Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.17

„Ich werde niemals ja zum Kraftwerk sagen“

Anu Mohammed, Wirtschaftsprofessor an der Jahangirnagar-Universität in Dhaka, kämpft gegen einen Kohlemeiler am weltgrößten Mangrovenwald in Bangladesch – und stößt in dem Land, das vom Klimawandel bedroht ist wie kein anderes, auf brutale Polizeigewalt.

Allein in den letzten Monaten haben mich drei Ladungen Tränengas erwischt. Meine Augen brannten unvorstellbar. Dabei bin ich noch gut weggekommen. Andere Demonstranten wurden von Wasserwerfern erfasst oder mit Schlagstöcken niedergeknüppelt. Die Polizisten gehen härter vor denn je. Es ist, als wollten sie uns so brutal verprügeln, bis wir das Märchen glauben, das die Regierung uns erzählen will: dass Bangladesch ein Kohlekraftwerk braucht – 14 Kilometer von den Sundarbans-Mangrovenwäldern entfernt. Eine 1320-Megawatt mächtige Anlage, die Strom liefern und Arbeitsplätze schaffen soll.

Doch zu welchem Preis? Nicht umsonst gehören die Sundarbans zum Unesco-Weltnaturerbe. Sie sind die Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen. Die Menschen an den Küsten Bangladeschs haben schon unter dem steigenden Meeresspiegel zu leiden. Die Mangroven bieten ihnen wenigstens noch Schutz vor Taifunen und Tsunamis.

Wenn es nach unserer Regierung geht, ändert sich daran nichts. Sie lobt die angeblich ultramoderne Technologie, die das Kraftwerk haben soll, und verspricht, dass die Wälder nicht zu Schaden kommen. Wer seinen gesunden Menschenverstand benutzt, weiß, dass das nicht stimmen kann. Rampal wird täglich 220 Tonnen giftiger Abgase in die Luft blasen. Keine Technologie der Welt kann garantieren, dass der Wald das aushält. Es wird Unmengen klimaschädliches Kohlendioxid freisetzen, und jährlich müssen rund 4,7 Millionen Tonnen Kohle mitten durch den Wald geschippert werden. Erst im Januar ist dabei ein Schiff gesunken, tausend Tonnen Kohle und Hunderte Liter Öl landeten im Wasser.

Als Ökonomieprofessor weiß ich: Es gibt viele Wege, wie man die Wirtschaft ankurbeln kann – aber es gibt keinen Weg, die Wälder zurückzuholen, wenn sie erst zerstört sind. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, für die Sundarbans zu kämpfen. Ich kann gar nicht mehr zählen, auf wie vielen Demonstrationen ich in den letzten sechs Jahren gewesen bin. Manchmal waren Tausende dabei. Und je mehr Menschen mitmachen, desto mehr Panik schürt der Staat. Im vergangenen Juli wollten wir unserer Premierministerin Hasina Wajed einen offenen Brief überreichen. Doch wir kamen nicht einmal in ihre Nähe. Obwohl unsere Gruppe von 200 Personen friedlich war, ging die Polizei sofort auf uns los und schlug zu. Fünfzig Menschen wurden teilweise schwer verletzt. So brutal habe ich Polizisten noch nie gesehen.

Zurzeit sieht es nicht gut aus für uns Rampal-Gegner. Der Bau des Werks soll in diesen Tagen beginnen. Container stehen bereit, Arbeiter laufen auf dem Gelände umher. Doch wir klammern uns an eine letzte Hoffnung: Der größte Kreditgeber, die Exim-Bank in Indien, hat Bedenken geäußert, dass Rampal zu schlecht fürs Image sein könnte. Die Gespräche zwischen Baufirma und Bank laufen noch. Vielleicht könnte das doch noch das Aus für Rampal bedeuten?

Letzten Herbst habe ich zwei Morddrohungen erhalten. „Sag Ja zu Rampal oder wir hacken dich in Stücke“, stand in der einen SMS. Ich ging zur Polizei und erstattete Anzeige. Ja sagen werde ich trotzdem niemals. Selbst wenn der Meiler gebaut wird, werde ich mich weiter dagegen wehren.

Aufgezeichnet von Julia Huber

Zur Person
Anu Muhammad, 60, Wirtschaftsprofessor an der Jahangirnagar-Universität in Dhaka, ist ein prominenter Sprecher der Umweltbewegung in Bangladesch.