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Kunst ohne Grenzen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.16

Kunst ohne Grenzen

Text: Julia Lauter Foto: Florian Jaenicke

Ihre Gesichter leuchten, ihre Augen strahlen – die Darsteller des Ensembles „Zuflucht Kultur“ setzen den gängigen Bildern von Flüchtlingen etwas entgegen: den Zauber der Musik. Sie bringen Mozart-Opern auf die Bühne, ergänzen Werke wie „Così fan tutte“ und „Zaide“ mit ihren persönlichen Geschichten von Vertreibung und Krieg – und der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft

Ein junger Syrer windet sich auf dem grauen Steinfußboden. „Ich möchte schlafen“, schreit er, rappelt sich auf, taumelt durch den Raum. „Schlafen! Aber der Schlaf kommt nicht. Nur die Alpträume schleichen um mich herum.“ Vor ihm sind die Stuhlreihen gefüllt mit Beamten in dunklen Anzügen und mit ernsten Mienen: Es ist der Vorabend des Tages der Menschenrechte, und das Justizministerium Rheinland-Pfalz in Mainz hat eingeladen, um diese zivilisatorische Errungenschaft zu feiern.

Drei von Krieg, Flucht und Bürokratie gezeichnete Menschen – Zaher Alchihabi aus Syrien, Esther Jacobs-Völk aus Nigeria und Ahmad Shakib aus Afghanistan – dürfen an diesem Abend den nüchternen Amtsträgern das Aufbegehren und die Sehnsucht der Schutzsuchenden vor Augen führen. Sie sind Teil des Ensembles „Zuflucht Kultur“, in dem Geflüchtete gemeinsam mit Künstlern aus Deutschland Opern auf die Bühne bringen. Nach „Così fan tutte“ geben sie nun Mozarts „Zaide“: Die Geschichte zweier Liebender, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, weil sie dort wegen ihrer Liebe verfolgt werden. Das Opernfragment ergänzen die Darsteller mit persönlichen Texten, verweben ihre Geschichten mit denen der Figuren und rütteln damit an vorgefertigten Bildern: Flüchtlinge und Oper, geht das zusammen?

Schutzsuchende brauchen keine Sangeskunst, sondern Essen, Sprachkurse, ein Dach über dem Kopf – diesem Einwand sah sich die Initiatorin Cornelia Lanz seit dem Beginn des Projektes 2014 immer wieder ausgesetzt. „Das alles stimmt“, sagt die Mezzosopranistin. „Aber es gibt auch einen Tod der Seele, und den stirbt man trotz Unterkunft, trotz Essen.“

Davon können die drei Darsteller ein Lied singen. Monate-, oft jahrelang lebten sie in Angst. Als sie sich in Sicherheit wähnten, überfiel sie die Tristesse der Flüchtlingslager. „Dort zu leben ist sehr schwer“, sagt Esther Jacobs-Völk. Sie stockt, senkt den Blick. „Ich wusste damals nicht, ob ich es schaffe, ob ich so weiterleben kann.“ Das Leben als Flüchtling kostet viel Kraft. „Pouya“, persisch für Geduld, ist Ahmad Shakibs Künstlername. Er lebt seit sechs Jahren in Deutschland. In seiner Heimat arbeitete der 33-jährige Afghane als Pfleger in einem französischen Krankenhaus. Die Taliban verfolgten ihn deshalb, er floh vor den Attacken. Dennoch wird er seither in Deutschland nur geduldet, ohne Sicherheit, ohne Arbeitserlaubnis. „Ich spreche sechs Sprachen, ich dolmetsche für andere Flüchtlinge, setze mich ein, will Teil der Gemeinschaft sein, Steuern zahlen, alles“, sagt Pouya. Die Ausweglosigkeit seiner Situation ließ auch ihn verzweifeln. Dann kam die Oper.

„Cornelia hat eine unglaubliche Energie“, sagt Esther Jacobs-Völk. „Ich glaube, ihr Tag hat mehr als 24 Stunden.“ Die 34-jährige Sängerin erzeugt ein geschäftiges Flirren, sie ist unentwegt unterwegs, organisiert Unterstützung und Auftritte, plant die nächste Oper, vernetzt ihre Darsteller mit der hiesigen Kunstszene, nimmt Schutzsuchende bei sich zu Hause auf. Wie sie das schafft? Lanz sagt, das sei die Magie der Musik. „Als ich meine Darsteller kennengelernt habe, lebten sie in Heimen, konnten nachts nicht schlafen, ihr Blick war verschleiert. Je mehr sie singen, desto klarer wird er“, sagt sie und lächelt: „Sie haben sich selbst durch die Musik gereinigt.“

„Wenn ich auf der Bühne stehe, gibt es nichts Dunkles in meinem Herzen“, erzählt Zaher Alchihabi. Er ist erst seit fünf Monaten in Deutschland. Spricht er von der Zeit davor, der Zerstörung seiner Heimat Aleppo, den Morden an seiner Familie, seiner Flucht, wippt er nervös mit den Beinen, eine steile Falte zerfurcht seine Stirn. Doch kommt die Sprache auf die Oper, entspannen sich seine Züge. „Auf der Bühne fühle ich mich stark, als könnte ich mit der Energie der Musik schwimmen“, erklärt er. Vielen der Darsteller scheint es ähnlich zu gehen. Als während der Proben eine Sängerin die Nachricht vom Tod ihrer Cousine erreichte, bot Lanz der Frau an, sie nach Hause zu fahren. Doch die lehnte ab: Sie wollte zurück auf die Bühne, denn die Musik sei im Moment alles, was sie habe. Sie sang, wenn auch unter Tränen, weiter.

Momente wie dieser bestärken Cornelia Lanz in ihrem Engagement. Das setzt sie zur Not auch ohne jede Förderung fort: Für die letzte Produktion verschuldete sie sich selbst, die Finanzierung der nächsten Oper steht noch auf wackligen Beinen. Lanz sagt: „Wir treten auf, auch wenn wir kein Geld bekommen – weil wir mit der Musik berühren und für Menschlichkeit einstehen können.“ Cornelia Lanz,Deutschlandtrifft man meist auf dem Sprung, von einem Auftritt zum nächsten. Die Sängerin strahlt, wenn sie von der Oper spricht: „Wir haben keine Zeit für viele Worte. Wir vertrauen der Musik und unseren Gefühlen.“