greenpeace magazin 6.08

Die Klimawette

Wissenschaftler streiten, ob eine naturbedingte Pause der Erderwärmung bevorsteht. Derweil schmilzt die Arktis im Rekordtempo.

 

So viel ist schon mal klar: 2008 wird nicht das heißeste Jahr aller Zeiten. Dabei hatten wir uns an die ständig purzelnden Hitzerekorde fast schon gewöhnt. Ein Grund zum Aufatmen? Natürlich nicht. Die globalen Mitteltemperaturen schwanken, wie das Wetter, von Jahr zu Jahr. Ginge es immer nur bergauf, wäre der Planet in Kürze unbewohnbar.


Doch tatsächlich diskutieren Experten derzeit angeregt, ob die Erwärmungskurve in den nächsten Jahren eine Delle bekommen könnte. Forscher um Mojib Latif vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften hatten im Mai im Magazin „Nature“ eine Studie veröffentlicht, der zufolge bis 2015 eine „leichte Abkühlung im Vergleich zu den Bedingungen 1994–2004“ zu erwarten sei.


Solche Vorhersagen für mittlere Zeiträume sind etwas Neues. Bisher hatten Forscher nur kurzfristige Wettervorhersagen auf der einen und langfristige Klimaprognosen auf der anderen Seite erstellt – wie die Berichte des Weltklimarates IPCC, der bis Ende des Jahrhunderts einen Anstieg der globalen Temperatur um rund drei Grad Celsius prognostiziert. Die Entwicklungen über Monate und Jahre schienen dagegen zu chaotisch, um verlässliche Aussagen treffen zu können. Doch inzwischen versuchen sich mehrere Forschergruppen an dieser Aufgabe. Vor allem beziehen sie verstärkt Meeresströmungen in ihre Computermodelle ein, die im Klimageschehen eine wichtige Rolle spielen.


Das britische Magazin „New Scientist“ machte daraus sogar eine Titelstory: „Klimawandel – die nächsten zehn Jahre“. Besorgt warnten die Herausgeber, eine „scheinbare Stagnation“ der Erderwärmung aufgrund natürlicher Schwankungen könne den Druck von Politik und Öffentlichkeit nehmen, die Treibhausgas-Emissionen zu senken. „Schon die Aussicht auf ein kühles 2008 hat zu einer Flut von Behauptungen geführt, die ganze Global-Warming-Geschichte sei blinder Alarm.“


Seit Monaten kursiert im Internet das Gerücht, die Erde kühle sich bereits seit Jahren wieder ab. Und so griffen die sogenannten Klimaskeptiker auch
Latifs Prognosen gierig auf: „Es ist schwierig, die Klimapanik aufrechtzuerhalten, nachdem die Realität von den alarmistischen Prognosen mehr denn je abweicht“, schrieb der Däne Björn Lomborg im Politik-Magazin „Cicero“. Dabei betont Latif, einer der profiliertesten Warner vor den Gefahren des Klimawandels, dass die neuen Berechnungen an den langfristigen Prognosen gar nichts ändern und eine vorübergehende Abkühlung den Erwärmungstrend allenfalls „maskieren“ werde.


Zudem ist fraglich, ob sie überhaupt eintritt. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einige US-Kollegen halten Latifs Methode für unausgereift. Sie sind sogar so sicher, dass er falsch liegt, dass sie eine „Klimawette“ vorschlugen: 2500 Euro würden sie zahlen, wenn die globale Mitteltemperatur in der Dekade 2000 bis 2010 tatsächlich niedriger ausfällt als zwischen 1994 und 2004. Noch einmal den gleichen Betrag setzen sie auf den Zeitraum 2005 bis 2015.


Die ungewöhnliche Idee erklärt Rahmstorf mit der Sorge, dass die Öffentlichkeit die Pausen-Prognose für bare Münze nehmen könnte – und es auf die gesamte Klimaforschung zurückfällt, wenn sie nicht eintritt. Er verweist darauf, dass die gängigen IPCC-Modelle für die vergangenen Jahre bessere Ergebnisse für die globalen Mitteltemperaturen geliefert haben als Latifs neue Methode. Nachzulesen ist die ausführliche Begründung in der „Klimalounge“, einem Internet-Blog zu aktuellen Forschungsfragen rund ums Klima (www.wissenslogs.de). Latif ging auf das Wettangebot übrigens nicht ein: Er sei Forscher und kein Spieler, erwiderte er.


Wer Recht hat, wird sich bald zeigen. Schon heute aber ist absehbar, dass sich eine vorübergehende Abschwächung der Erwärmung auf die Natur weniger auswirken würde als auf wissenschaftliche und politische Debatten. Das Abschmelzen des arktischen Meereises hat sich nämlich offenbar bereits verselbständigt. Forscher hatten dies erwartet, weil eine dunkle, eisfreie Meeresoberfläche mehr Wärme aufnimmt. Doch das Tempo überrascht auch sie.


Im Sommer 2008 schrumpfte die eisbedeckte Fläche im Polarmeer fast ebenso stark wie im bisherigen Rekordjahr 2007. Erstmals waren Nordost- und Nordwestpassage gleichzeitig schiffbar. „Das Eis hat sich kaum erholt, obwohl der Winter relativ kalt war“, sagt Lars Kaleschke vom Institut für Meereskunde der Uni Hamburg, der Satellitendaten auswertet. Die unheimliche Vision einer im Sommer eisfreien Arktis könnte schon in wenigen Jahren Realität werden.   

 

Text: Wolfgang Hassenstein




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