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Ich bin ein Monster

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.17

Ich bin ein Monster

Text: Dirk Gieselmann Illustrationen: Ariane Spanier

Der Earth Overshoot Day steht vor der Tür. Er markiert die alljährliche Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und zeigt, mit welch rasender Geschwindigkeit wir Menschen den Planeten ausbeuten. Auch unser Reporter macht sich schuldig

„Aber teilt es euch ein“, sage ich zu meinen Kindern immer, wenn ich ihnen eine Tüte Süßigkeiten spendiere, „bitte esst nicht alles auf einmal.“ Sie nehmen sich dann ein Bonbon heraus, schlecken scheinheilig daran, als hätten sie vor, hundert Jahre davon zu zehren. „Ja, Papi!“, sagen sie. „Machen wir!“

Ich will ihnen jedes Mal wieder glauben. Aber natürlich warten sie nur auf den Moment, da ich ihnen den Rücken zuwende und sie sich über die Leckereien hermachen können wie Raubtiere über ihre Beute. Nicht selten zweifle ich in solchen Momenten am Erfolg meiner Erziehung. Mitunter denke ich auch: Ach, was soll’s! Menschen sind nun mal so. Sie nehmen sich, was sie kriegen können, und vertilgen es.

Ich bin ja auch nicht anders. Das Gelage meiner Kinder, auch wenn es sich so drollig erzählen lässt, ist ein Gleichnis für das, was ich selber fortwährend tue – und das in viel größerem Ausmaß: Ich fresse die Erde auf. Ich verheize und verschwende sie.

Ich muss mir die Zahlen vergegenwärtigen, um meinen alltäglichen Wahnwitz nur annähernd zu begreifen: In meinem Leben habe ich bislang etwa 700 Tonnen Rohstoffe verbraucht, jeden Tag um die fünfzig Kilogramm, das ist der vom Umweltbundesamt errechnete Durchschnittswert. Rechne ich hinzu, was bei der Gewinnung dieser Rohstoffe, bei der Verarbeitung und bei ihrem Transport verbraucht wird, den sogenannten ökologischen Rucksack also, erhöht sich das Gewicht auf mehr als das Doppelte. Das entspricht gut fünfzig Lkw-Ladungen.

Ich gebe es zu: Ich teile mir rein gar nichts ein. Ich bin ein Verzehrer des Planeten, auf dem ich lebe. Ein Monster.

Ein ziemlich dämliches noch dazu: Denn ich weiß genau, dass ich weit über meine Verhältnisse lebe. Ich weiß, dass durch meine Verschwendungssucht wesentlich ärgere Folgen drohen als Bauchweh und faule Zähne, nämlich die Erschöpfung und letztlich der Zusammenbruch des Ökosystems. Soziale Verwerfungen. Hungersnöte. Kriege. Und doch kann ich es nicht lassen, alles auf einmal in mich hineinzustopfen, was mir zur Verfügung steht.

Wann werde ich, der seine Kinder andauernd zur Mäßigung anhält, endlich selbst erwachsen?

Es wird allerhöchste Zeit. Der Tag, an dem die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen die Kapazität des Planeten übersteigt, diese zu reproduzieren, der sogenannte Earth Overshoot Day, rückt jedes Jahr weiter nach vorne. Das Global Footprint Network (GFN), eine ökologische Denkfabrik in Oakland, Kalifornien, die Buch führt über den weltweiten Verbrauch, rechnet dieses Datum alljährlich aus: 1987 war es noch der 19. Dezember, 2007 der 26. Oktober. 2017 wird der Weltüberlastungstag auf Ende Juli fallen. Nach diesem Tag zeigt der „Kontoauszug der Natur“, wie das GFN es nennt, ein Minus. Für die verbleibenden fünf Monate des Jahres betreibt die Menschheit Raubbau. Und ich mache mit.

Ich produziere etwa elf Tonnen Kohlendioxid im Jahr, verbrauche 1500 Kubikmeter Wasser und 250 Kilogramm Papier, um nur ein paar Auszüge aus meinem Konsumregister zu nennen.

Ich fahre Auto, wenn ich eigentlich auch das Rad benutzen könnte, unternehme Flugreisen nach Italien oder auf die Kanaren, esse Kiwis aus Chile und Avocados aus Mexiko, beheize eine große Vierzimmerwohnung, dusche gern lang. Ich kaufe neue elektronische Geräte, auch wenn die alten noch funktionsfähig sind, kaufe Kleidung, obwohl ich weiß Gott schon genug besitze, und Zeitungen, die zu lesen ich gar keine Zeit habe. Ich werfe Plastik fort, das ich nur zehn lächerliche Minuten benutzt habe. Um es abzubauen, braucht die Natur 200 Jahre.

Wenn jeder Mensch so konsumieren würde wie ich, müsste es viermal so viele Ressourcen geben, wie die Erde uns zur Verfügung stellt.

Diese schockierende Zahl hat mir der Global-Footprint-Rechner ausgespuckt, ein vom GFN entwickeltes Programm, mit dem man sich die Dimension seines Verbrauchs vor Augen führen lassen kann. Es bräuchte also drei weitere Erden. Die sechs erdähnlichen Planeten, die Nasa-Astronomen unlängst in der Umlaufbahn des Zwergsterns Trappist-1 entdeckt haben, dürften keine Ausweichmöglichkeit sein: Sie sind vierzig Millionen Lichtjahre von uns entfernt.

Ich muss schon selber etwas ändern. Aufs Fliegen verzichten etwa, das Auto abschaffen, ausschließlich regionale Lebensmittel essen, die Wohnfläche verringern, das Licht nicht unnötig brennen lassen, nur noch kaufen, was ich unbedingt brauche. Mein Leben ändern. Jetzt. Sofort.

Die Frage ist, warum ich das nicht schon längst getan habe. Was polstert mich so weich ab gegen all die alarmierenden Tatsachen, dass sie mich nicht andauernd piesacken und mir das so bequeme Leben unbequem machen?

Ich habe in meinem Leben gerade einmal zwei Wirbeltiere selbst getötet. Das eine war ein Stichling, den ich mit einem Kescher aus dem Fluss vor unserem Haus gezogen hatte und den ich in einer Glasschüssel voller Wasser hielt, bis er eines Morgens bäuchlings an der Oberfläche schwamm. Das andere ein Hase, den ich auf einer niedersächsischen Landstraße unabsichtlich mit dem Auto überfuhr. Beide tun mir noch heute leid, viel mehr leid als alle Tiere, denen ich durch meinen monströsen Konsum die Lebensgrundlage entziehe. Ich schimpfe über die Verschmutzung des Parks vor meiner Haustür, über die Verschmutzung der Ozeane schweige ich. Ich habe geweint, als meine Eltern damals den Kirschbaum im Garten fällen ließen, weil er aufs Dach zu stürzen drohte, nie jedoch über die Abholzung der Regenwälder, für die ich mitverantwortlich bin.

Warum ist das so? Es muss hier eine Entkopplung vorliegen zwischen Schuld und Schuldgefühl. Etwas, das verhindert, dass ich endlich Verantwortung übernehme.

Ich stelle fest, dass ich mein Gewissen allzu oft mit Heuchelei beruhige. Ich rede mir ein, dass ich doch eigentlich ganz bescheiden, nachhaltig und rücksichtsvoll lebe – jedenfalls im Vergleich zu manch anderem.

Ich trenne akkurat meinen Müll, gehe nicht in Schnellrestaurants essen, lasse den Fernseher nicht im Stand-by-Modus laufen, benutze Baumwollbeutel statt Plastiktüten – und empfinde bei all dem durchaus ein Gefühl der Überlegenheit über die, die das nicht tun. Es gibt immer jemanden, der ein dickeres Auto fährt. Umweltsünder, denke ich, selbst im Auto sitzend, und erkenne darin keinen Widerspruch. Ich habe Kollegen, die bei geöffnetem Fenster die Heizung auf drei stellen, was ich nie tun würde, darüber hinaus besitze ich einen Kühlschrank, der energieeffizienter ist als der meines Nachbarn.

So spiele ich die ganze Zeit ökologisches Mau-Mau und halte mich für einen Sieger.

Dabei gehöre ich durchaus zu den Verlierern, zu denjenigen, die einen Kredit aufgenommen haben, den sie niemals werden zurückzahlen können. Dass es noch schlimmere Monster gibt als mich, heißt ja nicht, dass ich keins bin.

Gibt sich mein Gewissen mal nicht mit Heuchelei zufrieden, gebe ich mich der Resignation hin. Ich lebe in einer Gesellschaft, zu deren Wesen
es gehört, den Planeten auszubeuten.

Sie hat Wachstum zur Notwendigkeit und Konsum zur Tugend erklärt, sie verschlingt die Ressourcen und speit sie wieder aus als Abfall, als wäre sie eine fette Kröte, die sich in den Teich erbricht, in dem sie lebt. Selbst wenn ich den ganzen Tag nur still dasäße, bräuchte ich immer noch das Anderthalbfache dessen, was mir an produktiver Erdoberfläche zusteht, allein für meinen Anteil am Sockelbedarf der Gesellschaft.

Angesichts dessen befällt mich ein lähmendes Gefühl der Vergeblichkeit: Wenn alle um mich herum Raubbau betreiben, wenn er geradezu systemimmanent ist, was bringt es dann schon, wenn ich es lasse? Ich werde doch nicht, denke ich, wenn ich Kaffee beim Bäcker hole, die Welt retten, indem ich statt eines Pappbechers meine Campingtasse benutze. Ich kann doch überhaupt nichts ausrichten!

Das Hineingeworfensein in eine Gesellschaft, die im Begriff ist, ihre Lebensgrundlagen zu zerstören und das auch noch für Fortschritt hält, erscheint mir als unentrinnbares Schicksal. Ich müsste schon aus ihr aussteigen, in die Wildnis gehen, um nicht Mitschuld an ihrem Vernichtungswerk zu tragen, das sie gleichwohl dennoch vollziehen würde.

Um dieses beklemmende Gefühl der Ohnmacht zu betäuben, begebe ich mich in ein Paradox: Weil ich vergessen will, dass ich mit meinem Konsum die Welt zerstöre, konsumiere ich umso mehr.

Ach, die Nachrichten waren so schlecht heute, ich nehme erst mal ein heißes Vollbad. Ich habe schreckliche Angst vorm Ressourcenmangel, ich mache einen Großeinkauf, um meine Nerven zu beruhigen. Und bevor die Welt untergeht, will ich sie unbedingt noch einmal sehen, auf nach Acapulco, Kapstadt, Sidney!

Ich falle also einem Hedonismus anheim, der bereits etwas Apokalyptisches an sich hat.

Nach mir die Sintflut!, rufe ich, den Sektkelch aus Plastik in der Hand. Der wohl gewichtigste Grund für meine Tatenlosigkeit angesichts der Katastrophe: Ich begreife sie gar nicht. Ich sehe sie noch nicht einmal kommen, obwohl ich andauernd an sie denke.

Ich bin offenbar außerstande, mir vorzustellen, wie es ist, wenn es ernst wird, obwohl ich durch zahllose amerikanische Weltuntergangsfilme ästhetisch geschult bin. Der Schrecken schreckt mich nicht, weil er zu groß für mich ist. Auch dass es für andere Menschen bereits sehr ernst und der Schrecken ganz real ist – steigender Meeresspiegel und Wirbelstürme in Südostasien, Missernten und Hungersnöte in Afrika und Zentralamerika – entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Sind sie zu weit weg? Reicht meine Empathie nicht aus? Bin ich abgestumpft?

Ich müsste in globalen Dimensionen denken, komme aber nur bis an den Gartenzaun. Muss ich wirklich selber hungern, damit ich aufhöre zu fressen?

Ähnliches gilt wohl für die Zeit. Ich überblicke nicht, was das heißt: In einhundert Jahren sind die fossilen Brennstoffe verbraucht. Denke ich wirklich insgeheim, ohne es mir selbst einzugestehen: In einhundert Jahren bin ich doch sowieso schon tot? Bin ich nicht imstande, mich zugunsten kommender Generationen zu mäßigen?

Ich bin ein Kind, dem man die Tüte wegnehmen muss, damit es nicht alle Süßigkeiten auf einmal vertilgt. Wann werde ich endlich erwachsen? Wann werden wir alle endlich erwachsen?

Wir leben im Anthropozän, der Epoche des „menschlich gemachten Neuen“, wie es übersetzt heißt. Der Mensch ist zu einer Naturgewalt geworden, zu einer zutiefst zerstörerischen. Und die Wissenschaftler haben sich auch schon einen Namen ausgedacht für die Zeit, die danach kommt: Sie soll Adultum heißen. Die Zeit der Erwachsenen. Die Zeit nach dem Wachstum.

Ich stelle mir dieses Adultum so vor, dass dann alle Fehler, die gemacht werden können, auch gemacht worden sind. Dass ein Lernprozess abgeschlossen ist, der jetzt bereits läuft, für den ich, wie die meisten von uns, aber gänzlich blind bin. Kriege toben oder haben getobt, um das letzte bisschen von irgendetwas Kostbarem, das bald jedoch seinen Wert verlieren wird. Es gibt kein Geld mehr, nur noch Tauschhandel. Wirtschaftsimperien sind zugrunde gegangen, weil sie nichts mehr zu produzieren hatten. Statt für Aktienkurse interessieren sich die Menschen wieder für das Gedeihen der Obstbäume, von deren Ernte ihr Überleben abhängig ist. Ich stelle mir das Adultum nicht romantisch vor, als eine Rückkehr zur Natur, vielmehr als Mittelalter der Zukunft, auf das keine Neuzeit mehr folgen wird.

Der Welterschöpfungstag und die Zeit nach ihm werden kommen, ganz buchstäblich. Noch ist der Earth Overshoot Day ein symbolisches Datum. Es wird vorbeiziehen wie der Tag der Rückengesundheit, der Welthundetag oder der Tag des Unkrauts. Ich habe mir vorgenommen, ihn einmal ganz bewusst zu begehen – als Geburtstag des Monsters, das ich bin. Als Tag, an dem ich den Tatsachen ins Gesicht blicke und Rechenschaft ablege. An dem ich nicht resigniere, sondern Verzicht übe, so mickerig er mir auch erscheinen mag. Verzicht ist leider nichts Heroisches. Er erfordert dennoch den Mut, sich zu fragen, warum man verzichtet. Und für wen: für Menschen, die leben, wenn man selbst schon tot ist.

Im Zimmer meiner Kinder fand ich neulich übrigens eine kleine Schachtel. Darin lagen vier Bonbons. Sie trug die Aufschrift „Vorrat für später“.