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lügendetektor

1. Dezember 2011, 12:06

Pkw-CO2-Label: Vorsätzliche Volksverwirrung

Zum Start der Klimakonferenz im südafrikanischen Durban präsentiert sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) als visionärer Klimaschützer: „Der Lebensstil der letzten Jahrzehnte bestand in einem gefährlichen Gegenwartsegoismus, den wir jetzt überwinden müssen“, erklärt er diese Woche im Spiegel – und plädiert für ein „Pro-Kopf-Budget für die Emission von Treibhausgasen, das für jeden Menschen auf der Welt gilt.“ Wow. 

Doch während in Südafrika um die Zukunft des Planeten gerungen wird, tut seine schwarz-gelbe Bundesregierung zuhause alles dafür, dass die Deutschen ihren Lebensstil nicht ändern: Sie sollen auch in Zukunft ungehindert ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, für die sie weltbekannt sind nämlich in dicken, hochmotorisierten Autos wie die Irren durch die Gegend heizen, anders gesagt, einen gefährlichen Gegenwartsegoismus ausleben.

Röttgens Kabinettskollege Peter Ramsauer (CSU) zum Beispiel hat gerade mal wieder die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen ausgeschlossen und macht 600 Millionen Euro für den Ausbau des Fernstraßennetzes locker, den Forscher großenteils für überflüssig halten.

Außerdem gilt seit 1. Dezember die neue „Pkw-Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung“, kurz Pkw-EnVKV. Hinter diesem beeindruckend sachlich klingenden Wort verbirgt sich ein raffiniertes Instrument der Volksverar..., pardon, -verwirrung.

Ab jetzt müssen Neuwagen nämlich wie Kühlschränke und Waschmaschinen mit einem farbigen Energielabel gekennzeichnet werden, das die Kaufentscheidung erleichtern soll: A+ (grün) steht für eine besonders hohe CO2-Effizienz, G (rot) für eine besonders niedrige. Das klingt einfach und plausibel, doch Vertretern der Autoindustrie ist es gelungen, mit dem Bundeswirtschaftsministerium eine komplizierte Formel zur Berechnung der Effizienzklassen auszuhecken, die neben dem CO2-Ausstoß auch das Gewicht des Fahrzeugs berücksichtigt. Schwere Autos werden bevorzugt und können im Ergebnis selbst bei hohem Spritverbrauch „grün“ erscheinen.

Der alternative Verkehrsclub VCD zeigt, welche Konsequenzen das hat: Während zum Beispiel der kleine Toyota Aygo (930 Kilo, 105 Gramm CO2/Kilometer) in Kategorie C landet, erstrahlt ein Audi Q7 3.0 TDI (2345 Kilo, 189 Gramm CO2/Kilometer) in der grasgrünen Klasse B. Anderes Beispiel: Das Golf-Modell TSI schneidet aufgrund seines höheren Gewichts besser ab als ein niedrigerer motorisierter Golf mit geringerem CO2-Ausstoß. 

Das Handelsblatt hat mal nachgerechnet: Der Kampfpanzer Leopard 2 (1500 Gramm CO2 pro Kilometer) würde, wenn er eine Straßenzulassung hätte, auf Basis der Pkw-EnVKV ebenso umweltfreundlich bewertet wie ein Golf 1.4 – schließlich wiegt er ja auch 62 Tonnen.

Umwelt- und Verbraucherschützer sind über die irreführende Regelung entsetzt. „Das populäre rot-gelb-grüne Label wird missbraucht“, urteilt Greenpeace-Autoexperte Wolfgang Lohbeck. „Durch die positive Einstufung von schweren Autos werden die von der Bundesregierung gesetzten Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen wohl kaum erreicht werden“, warnt der VCD. Doch obwohl die neue Regelung für den Klimaschutz kontraproduktiv ist, hat das Bundeskabinett, dem auch Norbert Röttgen angehört, sie durchgewinkt. Wie war das nochmal mit dem Lebensstil, der überwunden werden muss? 

Röttgens Vorschlag eines persönlichen CO2-Budgets ist übrigens nicht neu. Experten schätzen, dass das jährliche CO2-Konto für jeden Erdenbürger höchstens zwei Tonnen betragen dürfte, damit die Erde sich nicht um mehr als zwei Grad Celsius erwärmt. Ein laut dem neuen CO2-Label „grüner“ Riesengeländewagen Audi Q7 emittiert aber bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 14.000 Kilometern pro Jahr bereits 2,6 Tonnen CO2Damit sein Besitzer sein CO2-Budget nicht sprengt, dürfte er weder fernsehen noch heizen noch essen.




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