ferkeln die Schwänze gekürzt. Dabei verbietet eigentlich schon seit 2003 eine EU-Richtlinie das routinemäßige Kupieren. Es ist nur zulässig, wenn „andere Maßnahmen“ gegen Kannibalismus erfolglos geblieben sind. Umso erstaunlicher ist es, wie freimütig Peter Kruse schildert, dass der Eingriff für ihn genau das ist: Routine. Schließlich verlangen die Mäster nach Ferkeln mit gekürzten Schwänzen.

Doch was die Behörden bisher stillschweigend tolerieren, wollen viele Menschen nicht länger hinnehmen. Der Ruf nach mehr Tierschutz in der Landwirtschaft ist lauter geworden, seit sich zahlreiche Bürgerinitiativen gegen den Bau neuer Riesenställe stemmen. Vor allem in Ostdeutschland, aber auch in den traditionellen Tiermastregionen Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens sind gigantische Mastanlagen für tausende, zehntausende oder gar hunderttausende Schweine und Hühner geplant. Oft stecken holländische Investoren dahinter, die den strenger gewordenen Umweltauflagen im eigenen Land ausweichen. Berüchtigt ist der Schweineunternehmer Adrian Straathof. Auf Videos, die Tierschützer in seinen Betrieben drehten, sind vernachlässigte, kranke Tiere in verdreckten Hallen zu sehen. Nun fürchten die Menschen in Ortschaften, wo neue Anlagen geplant sind, Güllegestank, die Verbreitung von Krankheitserregern und anschwellende Verkehrsströme. Vielen ist die Vorstellung einer riesigen Mastanlage in der Nachbarschaft unheimlich.

Mehr als 160 Bürgerinitiativen haben sich zum Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ zusammengetan, ihr Logo: ein Schweinehintern mit Ringelschwanz. Verbündete fanden sie in Tier- und Naturschützern sowie Aktivisten aus der Landwirtschaft, die sich für den Erhalt bäuerlicher Betriebe engagieren. So ist in den letzten Jahren eine bundesweite Protestbewegung entstanden, die mit Online-Petitionen, Mahnwachen und Großdemonstrationen die Industrialisierung der Landwirtschaft bekämpft.

Inzwischen entdecken auch immer mehr Politiker die Zugkraft des Themas. Ob grün, rot oder konservativ, eine Landesregierung nach der anderen schreibt sich den Tierschutz auf die Fahnen. So hat in Niedersachsen, wo beinahe jedes zweite deutsche Schwein gemästet wird, CDU-Agrarminister Gert Lindemann einen 38-stufigen „Tierschutzplan“ aufgelegt. Es sei nichts gewonnen, wenn sich Verbraucher „mit Grausen abwenden und die moderne Tierhaltung ablehnen“, sagt er. Punkt 36: Mit dem Schwanzkupieren soll bis 2016 Schluss sein.

Nun suchen Forschungsinstitute und Arbeitsgruppen in den Ministerien unter Hochdruck nach Auswegen – teils mit seltsamen Ideen. Zum Beispiel sollen „Frühwarnsysteme für Aggressionen im Schweinestall“ mithilfe ständiger Kameraüberwachung oder einer Auswertung tierischer Stresslaute automatisch Alarm schlagen, wenn es Beißereien gibt. Andere setzen auf die Zucht friedlicherer Schweine. Wieder anderen geht es tatsächlich darum, die Bedingungen in den Ställen zu verbessern.

So will das Friedrich-Löffler-Institut für Tierschutz und Tierhaltung in Celle (FLI) Berater auf betroffene Höfe schicken, die alle Faktoren notieren, welche das Schwanzbeißen begünstigen. Ein Computerprogramm spuckt dann eine Liste mit Maßnahmen aus, die der Landwirt von oben abarbeiten soll. So kann er etwa für ein besseres Stallklima sorgen, Gruppen verkleinern oder frustrierten Schweinen Zeitvertreib ermöglichen. Wer seine Schweine auf Spaltenböden hält, dem empfiehlt das FLI-Programm in der Regel an erster Stelle, „veränderbares Material“ in den Stall zu geben.

Auch das ist laut einer EU-Richtlinie längst Vorschrift. Dort steht, dass Schweine „Zugang zu ausreichenden Mengen an Materialien haben müssen, die sie untersuchen und bewegen können“ – etwa Stroh, Holz oder Sägemehl. Doch die meisten Landwirte machen es sich einfach: Sie hängen Ketten, Beißringe oder gar Ringelschwanz-Imitate in den Stall – auch die lassen sich „untersuchen und bewegen“. Bei Peter Kruse baumeln Holzstücke über den Köpfen der Schweine. Die sind zwar zernagt, aber Kruse räumt ein: „Die Tiere verlieren schnell das Interesse daran.“

Einen Ausweg sollen nun Futterautomaten, Strohpellets und zerstörbare Behältnisse mit interessantem Inhalt bieten. Die Halme dürfen dabei nicht zu lang sein, damit sie nichts verstopfen – aber je kleiner das Material gehäckselt ist, desto schneller rutscht es durch die Spalten. Neuland-Bauer Rolf Duensing-Knop hält solche Versuche deshalb für verlorene Liebesmüh: „Die können sich auf den Kopf stellen“, sagt er. „Solange die ihre Tiere nicht vernünftig halten, werden die ihre Probleme nicht los.“ Entscheidend ist für ihn, dass seine Schweine „die Sonne sehen und die Vögel hören“.

Ob die Anti-Aggressions-Projekte Erfolg haben, wird nun mit Spannung erwartet. Letztlich entscheidet sich damit, ob eine tiergerechtere Haltung von Schweinen in Intensivbetrieben überhaupt möglich ist. Ziel ist es ja nicht nur, die routinemäßige Verstümmelung der Tiere überflüssig zu machen, sondern vor allem, die Ursachen für die Verhaltensstörung zu beseitigen. „Wie oft das Schwanzbeißen auftritt, ist ein guter Indikator für das Wohlbefinden der Schweine“, erklärt Lars Schrader, Leiter des FLI in Celle. „Wer es schafft, Tiere mit langen Schwänzen zu halten, ohne dass sie sich beißen, der macht ziemlich viel richtig.“ Und er bestätigt: Neuland- und Bio-Betriebe sind in dieser Hinsicht weit vorn.

Es scheint jedenfalls, als seien die Zeiten vorbei, in denen es die Gesellschaft ein paar Idealisten überließ, Wohlfühl-Fleisch für bewusste Konsumenten zu liefern, während das Gros der Schweinehalter die Rationalisierung zu Lasten der Tiere auf die Spitze treiben konnte. Marktexperten warnen die Branche davor, die zunehmend kritische Stimmung in der Bevölkerung zu ignorieren. Die neue Offenheit gegenüber Journalisten ist da ein erster Schritt.

Torsten Staack, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter, wehrt sich aber vehement gegen zu schnelle Veränderungen. „Jeder Betrieb muss sich entwickeln können“, lautet sein Credo. Ein Problem sieht er darin, dass für den Bau sehr großer Mastanlagen „die Akzeptanz fehlt“. Strengere Auflagen würden aber nur dazu führen, dass kleine Betriebe aufgeben und sich die Produktion ins Ausland verlagert. Für die zunehmende Kritik macht Staack Kommunikationsprobleme verantwortlich. „Es war ein Fehler, dass Handel und Schlachtunternehmen in den letzten Jahren noch immer so getan haben, als stünden die Schweine auf der Wiese. Die Realität sieht heute anders aus, und das sollte man auch so sagen.“

Zur Realität gehört aber auch, dass die Branche nicht vom Untergang bedroht ist, sondern boomt. Die Produktion von Schweinefleisch nimmt seit Jahren zu, Deutschland ist vom Importeur zum Exporteur geworden. Bei den Erzeugerpreisen liegen die deutschen Schweinezüchter inzwischen mit ihren US-amerikanischen und brasilianischen Kollegen gleichauf.

So gehen Marktbeobachter denn auch davon aus, dass bei der Haltung der Tiere Verbesserungen machbar wären, ohne die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Fleischbranche zu gefährden. Zweifelhaft ist nur, ob dies auch in fabrikartigen Großställen möglich ist. Lobbyvertreter betonen zwar immer wieder, das Wort „Massentierhaltung“ sei irreführend. Es komme nicht auf die Zahl der Tiere an, sondern darauf, dass gut ausgebildete und erfahrene Landwirte deren 
Befinden im Blick haben. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass gerade das 
mit zunehmender Größe der Betriebe immer weniger gelingt.

Einen Ausweg soll nun ein neues „Tierschutzlabel“ bieten, das bessere Haltungsbedingungen kennzeichnet und so die Lücke zwischen Bio- und Neuland-Produkten auf der einen und industriell erzeugtem Fleisch auf der anderen Seite schließt. Eine „Einstiegsstufe“ soll Mästern ohne große Umbauten eine tiergerechtere Produktion ermöglichen. Wenn Informationen zum Tierwohl auf den Verpackungen deutlich sichtbar sind, so die Hoffnung, könnte das viele Kunden dazu bewegen, für Fleischprodukte mehr Geld auszugeben. Die Handelsketten wiederum könnten sich über ein gutes Angebot von „Tierschutzprodukten“ profilieren.

Beißer wird es aber auch in Zukunft geben – es gibt sie selbst unter Schweinen, die auf Stroh leben. „Ein-, zweimal im Jahr entdecken wir einen blutigen Schwanz“, erzählt Rolf Duensing-Knop. „Dann setzen wir uns mit einem Stuhl neben die Bucht, bis wir den Übeltäter identifiziert haben, und lassen ihn schlachten.“

Doch auch auf dem Neuland-Hof ist die Zeit nicht stehengeblieben. Rolf Duensing-Knop käme es zwar nicht in den Sinn, seine Sauen in Kastenstände zu sperren, auch wenn das bedeutet, dass er ab und zu ein Ferkel verliert. „Das ist die Natur“, sagt er. Aber wenn ein Tier unruhig wird und die Geburt bevorsteht, installiert er im Stall eine Videokamera. Vom Sofa in ihrem Wohnzimmer aus beobachten Rolf und Ingrid Duensing-Knop dann – über Nacht im Schichtdienst – was im Stall passiert. „Falls beim Abferkeln was schiefgeht, sind wir sofort zur Stelle.“

Antibiotika im Stall
Es ist ein Thema, das viele Menschen ängstigt: Die Zahl antibiotikaresistenter Keime nimmt zu, und ein beträchtlicher Teil des Problems geht auf den massenhaften Einsatz der Medikamente in der Tiermast zurück. Zwar sind Antibiotika als Leistungsförderer seit 2006 EU-weit verboten. Doch noch immer werden sie laut einer Studie des niedersächsischen Agrarministeriums nahezu „flächendeckend“ eingesetzt: In 77 Prozent der untersuchten Schweinemastbetriebe wurden Antibiotika verabreicht. Die Gründe sind vielfältig: Die hochgezüchteten Tiere sind krankheitsanfällig, die schlechte Luft in vielen Ställen begünstigt Lungenkrankheiten und je enger die Tiere gehalten werden, desto schneller breiten sich Keime aus. Nun streiten Agrarexperten und Politiker darüber, wie sich der Missbrauch eindämmen ließe. Dänemark macht vor, wie es gehen könnte: Seit dort die Tierärzte am Verkauf von Antibiotika nicht mehr verdienen dürfen, gingen die Verschreibungen um 40 Prozent zurück.

Streit um Kastration
Die Praxis hat nichts mit moderner Schweinehaltung zu tun, was es für die Tiere nicht besser macht: 20 Millionen männliche Ferkel werden pro Jahr in Deutschland kastriert. Denn das Fleisch einiger Eber stinkt bei der Zubereitung und schmeckt unangenehm. Zwar müssen Ferkel inzwischen vor dem Eingriff ein Schmerzmittel bekommen. Tierschützer fordern aber ein Verbot der „betäubungslosen Kastration“. Denkbar sind unterschiedliche Wege: „Pro Vieh“ fordert die Ebermast. Stinkendes Fleisch muss dann im Schlachthof aussortiert werden. Bonner Forscher versuchen derzeit, den Anteil der betroffenen Eber durch Zucht zu verringern. Bei „Neuland“ werden die Ferkel seit 2008 mit dem Gas Isofluran betäubt und unter Vollnarkose kastriert.

Siegel fürs Tierwohl
Neuland: Nicht bio und deshalb günstiger, trotzdem empfehlenswert: Neuland-Schweine werden auf Stroh gehalten, haben Auslauf und bekommen gentechnikfreies Futter aus heimischer Erzeugung. Die Haltung ist „besonders artgerecht“.
www.neuland-fleisch.de

EU-Öko-Siegel: Auch Ökoschweine haben mehr Platz pro Tier, Auslauf  und Stroh im Stall. Das Futter stammt aus ökologischem Anbau.

Demeter, Bioland, Naturland & Co: Die meisten deutschen Bio-Verbände legen noch eine Schippe drauf. Sie fordern im Gegensatz zu den EU-Öko-Richtlinien eine rein 
biologische Bewirtschaftung des Hofes. Mindestens 50 Prozent des Futters muss aus eigener Produktion stammen. Die Verwendung von Antibiotika ist stark eingeschränkt oder untersagt.

Tierschutzlabel: Das neue zweistufige Siegel soll im Laufe des Jahres eingeführt werden. Der Deutsche Tierschutzbund will damit erreichen, dass deutlich mehr Tiere besser gehalten werden und Verbraucher dies erkennen können. Die „Einstiegsstufe“ (ein goldener Stern) garantiert Schweinen ein Drittel mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben, sie haben Liegebereiche und „Beschäftigungsautomaten“ mit Stroh. Das Schwanzkupieren ist verboten. Die „Premiumstufe“ (zwei Sterne) bleibt Höfen mit besonders tiergerechter Haltung vorbehalten – die Kriterien entsprechen weitgehend denen von Neuland und den Bio-Verbänden.
www.tierschutzbund.de