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Wo schon Kinder schiessen lernen

40.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr an Schussverletzungen — eine Nation unter Waffen. Auch in Deutschland wird aufgerüstet, und die Zahl der tödlichen Ausraster wächst.

Manche Waffen werden durch Hollywood populär. Wenn Mel Gibson in „Lethal Weapon“ eine Beretta benutzt, stürmen die Leute meinen Laden, um eine zu kaufen.

Chris Fowler, Waffenhändler, Millington, Tennessee

 

Ich habe mich beim Reinigen meines Jagdgewehrs angeschossen. Ich dachte, es sei nicht geladen. Haben Sie von dem Jungen Typen gehört, der mit einer abgesägten Schrotflinte bei seiner Freundin angeben wollte? Als er sie aus dem Gürtel zog, hat er sich damit die Eier weggeblasen! Komplett!

Grady C. Hinton, Bestattungsunternehmer

 

Wissen Sie, wie es aussieht, wenn einem der Brustkorb aufgemacht wird, um eine Kugel rauszuholen? Als ob ein Schwein geschlachtet wird: Blut an den Wänden, Blut an der Decke, Blut auf dem Boden ...

Patricia Artella, Sanitäterin in Memphis

 

Wir bieten „Tradition mit heutiger Qualität“. Die Pistolen sind zur Verteidigung, zum Leben retten, falls nötig. Man kann sie in der Handtasche oder im Stiefel verstecken. Die „Alaskan Survival“ wird mit Schrotpatronen geladen. Ein Treffer ist tödlich — oder besser gesagt, er „stoppt“ einen. „Töten“ sollte man besser nicht sagen.

Elizabeth Saunders, Chefin von „American Derringer“

 

Meine Familie handelt mit Lebensmitteln, seit sie in den USA ist. Zwei meiner Onkel wurden bei bewaffneten Raubüberfällen in ihren Läden umgebracht. Ich habe das immer im Kopf. Man hat schon Angst, mit Leuten über irgendeinen Mist zu streiten, weil man nicht weiss, was sie dann tun.

Amed Itayem, Ladenbesitzer, Memphis

 

 

 

Drei Jahre fotografierte der Brite Zed Nelson, 34, den Waffen-Kult in den USA — und erlebte eine Nation, die Krieg gegen sich selbst führt.

 

GPM: Was war der Anlass für diese Arbeit?

 

ZED NELSON: Es gab zwei schreckliche Auslöser: In Afghanistan geriet ich einmal in einen Hinterhalt. Meinem Kollegen wurde in den Hals geschossen. Bis dahin hatte ich eine eher schillernde Vorstellung von Waffen, so wie sie einem oft in Filmen oder in Reportagen präsentiert werden, mit einem gewissen Glamour. Mir wurde klar, wie brutal die Wirklichkeit ist. Nach dem Massaker im schottischen Dunblane, bei dem 16 Schulkinder erschossen wurden, war ich geschockt, wie viele bei uns in England bewaffnet sind: Sportschützen, Jäger, Sammler. Ich wollte ein Land zeigen, das dem Waffen-Wahn verfallen ist – die USA. Als Warnung, wohin das führen kann.

 

Was haben Sie dabei gelernt?

 

Die Amerikaner haben ein sehr emotionales Verhältnis zu Waffen. Es herrscht eine enorme Paranoia: Wie bei dem Vater, der sich mit seinem Baby auf dem Arm und einem Revolver in der Hand fotografieren ließ. Er beruft sich auf sein verfassungsmäßiges Recht, eine Waffe zu tragen, um sich und seine Familie zu schützen. Nur: Tatsächlich kommen jeden Tag zehn Kinder durch Schusswaffen ums Leben. Zahllose Todesopfer werden von ihren Familienmitgliedern, Verwandten oder Freunden erschossen, im Streit oder bei Unfällen. Waffen bieten keinen Schutz, sie richten ein Gemetzel an: In den USA kosten sie im Jahr fast 40.000 Menschen das Leben.

 

Hatten Sie Probleme, die Leute vor die Kamera zu bekommen?

 

Nein. Ich habe mich nicht als Waffengegner vorgestellt, sondern als Brite, der sich für ihre Meinung interessiert. Sogar Waffenproduzenten haben sich fotografieren lassen. Ich hatte mich samt Mini-Fotostudio auf das Jahrestreffen der mächtigen Waffenlobby NRA (National Rifle Association) geschmuggelt, und alle glaubten, ich fotografiere für ein Waffenmagazin.

 

Die Leute wirken sehr entspannt.

 

Ja, keiner schämt sich vor der Kamera. Sie sind stolz darauf, Waffen zu haben. Der Blutzoll, den die fordern, hat für sie nichts damit zu tun, dass man Gewehre oder Pistolen fast so leicht wie Butter kaufen kann. Es ist wie nach einer Gehirnwäsche. Fast alle sagen das gleiche: Nicht Waffen töten. Menschen töten. Sogar der Besitz von Schnellfeuergewehren wird so verteidigt.

 

Sind die nicht illegal?

 

In manchen Staaten wie Kalifornien schon. Aber sobald ein Waffentyp verboten wird, modifizieren die Hersteller ihn geringfügig und benennen ihre Modelle um. Nirgendwo habe ich mehr automatische Waffen in den Läden gesehen als in Kalifornien. Und „gebraucht“ dürfen sogar die allergefährlichsten Modelle verkauft werden.

 

Wurden Ihre Fotos in den USA gezeigt?

 

Die wollte lange keiner haben. Nach einer Serie von Schießereien in Schulen hat dann das „Time Magazine“ einige gedruckt und im Fernsehen wurde darüber berichtet. Die Reaktionen waren sehr gemischt. Manche haben mich gelobt. Andere haben mich am Telefon mit dem Tode bedroht.

 

Wie haben die Porträtierten reagiert, als sie im Time Magazine auftauchten?

 

Als der Mann mit dem Baby in der Redaktion anrief, dachten die, er wolle sie verklagen. Dabei wollte er nur einen Abzug, den er sich rahmen konnte. Der war stolz. Mörder und Durchgeknallte sind für alle immer nur jeweils die anderen. Keiner stellt Waffenbesitz in Frage. Einmal war ich auf der Beerdigung einer 14-Jährigen, die mit drei anderen von einem Mitschüler in der Schule erschossen worden war. Ich fragte einen der Verwandten, was er jetzt über Waffen denkt. Selbst da sagte er den Spruch auf: Nicht Waffen töten. Menschen töten.

 

Wie erklären Sie sich das?

 

Waffen sind ein nationaler Mythos, der sich auf den Unabhängigkeitskrieg, die Pionierzeit im Wilden Westen und die Verfassung stützt. Die Leute sind von Waffen wie besessen. Quer durch alle Schichten. Ich bereite gerade Vorlesungen in den USA vor und erhalte drohende E-Mails aus den Städten, wo ich auftrete, sogar von Studenten und Polizisten. Das schockt mich.

 

Hat nach all den Schießereien in Schulen nicht schon ein Umdenken eingesetzt?

 

Manche sind nachdenklicher, Politiker rufen nach neuen Gesetzen. Aber es bleibt noch ein langer Weg, weil die ganze Gesellschaft so waffenvernarrt ist. Ganz normale Leute sagen dir: „Für das Recht, eine Waffe zu tragen, gehe ich in den Tod.“ Ein Polizist sagte allen Ernstes, wenn Waffenbesitz verboten würde und einer käme, um seine privaten Waffen zu beschlagnahmen, würde er sich auf die Veranda setzen, auf den Mann warten und ihn erschießen. Oder die freundliche „wiedergeborene Christin“. Sie hält eine Waffe in der Hand, ich frage, ob sie die auch benutzen würde. „Na klar“, antwortet sie. Wie sie das mit ihrem Glauben vereinbaren könne? „In der Bibel steht nicht, du sollst nicht töten“, sagt sie, „sondern, du sollst nicht morden.“ Das haute mich um: Die Leute fälschen sogar die Bibel um, um ihre Waffe zu behalten.



Von MICHAEL FRIEDRICH

20 Millionen illegale Waffen in Deutschland

 

Rund 240 Millionen Handfeuerwaffen kursieren in den USA, schätzen Experten. Jeder zweite Haushalt hat Waffen. Selbst Dum-Dum-Munition, durch die Genfer Konvention geächtet, geht in den USA legal über die Theke. Dafür, dass es so bleibt, sorgt die Waffenlobby NRA unter ihrem Präsidenten, dem Schauspieler Charlton Heston. Der Preis: Mehr als 100 Tote durch Schussverletzungen pro Tag, fast 40.000 im Jahr. Immer öfter bringen Kinder Gleichaltrige um. Auch Deutschland ist schwer bewaffnet: Zehn Millionen Waffen sind nach Polizeiangaben legal in Privatbesitz, weitere 20 Millionen illegal. Mit Folgen: Ein halbes Jahr nach dem Amoklauf von Bad Reichenhall schoss ein 16-Jähriger in Bayern seinen Schuldirektor und sich selbst in den Kopf. Sein Vater hatte mehr als 70 Waffen gehortet.



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