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Luftwiderstand

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.17

Luftwiderstand

Text: Julia Lauter Foto: Daniel Rosenthal

Folie, Luft und die Vision eines spielerischen Aktivismus: Mit aufblasbaren Würfeln mischt das Künstlerensemble „Tools for Action“ internationale Klimaschutzproteste und Demonstrationen

Lausitz, Mai 2016
Die Sonne steht hoch über der Mondlandschaft des Braunkohletagebaus, es ist windstill. Im nahen Birkenwäldchen ist die Stimmung angespannt. Auf der einen Seite: Hunderte Aktivisten, die das Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe von der Versorgung abschneiden wollen. Auf der anderen die Sicherheitskräfte von Vattenfall und die Polizei. Dazwischen: eine zehn Meter breite Barrikade aus mannshohen Silberwürfeln. Die Polizisten halten an, steigen aus ihrem Einsatzfahrzeug und bleiben in einiger Entfernung unschlüssig stehen. Für den Umgang mit der außerirdisch anmutenden Barrikade scheinen sie keine Dienstanweisungen zu haben. Ratlosigkeit. Nach kurzer Beratung kapitulieren die Beamten vor den Würfeln und ziehen sich zurück. Die Aktivisten setzen ihren Protest fort und erzwingen die Drosselung des Kraftwerks. Das Geheimnis der Barrikade: Sie ist mit nichts weiter als Luft gefüllt.

Artúr van Balen, 33, Katherine Ball, 33, und Malcolm Kratz, 26, sind die Künstler, deren Idee den Aktivisten an diesem Tag neuen Spielraum verschafft – „Tools for Action“ nennen sie ihre aufblasbaren Skulpturen, „Werkzeuge für Aktionen“. Die aufblasbaren Folienwürfel mit einer Seitenlänge von 1,50 Meter stehen für ihre Vision des kreativen zivilen Ungehorsams. „Die Würfel können angespannte Protestsituationen verändern. Manchmal wirkt das fast magisch“, sagt Artúr van Balen. Er entwickelte 2010 erstmals eine aufblasbare Skulptur – einen zwölf Meter großen Hammer, der bei den Klimaprotesten in Cancún für Aufsehen sorgte. Seit 2012 stehen die Würfel im Zentrum seiner Arbeit, Katherine Ball und Malcolm Kratz sind seit 2015 Teil von „Tools for Action“. Das Künstler-Ensemble ist auf der ganzen Welt unterwegs, um mit den Würfeln positive Unruhe zu stiften: Van Balen ist niederländisch-ungarischer Herkunft, Ball ist US-Amerikanerin, Kratz stammt aus den Niederlanden, ihr Atelier steht in Berlin.

Ihre riesigen Luftballons stellen die ritualisierte Interaktion von Polizei und Demonstranten in Frage – besonders dann, wenn sie zum Fliegen gebracht werden. „Aktivisten und Einsatzkräfte gucken gemeinsam in den Himmel, fasziniert von der Leichtigkeit der riesigen Würfel – auch wenn es nur ein kurzer Augenblick ist. Darin liegt die Stärke der Skulpturen“, sagt Katherine Ball. Mit den Würfeln will die Gruppe die Linie zwischen Aktivisten, Polizisten und Gegendemonstranten spielerisch aufbrechen. Aus einer todernsten Menschenmenge, die auch bedrohlich wirken kann, entsteht so ein spektakuläres Würfelballett, eine surreale Barrikade, ein fröhlich ausgelassenes Wimmelbild.

Paris, Dezember 2015
Jemand ruft „Let’s have a party“, und plötzlich sind dreißig riesige rot-silberne Würfel in der Luft, von den Menschen auf Händen getragen und immer wieder in den Himmel gestoßen. Rund 8000 Demonstranten sind zum Arc de Triomphe gekommen – nicht nur, um angesichts der internationalen Klimakonferenz mehr Umweltschutz zu fordern, sondern auch, um den öffentlichen Raum zurückzuerobern: Seit den Terrorattacken einen Monat zuvor steht die Stadt unter Schock, das Versammlungsrecht wurde ausgesetzt. Doch nun, wo die Luftballons durch die kalte Winterluft hüpfen, scheint alles plötzlich ganz leicht: Die Straßen werden zum Spielfeld, alle Menschen – auch die Polizisten – zu Mitspielern. Dann formt sich aus dem Tohuwabohu eine Barrikade: Dreißig Meter breit und drei Meter hoch steht sie da, aneinandergereiht ergeben die Würfel ein rotes Band. Die Botschaft an die Klimadiplomaten: Überschreitet die rote Linie nicht. Dann löst sich die Mauer blitzschnell wieder auf, und die Würfel tanzen auf der Menschenmenge in Richtung Eiffelturm davon – wie Treibgut in einem aufgewühlten Meer.

Die Idee der fliegenden Protestwerkzeuge kombiniert zwei bewährte Methoden des Widerstands, „Blockieren“ und „Irritieren“. Erstere nimmt ihren Anfang im 19. Jahrhundert, als bei Straßenkämpfen in Frankreich Barrique-Weinfässer mit Steinen gefüllt und mit Eisenketten zu Straßensperren verbunden werden – daher der Name Barrikaden. Die Fässer waren aber mehr als bloße Hindernisse: Nicht das Material macht ihre Stärke aus, sondern vor allem die Überzeugung ihrer Erbauer. Barrikaden sind nie das Werk von nur einem Menschen, sie sind kollektive Bauten, die auf einer gemeinsamen Idee, einem gemeinsamen Ziel fußen. Für das irritierende Moment sorgen auf Demonstrationen seit jeher Plakate, marschierende Orchestergruppen, Verkleidungen, übergroße Puppen. Die Idee, mit fliegenden Objekten die öffentliche Meinung zu beeinflussen, nahm Ende der Zwanzigerjahre Gestalt an. Das New Yorker Kaufhaus Macy’s nutzte 1927 während seiner Weihnachtsparade erstmals aufblasbare Figuren, um für sich zu werben. Die Sowjetunion setzte die Ballons wenig später schon eindeutig politisch ein: 1934 wurde während der Feierlichkeiten zum 17. Jahrestag der Oktoberrevolution eine riesige aufblasbare Schlange über den Roten Platz in Moskau getragen, auf deren Kopf ein Hakenkreuz prangte – als Warnung vor dem erstarkenden Nationalsozialismus in Deutschland. Die Macher von „Tools for Action“ führen nun all diese Ansätze in ihren Skulpturen zusammen: Die Würfel können wie ihre historischen Vorbilder Grenzen ziehen und abschirmen und sind ein Produkt gemeinschaftlicher Arbeit. Darüber hinaus lassen sie sich aber auch schnell auf- und wieder abbauen und, vielleicht am wichtigsten, sie formen und verändern die Atmosphäre des Protests.

Damit so viele Menschen wie möglich „mitspielen“ können, stellen die Künstler die Anleitungen für den Bau der Würfel ins Netz und geben weltweit Workshops, in denen sie den Einsatz in politischen Aktionen mit den Teilnehmern üben. Rund 25 Euro kostet das Material für einen Würfel: Neben reflektierender, reißfester Folie braucht es kaum mehr als doppelseitiges Klebeband, ein Teppichmesser und einen Zwölf-Volt-Föhn. In drei Minuten ist der Kubus einsatzbereit. Für die Verschlüsse verwendet das Team Deckel von großen Plastikbehältern. Am besten geeignet seien dafür die Container, in denen in türkischen Supermärkten oft eingelegtes Gemüse verkauft wird, sagt Artúr van Balen. „Wir haben deshalb schon Unmengen von dem Zeug gegessen.“

Ihren Schelmenaufstand inszeniert die Gruppe oft mit der Unterstützung junger Menschen, derzeit arbeiten sie in Wien. Bis zum 12. Mai baut das Ensemble dort mit 200 Schülern an zehn Schulen Würfel, um bei der Eröffnung der Wiener Festspiele für Furore zu sorgen. Die Arbeit mit Jugendlichen hat sich schon bei anderen Aktionen bewährt: Während der Blockade des Neonaziaufmarschs 2016 in Dortmund arbeitete das Ensemble etwa mit 14 Schulen und 400 Schülern zusammen, um den Widerstand gegen die Rechtsextremen zu unterstützen.

Dortmund, Juni 2016
In Dorstfeld, einem umkämpften Stadtteil, herrscht an diesem Junitag Ausnahmezustand. Neonazis beanspruchen seit Jahren das Viertel für sich, 900 von ihnen wollen heute durch „ihren Kiez“ marschieren. 5000 Gegendemonstranten sind gekommen, um das zu verhindern, darunter viele Schüler. Die Jugendlichen lassen immer wieder Würfelformationen durch die Stadt schweben, sachte hüpfen die schillernden Ballons durch die Straßenschluchten. Mehrere Gruppen formen entlang der Marschroute der Rechtsextremen Barrikaden mit Würfeln aus Spiegelfolie, in denen sich die Neonazis beim Vorbeilaufen ins eigene Gesicht sehen sollen. Doch dazu kommt es nicht. Die Polizei verhindert ein Aufeinandertreffen und schlitzt die Würfel kurzerhand auf. Langsam sinken die silbernen Kuben zu Boden. Dahinter kommen die Dortmunder zum Vorschein: Schüler, Anwohner, Kirchenbewegte, Gewerkschafter, Antifa-Aktivisten – jahrelang gab es keinen gemeinsamen Protest gegen die Rechtsextremen. Für heute verdrängt das Spiel mit den Würfeln ihre Differenzen.

Verhärtungen aufbrechen und Raum für Neuanfänge öffnen, das macht die Magie der fliegenden Objekte aus: Statt dem Hass mit noch mehr Hass zu begegnen, setzten die Künstler und ihre Mitspieler der Härte der Gegenseite etwas Weiches entgegen – mit Luft gefüllte, tanzende Würfel.