Hoffnung in der Wüste: Die Regenmacher von Turkana
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Hoffnung in der Wüste: Die Regenmacher von Turkana

Text: Michael Obert

Fotos: Matthias Ziegler

Im Norden von Kenia hat der Klimawandel die Lebensgrundlage der Hirtenvölker zerstört. Doch einige Pioniere trotzen dem unsichtbaren Feind und lassen in einem Pilotprojekt die Wüste ergrünen: Aus Viehnomaden werden Bauern. Statt Kriege um Weideland zu führen, setzen sie auf Tröpfchenbewässerung.

Der Kampf gegen den unbesiegbaren Feind beginnt mit einem Moment der Stille. Margarete Aroq wischt sich den Schweiß von der Stirn, schaut mit zusammengekniffenen Augen hinaus ins Hitzeflimmern und lässt ihren Blick wachsam über Sand, Geröll und dornige Büsche gleiten; dann legt sie den Hebel um.

Wasser gluckert in einem Tank, drückt in lange Reihen dünner Schläuche und tropft durch feine Löcher zwischen Zwiebeln, Bohnen und Melonen. Gerade so viel, wie die Pflanzen brauchen, um auf Margarete Aroqs Feldstück zu gedeihen – in der Halbwüste von Nordkenia, einer Welt aus trockenen Flussbetten und ausgeglühten Farben, durchbrochen nur von den sonnenverbrannten Kronen einzelner Akazien. Öde, so weit das Auge reicht. Und mittendrin ein Rechteck in leuchtend frischem Grün: die Pilotfarm der deutschen Stiftung „Desert Food“.

„Vor ein paar Jahren hatte ich noch mehr als 200 Ziegen“, sagt Margarete Aroq, 46, während sie verstopfte Löcher in den Schläuchen mit den Fingern freireibt. Um den Hals trägt sie Dutzende selbstgemachte Kettchen aus bunten Samen und Glasperlen. Ihre dunklen Augen schweifen ruhelos über die Halbwüste, als suchten sie etwas, woran sie sich festhalten können. „Meine Ziegen starben während der Dürren“, sagt sie schließlich, „nur acht Tiere haben überlebt.“
Kühlendes Grün: Ein Farmer schützt sich vor der Hitze. Der Mensch revanchiert sich – und pflanzt nach

Die kenianische Provinz Turkana, ein knochentrockener Landstrich an der Grenze zu Äthiopien und dem Südsudan, gehört zu den am härtesten vom Klimawandel betroffenen Regionen in Ostafrika. Seit Jahren steigen die Temperaturen. Immer öfter bleibt der Regen aus, kehren Dürren wieder. Die Turkana, meist Viehnomaden, haben einen Großteil ihrer Herden verloren. Ihre Weiden sind verbrannt, Wasserstellen versiegt. Hunderttausende hungern.

Auf der Pilotfarm von Desert Food, einem neuen landwirtschaftlichen Schulungszentrum zwei Tagesreisen nordwestlich von Nairobi, lernen Hirten wie Margarete Aroq, die von ihren Tieren nicht mehr leben können, unter klimatischen Extrembedingungen Nahrungsmittel anzupflanzen. Eine in Ostafrika einzigartige Kombination aus Solar-, Entsalzungs- und Bewässerungstechnik hilft ihnen dabei. Aus Viehnomaden sollen Bauern werden.
Wenn dieses Experiment gelingt, könnte Desert Food zum Modell für andere vom Klimawandel betroffene Regionen werden.

„Keiner unserer Schüler hat in seinem Leben jemals etwas angepflanzt“, sagt Farmmanager Joseph Ekoyan, ein sehniger Mann mit hornigen Handflächen und Ackerboden unter den Nägeln. „Wir beginnen praktisch bei Null.“ Geduldig, mit ruhiger Stimme und gelassenen Gesten zeigt er Margarete Aroq, der Turkana-Frau mit den bunten Halsketten und dem ruhelosen Blick, wie sie auf ihrem Feldstück weiße Schnüre spannen kann, um mit der Hacke gerade Ackerfurchen für ihre ersten Tomaten zu ziehen.

Als Junge hütete Ekoyan, selbst Sohn einer Hirtenfamilie, noch Ziegen und verbrachte die Nächte bei seiner Herde. „Unter dem Sternenhimmel, nur mit meinem Hund, gegen die Kälte in ein Schafsfell gewickelt.“ Ein katholischer Pater erkannte an kleinen Zeichnungen, die der Zwölfjährige damals in ein Heft kritzelte, dass mehr in ihm steckte, und holte ihn auf die Missionsschule.

Später studierte Ekoyan Agrarwissenschaft in Nairobi und sammelte jahrelang Erfahrungen im fruchtbaren Süden Kenias. Auf der Desert-Food-Farm, die im Auftrag der gleichnamigen Stiftung seit vergangenem Jahr vor Ort von der katholischen Mission betrieben wird, bildet Ekoyan derzeit zehn Turkana, allesamt ehemalige Hirten, im Trockenfeldbau aus.

Auf der Farm bläst ein ofenheißer Wind. Schon am Vormittag sind es vierzig Grad im Schatten. Margarete Aroqs Gesicht ist schweißüberströmt. Schweiß brennt in ihren Augen. Schweiß tropft vom Kinn auf ihre bunten Halsketten, die glänzen wie im Regen. Bei jedem Schlag mit der Hacke entfährt ihr ein leises Ächzen. Farmmanager Ekoyan prüft die Tiefe der Ackerfurchen. „Zwanzig Zentimeter“, sagt er und lächelt. „Sehr gut.“ Der lehmhaltige Sandboden ist mager und karg. „Wasser allein genügt nicht, damit hier draußen etwas wächst“, sagt Ekoyan.

Gemeinsam mit Margarete Aroq füllt er die Ackerfurchen mit Dünger aus nährstoffreichem Ziegenkot und getrocknetem Flussschlamm, in dem sich vor langer Zeit Sedimente mit einem hohen Anteil organischer Verbindungen abgelagert haben.

„Für große Mais- und Hirsefelder reicht das zwar nicht“, sagt Ekoyan. „Aber viele hochwertige Gemüsesorten sind genügsamer, brauchen weniger Wasser und machen sich in der Halbwüste ausgezeichnet.“ Er zeigt Margarete Aroq, wie sie die Tomatensetzlinge mit ausreichend Abstand in die Erde bringen soll. Neben Tomaten wachsen auf der Farm Zwiebeln, Kohl und Augenbohnen, Spinat, Okra, Kürbisse, Wasser- und Honigmelonen. Ein selten reiches Sortiment in den Trockengürteln des Kontinents, wo Nahrungsmittel seit Jahrzehnten knapp sind.

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Allein in Ostafrika waren Anfang 2016 mangels Regen mehr als zwanzig Millionen Menschen von Hunger bedroht. Bei der Volksgruppe der Turkana, fast eine Million Menschen, ist die Situation besonders dramatisch: Drei Viertel von ihnen haben meist nicht genug zu essen. „Alle zwei Tage ein wenig Mais“, sagt Margarete Aroq, die mit ihrer Familie jahrelang Hunger litt, bei einer Pause auf dem Feld. „Wenn es ganz schlimm wurde: ein Becher Tee, ein wenig Zucker für die Kinder, dann schlafen und hoffen, dass ein Wunder geschieht.“

Und das Wunder geschah: Mehr als 150 Kilogramm Wassermelonen brachte ihre erste Ernte ein. Erlös auf dem Markt: 15.000 kenianische Schilling – rund 150 Euro. Viel Geld im Norden Kenias, wo mehr als die Hälfte der Menschen mit weniger als einem Dollar am Tag über die Runden kommen müssen.

Mit dem Geld kaufte Margarete Aroq genug Mais und Hirse, Grundnahrungsmittel der Turkana, um ein halbes Jahr lang über dreißig Menschen zu ernähren: ihre fünf Kinder, aber auch Verwandte und Nachbarn. „Wer zu essen hat, muss teilen.“ Ein ungeschriebenes Gesetz des Hirtenvolkes.

Doch woher kommt in der Öde von Turkana das Wasser für Margarete Aroqs Melonen? Auf einem Hügel neben der Farm suchen ihre Augen die Geröllfelder ab, aus denen der Wind Staubsäulen in den Himmel reißt. Ihr Blick ist unstet, fast fieberhaft, im Osten hält er plötzlich inne. Wie eine Halluzination dehnt sich dort, keine zwei Kilometer entfernt, ein gleißender Streifen bis zum Horizont, uferlos wie ein Meer: der Turkanasee.

Mit einer Fläche von 6400 Quadratkilometern ist Afrikas größter Wüstensee zwölfmal so groß wie der Bodensee. Doch wer sein Wasser trinkt, erbricht sich und bekommt Durchfall. Auf Dauer färben sich die Zähne schwarz, werden Knochen weich wie Gummi.


Joseph Ekoyan (links), als Junge ein Hirte, konnte studieren – und managt heute die Desert-Food-Farm. Es ist ein Projekt, das Pater Albert (rechts) mit Zuversicht erfüllt: Ein „grünes Herz“ werde einmal entstehen, hofft er.

Der Salzgehalt des Turkanasees ist durch starke Verdunstung mit durchschnittlich rund drei Prozent fast so hoch wie der des Atlantischen Ozeans. „Lieber würde ich den Urin meiner Kinder trinken“, sagt Margarete Aroq und schüttelt sich.

Doch ausgerechnet dieses „verhexte Wasser“ ist es, das die Turkana künftig vor dem Hunger retten soll. Die Idee stammt von einem deutschen Recycling-Unternehmer aus dem bayrischen Pullach. „Wir müssen das Wasser des Turkanasees nur mithilfe von Sonnenenergie entsalzen, um in der Wüste Nahrungsmittel anzubauen“, sagt Desert-Food-Gründer Martin Schoeller mit angenehm weicher Stimme; von seinen Augenwinkeln ziehen sich Lachfalten über die vollen Wangen. „Dann können in Turkana alle Menschen satt werden.“

Die Wüste fruchtbar machen – ein alter Traum der Menschheit. Schon die Ägypter verewigten ihn auf ihren Hieroglyphen. Im Zweistromland trieb er seine Blüten in den Hängenden Gärten von Babylon, einer gewaltigen Gartenanlage, die Experten später ins Reich der Mythen verwiesen.

Auch der libysche Diktator Gaddafi war von der Utopie besessen. Er ließ unterirdische Seen in der Sahara anzapfen. Und scheiterte. Die riesigen Äcker seines „achten Weltwunders“ vertrocknen heute in der Wüste.

Die Desert-Food-Farm geht einen anderen Weg. Nicht ökologisch fragwürdige Tiefbohrungen zu fossilen Reservoirs sollen Turkana fruchtbar machen, sondern die in Ostafrika einzigartige Kombination bereits bewährter Technologien: Sonnenenergie, Entsalzung, Tröpfchenbewässerung.

„Let the sun make the rain“, sagt Farmmanager Joseph Ekoyan im kleinen Maschinenhaus der Desert-Food-Farm. Ihr Herzstück wirkt eher unscheinbar: ein Dach mit Solarzellen, einfache Tanks, Wasserrohre, Schläuche, Blechkästen für die Elektronik.

Das Verfahren ist vergleichsweise simpel, in der Anschaffung mit rund 130.000 Euro in verarmten Regionen wie Turkana allerdings auch teuer und wurde deshalb in Ostafrika bisher nicht angewendet: Eine Solarpumpe befördert Wasser aus dem nahen Turkana-See zur Entsalzungsanlage. In Umkehrosmose, einem physikalischen Trennverfahren, wird es unter Hochdruck durch halbdurchlässige Membranen gepresst. Diese sind mit winzig kleinen Poren ausgestattet. Die Salzmoleküle bleiben außen zurück. „Das Ergebnis“, sagt Ekoyan, öffnet einen Hahn und trinkt genüsslich. „Sauberes Süßwasser, allerbeste Qualität.“

30.000 Liter entsalzt die Anlage am Tag, mehr als zehn Millionen Liter im Jahr – etwa der Inhalt von 70.000 Badewannen. Aus drei Tanks auf einem Hügel kann es ohne weiteren Energieaufwand hinunter auf die Feldstücke geleitet werden, wo Margarete Aroq damit tröpfchenweise ihre Pflanzen wässert. „Wenn die nächste Dürre kommt, bringe ich trotzdem meine Ernte ein“, sagt die Turkana-Frau und strahlt. „Niemand in meiner Familie muss mehr hungern.“

Eine Hoffnung, die in Turkana nur die wenigsten hegen dürfen. Künstliche Bewässerung ist in Kenias Landwirtschaft die Ausnahme. Mehr als 98 Prozent der Kleinbauern hängen vom Regen ab. Doch der wird wegen des Klimawandels immer unberechenbarer und seltener.

Seit 1940 haben die Niederschläge nach einer Studie von Klimaforschern aus Kalifornien um ein Viertel abgenommen. Zwischen 1967 und 2012 sind die durchschnittlichen Jahrestemperaturen laut Wetterstation in der Provinzhauptstadt Lodwar um bis zu drei Grad Celsius angestiegen.

Die Folgen sind katastrophal: Zwei Stunden nördlich der Desert-Food-Farm stützt sich Ethan Esekon auf seinen Hirtenstock. Kantige Wangenknochen stehen aus seinem ausgemergelten Gesicht, seine Zähne sind verfault. Wie versteinert steht er in der Öde; der Wind schlägt eine leere Blechtasse gegen seinen Stock.

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Als er ein Junge war, erinnert sich der 46-jährige Turkana, sei der Regen noch ziemlich genau vorhersagbar gewesen. „Er kam im April, spätestens im Mai. Jetzt kommt er im Juni oder gar nicht mehr.“ Damals lernte er von seinem Vater: „Eine Dürre alle zehn Jahre.“ Doch als er ein junger Mann war, kam sie schon jedes fünfte, dann jedes zweite Jahr.
Von seinen 500 Ziegen sind nur zwölf übrig. Trotzdem will Ethan Esekon Hirte bleiben. Und kämpfen.

„Ohne meine Tiere“, sagt er, „bin ich kein Turkana mehr.“ Für das Hirtenvolk sind Ziegen, Rinder und Kamele mehr als reine Fleisch-, Milch- oder Käselieferanten. Hochzeiten, Initiationsriten, Namensgebungen – immer spielen Tiere eine zentrale Rolle. Die Herde ist Statussymbol. Je größer, desto höher das Ansehen in der Gemeinschaft.

Bauern? Ethan Esekon richtet sich am Hirtenstock auf. Für einen Moment scheint in seinen Augen der Stolz auf die jahrtausendealte Lebensform der Turkana auf. „Habenichtse!“, zischt er. „Weil sie keine Tiere besitzen.“

Doch Ethan Esekons Chancen, seine Herde wieder aufzubauen, stehen nicht gut. Für die kommenden Jahrzehnte prognostiziert der Klimarat der Vereinten Nationen in Afrika verschärften Wassermangel, Ernteeinbrüche und Extremhitze. Noch mehr Weideflächen werden verbrennen. Und um die immer karger werdenden Ressourcen ist bereits ein blutiger Konflikt entbrannt.

„Ihre Leichen lagen in der Ebene“, sagt Jacinta Nawoton in ihrer schilfbedeckten Hütte, eine halbe Tagesreise nördlich der Desert-Food-Farm, nahe der äthiopischen Grenze. „Ihre Kehlen waren durchtrennt, ihre Ohren und Penisse abgeschnitten.“ Grausame Trophäen. In einem Krieg um Weideland, Nahrung und Wasser.

Jacinta Nawoton, eine hochgewachsene Turkana, sieht zu Boden. Ihr Bruder Lopua wurde bei dem Angriff der Daasanach getötet. Das äthiopische Nachbarvolk kämpft in Zeiten des Klimawandels ebenfalls ums Überleben. Als Lopua seine Ziegen nahe der Grenze zum Seeufer trieb, eröffneten Daasanach aus dem Schilf heraus das Feuer, erschossen sechs Turkana und raubten ihre Tiere.

Konflikte zwischen den Turkana und den Daasanach gibt es schon lange. Doch der Klimawandel heizt sie weiter an. Wenn die äthiopische Grenze so gefährlich ist, warum weiden die Turkana dann ihre Tiere dort? „Unser Gras ist verbrannt“, sagt Jacinta Nawoton. „In den Hügeln an der Grenze fällt manchmal Regen, dort finden unsere Tiere noch zu fressen.“
Mehr als tausend Turkana sind vor gewaltsamen Konflikten ins Flüchtlingscamp von Lowarengak geflohen, eine improvisierte Zufluchtsstätte ohne Strom, ohne Trinkwasser, ohne ärztliche Versorgung. Zurück ins Grenzgebiet trauen sie sich nicht. Im Camp können sie nicht ewig bleiben. „Wir sammeln Geld“, sagt Jacinta Nawoton. „Für unsere Söhne.“


Margarete Aroq, 46, hütete Ziegen – nun gilt ihre Fürsorge den frisch gesetzten Melonen. Entsalztes Wasser aus dem Turkanasee rinnt um deren zarte Wurzeln, sodass sie auch bei Trockenheit gedeihen können

Im Westen von Turkana liegt Kakuma, mit 200.000 Menschen eines der größten Flüchtlingscamps in Ostafrika. Von dort sollen die Söhne von Lowarengak sich mit dem gesammelten Geld über die Grenze in den Sudan und weiter zur libyschen Küste durchschlagen. „Und dann über das Meer“, sagt Jacinta Nawoton. „Nach Europa!“

So schließt sich der Kreis: Treibhausgase aus Europa beschleunigen die globale Erwärmung. Die globale Erwärmung zerstört die Lebensgrundlagen von Millionen vor allem in Entwicklungsländern. Aus diesen Ländern wiederum fliehen Menschen massenweise nach Europa. 250 Millionen Klimaflüchtlinge, schätzen die Vereinten Nationen, müssen bis 2050 möglicherweise ihre Heimat verlassen.

Im Camp von Lowarengak schieben die Turkana ihre Hemden und Hosenbeine hoch: Bauchschüsse, zerschmetterte Kniescheiben, Oberarme und Hände. Fast jede Familie hat Opfer im Konflikt um Nahrung und Wasser zu beklagen. „Wenn noch mehr Weiden verbrennen“, sagt Jacinta Nawoton in ihrer Schilfhütte, „wird sich Turkana in ein riesiges Schlachtfeld verwandeln.“

Dürren, Hungersnöte, Flüchtlinge, Krieg. Angesichts der Dimensionen des Klimawandels im Norden Kenias scheinen die paar hundert Pflanzreihen auf der Desert-Food-Farm kaum ins Gewicht zu fallen. „Natürlich lassen sich damit nicht alle Hungerprobleme in Afrika lösen“, sagt Albert Salvans, einer der beiden Pater, die in der katholischen Missionsstation für die Farm zuständig sind. „Aber irgendwo muss man anfangen.“

Albert Salvans, 57, geboren in Barcelona, lebt als Missionar seit über dreißig Jahren im Norden Kenias. Die Mission betreibt Schulen und versorgt die Turkana medizinisch. Für die Hirten ist Pater Albert nicht nur Priester, sondern Hoffnungsträger, Vertrauter, Freund. Seine Messen hält der Geistliche mit dem sonnengebräunten Gesicht und dem zurückgekämmten Haar barfuß und in Shorts. Abends spielt er mit den Jungs seiner Gemeinde Fußball auf einem staubigen Platz in der Ebene oder krault mit ihnen ein paar Runden durch den Stausee hinter der Kapelle.

„Der Schritt vom Viehnomaden zum Bauern greift in alle Lebensbereiche der Turkana ein“, stellt Pater Albert in seinem winzigen Büro in der Missionsstation klar. Das gehe nicht auf Knopfdruck und könne zehn bis zwanzig Jahre dauern.

Doch die Lösung sei da: „Zentren mit Schulen, Krankenstationen, Werkstätten und kleinen Märkten, dazu Felder und Gärten, auf denen die Turkana Gemüse und Getreide anbauen.“ Von hier aus könnten sie mit kleineren Herden sogar einer halbnomadischen Lebensweise nachgehen und ihre kulturelle Identität bewahren. Die Desert-Food-Farm könnte als grünes Herz in solchen Zentren schlagen.

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Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Über Nacht hat der böige Wind die Pflanzen auf der Farm mit Sand bedeckt. Margarete Aroq, die Turkana-Frau mit den bunten Halsketten, steht fassungslos vor ihren Melonen, Bohnen und den jungen Trieben der Tomaten. Wieder geraten ihre Augen in Bewegung. Von den Pflanzen gleiten sie zum Horizont. Und auf einmal scheint sich das Rätsel ihres ruhelosen Blickes zu lösen: Ein Leben lang zog sie als Nomadin mit ihrem Vieh durch die Trockensavannen von Turkana. Jetzt ist sie sesshaft. Als Bäuerin. Es ist, als hätten ihre Augen diesen Schritt noch nicht getan, als wanderten sie einfach weiter.

Auf den Knien schüttelt Margarete Aroq die Blätter, Sand rieselt herab. Mit bloßen Händen scharrt sie ihn aus den Ackerfurchen. Turkana, einer der heißesten Regionen südlich der Sahara, etwas Essbares abzuringen, ist ein täglicher Kampf. Der Wind kann hier so glühend und trocken sein, dass er die Pflanzen verbrennt. Im ertragsarmen Boden versickern Wasser und Nährstoffe leicht. Raupen, Käfer, Heuschrecken, Fruchtfliegen und Termiten machen den angehenden Bauern zu schaffen.

Und wie um den Widerstand noch zu erhöhen, geschieht, was auf keinen Fall geschehen darf: Margarete Aroq legt den Wasserhebel um, doch aus dem Tank kommt nur ein Röcheln. Die Schläuche bleiben leer. Im Maschinenhaus schlägt Farmmanager Ekoyan mit der flachen Hand auf die Armaturen, prüft die Solarzellen auf dem Dach, schraubt, hämmert, flucht. Doch die Pumpen bleiben stumm.
Tom Kachinga, 28, verkauft Zwiebeln, die er mit seiner Frau Helen selbst gezogen hat. Das Gärtnern hat er in der Farm „Furrows in the Desert“ gelernt, einem Schulungszentrum der katholischen Mission

Ein Techniker in Nairobi muss gerufen werden. Beim letzten Mal dauerte es Wochen, bis er kam. Margarete Aroqs Pflanzen drohen zu verdursten. In einem trockenen Flussbett gräbt sie metertief nach Wasser, füllt 20-Liter-Kanister und schleppt sie zu ihren Tomaten, Bohnen und Melonen – stundenlang, mehr als fünfzig Kanister, tausend Liter am Tag.

„Durchhalten“, ächzt Margarete Aroq unter der Last; die Perlen ihrer Halsketten klicken leise. „Nicht aufgeben. Weitermachen.“ Es ist die Formel, mit der die Turkana seit Jahrzehnten ums Überleben kämpfen. Gegen steigende Temperaturen und immer häufigere Dürren. In einer Welt, die sich gegen sie verschworen hat. Mit einem zunehmend gnadenlosen Klimawandel, den sie nicht zu verantworten haben und nicht bezwingen können.

„Ich will es einfach schaffen“, sagt Margarete Aroq und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Mit einer rostigen Blechtasse gießt sie ihre Pflanzen, kämpft um sie, wie sie in den Dürren um ihre Ziegen kämpfte. Um jede einzelne. Bis zur völligen Erschöpfung.

Wie lange kann ein Mensch diese Knochenarbeit bei bis zu 50 Grad im Schatten durchhalten? Wie lange wird es dauern, bis Margarete Aroq aufgeben muss oder unter ihren Kanistern zusammenbricht? Die Desert-Food-Farm will die Kompetenzen der Turkana von innen heraus entwickeln und stärken. Die Teilnehmer sind von ihren Gemeinschaften selbst ausgewählt worden. Sie entscheiden, welche Feldfrüchte sie anbauen. Die Ernte gehört ihnen, über ihre Erlöse können sie frei verfügen, und wenn sie Erfolg haben, werden Geschwister, Freunde, Nachbarn ihrem Beispiel folgen.

„Doch selbst relativ einfache Maschinen sind für die Turkana Hightech-Lösungen“, gibt Billy Kapua, Experte für Entwicklungsarbeit und Ressourcenmanagement bei lokalen Hirtenvölkern, zu bedenken. „Sie vertiefen ihre Abhängigkeit und machen sie zu Bettlern an der Hand von Hilfsorganisationen, Geldgebern und Technikern in weit entfernten Städten.“

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Kaum jemand kennt die Turkana besser als Kapua, selbst Sohn einer lokalen Hirtenfamilie. Sein Vater wollte, dass er Ziegen hütete. Doch er wollte zur Schule. Mit zwölf Jahren riss er aus, lief tagelang durch die Halbwüste, trank seinen eigenen Urin, weil er kein Wasser fand und schaffte es ins Verwaltungszentrum Lokitang, wo er Jahre später als Bester die Schule abschloss.

Kapua ging auf die Highschool und finanzierte sich das College in Nairobi, indem er Logos und Schriftzüge für kleine Läden malte. Seine Diplomarbeit schrieb er über die Zukunftsperspektiven seines Hirtenvolkes. Eine seltene Erfolgsgeschichte im Turkana-Distrikt.

„Technologien stehen die Turkana genauso machtlos gegenüber wie dem Klimawandel“, warnt Kapua. „Projekte wie die Desert-Food-Farm können daran scheitern.“ Für Margarete Aroq macht es am Ende kaum einen Unterschied, warum das Wasser ausbleibt. Für sie heißt es wieder: graben, schleppen, bangen. Ums Überleben. Kapua empfiehlt die technische Ausbildung begabter Turkana, die bereits über mechanische Erfahrung verfügen. Doch das kann dauern.

Trotz Anlaufschwierigkeiten ist Desert-Food-Stifter Martin Schoeller zuversichtlich. Seit der Recyclingunternehmer 2013 Turkana bereiste, um seinen Vetter, einen Pater der Mission, zu besuchen, und ihm dabei die Idee für die Pilotfarm kam, hat Schoeller 150.000 Euro aus eigener Tasche dafür aufgebracht. Die ersten Jahre will er falls nötig noch zuschießen, danach, so hofft er, kann sich die Farm selbst tragen.

„Die Pilotfarm ist eine Keimzelle, aus der wir gemeinsam mit den Turkana weitere Satelliten aufbauen wollen“, sagt Schoeller. Das 300 Kilometer lange Ufer des Turkanasees sei dafür bestens geeignet. Finanziert werden könnten diese Farmen aus Budgets der Entwicklungshilfe und von der Weltbank. „Wenn erst zehn, zwanzig solcher Anlagen in Turkana laufen, lohnen sich auch eigene Techniker“, so Schoeller. „Reparaturen werden dann schnell und kostengünstig erledigt.“

Langfristig will der Visionär aus Pullach sein Konzept auf andere vom Klimawandel bedrohte Regionen in Afrika übertragen; derzeit sieht er sich in der Sahelzone, in Äthiopien und Namibia um. „So verwandeln wir die Wüste Schritt für Schritt in einen wirtschaftlich unabhängigen Lebensraum.“
Jacinta Nawoton lebt in einem Flüchtlingslager, nachdem sie bei einem Angriff der Daasanach Bruder und Sohn verlor. Mit dem äthiopischen Nachbarvolk streiten die Turkana um Wasser und Weideland

Der Klimarat der Vereinten Nationen teilt Schoellers Optimismus nicht. Er sagt voraus, dass die Temperaturen in Trockenregionen wie Turkana weiter steigen und die ohnehin kargen Ernten bis 2050 nicht zunehmen, sondern schrumpfen werden. Und zwar um bis zu zwanzig Prozent. Experten glauben, dass die „fruchtbare Wüste“ südlich der Sahara bestenfalls auf kleinen oasenartigen Flächen zu verwirklichen sei.

Dass Desert Food dennoch vielen Hirten helfen kann, sich auf Trockenfeldbau umzustellen, zeigt ein zweites, weiter nördlich gelegenes Schulungszentrum der katholischen Mission, das junge Turkana bereits im sechsten Semester zu Kleinbauern ausbildet.

Die Modellfarm „Furrows in the Desert“ – übersetzt: Ackerfurchen in der Wüste – bezieht ihr Wasser zwar aus den Stauseen der Mission, weshalb eine Entsalzung entfällt, doch der Boden ist ähnlich karg wie auf der Desert-Food-Farm und auch hier wird mit Ziegenkot und trockenem Flussschlamm gedüngt und mit Tröpfchenschläuchen bewässert.

Nach den ersten Ernten kehren die Absolventen in ihre Gemeinschaften zurück, um ein geeignetes Feldstück und zwei Helfer
auszuwählen, denen sie ihr Wissen weitergeben, bis diese ihrerseits ein Feldstück übernehmen können. So sind im Norden Turkanas in nur drei Jahren fast hundert Kleinfarmen entstanden.

Tom Kachinga und Helen Amodoi, beide 28 Jahre alt, bewirtschaften in der Nähe des kleinen Dorfes Kapotea gemeinsam ein Stück Halbwüste. Ihre Zwiebeln sind groß wie Tennisbälle, ihre Tomatenstöcke prächtig gewachsen. Wassermelonen, Augenbohnen, Spinat, Kürbis, Kohl – ihre Ernte verkaufen sie mit dem Fahrrad in umliegenden Dörfern.

Tom und Helen haben sich im vierten Jahrgang bei Furrows in the Desert kennengelernt, verliebt und inzwischen ein gemeinsames Kind. „Unser Anfangsziel war es, mit der Farm zu überleben“, sagt Helen Amodoi, die elf Monate alte Susan auf dem Arm. Nach kaum zwei Jahren sind die beiden einen großen Schritt weiter. Gemeinsam mit anderen Jungbauern von Furrows in the Desert haben sie eine Kooperative gegründet.

„Demnächst schaffen wir ein Moped an, dann können wir unser Gemüse auch in weiter entfernten Dörfern verkaufen“, sagen sie Händchen haltend auf ihrem Feld. Mit einem Teil der Einnahmen bauen sie die Viehherde ihrer Familie wieder auf. „20 Ziegen, acht Schafe, zwei Kühe“, zählt Tom Kachinga auf. „Wir sind jetzt zwar Bauern, aber wir bleiben Turkana.“

Auf der Desert-Food-Farm ist inzwischen der Techniker aus Nairobi eingetroffen. Schon nach wenigen Minuten diagnostiziert der kleine Mann mit der getönten Brille: „Überhitzter Motor der Hochdruckpumpe – Kurzschluss.“ Keine Stunde später drückt er auf einen roten Knopf, ein Rauschen und Pfeifen ertönt, die Pumpen springen an. Der Techniker strahlt: „Sehen Sie, es funktioniert!“

In einem kurzen Moment der Stille kneift Margarete Aroq auf ihrem Feldstück die Augen zusammen und lässt den Blick über Sand, Geröll und Dornenbüsche gleiten; dann legt sie wieder den Hebel um. Wasser tropft aus den dünnen Schläuchen zwischen Tomaten, Bohnen und Melonen – mitten in der Halbwüste von Turkana.

Michael Obert

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