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lügendetektor

25. Januar 2012, 17:09

Nestlé Pure Life: Verpackung mit sieben Siegeln

In deutschen Supermärkten, zum Beispiel in einem Rewe in Hamburg-Eimsbüttel, ist derzeit ein schönes Beispiel für Grünfärberei zu bewundern. Wort- und trickreich versucht der Nestlé-Konzern, sein umstrittenes Produkt „Pure Life“ ins rechte Licht zu rücken. Kehren wir mal nur die Adjektive auf der Verpackung zusammen: Großartig – belebend – reichhaltig – pur – natürlich – nachhaltig – ENGAGIERT. Hui, das ist wirklich beeindruckend!

Was da angepriesen wird, ist schlicht Mineralwasser, erhältlich mit Kohlensäure oder „still“ – letzteres schmeckt wie Leitungswasser. Nestlé ist weltweit Marktführer bei abgefülltem Wasser, seine 70 Marken – darunter S. Pellegrino, Perrier und Vittel – bescheren dem Lebensmittelriesen aus der Schweiz siebeneinhalb Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Wegen seiner Geschäftspraktiken steht der Konzern jedoch in der Kritik. Am Sonntag lief in Solothurn der Dokumentarfilm Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser an, der die Folgen der Wasserabfüllung und den Protest dagegen am Beispiel mehrerer Länder schildert. So werden im pakistanischen Lahore für „Pure Life“ Grundwasservorräte ausgebeutet. Mehrere Brunnen in der Nähe sind bereits ausgetrocknet, die arme Lokalbevölkerung kann sich das teure Flaschenwasser nicht leisten. Widerstand gegen Nestlé und Flaschenwasser anderer Firmen gibt es auch in den USA.

Kritiker beobachten fassungslos, wie das zweifelhafte Nestlé-Konzept dennoch aufgeht. Eine Tankwagen-Füllung Quellwasser kostet im US-Bundesstaat Maine zehn Dollar, verkauft wird das Ganze für 50.000 Dollar. Dabei ist die Qualität des mit einem künstlichen Mineralienmix angereicherten Wassers nicht unbedingt besser als die von Leitungswasser. In deutschem „Pure Life“-Wasser fand Öko-Test jüngst Abbauprodukte von Pestiziden, aus PET-Flaschen können zudem hormonartige Substanzen in Wasser übergehen.

Außerdem ist der Verkauf von Mineralwasser in Einweg-Plastikflaschen eine klassische Umweltsauerei. Wer, wie von Nestlé nahegelegt, eine 1,5-Liter-Flasche „Pure Life“ am Tag trinkt, produziert bis zum Jahresende einen 117 Meter hohen Flaschenturm. Würden alle Deutschen der Empfehlung nachkommen, entstünden pro Jahr rund eine Million Tonnen Plastikmüll – man könnte die Menge mit 14 Kreuzfahrtschiffen aufwiegen.

Das alles ist unschön, hat mit „purem Leben“ wenig zu tun und bringt schlechte Presse – weshalb Nestlé mit seiner geballten Werbe-Macht dagegenhält.

In Großbuchstaben prangt das Wort ENGAGIERT auf der Folien-Umverpackung der „Pure Life“-Sixpacks. Nestlé engagiere sich „nachhaltig für ein gesundes Trinkverhalten von KINDERN UND FAMILIEN“, steht dort. Hinzu kommt zweimal ein tropfenförmiges Schwarz-Rot-Gold-Logo „AUS DEUTSCHER QUELLE“, zweimal der kryptische Aufdruck „Was(s)erforschen“ und dreimal ein grünes, rundes Element – das macht sich natürlich immer gut. Sieben Siegel. Was verbirgt sich denn nun hinter Nestlés nachhaltigem „Pure Life“-Engagement?

Unter der angegebenen Internet-Adresse erfährt man, dass Wassertrinken gesund ist. In sieben Grundschulen in Rheinland-Pfalz lernen das mit Nestlé-Unterstützung schon die Kleinen. Man kann einen dicken Bericht herunterladen, in dem Sätze wie dieser stehen: „Da Qualität die Grundlage all unseres Handelns ist, sorgen unsere Flaschen kontinuierlich für sichere und gesunde Alternativen zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs von Verbrauchern, unabhängig davon, wo sie sich befinden.“ Okay, Nestlé kann laut dem Bericht ein paar Erfolge vorweisen: Das Gewicht der Plastikflaschen und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen konnten in den letzten Jahren etwas verringert werden. Bravo.

Aber: Man kann auch einfach Leitungswasser trinken. Das ist im Schnitt 183-mal billiger als „Pure Life“, hat eine vielfach bessere Ökobilanz – und erhielt im aktuellen Bericht des Gesundheitsministeriums die Testnote „sehr gut“. „Trinkwasser in Deutschland kann man ohne Bedenken zu sich nehmen“, sagt Umweltbundesamt-Präsident Jochen Flasbarth.

Wer trotzdem lieber Flaschenwasser mag, dem empfiehlt die Deutsche Umwelthilfe regionale Produkte. Ein Mineralwasser-Kasten mit zwölf Glas-Mehrwegflaschen ersetzt 480 PET-Einwegflaschen, die Transportwege sind deutlich kürzer.

Nestlé zapft sein „Pure Life“-Wasser in Deutschland übrigens aus zwei Quellen: der Eschenquelle im Hochtaunus bei Frankfurt und der Zedernquelle im Sachsenwald vor den Toren Hamburgs. Die Flaschen im Hamburger Supermarkt stammten aus der 400 Kilometer entfernten Eschenquelle.




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