Lust auf weniger

Greenpeace Magazin

Ausgabe 2.17

Lust auf weniger

Text: Ulrich Grober / Foto: Julia Sellmann

„Weniger ist mehr“ – die alte Parole wird in Zeiten des Überflusses immer aktueller. Lässt sich ein Verzicht auf Materielles zum gewinnbringenden Konzept machen? Was ist das „Mehr“ im „Weniger“? Wie kann ein „sorgfältiger Minimalismus“ aussehen, der Weg zu einem Leben nach dem Wachstum? Eine Spurensuche vom westfälischen Münster über das Schwarzatal in Thüringen bis in den südbadischen Breisgau

In Münster fährt man Fahrrad. Die westfälische Stadt konkurriert mit Städten wie Amsterdam, Groningen und Kopenhagen um den Titel der europäischen Fahrradhauptstadt. Mit meinem Rad an der Hand steige ich aus dem Regionalexpress, schwinge mich auf den Sattel und mache mich auf den Weg in den Norden der Stadt. Die „Promenade“, der ehemalige Befestigungsring rund um die Altstadt, ist die Hauptschlagader des Radverkehrs. Hier radelt man unter alten Linden, fast ohne mit dem Autoverkehr in Berührung zu kommen.

Nach zwanzig Minuten stehe ich vor dem Tor einer Schrebergartenanlage: „Kleingartenverein Langemarck e.V.“ Mich begrüßt der Vereinsvorsitzende Wilm Weppelmann, ein Schlaks mit grauer Mähne, freier Künstler, Initiator und alleiniger Macher der „Freien Gartenakademie“. Seit mehr als zehn Jahren holt er jeden Sommer freie Geister, ob Kenner traditioneller chinesischer Gartenkunst, Akteure der Welthungerhilfe oder britische Garten-Guerilleros, in seinen Garten und lässt sie vor Publikum über das „Prinzip Garten“ philosophieren.

Der Hauptweg bildet eine schnurgerade Achse. Heute tobt zum ersten Mal in diesem Jahr in jedem der 28 Gärten das pralle Leben. Die Frühblüher sind aus der Erde gekommen, die Baumblüte beginnt allmählich, die meisten Singvögel sind schon da und zwitschern laut. Überall lehnen Fahrräder am Zaun. Die Imkerin hat gerade einen ihrer Bienenkästen geöffnet und die Königin herumkrabbeln sehen. Überall wird mit Spaten, Pflanzkelle und Beil hantiert. Kinder tollen herum.

„Was hier stattfindet“, sagt Weppelmann, „ist ein öffentliches Gärtnern.“ So steht es im Kleingartengesetz. Schrebergartenanlagen sind öffentlicher Raum. Deshalb müssen die Wege frei zugänglich sein. Jede Hecke darf nur 1,20 Meter hoch wachsen. Jeder soll sehen können, was sich in den Gärten tut. Ein anderer Grundsatz: Die eine Million Kleingärtner in Deutschland sind verpflichtet, ein Drittel ihrer Fläche für die Selbstversorgung zu nutzen. Vielen fällt es heute schwer, das noch in ihren Lebensalltag einzubauen, doch die Erwartung ist da. „Ich bin über jedes Element von Nachbarschaft, von Austausch, von Vielfalt froh“, sagt der Vorsitzende. „Aus der Enge zu wachsen, verlangt eine ganz besondere Anstrengung.“ Die Idee der Schrebergärten von Anfang an: urban lebenden Menschen wenigstens ein kleines Stück Ernährungssouveränität zu ermöglichen. (...)

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