greenpeace magazin 4.11

„Deutschland kann Vorreiter sein“

Die amerikanische Umweltpolitik-Expertin Miranda Schreurs über die deutsche Reaktion auf Fukushima und die Chancen 
des beschleunigten Atomausstiegs


Frau Schreurs, Deutschland will als einziges Land der Welt nach der Katastrophe von Fukushima aus der Atomkraft aussteigen. Sind die Deutschen besonders ängstlich oder besonders weit vorne? Man hört das Wort „Angst“ in Bezug auf die Deutschen zurzeit sehr oft, aber ich denke, es ist das falsche Wort. Ich sehe hier eine Gesell­schaft, die sehr viel nachdenkt, die an Entscheidungsprozessen bewusst teilnimmt und sich stark für den Schutz der Umwelt interessiert.


Ist der Atomausstieg ein Fortschritt? Ja, wenn man ihn als Chance nutzt, ein anderes System aufzubauen. Deutschland hat schon viel investiert, zum Beispiel in Windenergie und Fotovoltaik, aber man steht noch am Anfang. Der Fortschritt kann eintreten, wenn man sagt: Wir nutzen das Geld, das wir in Kernenergie investiert hätten, für erneuerbare Energien, den Ausbau der Netze und neue Technologien, die eine energieeffiziente Lebensweise fördern.


Hat sich in Japan durch Fukushima die Einstellung zur Atomkraft geändert? Einen schnellen Ausstieg wird es dort nicht geben, aber Veränderungen in der Politik sehe ich schon. Auch in Japan gibt es Parlamentarier, die besorgt sind. Sie fragen, warum die Erneuerbaren nicht stärker gefördert wurden, obwohl man doch die Technologie hat! Aber die Verbindungen der großen Energiekonzerne wie Tepco zu den Ministerien sind sehr eng. Es heißt zum Beispiel, dass Windräder ungeeignet seien, weil sie den heftigen Taifunen nicht standhielten. Ich glaube, das ist nur ein Vorwand. Ein technologisch so hoch entwickeltes Land wie Japan kann solche Probleme lösen. Immerhin gibt es seit November 2009 ein Einspeisegesetz für Erneuerbare. Ich erwarte, dass deren Ausbau nach Fukushima zunimmt.


Wie verläuft die Atomkraft-Debatte in Ihrem Heimatland, den USA?
Betrachtet man die einzelnen Bundesstaaten, zeigt sich dasselbe Bild wie in Europa: Mehr als 30 Staaten haben Kernenergie, 19 haben keine. In Kalifornien zum Beispiel gibt es ein starkes Bewusstsein, dass das Erdbebenrisiko hoch ist. Dort sind nur noch vier Atomkraftwerke in Betrieb, aber es gibt jetzt Pläne, möglicherweise neue zu bauen. Die USA sind aber auch ein Atomwaffenstaat, und viele sind der Ansicht, dass man die zivile Nutzung braucht, um die nukleare Expertise zu behalten.


Manche ihrer Landsleute finden den Atomausstieg der Deutschen verantwortungslos, viel wichtiger sei derzeit der Klimaschutz. Wenn man gegen Kernenergie ist und deshalb für Kohle eintritt, landet man tatsächlich in einer ethischen Falle. Neue Kohlekraftwerke wären noch 2050 in Betrieb – ein großes Problem für das Klima. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat ein Gutachten veröffentlicht, das zeigt, wie Deutschland bis 2050 auf 100 Prozent Erneuerbare kommt – mithilfe von Windparks in der Nordsee und mehr Speicherkapazität zum Beispiel.


Macht ein deutscher Alleingang beim Atomausstieg überhaupt Sinn? Wenn man glaubt, dass kein anderes Land folgt, ist die Skepsis berechtigt. Aber man kann auch Vorreiter werden. Wenn ein großes Industrieland wie Deutschland es schafft, sich mit erneuerbaren Energien zu versorgen, können andere das auch. Deutschland war schon oft unter den Ersten, die neue Wege gingen, zum Beispiel mit dem Erneuerbare-Energien-Einspeisegesetz, das zum Modell für viele Länder wurde.


Wie soll ein beschleunigter Atomausstieg funktio­nieren? Die Probleme sind jetzt schon groß – Schwankungen bei Wind- und Sonnenergie, zu wenig Speicher, schleppender Netzausbau...
Es wird nicht einfach werden. Ich glaube, es muss eine Debatte in Gang kommen, welcher Ausbau sinnvoll ist. Man kann zentral ausbauen – große Offshore-Windparks, Fotovoltaikfarmen in Bayern, die Energiekonzerne als Investoren. Oder man geht dezentral vor – da wählt zum Beispiel ein Dorf seinen Mix aus Biomasse, Bio­gas, Fotovoltaik und Solarthermie. Man muss sehen, welche Möglichkeiten intelligente Stromnetze bieten und wie man Netze so effizient gestaltet, dass nicht mehr gebaut werden als man braucht. Allerdings wird man ohne einen Ausbau des Hochspannungsnetzes kaum genügend Windenergie einspeisen können.


Der Ausbau ist schwierig, weil Naturschutz in Deutschland ernstgenommen wird und Bürgerinitiativen Einspruch erheben.
Deshalb muss man sich zusammensetzen und diskutieren. Wie gehen wir damit um? Vielleicht kann man Erdkabel verwenden oder die Trasse anders legen. Die Naturschützer wollen ja auch einen Ausbau der Erneuerbaren. Aber 
sicher gibt es auch Menschen, die sagen: Not in my backyard – nicht vor meiner Haustür. Große Infrastrukturprojekte sind schwierig, weil sie Menschen direkt betreffen. Deshalb ist es wichtig, dass diejenigen, die die Nachteile tragen, dafür entschädigt werden. Das macht es oft leichter, etwas zu akzeptieren.


Glauben Sie, dass der Anti-Atom-Widerstand auf die Erneuerbaren überspringen könnte?
Das ist eine interessante Frage (lacht). Man sah das jetzt auch in den Medien: Erst ging es nur um Fukushima. Und dann fing es an mit Protesten gegen die Windenergie und neue Stromleitungen – just, als die Debatte sich in Richtung Atomausstieg und Ausbau der Erneuerbaren bewegte. Aber ich finde das nicht schlecht. Die Bevölkerung tut, was man in einer Demokratie haben möchte: Sie beteiligt sich.


Manche behaupten ja auch, die Energiewende sei sowieso nicht bezahlbar.
Es ist richtig, dass sie nicht kostenlos ist. Aber es ist eine Investition in die Zukunft. 
Man muss sich doch fragen, wo die Potenziale der deutschen Wirtschaft liegen. Ist die Industrie, die wir heute haben, in 30 Jahren noch konkurrenz­fähig? Ich fürchte nicht.


Interview: Wolfgang Hassenstein 
und Katja Morgenthaler


Miranda Schreurs 
leitet seit 2007 das Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin. Die 
US-Amerikanerin, die 
auch in Japan gelebt hat, erforscht die Umwelt- 
und Energie­politik sowie soziale Bewegungen 
in Fernost, Europa und 
den USA. Sie ist Mitglied 
des Sach­verständigenrats 
für Umweltfragen und 
hat als Mitglied der 
17-köpfigen Ethikkom­­mission der Regierung 
Merkel Empfehlungen zum 
Atomausstieg gegeben.



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