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greenpeace magazin 2.04
Gute ReiseDer Tourist als Entwicklungshelfer - Wie Urlauber Natur und Menschen in den Zielgebieten nützen können.
Für die 29-jährige Steffie Richter käme sowas nicht in Frage. Die angehende Grundschullehrerin aus dem hessischen Maintal lehnt Flugreisen aus Klimaschutzgründen ab. In den Urlaub fährt sie mit Zug oder Rad – zuletzt mit Freund und Tochter auf einen Öko-Bauernhof im Schwäbischen. „Mit Verzicht hat das nichts zu tun“, sagt Steffie Richter, „wir hatten bestimmt schönere Ferien als so manche, die in irgendeinem exotischen Robinson Club abhängen.“
Und ökologischere dazu. Fliegen, das haben neue Forschungsergebnisse gerade noch einmal dramatisch unterstrichen (siehe auch Seite 41), ist die mit Abstand umweltschädlichste Art der Fortbewegung. Aber nicht nur deshalb war Ferntourismus in Ökokreisen lange verpönt. Die Ferienindustrie, befanden ihre Kritiker, verschandelt die Landschaft, übernutzt die Ressourcen und bringt ganze Kulturen aus dem Gleichgewicht. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, formulierte schon der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger.
„Hübsches Zitat, ich bringe es in all meinen Vorträgen“, sagt Klaus Lengefeld, Tourismus-Experte der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). „Nur dass es so pauschal nicht stimmt.“ Der Tourismusexperte der deutschen Entwicklungshilfeorganisation sieht durchaus die schwerwiegenden Klimaschäden durch den Luftverkehr. „Dennoch ist es eine Tatsache, dass die Leute nun mal in Urlaub fliegen – und darin liegt auch eine Chance“, findet er: „Sofern man die ökologische und soziale Tragfähigkeit respektiert, kann man seinen Urlaub durchaus so verbringen, dass Menschen und Natur in den Zielgebieten davon echte Vorteile haben.“
Der Tourist als Entwicklungshelfer: Am ehesten entsprechen Reisende wie Mogens Lesch diesem Ideal, die sich im Urlaub aktiv für das Wohl ihrer Gastländer, für Umwelt- und Tierschutz einsetzen. (Weitere Beispiele finden sich in der Reisebörse ab Seite 45). Aber nach Lengefelds Überzeugung bringt auch ganz normaler Massentourismus durchaus Nutzen. Als Beleg führt er die Dominikanische Republik an – ein typisches „All inclusive“-Reiseziel, wo die meisten der jährlich 260.000 Besucher ihren Urlaub abgeschottet an Strand, Pool und Hotelbar verbringen. Dabei verbleiben rund 20 Prozent des Umsatzes im Land, hat die GTZ ausgerechnet.
Klingt nach wenig, „aber man muss die Alternativen realistisch sehen, die ein armes Land hat, um sein Bruttosozialprodukt zu steigern“, sagt Lengefeld: „Beim Kaffeeanbau landen nur zehn Prozent des Umsatzes in der heimischen Wirtschaft. Beim Abbau von Bodenschätzen durch ausländische Konzerne ist es oft noch weniger – und die ökologischen Schäden sind dafür umso schlimmer.“ Auch bei der Arbeitsplatzbilanz führt die Reisebranche: Die GTZ-Studie in „DomRep“ ergab, dass pro Hotelbett ein Job direkt entstanden ist, und noch dazu zwei bis drei weitere in Landwirtschaft, Handwerk, Baugewerbe. Die UN haben Tourismus deswegen schon von einer Spaßindustrie zum „hervorragenden Mittel für die Bekämpfung von Armut“ befördert.
Nur weil er nicht so schlecht ist wie Bergbau oder Plantagenwirtschaft, ist Massentourismus für ein Entwicklungsland deshalb noch lange nicht gut, hält Christine Plüss vom schweizerischen Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (AKTE) dagegen. 2003 wurden weltweit 702 Millionen internationale Urlaubsreisen unternommen, wobei rund ein Drittel in Entwicklungsländer führte. In dem Milliarden-Euro-Poker haben die armen Zielländer gegenüber den großen Reisekonzernen eindeutig die schlechteren Karten. Schließlich ist Tourismus in jedem dritten Entwicklungsland die Haupteinnahmequelle, die, mangels Alternativen, nicht versiegen darf. „Das macht diese Staaten erpressbar“, sagt Christine Plüss: „Ob Lockerungen beim Umweltschutz, Ausverkauf nationaler Kulturgüter oder Aufweichen von Arbeitschutzregeln: Die Gefahr ist groß, dass sie allem zustimmen, was die Reiseveranstalter verlangen, nur damit sie weiterhin im Prospekt stehen.“ Wolf Michael Iwand, Umweltmanager beim TUI-Konzern, hält dagegen, „dass der Tourismusindustrie schon aus Eigeninteresse sehr viel an sozialem Frieden und einer intakten Umwelt in den Reiseländern liegt“. Für TUI sei Armutsbekämpfung deshalb ein wichtiges Anliegen. Trotzdem bleibe ein Reiseveranstalter immer noch Wirtschaftsunternehmen und könne den Destinationen nicht aus reiner Mildtätigkeit bessere Bedingungen einräumen, als der Markt hergebe.
Doch der Markt lässt sich verändern, ist Christine Plüss überzeugt: „Meine Konsequenz aus der Ausbeutung armer Urlaubsländer heißt nicht etwa: nicht reisen, sondern: fair reisen.“ Wenn Touristen nicht bloß auf großen Spaß und kleinen Preis achten, sondern auch auf Würde und Wohlergehen der bereisten Länder, hätten Besucher wie Besuchte gleichermaßen Vorteile siehe auch „Tipps für Touristen“, Seite 47). Neben den wirtschaftlichen Aspekten verweist Burghard Rauschelbach von der GTZ auf: - die Konfliktminderung, weil nur der auf Touristen hoffen darf, der Frieden hält und sich mit seinen Nachbarländern versteht; - den Abbau von Vorurteilen, wie sie beispielsweise Umfragen unter deutschen Türkei-Reisenden zeigten, deren Türkeibild nach dem Urlaub deutlich positiver sei als zuvor; - den Naturschutz, den etliche Länder nicht nur aus Einsicht betreiben, sondern auch, um mit intakter Tier- und Pflanzenwelt Touristen zu locken. Doch selbst bei solcher Art Tourismus – der je nach Geschmack als öko, fair, sanft oder nachhaltig firmiert – liegt der Nutzen eindeutig auf Seiten der Besucher aus dem reichen Norden, findet der britische Fachbuchautor Jim Butcher („The Moralisation of Tourism: Sun, Sand... and Saving the World?“). Schließlich bedeute die Bewahrung traditioneller Kultur und intakter Natur, die Touristen so authentisch erscheine, für arme Länder ein Verzicht auf die Entwicklung ihrer industriellen Möglichkeiten. „Die Bewohner sollen lediglich als Wächter ihrer natürlichen Welt fungieren“, schreibt Butcher, „was nichts anderes heißt, als dass man sie daran hindert, mehr als nur einen knapp über dem Existenzminimum liegenden Lebensstandard zu erreichen.“
Ted Kombo, Afrika-Repräsentant der International Eco-Tourism Society, sind solche Einwände gegen Öko-Tourismus „zu theoretisch“. Kombo setzt sich für Mangrovenschutz in seiner kenianischen Heimat ein, weil davon das Überleben des Fischervolkes der Duruma abhängt, aus dem er stammt (siehe Porträt auf Seite 42). „Für mich ist der Fall klar“, sagt Kombo: „Mit Touristen, die unser Projekt besuchen, können wir den Mangrovenschutz finanzieren. Ohne Touristen werden wir scheitern.“ |
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