lügendetektor

8. Februar 2013

Deutsche Bahn: „Gutes Beispiel“

Das Ergrünen roter Logos macht Schule: Auf das McDonald's-M folgt nun die Bahncard. Im April startet die Bahn „beim Klimaschutz in eine neue Dimension“, schreibt das Kundenmagazin DB mobil. Alle 4,8 Millionen Bahncard-Kunden und die Inhaber von Streckenzeitkarten sollen dann „komplett CO2-frei“ fahren. „Das ist ein Meilenstein für die Energiewende in Deutschland“, erklärte Bahnchef Rüdiger Grube (im Foto links) bei der Vorstellung des Projekts mit Verkehrsminister Peter Ramsauer. „Dabei gehen wir als Bahn wieder einmal mit gutem Beispiel voran.“

Nun ja, Herr Grube. Haben Sie nicht erst 2010 als Mitunterzeichner des Energiepolitischen Appells Kanzlerin Merkel dazu gedrängt, an Atom- und Kohlekraft festzuhalten? Hat nicht Ihre Bahn gerade erst durchgesetzt, dass die veralteten Blöcke I bis III des Kohlekraftwerks Datteln länger am Netz bleiben dürfen? Verlangt nicht Ihre Bahn vehement den Weiterbau des umstrittenen Kohlemeilers Datteln IV? Und lag nicht der Ökoanteil am Bahnstrommix 2011 gerade mal bei 21,8 Prozent – also kaum über dem Bundesschnitt?

Die Bahn erklärt, sie kaufe für ihre grünen Angebote, die man bisher gegen einen Aufpreis buchen konnte, noch „zusätzlichen“ Strom aus erneuerbaren Energien ein. Eine Broschüre erläutert  wortreich, aber kaum verständlich, was das bedeutet. Durch den Ökostromzukauf, den man den fernreisenden Bahnkunden zurechne, werde „der herkömmliche Bahnstrommix in gleichem Umfang verdrängt“. „Die DB geht davon aus, dass schon die durch die DB ausgelöste zunehmende Nachfrage nach Strom aus erneuerbaren Energien Impulse für den Zubau von Anlagen zur Stromproduktion aus erneuerbaren Energien auslöst.“

Doch diese Hoffnung ist vage. Der zugekaufte Strom stammt nach Bahnangaben schon jetzt vorwiegend aus Wasserkraft, und um den Bedarf langfristig zu sichern, hat die Bahn einen Vertrag mit dem RWE-Konzern geschlossen: Der wird ihr ab 2014 dauerhaft „Ökostrom“ liefern – aus uralten Wasserkraftwerken. Um der Kritik vorzubeugen, dass so die Energiewende nicht vorangebracht werde, gibt es einen sogenannten Neuanlagenbonus. Mit dem Erlös hat die Bahn bereits den Bau eines Hybridkraftwerks in Prenzlau gefördert – mit gerade mal 500.000 Euro.

Kritiker fordern, die Bahn müsse konsequent und in großem Stil zum Beispiel in eigene Windräder investieren, um die Energiewende tatsächlich voranzubringen. Sie solle sich ehrgeizige Ziele für einen rasch steigenden Anteil von Erneuerbaren im Gesamtkonzern stecken. Tut sie aber nicht. „Mindestens 35 Prozent“ sollen es laut Bahnangaben bis 2020 sein – das entspricht dem wenig ambitionierten Ziel der Bundesregierung für ganz Deutschland. Und 100 Prozent Erneuerbare sind erst für 2050 anvisiert.

Kurzum: Was die Bahn tut, ist zu wenig – und die grüne Bahncard ein „gutes Beispiel“ allenfalls für Greenwashing.

PS: Wir fahren natürlich trotzdem Bahn.

Schlagworte: Deutsche Bahn, Bahnchef Grube, grüne Bahncard, CO2-frei, RWE, Wasserstrom
7. Januar 2013

Hamburger Abendblatt: Recherche gestoppt?

Das Hamburger Abendblatt, eine der größten Lokalzeitungen Deutschlands, hat am Freitag mal wieder ein Eisbärenfoto aus dem Archiv gekramt und auf Seite 1 groß mit der Frage aufgemacht:

„Neue Studie des Weltklimarates“, stand darunter: „Seit 15 Jahren kein globaler Anstieg der Temperaturen mehr. Forscher streiten über die Ursachen.“ In der Überschrift des dazugehörigen Artikels im Wissenschaftsteil, der auch im Internet zu lesen ist, gibt es schon gar kein Fragezeichen mehr: „Erderwärmung macht erst mal Pause“, heißt es dort. Ein vorläufiger Bericht des Weltklimarates IPCC liefere „neuen Diskussionsstoff zur Güte der Klimamodelle und zum Einfluss des Treibhauseffekts“.

Die Autorin bezieht sich auf einen Entwurf für den nächsten IPCC-Bericht, der im Internet veröffentlicht wurde, obwohl der endgültige Report erst im kommenden September erscheinen soll. Vor allem eine Grafik daraus (Figure 1.4.), wohl gemerkt noch nicht unter den hunderten IPCC-Experten abgestimmt und zur Veröffentlichung bestimmt, wurde von sogenannten Klimaskeptikern aufgegriffen. Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es in der Darstellung so aus, als halte die gemessene globale Temperatur in den letzten Jahren mit den IPCC-Projektionen nicht Schritt. Manche Kritiker sehen darin einen Beweis, dass die Prognosen der Klimaforschung falsch sind.

Dabei wird über eine vermeintliche „Pause“ der Erderwärmung schon seit langem diskutiert, und Klimaforscher haben wiederholt betont, dass die seit etwa Anfang des Jahrtausends zu beobachtende Abflachung des Temperaturanstiegs innerhalb der natürlichen Variabilität liegt. Im Abendblatt erklärt denn auch Jochem Marotzke vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie: „Solche Plateaus tauchen auch in unseren Modellen auf.“

Dessen ungeachtet schreibt das Abendblatt, nun gerieten „die Klimamodelle in die Kritik“. Sie würden bei der Temperaturentwicklung der vergangenen 15 Jahre „klar danebenliegen, da sie eine kontinuierliche Erwärmung errechnet haben“. Zum vorläufigen IPCC-Report heißt es, der Text zeige „sehr deutlich, dass der globale Temperaturanstieg nicht mit dem ungebrochenen Wachstum des CO2-Ausstoßes übereinstimmt“.

Seltsamerweise findet sich in dem durchgesickerten Entwurf aber gar keine entsprechende Textstelle. In der Erläuterung zu Grafik 1.4 wird außerdem darauf hingewiesen, dass natürliche Faktoren wie das unregelmäßig auftretende Klimaphänomen El Niño/La Niña und die Solarzyklen in die früheren IPCC-Projektionen nur zum Teil eingeflossen sind, und dass sich eine bessere Übereinstimmung ergibt, wenn man diese herausrechnet (so wie der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf es in einer neuen Studie vorschlägt; siehe dazu auch der Artikel „Das Fieber steigt“ im Greenpeace Magazin 6.12).

Die auf Seite 1 des Abendblatts angekündigten „Forscher, die über die Ursachen streiten“, sucht man in dem Artikel vergeblich. Und der von der Zeitung erweckte Anschein, der IPCC sehe eine Stagnation der Erdtemperatur in den vergangenen 15 Jahren, ist schlicht falsch. Vielmehr heißt es in der Zusammenfassung: „AR4 (der letzte IPCC-Report von 2007) hat festgestellt, dass die Erwärmung des Klimasystems eindeutig ist. Neue Beobachtungen, längere Datenreihen und weitere palaeoklimatische Informationen unterstützen diesen Schluss.“ 

Und übrigens: Trotz des abgeflachten Trends war 2010 das bisher wärmste Jahr seit Beginn der Messungen und 2011 das wärmste La-Niña-Jahr, in denen die globale Durchschnittstemperatur normalerweise besonders niedrig ist. Im Jahr 2012 machte dann wieder einmal die Arktis Schlagzeilen, weil das Meereis auf ein Rekordminimum geschrumpft ist – die Dynamik der Entwicklung hat selbst Experten überrascht.

Gibt es also, wie das Abendblatt fragt, neue Hoffnung für die Eisbären? Wohl kaum. Wenn in den Medien immer wieder der Anschein erweckt wird, selbst die Klimaforscher seien sich über die Dringlichkeit des Klimaschutzes uneinig, dann schmilzt die Hoffnung auf einen radikalen Kurswechsel in Politik und Wirtschaft so schnell wie das arktische Eis.

Schlagworte: Erderwärmung, Klimawandel, Pause, Hamburger Abendblatt, IPCC, Weltklimarat, Eisbären
30. November 2012

Stubaital: Mit Airberlin zur Gletscherschmelze

Hamburger Bäcker kleben in letzter Zeit öfter mal Reklame-Postkarten auf die Tüten, in denen sie zum Beispiel ihre Franzbrötchen verkaufen (das ist eine Hamburger Gebäckspezialität mit Zimt). In dieser Woche, während in Katar mal wieder über den Klimaschutz geplaudert wird, verbreiten sie Werbung der Fluggesellschaft Airberlin.
Dazu muss man wissen, dass Hamburger, die es sich leisten können, traditionell gerne Skiurlaub machen, obwohl die Berge relativ weit weg sind (noch so eine Spezialität der Hansestadt sind die Skiferien im März, übrigens auf Kosten der Osterferien). Mit dem Flugzeug in die Alpen zu jetten ist also für viele Hamburger ganz normal, und das Tragikomische an dem Airberlin-Slogan auf der Brötchentüte wird wohl nur den wenigsten auffallen.

Tatsächlich ist es jedoch mit der Schneesicherheit im Stubaital nicht mehr so weit her. Noch bis 2002 konnte man auf dem Stubaier Gletscher nahe Innsbruck auch im Sommer Ski fahren. Doch wie bei fast allen Gletschern der Alpen schmilzt infolge der Klimaerwärmung mehr Eis, als sich nachbildet. Seit einigen Jahren werden deshalb im Sommer Teile des Stubaier Gletschers mit einem schützenden Vlies abgedeckt, um den Eisschwund zu verlangsamen eine Reportage im Greenpeace Magazin berichtete über die „Heftpflaster für weiße Riesen“. Was anfangs als skurrile Notlösung belächelt wurde, ist fast schon zur Normalität geworden: In einem Imagefilmchen zur alljährlichen Verhüllung des Stubaier Gletschers wird nicht einmal erwähnt, dass ein Zusammenhang mit dem Klimawandel besteht. Die Gletscherränder müssen inzwischen künstlich beschneit werden, aber all das findet das Tourismusmanagement nicht weiter besorgniserregend.

Lieber lockt man mithilfe von Airberlin und Brötchentütenwerbung Hamburger Familien ins „starke Tal“ – egal, dass der Hin- und Rückflug einer vierköpfigen Familie von Hamburg nach Innsbruck Treibhausgase mit der Klimawirkung von 1680 Kilogramm CO2 freisetzt. Das ist doppelt so viel wie ein Durchschnittsinder im ganzen Jahr erzeugt, wie man bei Atmosfair schnell ausrechnen kann.

Falls irgendjemand im Stubaital oder Hamburg den Zusammenhang noch nicht verstanden haben sollte: Immer mehr CO2 in der Atmosphäre führt dazu, dass es immer wärmer wird, wodurch in den Alpen und anderswo die Gletscher immer schneller schmelzen – was neben dem Verlust von Skigebieten noch andere Probleme verursacht.

Übrigens: Nach Innsbruck, das nicht weit hinter der deutschen Grenze liegt, kommt man – familienfreundlich, vergleichsweise klimaverträglich und ganz gemütlich – auch mit der Eisenbahn.


PS: Den Schnee zum Schmelzen bringen kann man auch als Österreicher: Ein Wiener Reiseveranstalter bietet jetzt  unter dem Motto Flug zum Schnee eintägige (!) Flugreisen von Wien ins Hochzillertal an. Geht's noch?

PPS: Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) weist darauf hin, dass es in vielen Skigebieten Extra-Services für Urlauber gibt, die mit der Bahn anreisen.

Schlagworte: Stubaital, Airberlin, Anreise, Flüge, Billigflieger, Stubaier Gletscher, Gletscherschmelze, Klimawandel, CO2
4. Oktober 2012

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft: Kunst-Fälscher

Galerietauglich ist das eher nicht: Filzstiftkritzeleien auf Steckdose und Raufaser zeigen zum Beispiel einen untergehenden Dampfer, eine falsche Schlange, einen ertrinkenden Schwimmer und ein Männlein, das dem Edvard-Munch-Gemälde „Der Schrei“ ähnelt.

Darüber Slogans wie dieser:

In den Anzeigentexten ist die Rede von Subventionen für „willkürlich ausgewählte Technologien“. Gemeint sind die staatlich garantierten Einspeisevergütungen für Strom aus Sonne, Wind und Co. – besser bekannt als Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

„EEG stoppen – sonst scheitert die Energiewende“, warnt die „Initia­tive Neue Sozia­le Marktwirtschaft“ (INSM), eine neoliberale Lobbyvereinigung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, mit dieser Kampagne. Auf der zu­gehörigen Website erklärt ein gewisser Professor Doktor Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen In­stitut für Wirtschaftsforschung (RWI), von 2000 bis 2011 habe die EEG-Umlage auf den Strompreis die Deutschen 52 Milliar­den Euro gekostet. „Die Klimaschutzwirkung“ liege aber „tatsächlich bei Null“.

Huch, denkt man da. War das EEG nicht dieses Gesetz, das weltweit kopiert wurde? Das damit die Technologien mit dem Potenzial zur Weltrettung wettbewerbsfähig gemacht hat? Und das hierzulande nicht nur Wind- und Solarkraft zum Durchbruch verholfen, sondern auch deren Preis stark gesenkt hat? Doch.

Das hindert den RWI-Experten Frondel aber nicht daran, zum wiederholten Mal auf „die Förderung sehr teurer Technologie – insbesondere von Solarstrom“ einzuhacken. Mit durchschnittlich 25 Cent pro Kilowattstunde sei Fotovoltaik im vergangenen Jahr bezuschusst worden – geschenkt, dass es natürlich inzwischen längst deutlich weniger ist. Worauf die INSM-Herrschaften hinaus wollen, das ist: „eine marktbasierte Quotenlösung“.

Im „Quotenmodell“, das zufällig den Ideen von FDP-Fraktionschef Brüderle und Bundeswirtschaftsminister Rösler entspricht, soll der Ökostrom-Anteil staatlich festgeschrieben – sprich: gedeckelt – werden. Schließlich will Schwarz-gelb bis 2020  35 Prozent grünen Strom – nicht etwa 50! Dabei könnten die Erneuerbaren sogar noch deutlich mehr, wenn man sie denn ließe. Und gut fürs Klima wär’s natürlich auch.

Dass Schützenhilfe für diese Stimmungsmache der Industrie ausgerechnet aus dem RWI kommt, ist nicht verwunderlich. Unterhält das Institut doch gute Kontakte zum Atom- und Kohleriesen RWE. Oder wie sonst soll man es verstehen, dass RWE-Finanzvorstand Rolf Pohlig bis vor kurzem Präsident des RWI-Freundeskreises war?

Und das alles rechtzeitig vor Bekanntgabe der neuen EEG-Umlage, die laut RWE-Chef Peter Terium Mitte Oktober von derzeit 3,6 auf bis zu 5,4 Cent pro Kilowattstunde steigen könnte.

52 Milliarden für Erneuerbare? 5,4 Cent pro Kilowattstunde? Mann-oh-Mann! Da ist es ja kaum der Rede wert, dass Atom- und Kohlestrom seit 1970 stolze 429 Milliar­den Euro Subventionen ver­schlungen haben, wie eine Studie von Greenpeace Energy neulich ergab, und dass die „versteckte Konventionellen-Umlage“ inklusive aller gesellschaftlichen Folgekosten bei 10,2 Cent pro Kilowattstunde liegen müsste. Die steht aber auf keiner Stromrechnung.

Seltsam auch, dass es ausgerechnet die – von der INSM vertretene – stromintensive Industrie ist, die hier laut „Hilfe!“ ruft. Sind doch immer mehr Stromfresserkonzerne überwiegend vom Ökostromaufschlag befreit. Allein 2012 werden sie mit 2,5 Milliarden Euro entlastet. Mehr noch: Die Erhöhung der EEG-Umlage geht sogar „zum großen Teil auf die gesetzwidrige Befreiung von Großbetrieben durch die Bundesregierung zurück“, wie der Bund der Energieverbraucher feststellt. Nur 0,2 Cent der erwarteten Erhöhung kommen tatsächlich neuen Solar- und Windkraftanlagen zugute.

Sprich: Nicht Subventionen für „willkürlich ausgewählte Technologien“ sind schuld am Preisanstieg, sondern Subventionen für willkürlich ausgewählte Unternehmen. Ohne die – das ist wahr – wäre der Strom für alle billiger.

Schlagworte: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Energiewende, erneuerbare Energien, EEG-Umlage, Manuel Frondel
16. August 2012

Geflügelerzeuger: Ein Dutzend „echte“ Hühnermäster

Mit einer groß angelegten Charmeoffensive versucht die Geflügelbranche zurzeit, ihr ramponiertes Image aufzupolieren. Der Marktführer „Wiesenhof“ zapft als Trikotsponsor das positive Image des SV Werder Bremen an, und der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft schaltet seit Wochen eine auffällige Anzeigenserie, in der es heißt:

Zu sehen ist ein netter Landwirt, scheinbar zufällig aus einer Menschenmenge ausgewählt. Elf weiteren Personen blickt man ins freundliche Gesicht, dahinter drängeln sich, so scheint es, Hunderte, von denen nur die Haarschöpfe zu erkennen sind.

Der Text wirbt für Vertrauen: „Jeder der rund 6500 deutschen Geflügelhalter kümmert sich Tag für Tag sorgsam um die Aufzucht des eigenen Geflügels und achtet dabei konsequent auf Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz.“ Vor dem Auge des Lesers erscheint ein ländliches Idyll mit Bauern, die ihren Hühnern Körner auf den Hof streuen. Eine altmodische Bretterwand im Hintergrund verstärkt diesen Effekt.

Doch schon die Zahl macht skeptisch. 658 Millionen Masthühner und Puten wurden 2011 in Deutschland geschlachtet – durchschnittlich mästet einer der 6457 Geflügelhalter also Jahr für Jahr mehr als 100.000 Vögel. Man ahnt, dass das nicht immer auf idyllischen Bauernhöfen alten Schlages geschehen kann. Angesichts wiederkehrender Berichte über Tierquälerei und übermäßige Antibiotikagaben in Ställen scheint darüber hinaus die Behauptung gewagt, „jeder“ Geflügelhalter arbeite stets „sorgsam“ und „konsequent“. Wer ist denn dieser Rainer Wendt, der seine Hand für tausende Kollegen ins Feuer legt?

Eine Internetrecherche ergibt: Er hat drei 40.000er-Masthuhnställe, nimmt als Sprecher der Wiesenhof-Mäster den Konzern regelmäßig in Schutz, ist Vorsitzender des Bundesverbandes bäuerlicher Hähnchenerzeuger (BVH) und darüber hinaus Vizepräsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft, der die Anzeigenserie schaltet – also nicht irgendein Mäster, wie das Bild suggeriert, sondern ein Branchenfunktionär. Immerhin, es gibt ihn wirklich.

Anders als die Menschenmenge auf dem Bild – die hat sich so nie zusammengefunden. Lichtverhältnisse und Perspektive stimmen hinten und vorne nicht, das vermeintliche Foto wurde offensichtlich am Computer zusammengebastelt. Wendt gibt gegenüber Kollegen auch zu, dass in der Werbekampagne getrickst wird. Im Juni präsentierte er bei der Mitgliederversammlung des BVH mit abendlichem „Mästerball“ das Anzeigenmotiv und erklärte vor rund 200 Gästen: „Neben mir stehen ein gutes Dutzend ‚echte’ Hähnchen- und Putenhalter für diese Anzeigenkampagne Pate – und zeigen die Menschen hinter der Branche, die sich Tag für Tag voller Sorgfalt um ihre Tiere kümmern.“ Zu lesen ist dieser Satz im DGS-Magazin, dem offiziellen Organ des Geflügel-Zentralverbandes (Heft 27/2012). Was hat man sich unter „unechten“ Geflügelmästern bloß vorzustellen?

Die Anzeigen verweisen auf eine Internetseite, die für die neue Transparenz steht, mit der die Fleischbranche derzeit ihr Image zu retten versucht. Im Geflügel.TV erläutern „echte“ Menschen die Stationen der Hähnchen- und Putenproduktion von der Brüterei bis zum Schlachthof. Wer sich die Filmchen tatsächlich ansieht, bekommt immerhin einen Eindruck davon, wie man Geflügel heute produziert, behandelt und schlachtet – wie Massengut nämlich. Die langen Texte auf der Internetseite, die vermutlich kaum jemand liest, wirken informativ. Doch sie verschleiern geschickt, was schiefläuft.

Nur ein Beispiel. Unter dem Stichwort „Im Fokus: Antbiotika-Einsatz“, steht:

Wirklich nur „das erkrankte Tier“? Wirklich „gezielt“? So richtig „wirklich“?

Tatsächlich ist es bei Masthähnchen üblich, über das Tränkewasser dem ganzen Bestand Antibiotika zu verabreichen, wenn Tiere krank werden – das räumt übrigens auch Rainer Wendt ein. Das bedeutet, dass ein ganzer 40.000er-Stall das Mittel erhält, wenn einige Tiere krank sind.

Und: Der „Krankheitsfall“ tritt nicht nur ab und zu ein, sondern ist eher die Regel. Wendt sagt zwar, er setze in seinen Ställen keine Antibiotika ein, wäre damit in der Branche aber eine seltene Ausnahme. In Niedersachsen verabreichen 83 Prozent der Hähnchen- und sogar 92 Prozent der Putenmäster Antibiotika, in Mecklenburg-Vorpommern kamen in 36 von 38 untersuchten konventionellen Hähnchenbetrieben Antibiotika zum Einsatz, und in Nordrhein-Westfalen werden 9 von 10 Masthühnern mit den problematischen Medikamenten behandelt. In diesen drei Bundesländern wird übrigens das meiste Geflügel gemästet.

Und was das Anzeigenmotiv angeht – da fragt man sich, ob die Geflügelbranche mit ihrer Agentur einen guten Griff gemacht hat. Im Onlineratgeber Marketing und Trends empfiehlt ein Werbefachmann: „Seien Sie vorsichtig bei Fotomontagen, mit der die Wirklichkeit nicht nur geschönt, sondern verändert wird.“ Das könne als „unlauter“ gelten.

Schlagworte: Geflügelmäster, Hähnchen, Rainer Wendt, Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft, Antibiotika
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