greenpeace magazin 2.12

Die Besetzer

Wie „Occupy Wall Street“ begann

 

Kalle Lasn verbringt die meisten Abende damit, Zeitungsausschnitte in eine Heftmappe mit Plastikhüllen zu schieben. Eine für jede Seite einer Ausgabe von Adbusters, einem alle zwei Monate erscheinenden Magazin, das er gegründet hat und herausgibt. Gelegentlich legt Lasn eine Seite mit seinem eigenen verschlungenen Gekritzel an. Da diese Arbeit seine volle Aufmerksamkeit beansprucht, hat Lasn sich angewöhnt, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr die Nachrichten zu verfolgen. So erfuhr er erst am Morgen des 15. November 2011, dass sich um ein Uhr früh in Lower Manhattan im Süden New Yorks Hunderte von Polizisten gesammelt und das Zeltlager im Zuccotti-Park geräumt hatten. Wenn überhaupt jemand für sich in Anspruch nehmen konnte, für die Situation dort verantwortlich zu sein, dann Lasn: 
Adbusters hatte sich die Idee mit dem Camp, das 
Datum der ersten Besetzung und den Namen des Protests einfallen lassen – Occupy Wall Street. Nun hatte es einen Übergriff auf das Epizentrum der Bewegung gegeben. Lasn begann darüber nachzudenken, warum das eine gute Sache sein könnte.


Der 69-jährige Lasn lebt mit seiner Frau auf einer 
Farm außerhalb von Vancouver in Kanada. Er hat schütteres weißes Haar und die kleinen Augen einer 
Bulldogge. In singendem Tonfall spricht er von „einem kommenden dunklen Zeitalter für die Menschheit“ und davon, „den Kapitalismus zu vernichten“, wobei sich leidenschaftliche Ausbrüche mit sanftem Lachen abwechseln. Er hat gelernt, sich von Vorahnungen der Apokalypse nicht die gute Laune verderben zu lassen.
Das Magazin, das er vor 22 Jahren gegründet hat, stellt die Industrieländer als Albtraum des ökologischen Zusammenbruchs und der spirituellen Leere dar, vom Konsumhunger an den Rand der Zerstörung getrieben. Die Adbusters-Bilder – ein mit Firmenlogos
tätowierter Säugling an der Mutterbrust oder ein lächelnder Barack Obama mit roter Clownsnase – werden mit ebenso provozierenden Texten kombiniert. Adbusters ist nicht das einzige radikale Magazin, das ein Ende unserer gewohnten Lebensweise propagiert, aber es sieht bei Weitem am besten aus.
Bei seiner Bettlektüre wurde Lasn von einem Anruf unterbrochen. Es ging um die Räumung des Zuccotti-Parks. Er stand auf und rief seine E-Mails ab. Darunter war eine Nachricht von Micah White, Chefredakteur 
von Adbusters und Lasns engster Mitarbeiter.


„Unheimliches Timing!“, schrieb White. Früher an diesem Abend hatte Adbusters nämlich sein neuestes „taktisches Briefing“ herausgeschickt – eine Massen-Mailaussendung an 90.000 Freunde des Magazins – und vorgeschlagen, dass die Occupy-Protestierer im ganzen Land Mitte Dezember eine Party feiern, den Sieg erklären und sich aus ihren Zeltlagern zurückziehen sollten. Ein paar Stunden später begannen New Yorker Polizeibeamte Bekanntmachungen zu verteilen, die besagten, der Park sei gefährlich und unhygienisch geworden. Die Protestler wurden angewiesen, ihn zu verlassen, damit er gesäubert werden könne. Wer sich weigerte zu gehen, wurde verhaftet, und was zurückblieb, wurde von der Stadtreinigung weggeschafft. Nach einer langen Nacht zorniger Märsche und Versammlungen erlaubte man den Protestlern die Rückkehr in den Zuccotti-Park – mit neu in Kraft gesetzten Verboten für Zelte, auch Hinlegen wurde verboten. Der Protest ging weiter, doch die 59 Tage roher anarchischer Freiheit auf einem Fleckchen Granit in Lower Manhattan waren vorbei.


White erreichte Lasn telefonisch morgens um kurz vor neun. Lasn saß in der Badewanne, während White ihm Details über die Räumung erzählte, von denen er online erfahren hatte. Die Polizei hatte für die Medien alles strikt abgeriegelt und den Zugang von den umliegenden Straßen zum Park gesperrt. „Es war ein Einsatz nach militärischer Art“, sagte White. Das erinnerte Lasn an den blutigen Aufstand in Syrien. Rasch entschied er, dass das augenscheinliche Ende im Zuccotti-Park keine Tragödie war, sondern nur die bislang letzte einer Reihe von krisengesteuerten Begebenheiten, die er „revolutionäre Momente“ nennt. „Ich kann einfach nicht fassen, wie blöd Bloomberg ist“, sagte er mir später an diesem Tag. „Das bedeutet Eskalation. Eine Erhöhung der Einsätze. Es ist ein weiterer Schritt in Richtung, tja, Revolution.“


Lasn und White arbeiteten eilends einen Plan aus, wie es nach Zuccotti weitergehen sollte. White würde den Entwurf für ein neues Memorandum schreiben mit der Empfehlung, dass Phase I – Schilder, Versammlungen, Camps, Protestmärsche – nun vorbei sein sollte. Phase II würde unter anderem aus einer Schwarm-Strategie mit „Überraschungsangriffen gegen Business as usual“ bestehen, potenziell „intensiver und intuitiver, je nachdem, wie die Bloombergs dieser Welt reagieren“. White konnte die Aufregung in Lasns Stimme hören. Doch sogar, als er über die Konterrevolution vom frühen Morgen Dampf abließ, gab er sich alle Mühe, kein Badewasser zu verspritzen.

Und so hatte Occupy Wall Street begonnen: als einer von vielen halb ausgegorenen Plänen, um die sich Gespräche zwischen Lasn und White zu drehen pflegten. Letzerer lebt im kalifornischen Berkeley und hat Lasn seit über vier Jahren nicht mehr persönlich gesehen. Keiner von beiden kann sich erinnern, wer zuerst die Idee hatte, Lower Manhattan einzunehmen. Anfang Juni schickte Adbusters eine 
Mail an seine Abonnenten, in der stand: „Amerika braucht seinen eigenen Tahrir-
Platz.“ Am nächsten Tag schrieb White an Lasn, er sei ganz begeistert vom Occupy-
Wall-Street-Gedanken. „Ich glaube, wir sollten das in die Tat umsetzen.“


White, 29, hat eine weiße Mutter und einen afroamerikanischen Vater. „Ich passe in keine der beiden Gruppen richtig hinein“, sagt er. Er besuchte öffentliche Vorstadtschulen, wo er im Alleingang eine Reihe von antiautoritären Kampagnen startete. In der Mittelstufe weigerte er sich – mit dem Segen seiner Eltern – für das Treuegelöbnis zu Nation und Flagge der USA aufzustehen. In der High School gründete er gegen die Einwände des Schuldirektors einen Atheistenverein. Das führte zu einem Auftritt in der TV-Serie „Politically Incorrect“, und Atheisten-Organisationen ließen White als Redner zu ihren Konferenzen einfliegen. „Das alles ist mir zu Kopf gestiegen“, gibt er zu. „Ich wurde zu einem kleinen Ego-Kind. Ego zerstört. Ich war zu jung, um das zu begreifen.“


Nach seinem Bachelor-Examen am College von Swarthmore in Pennsylvania schrieb er einen Brief an Lasn, dem er nie zuvor begegnet war, und teilte ihm mit, er werde in ein paar Wochen in Vancouver eintreffen und wolle dann zur Arbeit eingeteilt werden.


Lasn wurde in Estland geboren, seine frühesten Erinnerungen hat er an deutsche Flüchtlingslager, wo seine Familie während des Zweiten Weltkriegs auf 
der Flucht vor der russischen Roten Armee landete. Er erinnert sich daran, auf einer Pritsche eingeschlafen zu sein, während seine Onkel mit seinem Vater über 
Politik redeten.


Lasns Familie zog vom Flüchtlingslager nach Australien, wo er aufwuchs. Er hat einen Abschluss in Angewandter Mathematik und begann seine berufliche Laufbahn mit dem Entwerfen von Computer-Kriegsspielen für das australische Militär. Mit dieser Erfahrung gründete er während des Wirtschaftsbooms im 
Japan der Nachkriegszeit eine Marktforschungsfirma in Tokio, wo er Berichte über Markenartikel erstellte – viele davon Alkohol- und Tabakwaren – indem er einen Großrechner mit Lochkarten fütterte. „Man kann Ideen in die Kultur werfen, die dann ein Eigenleben entwickeln“, meint er. Er machte eine Menge Geld, reiste um die Welt, zog nach Kanada und widmete sich dem Experimentalfilm und dem Umweltschutz. 1989, als der kanadische Fernsehsender CBC sich weigerte, ihm dreißig Sekunden Sendezeit für eine auf die Holz-industrie abzielende „Mind Bomb“ (Gedankenbombe) zu verkaufen, wurde Lasn klar, dass seine Politik in den Massenmedien nie ihren Platz finden würde. Mit Bill Schmalz, einem Naturburschen, der als Kameramann mit ihm zusammengearbeitet hatte, gründete Lasn Adbusters.

Laut Lasn hat Adbusters eine weltweite Auflage von etwa 70.000. Das Blatt akzeptiert – wie das Greenpeace Magazin – keine Werbung und stützt sich ganz auf 
Kioskverkauf und Spenden. Anfang Juni 2011 gestaltete die Adbusters-Grafikabteilung ein Poster, das eine balancierende Ballerina auf der Skulptur „Stürmender Bulle“ nahe der Wall Street zeigte. „Wie lautet unsere 
einzige Forderung?“, fragte das Poster. „Wall Street besetzen. Zelt mitbringen.“


White und Lasn debattierten Anfang Juli darüber, wann die Besetzung beginnen sollte. Zuerst plädierte White dafür, dass sie am 4. Juli 2012, dem amerikanischen Nationalfeiertag, anfangen sollte, sodass die Protestler Zeit zur Vorbereitung haben würden. Lasn meinte, dass sich das politische Klima bis dahin völlig geändert haben könnte, und schlug den 17. September vor, den Geburtstag seiner Mutter. White stimmte zu. Im taktischen Briefing von Adbusters vom 13. Juli ging es ausschließlich um die vorgeschlagene Besetzung.


White beobachtete, wie die E-Mail durch Twitter und die Online-Nachrichtenplattform Reddit raste. „Normale Kampagnen sind eine Menge Plackerei, bei der nicht viel herauskommt, so als würde man einen Schneeball bergauf rollen“, meint er. „Das hier war das Gegenteil.“ Eine Viertelstunde nachdem Lasn die Mail verschickt hatte, las die 26-jährige Justine Tunney aus Philadelphia sie in ihrem RSS-Feed. Am nächsten Tag registrierte sie die Internetseite 
OccupyWallSt.org, die schon bald zum Online-Hauptquartier der Bewegung wurde. Sie begann, die Seite mit einem kleinen Team zu betreiben, dem größtenteils transsexuelle Anarchisten wie sie selbst angehörten.


Ermutigt von der schnellen Reaktion nahm White Verbindung mit der Gruppe New Yorkers Against Budget Cuts (NYABC) auf, die zuvor eine 
besetzungsartige Aktion namens Bloombergville organisiert hatte und für den 2. August bereits eine 
Kundgebung beim „Stürmenden Bullen“ plante, um gegen drohende Haushaltskürzungen infolge der landesweiten Schuldenkrise zu protestieren. Man kam überein, sich zusammenzutun.


Das führte am 2. August zu einiger Verwirrung, als eine Menge Studenten und Gewerkschafter auftauchten, weil sie eine NYABC-Kundgebung erwarte-ten. Sie errichteten eine kleine Bühne und begannen Reden über ein Mikrofon zu halten. Das wiederum ärgerte die rund fünfzig Adbusters-Unterstützer, hauptsächlich Anarchisten, die in Erwartung eines Planungstreffens erschienen waren. Es gab wütendes Geschrei, bevor sich eine Gruppe Anarchisten absetzte, sich im Kreis auf dem Kopfsteinpflaster niederließ und mit ihrer eigenen Versammlung anfing.


Die Anarchisten kamen sofort überein, sich „hori-zontal“ zu organisieren. Dabei werden Treffen als Vollversammlungen bezeichnet, deren Teilnehmer Entscheidungen per Konsens fällen und ständig Rückmeldungen durch Gesten geben. Einige aus der Runde kannten diese Art der Versammlung aus der Tradition der Linken, die bis in die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und weiter zurückreichte.


Theoretisch rotierte das Amt des Versammlungsleiters zwischen ungefähr acht Teilnehmern. In der Praxis fiel die Leitung an eine viel kleinere Gruppe von Leuten, die Erfahrungen mit dem Ablauf einer Vollversammlung hatten. David Graeber, ein 50-jähriger Professor und Anarchietheoretiker von der Universität London, zählte ebenso zu diesen Ersten unter Gleichen wie Marisa Holmes, eine 25-jährige Anarchistin und Filmemacherin. Holmes ist dunkelhaarig und redegewandt; sie beherrscht den Parlamentarier-Trick, harsche Ultimaten angenehm, sogar fröhlich klingen zu lassen. Sie war zuvor nach Kairo geflogen und hatte die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz gefilmt. „Es war genauso wie hier“, sagt sie. „Sie hatten Redner, Transparente, direkte Aktionen.“


Um elf Uhr morgens am 17. September 2011, einem Samstag, verließ Grundschullehrer P. seine Wohnung in Brooklyn und nahm die U-Bahn Richtung Manhattan. (Aus 
Angst um seinen Arbeitsplatz möchte er nicht erkannt werden). Er gehörte zur Arbeitsgruppe Taktik, die austüfteln sollte, wo genau die Besetzung stattfinden würde.


P. fuhr mit der U-Bahn bis zur Station Bowling Green. Auf dem Weg zum Aus-gang kam er an einer Reihe von Polizisten mit Sprengstoffspürhunden vorbei. Draußen hatte die Polizei den „Stürmenden Bullen“ mit Barrikaden umstellt und ein paar Blocks nördlich ein Stück der Wall Street um die Börse herum abgeriegelt. P. versuchte, so lässig wie möglich auszusehen mit seiner schwarzen Kuriertasche, die einen Erste-Hilfe-Kasten, eine Flasche mit flüssigem Antazidum und Wasser (gegen die Auswirkungen von Tränengas und Pfefferspray), fünfzehn Müsli-Riegel der Sorte Möhrenkuchen und ein paar hundert fotokopierte Pläne mit den sieben möglichen Standorten enthielt. „Wir hatten entschieden, dass Low-Tech-Methoden am besten sein würden, um miteinander zu kommunizieren“, so P. „Hätten wir eine Massen-SMS oder Twitter benutzt, wäre es für die Polizei leicht gewesen, den Absender aufzuspüren.“


Im Bowling Green Park hatten sich einige hundert Protestierer versammelt. In der Woche zuvor hatten Mitglieder der Vollversammlung Proviantvorräte angelegt, Vorkehrungen für die Hinterlegung von Kautionen getroffen und Flugblätter verteilt. Noch hatten die meisten von ihnen Zweifel, dass bei der Besetzung viel herauskommen würde. „Ich erwartete genau wie viele andere, dass sie in ein paar Tagen im Sande verlaufen würde“, sagt Marisa Holmes.


Schnell fand P. die zwei anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe Taktik. Alle drei seien sie „extrem nervös“ gewesen, berichtet P. Sie brachen auf, um Standort zwei auszukundschaften, gut 3000 Quadratmeter mit Lederhülsenbäumen und Granitbänken namens Zuccotti-Park. Er war fast leer, und nur wenige Polizisten waren in der Nähe. Wie die Taktiker bei ihren Recherchen herausgefunden hatten, war Standort zwei ein öffentlicher Platz in Privatbesitz. Während die Stadt öffentliche Parks bei Einbruch der Dämmerung schließen oder andere Sperrstunden verhängen kann, ist der Besitzer des Zuccotti-Parks laut Baugesetz verpflichtet, den Park zur „passiven Erholung“ 24 Stunden pro Tag geöffnet zu halten.


Bald wurden Lagepläne verteilt, und Leute begannen sich zuzuraunen: „Geh in einer halben Stunde zu Standort zwei.“ Die ersten Ankömmlinge setzten sich unter die Bäume auf der Ostseite des Parks, teilten sich in kleine Gruppen auf und aßen Erdnussbutter-Sandwiches mit Marmelade. An diesem Nachmittag hatten sich fast tausend Menschen zu einer Vollversammlung zusammengefunden. Spätabends ging P. nach Hause. Fast dreihundert seiner Gefährten ließen sich im Park zum Schlafen nieder


In den nächsten paar Wochen verbesserte sich die Ausstattung des Lagerplatzes mit Zelten, Decken, drahtlosem Internet, einer Küche und einer umfangreichen Leihbibliothek. Eine Art Organisation nahm Gestalt an, wobei die Leute eine anscheinend endlose Abfolge von Arbeitsgruppen gründeten: für Struktur, Versammlungsleitung, sanitäre Anlagen, Lebensmittel, direkte Aktion, sichere Räume. Ausweislich einer Bilanz der Arbeitsgruppe Finanzen von Mitte Oktober hatten die Besetzer 450.000 Dollar an Spenden erhalten. Zwei Monate lang versammelten sich fast jeden Nachmittag, je nach Wetterlage, hunderte von Menschen im Park. Manche zog es zu Kameras und Medienspektakel; manche kamen, weil Essen, Unterkunft und medizinische Versorgung kostenlos waren; und manche erschienen wegen der ernsthaften politischen Gespräche und weil sie glaubten, dass dies der Beginn einer Revolution sein könnte.

Was wollte die Bewegung? Am 20. September versuchten White und Lasn in fast 5000 Kilometern Entfernung vom Zuccotti-Park ein Manifest in Form eines Briefes an Präsident Obama zu schreiben. Sie forderten verschärfte Regulierungen für Banken und Industrie, ein Verbot des Hochfrequenzhandels, die Verhaftung aller „Finanzbetrüger“, die für den Crash von 2008 verantwortlich waren und die Bildung eines Ausschusses, der die Korruption in der Politik untersuchen sollte.


Zeitgleich arbeitete auch die Vollversammlung im Camp an einer Stellungnahme. Eine Woche später verabschiedete sie die „Erklärung zur Besetzung“, die eher eine Weltanschauung darstellte als eine Liste von Forderungen. „Wir schreiben dies, damit alle Menschen, denen ihrer Ansicht nach durch die unternehmerischen Kräfte der Welt Unrecht zugefügt wurde, erfahren, dass wir ihre Verbündeten sind. (…) Wahre Demokratie lässt sich nicht erreichen, wenn der Prozess von wirtschaftlicher Macht bestimmt wird.“ Den Rest der 600 Worte umfassenden Erklärung nimmt hauptsächlich die Schilderung von „Missständen“ in Anspruch, die den unternehmerischen Kräften die Schuld für alles gibt – von Gift in Lebensmitteln bis hin zur Grausamkeit gegen Tiere. Was sollte geschehen, um diese Missstände zu beheben? „Nehmt Euer Recht wahr, Euch friedlich zu versammeln; besetzt öffentlichen Raum; schafft ein Verfahren, um die Probleme anzugehen, denen wir gegenüberstehen; und entwickelt Lösungen, die allen zugänglich sind.“


Kurz nachdem die Erklärung fertig war, tauchte für die Organisatoren der ersten Stunde ein Problem auf: Ihre Lösungen sollten allen zugänglich sein, aber ihr Protest ebenfalls. Zu den ersten Versammlungen kamen die Empfänger der Adbusters-Mail. Doch ab Anfang Oktober, als die Medien die Geschichte vom Zuccotti-Park aufgriffen, begannen die restlichen 99 Prozent aufzutauchen. Die Vollversammlung musste drei neue Herausforderungen gleichzeitig bewältigen: sich behaupten, ein halbwegs auf Dauer angelegtes Dorf managen und eine viel breitere politische Debatte leiten. All das musste praktisch ohne Heizung, fließendes Wasser oder Strom geschehen.


Konsens – die vereinbarte Methode der Entscheidungsfindung – war nicht leicht zu erzielen unter den hunderten selbst ernannten „99-Prozentern“, deren politische Ansichten von Liberalismus bis hin zu aufständischem Anarchismus reichten. Die Grundregeln, die von den Leuten festgelegt worden waren, die im August auf dem Kopfsteinpflaster gesessen hatten, besagten: Keine Entscheidung kann gefällt werden, ohne allen Anwesenden die Chance zu geben, 
ihre Arme zu kreuzen und die Versammlung zum Stillstand zu bringen. Nach den Regeln der Vollversammlung konnte eine Neun-Zehntel-Mehrheit eine solche Blockade aufheben, aber erst nachdem der 
Blockierer seine Einwände dargelegt und die Versammlungsleiter geantwortet hatten. Die unvernünftigsten Leute bekamen oft die meiste Redezeit.
„Die Vollversammlung ist wunderbar, aber sie ist als beschlussfassendes Organ nicht wirkungsvoll“, sagte Holmes bei einem Interview Mitte Oktober. Sie wollte etwas mehr Hierarchie, mit einem Sprecherrat, der von Tag zu Tag begrenzte Befugnisse über das Zeltlager ausüben würde.


Am 28. Oktober versammelten sich drei Dutzend Mitglieder der Arbeitsgruppe Moderation in einem öffentlichen Atrium an der Wall Street 60, um die Tagesordnung für den Abend festzulegen. Sie würden Holmes‘ Vorschlag nochmals diskutieren, aber was sonst noch? Ein älterer Mann mit buschigen Augenbrauen sagte, er vertrete die Arbeitsgruppe Forderungen, und er wolle, dass die Vollversammlung Arbeitsplätze für alle fordere. „Die Vollversammlung hat schon beschlossen, dass dies eine Bewegung ohne Forderungen ist“, sagte ein anderer Mann. „Wie kann es also eine Arbeitsgruppe Forderungen geben?“


Weitere Leute traten an die Moderatoren heran. Eine Gruppe von Naturheilkundlern wollte 1500 Dollar, um Arzneien herzustellen. Jemand wollte die „Friedensprinzipien der amerikanischen Ureinwohner“ präsentieren, die vom Bund der Irokesen stammten. Jemand anders hatte ein Rechenschaftsmodell für die Moderatoren entwickelt, eine Tabelle zu deren Bewertung. Ein Vertreter einer Studentengruppe von der New Yorker Universität forderte die Vollversammlung auf, dem Aktionstag von Occupy Oakland die formale Unterstützung auszusprechen. Man informierte ihn, dass eine solche Stellungnahme bereits verabschiedet worden sei. Ein paar Minuten später redeten alle gleichzeitig. „Whoa!“, rief einer der Moderatoren. „Lasst uns mal tief durchatmen und uns konzentrieren. Dies sind berechtigte Anliegen, aber hier ist nicht der richtige Ort dafür.“


Als es Zeit war für die Vollversammlung, hatte sich eine Menge von vier- oder fünfhundert Menschen um die Stufen auf der Ostseite des Parks versammelt. Die meisten verbrachten die nächsten drei Stunden eng zusammengedrängt, Knie an Knie, auf den kalten Steinen. „Ich hoffe, es geht Euch allen gut!“, rief Moderatorin Nelini Stamp. „Große Hoffnungen! Viel Energie!“


„Große Hoffnungen! Viel Energie!“, wiederholte die Menge.
Gegen zehn Uhr rief ein Moderator zur Abstimmung auf. Holmes’ Vorschlag wurde mit 284 zu 17 Stimmen angenommen. Stamp hüpfte auf und ab. Ihre Stimme war heiser vom dreistündigen Schreien. „Alle sind wunderbar!“, rief sie laut. „Alle sind spitze!“

Mitte Oktober hielten Unterstützer in Tokio, Sydney, Madrid und London Kundgebungen ab; Zeltlager schossen in fast jeder größeren amerikanischen Stadt wie Pilze aus dem Boden. Fast alle waren der Vollversammlung in New York nachempfunden: keine offiziellen Anführer, rotierende Moderation und keine festgelegten Forderungen. Bald konnte man überall Zeichen der Zustimmung zur Occupy-Bewegung finden, von anarchistischen Graffiti auf den Wänden von Bankgebäuden bis zu Al Gores Twitter-Feed.


Mitunter kann Horizontalismus sich anfühlen wie utopisches Theater. Seine größte Erfindung ist das „menschliche Mikrofon“. Es geht damit los, dass jemand „Mike Check!“ ruft. Die Menge wiederholt „Mike Check!“, und sodann werden Sätze (SÄTZE!) von der skandierenden Masse (VON DER SKANDIERENDEN 
MASSE!) übertragen (ÜBERTRAGEN!). Probleme gibt es allerdings, wenn viele Leute gleichzeitig versuchen, das Mikro in Gang zu setzen. Dann kann es sich sehr wie Anarchie anfühlen.


Aber schlussendlich ist der springende Punkt bei Occupy Wall Street nicht so sehr die Bühne als vielmehr die Form: Menschen setzen sich zusammen und besprechen Dinge, anstatt ihre Beschwerden nach Washington weiterzureichen. „Wir sind unsere Forderungen“, lautet ein Slogan. Und der Horizontalismus scheint für so einen Moment gemacht zu sein.


Die Ereignisse in New York schienen Lasns Gefühl zu bestätigen, dass die 
vorübergehende Räumung der Protestierer aus dem Zuccotti-Park eher eine 
Chance als eine Niederlage war. Die Organisatoren konnten sich schnell neu formieren und sich darauf einigen, dass man in den Park zurückkehren sollte, trotz des frisch erlassenen Verbots für Zelte. Am 24. November initiierte die Bewegung einen ihrer bis dato größten Proteste. Demonstranten versuchten, die New 
Yorker Börse zu schließen (was nicht klappte), organisierten ein Sit-in am Fuß der Brooklyn Bridge und lieferten sich im Zuccotti-Park Scharmützel mit der Polizei. Über zweihundert Leute wurden festgenommen. Im Zuge ähnlicher Proteste bei Aktionstagen wurden in Chicago, St. Louis, Detroit, Houston, Milwaukee, 
Portland und Philadelphia Brücken blockiert.

Nach dem Telefonat mit White fuhr Lasn an dem Morgen, als die New Yorker Polizei den Zuccotti-Park geräumt hatte, ins Adbusters-Hauptquartier nach Vancouver. Den größten Teil des Tages verbrachte er bei einem Brainstorming mit seinen Mitarbeitern, von denen der älteste 32 Jahre alt ist. Später veränderte er den Badewannenplan vom Morgen. Das nächste taktische Briefing würde in eine Reihe von E-Mails aufgeteilt und nach und nach abgeschickt werden. „Das Schachbrett wurde umgedreht, und jetzt beginnt ein neues Spiel!“, argumentierte Lasn kurz nach zwölf Uhr mittags. „Die Einsätze sind diesmal sehr viel höher. Erst müssen die Wogen sich glätten.“


Lasn rief White an, um über diesen neuen Plan zu sprechen, aber dieser war bereits unterwegs zur Doe Library, der Bibliothek der Universität von Kalifornien, 
wo er seine Nachmittage mit der Suche nach Schnipseln mit radikalen Gedanken für Lasns Plastikhüllen verbringt. Zu dieser Zeit des Tages lässt er alle elektroni-schen Geräte zu Hause, um zu suchen, was er „einen Ausbruch von Klarheit“ nennt.


White ist nicht bei Facebook, das für ihn „die Kommerzialisierung der Freundschaft“ ist. E-Mail und Twitter nutzt er nur gezwungenermaßen. Seine Einstellung dazu ist etwas milder geworden seit der Zeit, als er nach eigener Aussage an „die Heidegger’sche Kritik der Technologie“ glaubte – „dass sie uns in leere Materie für den Export des Kapitalismus verwandelt“. Lasn wiederum begrüßt die Beachtung, die Adbusters durch die internationalen Medien zuteilgeworden ist. „Ich reite die Welle“, lautete seine Antwort auf die Frage, ob er sich von der Flut der eintreffenden Nachrichten jemals überschwemmt gefühlt habe. White sieht das anders: „All diese Mails – es fühlt sich wie ein Denial-of-Service-Hacker-angriff auf mein Gehirn an.“


Wenn White von seiner Wohnung zur Bibliothek geht, ist er täglich mit Spuren von Ereignissen konfrontiert, zu deren Entstehen er selbst beigetragen hat: Poster in Ladenfenstern zur Unterstützung eines Generalstreiks in Oakland; Plakate, auf denen die Besetzung befürwortet wird, auf eine Football-Statue gepappt; der Slogan „Wir sind die 99 Prozent!“ in Kreideschrift auf Hausmauern.
„Ich fühle mich fast, als wäre ich ein Geist oder lebte in einem Traum, wo meine Gespräche mit Kalle zur Realität werden“, meint er. Mitte November, 
sechzehn Stunden nachdem jemand einen kurzen Eintrag über „Micah M. White“ in Wikipedia veröffentlicht hatte, schlug er vor, diesen zu löschen. „Person ist unbedeutend“, schrieb er.  

 

Übersetzung: Kerstin Eitner

 

„OCCUPY“ WELTWEIT
2011 flammten weltweit Proteste auf, mit ganz ver­schiedenen Zielen: Zuerst in der arabischen Welt, 
dann in Madrid. Es folgten Camps in Israel und Occupy Wall Street, und am 15. Oktober gingen in über 900 Städten in mehr als 80 Ländern Hunderttausende auf die Straßen. Die meisten Camps sind geräumt, aber in vielen Städten glimmt der Funke des Aufstands weiter. Für 
den 31.  März ist ein europa­­weiter Aktionstag geplant.
www.occupytogether.org/actions 

www.march31.net

 

OCCUPY GERMANY
Zwar war die Occupy-Bewegung in Deutschland nie so groß wie in den USA, doch einige Unverdrossene kampieren weiterhin in Zelten, so in Frankfurt am Main vor der Europäischen Zentralbank, in Hamburg, Düsseldorf und Münster. 
In anderen Städten diskutieren Gruppen regelmäßig auf „Asambleas“ (Versammlungen), organisieren Aktionstage und Veranstaltungen. Im Januar fand in Frankfurt das erste deutschlandweite Occupy-Treffen zum Thema Vernetzung statt, weitere sollen folgen.
www.occupy-germany.com

BUCHTIPP
„Occupy“ weitergedacht: Zinsen 
verteilen das Geld von Arm nach Reich, dadurch wird das Finanzsystem kolla­bieren. Doch es gibt visionäre Ansätze, die es davor bewahren können.
Margrit Kennedy: Occupy Money, Kamp­hausen Verlag, 112 Seiten, 9,95 Euro



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