Greenpeace Magazin

Ausgabe 6.16

Im Schatten des Spektakels: Sie arbeiten an einem besseren Amerika

Diese Streiter für den Schutz der Umwelt lassen sich vom Ausgang der Präsidentschaftswahl nicht beirren

Lisa DeVille
Kämpferin gegen Fracking, North Dakota
„Wir sind immer hier gewesen“, sagt Lisa DeVille. „Meine Großmutter ist hier begraben. Ich bin hier geboren. Meine Kinder und Enkel sind hier geboren. Wir gehen nirgendwo anders hin.“

Es gibt keinen Grund, an den Worten der resoluten 42-Jährigen zu zweifeln. Dabei hat das Leben der Ureinwohner im Fort-Berthold-Reservat in North Dakota mit einem ursprünglichen Leben in den Weiten der Prärie nichts mehr zu tun. Der Alltag im Reservat ist von Armut und Arbeitslosigkeit geprägt. Wer wie DeVille hier aufwächst, lernt schnell, dass politische Lippenbekenntnisse gegen Rassendiskriminierung im Reservat nur wenig bedeuten. Die Gesundheitsversorgung ist unzureichend, Ausbildungsmöglichkeiten fehlen. Und seit mit neuen Techniken das Öl aus dem Schiefer tief unter den Hügeln der Prärie hinaufgepresst wird, sind auch Wasser und Land der Ureinwohner in Gefahr.

Das Elend, mitten in der führenden Volkswirtschaft der Erde, hat DeVille nie hingenommen. Sie hat sich nach oben gekämpft, hat es bis auf die Universität geschafft, Abschlüsse in Betriebswirtschaftslehre und Umweltwissenschaften erworben. Und ist doch ihrem Geburtsort Mandaree treu geblieben. Lebte immer im Reservat, inzwischen mit fünf Kindern und zwei Enkeln, und hat sich dafür eingesetzt, die Lebensverhältnisse ihres Volkes zu verbessern.

Mit Mitte zwanzig arbeitete sie an Förderprogrammen, die Mitgliedern der Stämme der Mandan, Hidatsa und Arikara helfen sollten, Wohneigentum zu erwerben. Doch schon bald kam zum sozialen Engagement der Einsatz für den Schutz der Umwelt. Immer deutlicher wurden die Auswirkungen des Frackings auf die natürlichen Ressourcen des dünn besiedelten Staates im Norden der USA. Das Reservat liegt über der Bakken-Formation, einer der wichtigsten Lagerstätten für Schieferöl. Der Boom in North Dakota, der 2006 begann und trotz des eingebrochenen Ölpreises anhält, hat zwar Milliarden in die bitterarme Region gepumpt. Doch damit begann auch ein neues Kapitel im jahrhundertelangen Überlebenskampf der Ureinwohner, bei denen von diesem Reichtum wenig ankommt.

Als Vertreterin in nationalen Umweltgremien und Vizepräsidentin der „Fort Berthold Protectors of Water & Earth Rights“ gehört Lisa DeVille zu denen, die den Kampf gegen die Öl- und Gaskonzerne anführen: „Denn sie bedrohen die Natur und das Leben künftiger Generationen im Reservat.“

Tausende Ölarbeiter zog es in das von nur 5500 Indianern bewohnte Gebiet. Drogenabhängigkeit, Kriminalität und Gewalt gegen Frauen nehmen zu, es gibt Menschenhandel, mehr Unfalltote und Korruption. Tag und Nacht rollen Sattelschlepper über die längst schwer beschädigten Straßen. Bei Bohrungen und Transporten kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, Wasser, Luft und Boden werden vergiftet. Mit Chemikalien versetztes Frackingwasser, das von Bohrflächen in die Prärie fließt, hat laut einer neuen Studie der Duke University zu großflächigen Verseuchungen in North Dakota geführt. Das Fort-Berthold-Reservat ist besonders stark betroffen.

„Die Ureinwohner sollten bei Umweltentscheidungen immer mitreden können, denn wir leben seit Jahrhunderten auf diesem Land“, fordert die Frau aus Mandaree. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Im Juli wurde gegen den Widerstand der Stämme die Baubewilligung für die Dakota Access Pipeline erteilt. Ihre Bedenken, dass es entlang der knapp 1900 Kilometer lange Strecke von der Bakken-Formation nach Illinois zu neuen Unfällen kommen könnte, fanden keine Beachtung. „Wir wurden von Anfang an getäuscht“, sagt DeVille.

Das habe schon bei den Verhandlungen um die ersten Kauf- und Förderverträge begonnen. Von den damals in Aussicht gestellten Ölmillionen komme bei den meisten Ureinwohnern bislang kaum etwas an – auch weil führende Vertreter der Stämme Geld verschwendeten. Obwohl ihrem Heimatort hohe Förderabgaben zustünden, „sieht es hier immer noch aus wie in einem Dritte-Welt-Land“.

Text: Helene Laube

Mary Nichols
Schrecken der Autokonzerne, Kalifornien

Außerhalb von Kalifornien kannte sie bis vor ein paar Monaten kaum einer. Dabei ist Mary Nichols seit Jahrzehnten die vielleicht einflussreichste Reguliererin der globalen Autobranche. Wie weit ihr Einfluss reicht, erfuhr eine breitere Öffentlichkeit aber erst am 18. September 2015. An diesem Tag gab Nichols’ Behörde – das für strenge Regulierungen bekannte kalifornische Umweltamt – eine Pressemitteilung heraus, in der das California Air Resources Board (CARB) und die US-Umweltbehörde dem Volkswagen-Konzern Tricksereien im großen Stil bei Abgastests vorwarfen und weitere Untersuchungen ankündigten. Es war der Anfang eines Skandals, der VW und seine Kunden noch lange beschäftigen und das Unternehmen Milliarden kosten wird.

Dabei ist die Kampfansage an den Wolfsburger Autokonzern nur eine von unzähligen Aktionen der CARB-Chefin im Dienste der Umwelt. Schon Anfang der Siebzigerjahre machte sie sich in Kalifornien für saubere Luft stark. In ihren inzwischen beinahe fünfzig Berufsjahren haben sich von Nichols forcierte Auflagen zum sparsamen Kraftstoffverbrauch oder zur Senkung der CO2-Emissionen nicht nur in den USA sondern weltweit durchgesetzt. Damit hat die furchtlose Behördenchefin auch immer wieder Druck auf die deutschen Hersteller ausgeübt, lange bevor die Regulierer auf deren Heimatmarkt sich zu vergleichbaren Vorschriften entschließen konnten.

Erklärtes Ziel der kleinen Frau mit dem freundlichen Lächeln ist es, dass auf dem größten US-Automarkt bis spätestens 2030 alle neu verkauften Autos abgasfrei fahren. „Kalifornien ist ein Vorreiter, weil wir Erfahrung haben und Ergebnisse erzielen“, sagt Nichols, die selbst ein Wasserstoffauto aus Japan fährt. „Wir haben viele der wegweisenden regulatorischen Modelle zur Verbesserung der Luftqualität entwickelt, weil wir angesichts der Umweltschäden in Kalifornien keine andere Wahl hatten.“

1975 kam die Yale-Absolventin und Umweltanwältin zum CARB, vier Jahre später machte sie der damalige – und heutige – kalifornische Gouverneur Jerry Brown zur Chefin der Behörde. 1983 gab sie das Amt ab, um in den Folgejahren in verschiedenen anderen Umweltbehörden und -organisationen zu arbeiten. 2007 holte der damalige Gouverneur Arnold Schwarzenegger sie zurück an die CARB-Spitze.

Eine Pensionierung ist für die 71-Jährige, die in Umweltkreisen Rockstar-Status hat, noch kein Thema. Da sind ihre drei Enkelkinder, denen sie nicht eine zerstörte Welt hinterlassen will. Und schließlich gibt es angesichts der globalen Erwärmung noch viel zu tun, findet sie. „Wie könnte ich mich da in den Ruhestand verabschieden?“

Text: Helene Laube
Jonathan Lundgren
Forscher und Whistleblower, South Dakota
Im März konnte Jonathan Lundgren zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Nacht durchschlafen. Tags zuvor hatte er seinen Job im US-Landwirtschaftsministerium gekündigt. Und das Gewissen über die Karriere gestellt. Der Agrarökologe hatte herausgefunden, dass bestimmte Pestizide dem berühmten Monarchfalter schaden. Je mehr er forschte, desto stärker beschlich ihn das Gefühl, bei seiner Arbeit behindert zu werden. „Es war ein Tod mit tausend Stichen“, sagt Lundgren heute. Das Ministerium verwarnte ihn wegen nicht ausgefüllter Reiseunterlagen. Die Personalabteilung interviewte sechs Monate lang Mitarbeiter seines Labors. Lundgren musste seinen Namen unter einem wissenschaftlichen Artikel zurückziehen. „Ich weiß nicht, welche Firma genau die Behörde unter Druck gesetzt hat“, sagt er. Für den Wissenschaftler ist jedoch klar, dass seine Arbeit zum Geschäftsrisiko für die Hersteller von Pestiziden wurde, die Neonicotinoide enthalten.

Lundgren verklagte das Ministerium wegen Unterdrückung von Forschungsergebnissen. In erster Instanz wurde seine Klage aufgrund eines Verfahrensfehlers abgewiesen, doch der 40-jährige Agrarforscher hat Berufung eingelegt. In US-Medien wird er als Whistleblower gefeiert. Lundgren sei eine der wenigen Personen, die Missstände in Behörden öffentlich anprangern, so die Nichtregierungsorganisation „Öffentliche Angestellte für mehr Verantwortung im Umweltschutz“.

„Ich suche nicht permanent Streit“, sagt Lundgren. „Aber wenn es sich lohnt, für etwas zu kämpfen, dann stehe ich auf.“ Nachdem er den Job im Ministerium gekündigt hatte, gründete er ein unabhängiges Forschungslabor. Die dort gewonnenen Erkenntnisse unterzieht er auf seiner Farm in South Dakota dem Praxistest. Das Schicksal der Monarchfalter lässt ihn nicht los. Derzeit untersucht er die Wirkung von Neonicotinoiden auf deren Fortpflanzung. Für ihn ist klar: „Das ist erst der Anfang.“ Und kein Pestizidhersteller wird ihn davon abhalten können, mehr herauszufinden.

Text: Hanna Gieffers

Denise O’Brien
Bio-Netzwerkerin und Aktivistin, Iowa
Wieso erfahre ich nichts über Frauen? Das fragte sich Denise O’Brien, als sie vor mehr als zwanzig Jahren eine Rede für die UN-Weltfrauenkonferenz in Peking vorbereitete. Die Biobäuerin aus Iowa fand zu Farmerinnen keine Zahlen, keine Beispiele, keine Forschung. „Als wenn Frauen in der US-Landwirtschaft nicht existieren würden“, sagt die heute 66-Jährige.

Für sie war klar, dass sich etwas ändern musste. O’Brien gründete das „Women, Food and Agriculture Network“ (WFAN) als Plattform und Sprachrohr für Amerikas Biofarmerinnen. Heute tauschen sich bei WFAN mehr als 1500 Frauen über ökologische Landwirtschaft aus. Erfahrene Bäuerinnen unterstützen Anfängerinnen durch ein Mentoring-Programm. Grundbesitzerinnen werden geschult, um von Farmern, die ihr Land bewirtschaften, nachhaltigen Anbau einzufordern. Auf ihrem Biohof „Rolling Acres“ zeigt O’Brien angehenden Landwirtinnen, wie sie Gemüse richtig pflanzen, die Finanzen im Griff behalten und sich gegen Diskriminierung wehren.

 „Wir Frauen waren immer schon Teil der Landwirtschaft, aber unsere Arbeit wurde nie anerkannt“, sagt O’Brien. Vielen Farmern war das neue Selbstbewusstsein der Frauen nicht geheuer. Es sei hart gewesen, sagt O’Brien, aber sie habe sich von ihrem Weg nicht abbringen lassen.

Mit WFAN ist es ihr gelungen, einen Ort des Austausches und des Lernens zu schaffen. Wer vernetzt sei, habe Zugang zu mehr Information. Weibliche Farmer würden mit mehr Respekt und weniger herablassend behandelt, erklärt sie. Und die Biobäuerinnen hätten noch etwas anderes erreicht: „Wir haben den Amerikanern gezeigt, wie gesund ökologisch hergestellte Produkte sind“, sagt sie.
Donald Trump wäre als Präsident eine große Gefahr für die Biohöfe, fürchtet O’Brien. „Denn natürlich würde der die großen Agrarfirmen unterstützen, dessen wichtigstes Ziel der Profit ist“, sagt sie. In der Politik kennt sie sich aus. Vor zehn Jahren kandidierte sie als Landwirtschaftsministerin von Iowa und verlor nur knapp. Eine Niederlage, die sie dennoch als Erfolg wertet – denn in dem von traditioneller Landwirtschaft geprägten US-Staat war schon die Nominierung einer Frau eine kleine Sensation. Fünf Jahre später ging sie für ein Jahr nach Afghanistan, um Frauen moderne Anbautechniken zu zeigen. „Ich war schon immer eine freie Seele“, sagt sie.

Text: Hanna Gieffers