In Deutschland ist Asbest
seit 1993 verboten. Doch mit
belasteten Produkten aus
Asien kehrt der krebserregende
Stoff zurück
Auf dem Küchentisch einer Wohngemeinschaft steht eine Thermoskanne aus quietschgelbem Plastik. Jeden Morgen füllt Elena sie voll mit Tee und nimmt sie mit in die Uni. Dass von ihr Gefahr ausgeht, ahnt sie nicht. Kleine, dunkle Plättchen, nur so groß wie Ein-Cent-Stücke, kleben als Abstandhalter zwischen den Glasschichten des Innenbehältnisses ihrer Thermoskanne. Sie bestehen aus einem Stoff, der in Deutschland seit vielen Jahrzehnten gefürchtet und verboten ist: Asbest.
Elenas Kanne dürfte also eigentlich gar nicht auf dem WG-Küchentisch stehen, doch die Überwachung der Importe ist schwierig, meint Folke Dettling vom Umweltbundesamt. Zuständig sind die Länder, „und die sind überlastet“.
„Made in China“ steht klein auf der Kanne. Im Reich der Mitte ist das frühere „Material der tausend Möglichkeiten“ noch immer äußerst beliebt: Über 600.000 Tonnen Asbest werden dort pro Jahr verbraucht und 400.000 Tonnen gefördert, Tendenz steigend. Spitzenreiter in der Asbestproduktion ist Russland mit einer Million Tonnen. Der größte Teil des billigen und feuerfesten Minerals wird in Zement verbaut. Im Boomland China hält es auch Einzug in Produkte, die nach Europa exportiert werden: Thermoskannen, Föhne, Toaster, Dichtungen, Bremsbeläge. „In ganz Asien gibt es kaum Länder, die bewusst mit der Asbestproblematik umgehen“, sagt Dettling.
Seit den 1940er-Jahren ist Asbestose als Krankheit anerkannt. Die mikrofeinen Fasern verfangen sich in den Lungenbläschen und lösen Krebs aus. Man könnte denken, die Welt hätte aus den vielen Krebsfällen, den vielen Toten, die seit Jahrzehnten auf das Konto des einstigen Wunderstoffs gehen, gelernt. Doch die Weltproduktion des krebserzeugenden Stoffes liegt seit Jahren nahezu konstant bei rund zwei Millionen Tonnen und damit noch immer etwa halb so hoch wie zu Spitzenzeiten Anfang der 80er-Jahre. Der Verbrauch von Asbest hat sich nur verlagert – aus der westlichen Welt nach Asien. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben noch immer etwa 100.000 Menschen an den Folgen von Asbest. Die feinen Fasern verrichten ihr Werk im Körper nur langsam: 20 bis 30 Jahre dauert es, bis ein asbestbedingter Krebs ausbricht. Daher sind die Spätfolgen auch heute noch sichtbar: In Deutschland zählt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) jedes Jahr noch 1000 Asbestopfer.
Die Ursache ihrer Erkrankung sind Altlasten: In den Jahren 1950 bis 1985 wurden nach Angaben der BAuA in der Bundesrepublik 4,5 Millionen Tonnen des gefährlichen Materials verwendet. Der Stoff lauert noch heute in Häuserfassaden, Dächern, Fußböden, Nachtspeicherheizungen. PVC-Fußbodenbelag mit Asbestpappen-Unterlage wurde häufig in den 80er-Jahren verwendet. Er ist laut Dettling der häufigste Krankheitsauslöser. Noch beliebter war das Mineral in der DDR. Zehn Millionen Tonnen Asbestprodukte wurden dort verwendet, berichtet die BAuA.
Asbest wird also auch in Zukunft noch bedrohlich bleiben, zumal nicht immer verantwortungsvoll damit umgegangen wird. Das zeigt die seit Jahren schwelende Debatte um die Entsorgung der verseuchten Halde, die ein Asbesthersteller im niedersächsischen Luthe hinterlassen hat. Die Landesregierung von Niedersachsen will die 170.000 Kubikmeter Asbestmüll in zwei Deponien in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein entsorgen. In 7700 Lkw-Fahrten soll der Müll dorthin transportiert werden. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein haben die Annahme allerdings schon verweigert. Die Begründung: Niedersachsen halte sich nicht an die Sicherheitsmaßnahmen, die für Gefahrstoffe vorgeschrieben seien. Demnach müsste die Halde unter Druck aufgerissen und abgeschottet und der Müll auf den Lkws abgedichtet werden. Diese aufwendigen Maßnahmen hält die niedersächsische Regierung jedoch für unnötig und nimmt die großflächige Freisetzung der gefährlichen Mikrofasern
in Kauf.
Text: Jens Lubbadeh
WAS TUN BEI ASBESTGEFAHR?
Mieter, die einen Verdacht auf Asbest in ihrer Wohnung haben, können gegen eine
Gebühr von 52 Euro Materialproben von der Stiftung Warentest auf Asbest analysieren lassen.
www.verbraucher.org/pdf/180.pdf, Infos per Telefon: 030 / 263 129 00
Asbestbelastete Produkte wie Thermoskannen oder Blumenkästen kann man luftdicht
verpackt bei der Annahmestelle für Problemstoffe eines jeden Recyclinghofs abgeben.
Umfangreiche Asbestsanierungen von Fußböden, Innenausbauten, Fassaden oder Dächern müssen Spezialfirmen nach TRGS 519 durchführen.
Mehr Infos unter www.gefahrstoffsanierung-entsorgung.de
Die Europäische Kommission veröffentlicht regelmäßig Listen mit asbestbelasteten
Importprodukten.
http://ec.europa.eu/consumers/dyna/rapex/create_rapex_search.cfm