Medienkritik23.Aug 2017

„Talkshows verzerren die Wirklichkeit“

Seit mehr als einem Jahr untersucht der Bundestagsabgeordnete Marco Bülow politische Gesprächsrunden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Mit ernüchterndem Ergebnis: Themen wie Rassismus, Umwelt und Klimawandel blendeten die Sender aus, sagt der SPD-Politiker. Er fordert: Weniger Gelaber, mehr Erkenntnisgewinn.

Marco Bülow sitzt seit 2002 für die SPD als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Dortmund im Bundestag. Die Schwerpunkte des 46-Jährigen sind Demokratie, Lobbyismus und Umwelt.

Herr Bülow, Sie haben die politischen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender im Visier. Warum?

Weil sie die Wirklichkeit verzerren und viele relevante Probleme unserer Gesellschaft nicht abbilden. Das ist völlig inakzeptabel.

Können Sie das belegen?

Mein Team beobachtet seit Oktober 2015 die Themenauswahl von Talkshows. Wir haben uns jetzt fast 250 Sendungen angeschaut. Das Missverhältnis bei den Themen ist krass: Im ersten Jahr unserer Untersuchungen befassten sich allein 52 Sendungen mit Flüchtlingen, 22 mit Terror und IS, 24 mit Trump und Erdogan. Armut und soziale Gerechtigkeit spielten eine winzige Nebenrolle. Wichtige Themen wie Rassismus, rechte Gewalt oder Umwelt tauchten überhaupt nicht auf. Zum Klima gab es nicht eine einzige Sendung. Weder bei Maybrit lllner noch bei Anne Will oder Sandra Maischberger.

Immer die gleichen Gesichter zu den immer gleichen Themen – SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow regt sich über die Talkshow-Politik der Fernsehsender auf. Unser Bild zeigt die Kulisse der Sendung von Anne Will. Foto: picture alliance / Eventpress

Haben Sie die Sender mit dieser einseitigen Ausrichtung konfrontiert?

Sicher. Sie haben mich mit Floskeln abgespeist. Man müsse kurzfristig entscheiden, sagen sie, die Auswahl sei der Aktualität geschuldet. Keinesfalls würde man Themen ausblenden. Warum es aber noch nicht einmal in der Zeit rund um das Pariser Klimaabkommen eine Sendung zur Erderwärmung gab, konnte mir keiner erklären. Diese Verfälschung der Wirklichkeit halte ich für sehr bedenklich.

Dabei haben öffentlich-rechtliche Sender den Auftrag, ausgewogen zu berichten.

Eben. Sie haben auf jeden Fall den Auftrag, über relevante politische und gesellschaftliche Themen zu informieren – und zwar nicht erst spätabends um 23.45 Uhr. Für viele Menschen sind Talkshows eine der Hauptinformationsquellen. Das sehe ich auch an den Zuschriften, die ich bekomme. Nach den Talkshows gibt es immer einen Peak.

Im Schnitt werden vier Männer und eine Frau in politische TV-Talkrunden eingeladen. „Dieses Verhältnis ist beschämend", sagt Marco Bülow. Foto: Susi Knoll

Welche Debatten würden Sie sich wünschen?

Ich wette, dass Themen wie Lobbyismus oder Dieselgate eine riesige Einschaltquote hätten. Außerdem fände ich es wichtig, dass wir über Frauenquote, Rente und Pflege, über den Mindestlohn, Klimaschutz, Transparenz, Demokratieverständnis und globale Gerechtigkeit reden. Und ich würde mir wünschen, dass nicht immer das gleiche Spitzenpersonal da sitzt, sondern Fachpolitiker, die Ahnung haben. Die können vielleicht nicht so schön und geschliffen reden, aber der Zuschauer hätte vielleicht mal einen Erkenntnisgewinn. Was die Sender uns zumuten, ist immer das gleiche Gelaber, viel Theater und viel Schauspiel.

Wie wollen Sie Verbesserungen des Programms erreichen?

Wir werden die Untersuchung weiterführen, an die Rundfunkbeiräte herantreten und versuchen, eine öffentliche Debatte über diesen Medienskandal anzuzetteln.

Interview: Andrea Hösch

Auf seiner Webseite fasst Marco Bülow seine Ergebnisse zu politischen Talkshows zusammen.

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Atommüll21.Aug 2017

Per Zufall zur Expertin: Wie eine Studentin Bürger bei der Endlagersuche vertritt

Tagsüber geht sie zur Uni, abends liest Jorina Suckow jetzt Studien zur Atomenergie. Die Hamburger Jurastudentin begleitet im neuen „Nationalen Begleitgremium“ die Suche nach einem Endlager für den Atommüll. Der Zufall hat sie ausgewählt.

Suckow lernt fast jeden Tag im bunten Glasbau der Hamburger Jura-Bibliothek für ihr erstes Staatsexamen. Kommt sie abends nach Hause, vergräbt sie sich mindestens eine Stunde in Studien zur Endlagersuche, schreibt ihren Kollegen im Atommüll-Gremium Mails oder telefoniert. Freiwillig.

Der Zufall hat sie ausgewählt, das Gesicht der jungen Generation im „Nationalen Begleitgremium“ zu sein – einer neuartigen Kommission von sechs Experten und drei Bürgern, die die Suche nach einem Endlager für Atommüll begleiten. Unbezahlt.    

Es ist ein Montagmorgen Mitte August, die 24-Jährige sitzt zwei Häuser entfernt von der Jura-Fakultät in einem Café in der Sonne. Über ihrem weißen T-Shirt trägt sie eine rosa Strickjacke, die sie während des Interviews immer wieder aus- und anzieht. So wie sie aktuell ihre Rollen wechselt – von der Jurastudentin zur Endlagerberaterin und zurück.

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Der Schacht Konrad in einem ehemaligen Eisenerzbergwerk bei Salzgitter in Niedersachsen ist Endlager für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle aus den deutschen Kernkraftwerken. Foto: dpa

Vor ihr liegt eine Mammutaufgabe, die sie zwar nicht alleine bewältigen muss, für dessen Gelingen sie jedoch eine große Verantwortung trägt. „Die Arbeit im Gremium ist spannend, aber viel anstrengender als ich gedacht hatte“, sagt sie. 2013 hat der Bundestag mit breiter Mehrheit das „Standortauswahlgesetz“ beschlossen. 40 Jahre nach dem Streit um Gorleben beginnt die Suche nach einem Endlager damit von vorn. Die frisch gegründete Behörde „Bundesgesellschaft für Endlagerung“ (BGE) soll einen geeigneten Standort suchen und im nächsten Schritt die unterirdische Atommüllkippe für zirka 30.000 Kubikmeter hochaktiven Materials betreiben.

Das „Nationale Begleitgremium“ unterstützt diese Suche. Suckow ist eine der drei „Zufallsbürgern“ – zusammen mit der Ingolstädter Marketingexpertin Bettina Gaebel und dem Pforzheimer Professor für Industrial Ecology Hendrik Lambrecht. Drei Jahre lang hat sie diesen Posten inne, ihr Mandat könnte mit zweifacher Verlängerung bis 2025 gehen. Bundestag und Bundesrat haben sechs weitere „anerkannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ als Mitglieder des Gremiums ausgewählt, wie den ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer oder die Klimawissenschaftlerin Miranda Schreurs. Sie alle sollen die Suche nach einem Ort für hochradioaktive Abfälle in Deutschland „vermittelnd und unabhängig“ begleiten. Und dabei für Transparenz im Prozess und die nötige Akzeptanz bei den Bürgern sorgen. Einmal im Monat trifft sich das Gremium für öffentliche Sitzungen in Berlin und bald auch in anderen deutschen Städte. An den Bundestag kann das Gremium "Empfehlungen" abgeben. Konkret bedeutet das für Jorina Suckow: viel lesen, viele Fragen stellen und viel reden.  

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Jorina Suckows Aufgabe ist es zum Beispiel nachzufragen, wenn sich Experten in Abkürzungen und wissenschaftlichen Ausführungen verlieren. Foto: Inga Kjer/photothek.net

Suckow sieht ihr Engagement als ihre Bürgerpflicht. „Ich will meinen Kindern sagen können: Wir haben das Problem der Endlagersuche für euch erledigt“, meint sie. „Schließlich haben wir das Problem auch verursacht.“

Doch soweit dachte sie im letzten Herbst noch nicht, als ihr Handy auf dem Heimweg von der Uni klingelte. Aus Neugierde sei sie am Telefon geblieben, als eine Stimme fragte, ob sie sich für die Suche nach einem Atommüllendlager in Deutschland interessiere – und ob sie bereit wäre, bei der Suche eine wichtige Rolle zu spielen. Nach einer simplen Meinungsbefragung klang das nicht. Ihr Interesse war geweckt, sie bat um mehr Informationen per Email. Vorher hatte sie sich mit dem Thema Atomenergie und Endlagersuche noch nicht viel beschäftigt. „Das Thema kam immer wieder in den Medien vor, aber ich wusste nur recht wenig darüber“, sagt sie. Mit ihren Freunden diskutierte sie nicht darüber. Umso spannender findet sie jetzt, sich in die komplizierte Materie einzuarbeiten.  

Fast 70.000 Telefonate hat das vom Unweltbundesamt beauftragte Befragungsinstitut geführt auf der Suche nach interessierten Freiwilligen für das Gremium. Wen die Mitarbeiter anriefen, das bestimmte der Zufall. Die nächste Auswahlstufe für Suckow war im Herbst letzten Jahres eines der bundesweiten Bürgerforen, an denen 123 Leute teilnahmen. Um als „Vertreterin der Jugend“ ins Rennen geschickt zu werden, musste Suckow mit einem fünfminütigen Vortrag für sich werben. „Ich habe argumentiert, dass ich bereits im Studium gelernt habe, mir viele Seiten eines Problems anzusehen, um dann mit bestem Gewissen zu entscheiden“, sagt sie. Das hat die Teilnehmer überzeugt – sie wurde gewählt.

Jorina Suckow will sich jetzt dafür einsetzen, dass die Stimmen der jungen Leute stärker gehört werden. Und dass sie den komplizierten Prozess auch ohne viel Vorwissen besser verstehen. „Optimal wäre es, wenn wir es schaffen, dass die Endlagersuche stärker ins Bewusstsein der Menschen rückt“, sagt Suckow. In ganz Deutschland sind dafür öffentliche Anhörungen des Gremiums geplant – in Berlin kamen zum letzten Treffen 200 Leute. Bei ihrem ehrenamtlichen Job hilft ihr auch ihr juristisches Wissen. Suckow leitet mitlerweile eine Arbeitsgruppe, bei der es um den Rechtsschutz innerhalb des Verfahrens geht. Einer ihrer Schwerpunkte im Jurastudium war „Umwelt- und Planungsrecht“. Was es bedeutet, ein Endlager zu suchen und zu planen, das Menschen und Umwelt möglichst wenig Schaden zufügt, erlebt sie jetzt hautnah.

Hanna Gieffers   

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Klimacamp 201718.Aug 2017

Im Rheinland bereiten Klimaschützer Proteste vor

Ab Freitag wird es heiß im Rheinischen Braunkohlerevier: Bis zu 6000 Menschen wollen dort in den kommenden zehn Tagen gegen die Kohleverstromung und für den Klimaschutz demonstrieren.

Der Wahlkampf nimmt langsam Fahrt auf, die internationale Klimakonferenz in Bonn rückt näher und in Garzweiler wird munter weiter Kohle gebaggert und verstromt: Ein Sommer wie gemacht für groß angelegte Klimaschutzaktionen. Vom 18. bis zum 29. August geht es rund im Rheinischen Braunkohlerevier: Über 6.000 Teilnehmer erwarten die Veranstalter zum diesjährigen Klimacamp, die Polizei und der Energiekonzern RWE gehen von einer ähnlich starken Beteiligung aus.

Auf dem jährlich stattfindenden Klimacamp finden zwischen dem 18. und dem 23. August Bildungsveranstaltungen im Rahmen der Degrowth- Sommerschule statt: Workshops, Seminare und Podiumsdiskussionen rund um den Klimaschutz und alternative Wirtschaftssysteme. Zum ersten Mal werden in diesem Jahr auch Vertreter der „Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie“ auf dem Podium vertreten sein – damit wird der Dialog zwischen Kohle-Gegnern und Kohle-Befürwortern auf eine neue Ebene gehoben. „Wir wollen stärker mit den Anwohnern und den Beschäftigten von RWE ins Gespräch kommen“, erklärten eine Mitveranstalterin des Klimacamps. „Denn sie sind es, die hier direkt von der Entwicklung der Region betroffen sind.“

Schon im August 2015 blockierten Klima-Aktivisten zeitweise den Tagebau Garzweiler im Rheinischen Revier. Foto: Marius Becker/dpa

Das Klimacamp wird etwas außerhalb der Stadt Erkelenz am Lahey-Park stattfinden – dort entsteht derzeit außerdem auch das „Connecting Movements Camp“, das verschiedene Bewegungen in Deutschland und Europa vernetzen möchte. Darüber hinaus veranstaltet die Jugendorganisation des Naturschutzbundes, die Bundjugend, das „Camp for future“ in Kerpen-Manheim, einem Dorf im Abbaugebiet des Tagebaus Hambach – deren Angebote richten sich vor allem an junge Menschen mit wenig Protesterfahrung, denen mit niedrigschwelligen Angeboten die Teilnahme an den Klimaprotesten ermöglicht werden soll.

Aktionsreich werden dann die Tage zwischen dem 24. bis 29. August: Das Bündnis „Ende Gelände“ plant – wie schon in den Jahren zuvor – Massenak­tionen zivilen Ungehorsams in einem Tagebau. Darüber hinaus soll unter dem Motto „Kohle erSetzen“ eine Sitzblockade vor einem Kraftwerk stattfinden. Mehrere Umweltverbände wollen am Samstag eine „Rote Linie gegen Kohle“ ziehen und kündigen eine Menschenkette an. Und unter dem Motto „Zucker im Tank“ wollen Kleingruppen mit Aktionen die Abläufe der Braunkohleverstromung stören.

Polizei und RWE zeigten schon im Vorfeld der Aktionen klare Kante: Obwohl der Energiekonzern Vattenfall im letzten Jahr in der Lausitz gute Erfahrungen damit gemacht hatte, den Klimaschutzaktivisten von „Ende Gelände“ nur an bestimmten Punkten den Zutritt zum Gelände zu verwehren, bleibt RWE auch dieses Jahr dabei, gegen jedes unbefugte Betreten seines Betriebsgeländes vorgehen zu wollen. „Zuwiderhandlungen werden konsequent straf- und zivilrechtlich verfolgt“, erklärte RWE-Sprecherin Stephanie Buchloh. Das Unternehmen habe Erdwälle errichtet, Zäune gezogen und Schilder aufgestellt, um zu gewährleisten, dass das Betreten des Tagebaus zweifelsfrei den Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfülle, so Buchloh.

Polizeipräsident Dirk Weinspach wandte sich im Vorfeld in einer Videobotschaft an die Klima-Aktivisten und ließ sie wissen, dass für ihn „friedlicher Protest und militanter Widerstand nicht zusammen passen“. Er forderte eine klare Absage an Gewalt und gewaltsame Aktionen und versicherte im Gegenzug, die Polizei setze auf Kommunikation und Deeskalation „solange irgend möglich“.

Die Antwort der Sprecherinnen von „Ende Gelände“, Jana Aljets und Insa Vries, kam prompt: Sie verwiesen, ebenfalls per Videobotschaft, auf den gewaltfreien Aktionskonsens für den massenhaften zivilen Ungehorsam und erinnerten daran, dass die letzten Aktionen von „Ende Gelände“ besonders von Gewalt seitens der Polizei geprägt waren. „Unsere Aktion richtet sich nicht gegen die Polizei oder Angestellte von RWE“, sagte Sprecherin Janna Aljets. Mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu, dass die Polizistinnen und Polizisten gerne auch selbst passiven Widerstand leisten dürften – zum Beispiel, indem sie während der Aktionstage einfach zuhause blieben.

Julia Lauter

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Design16.Aug 2017

„Das Plakat ist die Waffe der Kunst“ – so lässt sich Politik gestalten

Seit Kurzem stehen sie wieder: Wahlplakate, auf denen Merkel, Schulz & Co. großformatig lächeln. Politische Inhalte spielen darauf aber so gut wie keine Rolle. Ganz anders bei den Arbeiten von Designstudierenden aus Berlin: Die Ausstellung ihrer 100 politischen Plakate zeigt, was in der Europäischen Union schief läuft.

„Seid politisch!“ forderten die Grafikdesigner Fons Hickmann und Henning Wagenbreth Anfang des Jahres ihre Klassen im Studiengang Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin auf. Ihr Credo: „Das Plakat ist die Waffe der Kunst.“ Und so machten sich die angehenden Designer ans Werk und suchten Mittel und Wege, die Lage des Kontinents Europa, ihre Verunsicherung, Hoffnungen und Ängste in Bilder und Texte zu fassen.

Herausgekommen sind persönliche Statements der jungen Gestalter, die im Sieb- und Digitaldruck produziert und unter dem Titel „Politik gestalten“ bis zum 9. September 2017 in der Kunstgalerie „Ministerium für Illustration“ in Berlin gezeigt werden. In den Arbeiten setzen sich die Studierenden der Plakat- und Illustrationsklasse der Universität der Künste vor allem mit den Themen Ungleichheit, Waffenexport, Krieg, Klimawandel und Datenschutz auseinander.

„Die politische Agitation ist ein essentieller Teil der demokratischen Auseinandersetzung und je politischer die Gesellschaft ist, desto mündiger ist sie“, schreibt Hickmann im Vorwort des Ausstellungskatalogs. Die Visualisierung von politischen Ideen sei dabei ein wichtiger Bestandteil. Die jungen Künstler ließen sich von ihrem Eindruck der aktuellen Politik und von ihren Ideen zum politischem Wandel inspirieren. „Sie tun das mit Vehemenz, mit Zeitgeist und mit Humor“, lobt Hickmann.

Mit Spaß und Ironie gewürzt sind etwa die Arbeiten von Nora Hollstein und Lucas Liccini. Hollstein gelingt es, mit einer Frage und einer Antwort die Abschottungstendenzen der EU auf den Punkt zu bringen. Liccini variiert einen bekannten Slogan, um auf das Missverhältnis von freiem Handel und Reisefreiheit hinzuweisen:

Katharina Nejdl illustriert das fragile Zusammenspiel von Egoismus und Solidarität, das so charakteristisch für die EU ist. In einer weiteren Arbeit schafft sie es, mit nur kleinen Veränderungen des offiziellen Logos das ungleiche Machtgefüge in der EU sichtbar zu machen:

„Wir befinden uns in einer Phase, die an politischen Wandlungen geradezu zu bersten scheint", sagt Hickmann. „Es gibt zahlreiche Wahlen, Europa steht vor Spaltung oder Neubeginn, gefestigte Demokratien geben ihre Ideale auf, internationale Konflikte wirken wie Zeitbomben. Es gibt Bewegungen in alle Richtungen und maximale Verunsicherung darüber, wie sich die Zukunft entwickelt, sei es gesellschaftspolitisch, umweltpolitisch oder bildungspolitisch.“ Dieses Klima hat die Studierenden offensichtlich politisiert. Sie machen sich stark für Vielfalt und Toleranz, für Gleichheit und Einigkeit, für Demokratie, Umweltschutz und Frieden.

Beispielsweise modifiziert Piotr Zapasnik das Eurozeichen und zeigt damit die Verantwortung des Westens für Kriege in anderen Teilen der Welt, etwa in Nahost, auf. Und Carmen Reina macht sich mit ihrem Aufschrei für „Mehr Zukunft“ Luft:

Andrea Hösch

Was ist eigentlich noch von der „europäischen Idee“ geblieben? Worauf dürfen wir in Europa hoffen – und wovor müssen wir uns fürchten? Diesen Fragen geht auch unsere Reporterin Lena Niethammer bei ihrer Reise in sieben EU-Länder auf den Grund. Ihre sehr persönlichen Erlebnisse und Eindrücke schildert sie in der aktuellen Europa-Ausgabe des Greenpeace Magazins.

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Europäische Union14.Aug 2017

Zuhören, aufschreiben, umgraben: So gestaltet die Jugend Europas Zukunft

Statt über Europa und die EU zu schimpfen, wollen diese Jugendlichen etwas bewegen. Ihr Engagement zeigt: Der Kontinent ist in Bewegung – wir präsentieren drei Vorreiter-Projekte. 

Die EU, Europa, die europäische Idee – für viele Jugendliche sind das nur leblose Begriff aus den Schlagzeilen der Politikberichterstattung. Der Euro ist für sie Normalität, Reisefreiheit sind sie gewöhnt und ein Krieg in Europa ist für sie undenkbar. Doch es gibt auch die anderen, junge Europäer, die in der europäische Idee eine Chance sehen. Sie schreiben über Europa, machen auf EU-Ebene Lobbyarbeit für benachteiligte Jugendliche oder engagieren sich im europäischen Ausland für Umweltprojekte. Wir stellen drei Initiativen und Programme vor, bei denen Jugendliche die Zukunft der EU selbst in die Hand nehmen.

1. Sie bringen die Stimme der Jugend nach Brüssel

Verena Riedmiller kannte Europa vor allem aus Vorlesungen und Büchern. Die Münchnerin studierte drei Jahre lang „European Studies“ in Maastricht. Dort nahm sie am „Projekt Student Forum Maastricht“ teil, das Studierende und Entschiedungsträger an einen Tisch brachte. Zum Ende ihres Bachelors beschloss sie, ihr theoretisches Wissen über die Europäische Union zu nutzen, um die Gemeinschaft mitzugestalten. Die 21-Jährige gründete zusammen mit drei Mitstreiterinnen den Verein „Cube“: Mit ihm will sie jungen, benachteiligten Europäern eine Stimme in Brüssel geben. Der erste Schritt: An Schulen sammeln Lehrer und Freiwillige in Europa-Workshops Forderungen von Jugendlichen. Es sollen vor allem Haupt-und Gesamtschulen ausgewählt werden, an denen die Schüler bislang wenig Kontakt mit Europa hatten und die eher in schlechteren Gegenden liegen. Fünf solcher Treffen in Deutschland und den Niederlanden hat es bereits gegeben, für den Herbst sind Kooperationen mit Schulen in München geplant. Bis zur Europawahl 2019 möchte „Cube“ ein möglichst breites Meinungsspektrum zum Thema Partizipation von jungen Menschen in der Politik abbilden können. Die Ergebnisse wollen sie EU-Politikern in Brüssel präsentieren.

cube

Motiviert für Europa: Hannah Pascucci, Bahar Mahzari, Verena Riedmiller, Lisa Hermanns, Annika Stange. (v.l.) Foto: „Cube“

„Wir sind ein Sprachrohr für Jugendliche“, sagt Verena Riedmiller. Seit einem Jahr arbeitet sie Vollzeit an dieser Idee – und hofft, dass die Vorstellungen der Jugendlichen Gehör finden. „Der institutionelle Weg ist nicht einfach, aber wichtig“, sagt sie. „Europa muss sich stärker von unten nach oben bilden.“ Aktuell arbeiten sieben junge Europäer bei „Cube“ – im Team sind Menschen, die aktuell in Deutschland, Schottland, Dänemark, den Niederlanden und sogar im Libanon leben. „Egal, wo die Person gerade zu Hause ist: Jeder, der sich engagieren möchte, ist willkommen – als Freiwilliger oder Teammitglied“, sagt Riedmiller. „Europa lässt sich von überall gestalten." Denn auch die Menschen in Nicht-EU-Ländern haben ein Interesse an einem gerechten und sicheren Europa, in dem sich möglichst viele Menschen vertreten sehen. 

2. Sie schreiben über Europa

Marije Martens will wissen, was es wirklich bedeutet, Europäer oder Europäerin zu sein. Mit ihrem im Februar diesen Jahres gestarteten europäischen Online-Magazin „Are We Europe“ will sie sich möglichen Antworten auf diese Frage facettenreich annähern. In der aktuellen Ausgabe widmet sich die 24-jährige Amsterdamer Studentin zusammen mit anderen Journalisten, Fotografen und Blogger unter dem Titel „The Green Continent“ der Umwelt in Europa. Wie verreist man nachhaltig? Wo gibt es die schönsten grünen Plätze in Barcelona? Und wie wehren sich die Bewohner der kleinen norwegischen Insel Svalbard gegen die Folgen des Klimawandels? Mit persönlichen Geschichten erzählen die jungen Blattmacher von unterschiedlichen Ecken des Kontinents – und wollen so zu einem Europa-Gefühl beitragen und eine europäische Öffentlichkeit schaffen. „Wir wollen Europa wieder sexy machen“, bringt es einer der weiteren Gründer, Mick ter Reehorst, auf den Punkt. „Europa soll mehr sein als ein rein politisches oder wirtschaftliches Projekt."    

WeAreEurope

Die aktuelle Ausgabe des Magazins „Are We Europe“ widmet sich der Umwelt in Europa. Alle Texte sind kostenlos zu lesen im Netz. Foto: www.areweeurope.com

Die Gründer des Magazins sind neben Marije Martens und Mick ter Reehorst zwei junge Europäer, die zwischen 23 und 25 Jahre alt sind. Neben diesem Kernteam arbeiten an jeder Ausgabe 20 bis 30 junge Journalisten mit. Erst im Mai gewann das Magazin den dritten Platz beim „Europäischen Karlspreis der Jugend“ – und damit 2500 Euro, die die Macher in die Entwicklung ihres Projektes stecken. Denn bislang finanzierten sie „Are We Europe" vom eigenen Geld. Im Moment sind die Artikel auf Englisch verfasst, andere Sprachversionen möchten die Köpfe hinter dem Magazin erarbeiten, sobald sie das Budget dafür haben. Irgendwann sollen Leser für die Beiträge einzelner Journalisten auch zahlen. „Wir möchten eine Plattform für europäische Talente werden“, sagt ter Reehorst. Jeder, der möchte, kann für die nächsten Magazine Themen vorschlagen – ob in Form von Podcasts, Cartoons, Reportagen, Interviews oder Videos. Die Autoren können in ihrer Muttersprache schreiben, die Teammitglieder übersetzen die Beiträge anschließend ins Englische. Die kommende Ausgabe behandelt die verschiedenen Facetten von Nostalgie, ab Oktober liegt der Fokus von „Are We Europe“ auf dem Thema Obdachlosigkeit in Europa.

3. Sie schützen die Natur in Europa

Emma Ludwig erlebte in Frankreich die Entschleunigung. Statt sich direkt nach dem Abitur in ein Studium zu stürzen, arbeitete die 20-Jährige zehn Monate lang im ökologischen Seminarhaus „Foyer Michaël“, nördlich von Clermont-Ferrand – als Teilnehmerin des „Deutsch-französischen ökologischen Jugendfreiwilligendienstes“. Während Seminarmitglieder dort die biodynamische Landwirtschaft kennenlernten oder ihr Wissen vertieften, bereitete Ludwig zusammen mit einem Koch aus selbst angebautem Gemüse und Biolebensmitteln vom Dorfmarkt täglich das Essen für die Kursteilnehmer zu. Dabei lernte sie viel über die ökologische Landwirtschaft, die Zusammenhänge in der Natur und entwickelte eine kritischere Sicht auf Konsum. 

Binationale Auslandsprogramme wie dieses tragen ganz klassisch zur Vernetzung innerhalb Europas bei – 40 Deutsche und gleichviele Franzosen können jedes Jahr im jeweiligen Partnerland in ökologischen Bereichen arbeiten, lernen die Natur und die Menschen kennen und bekommen Gelegenheit, ein Gefühl für Europa zu entwickeln. Ludwig arbeitete nicht nur mit Franzosen zusammen, die Seminarteilnehmer kamen aus ganz unterschiedlichen europäischen Ländern wie Spanien, Lichtenstein oder auch der Schweiz. „Vor Ort konnte ich einen Alltag wie in einer Miniaturversion von Europa erleben", sagt sie. Gerade solche Austauschprogramme fördern den Abbau von Vorurteilen und setzen im kleinen Rahmen den nationalen Abschottungstendenzen einiger europäischer Politiker eine Alternative entgegen.  

Emma

Gartenarbeit und Kochen machten Emma Ludwig während ihrer Zeit in Frankreich besonders Spaß. Foto: Emma Ludwig

Viele ihrer dabei gewonnenen Erkenntnisse hat Ludwig auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland beibehalten. „Ich kaufe jetzt oft regionale Lebensmittel und achte auf artgerechte Tierhaltung“, sagt sie. Auch ihr Liebe zu Frankreich will sie weiter verfolgen. Ab Herbst studiert sie in Marburg „Sprache und Kommunikation“ und möchte später in der deutsch-französischen Jugendarbeit tätig sein – ihr Beitrag für die europäische Zukunft.

Hanna Gieffers

Unser aktuelles Heft haben wir ebenfalls dem Thema Europa gewidmet. Für die Reportage "Kontinent Utopia" ist die preisgekrönte Autorin Lena Niethammer durch sieben europäische Länder gereist, um mit der Jugend vor Ort über ihre Ziele, Wünsche und Ängste zu sprechen.

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Crowdfunding11.Aug 2017

Reinigungsmittel selber machen: Dieses Start-up zeigt, wie nachhaltiges Putzen geht

Sommerregen, Tropenfrüchte, Bergwiesen – oft riechen Waschpulver, Fensterreiniger und Co. nicht nur ausgefallen, sondern enthalten auch Mikroplastik und andere Schadstoffe. Das Start-up „Sauberkasten“ zeigt, wie man stattdessen umweltfreundliche und nachhaltige Putzmittel einfach zu Hause herstellen kann.

Kernseife lösen Fett, Natron bindet Gerüche, Zitronensäure lässt Kalk verschwinden – Putzen könnte so einfach sein. Doch die meisten Reinigungsprodukte übertrumpfen sich mit extravaganten Düften, sind mit Mikroplastik versetzt und aufwändig verpackt. Umweltschonende Hausmittel sehen dagegen oft blass aus. „Meine Oma verwendete die noch ganz selbstverständlich, aber seitdem hat sich dieses Wissen verloren“, sagt Jeanette Schmidt. Das Ziel der 27-Jährigen: Sie will die Hausmittel wieder populär machen. Während ihres Designstudiums in Dessau entwickelte sie den Prototyp des „Sauberkastens“ als Beitrag zu einem nachhaltigeren Alltag. Das Social Impact Lab Leipzig unterstütze das Projekt ab August 2016 mit einem Stipendium. Nun bringt Schmidt gemeinsam mit ihrer gleichaltrigen Mitstreiterin und Pädagogin Jette Grewling das Do-it-yourself-Reinigungsset auf den Markt: Eine Holzkiste mit sechs Zutaten, zehn Rezepten und passenden Messutensilien, mit denen man Reinigungsmittel für den ganzen Haushalt herstellen kann: Fensterputzmittel, Waschpulver, WC-Reiniger. Denn eigentlich ist alles ganz einfach: Aus Kernseife, Natron, Wasser kann man etwa ein Spülmittel herstellen, das dank ein paar Tropfen ätherischem Öls sogar auch ein bisschen duftet. Nach Melisse.

Mix it yourself – das Sauberkasten-Team (Jette Grewling links, Jeanette Schmidt rechts) im Social Impact Lab in Leipzig. Foto: Monika Keiler

Solche und andere traditionelle „Hausfrauen-Tipps“ hat das Team mit einer Biochemikerin überarbeitet und ihre Wirksamkeit ausgiebig getestet. Dabei entwickelten Schmidt und Grewling ein Gefühl für die Reinigungskraft von Essig, Soda und Co. – das vermitteln sie nun auch in Workshops an Schulen. Ihr Lockmittel: „Putzen macht mit dem Selbstgebrauten einfach mehr Spaß“, sagt Schmidt. Denn wenn Soda und Essig den Abfluss zum blubbern bringen, dann wird der Wohnungsputz zur Spielwiese für Hobby-Chemiker.

Mit wenigen Handgriffen und einfachen Zutaten entstehen wirkkräftige Putzmittel für den Alltag. Foto: Monika Keiler

Diese Freude anderen zu vermitteln, das ist die Hauptaufgabe der Gründerinnen. Denn die Putz-Prägung durch handelsübliche Reiniger ist sehr stark: „Viele Leute glauben, dass Spülmittel ohne Schaum nicht funktioniert“, sagt Jette Grewling. Das Gefühl von Sauberkeit sei bei fast allen Menschen stark von Aussehen und Duft der Putzmittel geprägt. „Da müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten“, sagt sie. Dabei hilft dem Sauberkasten-Team, dass die selbstgemachten Reinigungsmittel mit wenigen Handgriffen hergestellt werden können, kaum Müll verursachen und langfristig günstiger als Bio-Reiniger sind.

Per Crowdfunding wollen Grewling und Schmidt mit ihrer Mission durchstarten. Foto: Monika Keiler

Neigen sich die Zutaten im Sauberkasten dem Ende, wollen Schmidt und Grewling in Zukunft günstigen Nachschub anbieten. Sie bauen dafür im Moment einen Online-Shop auf, über den die Reinigungssets und Nachfüllpackungen der Zutaten erhältlich sein werden. Darüber hinaus sind die Gründerinnen im Gespräch mit Einzelhändlern in der Region Leipzig, um auch offline Sauberkästen anbieten zu können. Wichtig ist Grewling und Schmidt dabei, dass der Sauberkasten-Inhalt so regional wie möglich hergestellt wurde und keinen langen Anfahrtswege hinter sich hat. Aktuell sammeln die Putz-Aktivistinnen per Crowdfunding-Kampagne Geld für ihre erste serienmäßige Produktion. 211 Sauberkästen sind auf diesem Weg in den letzten zwei Wochen vorbestellt worden. Die Hälfte ihres Fundingsziels haben Jeanette Schmidt und Jette Grewling damit bereits erreicht – bis zum 23. August kann man das Startup noch bei Startnext unterstützen.

Julia Lauter

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Neue Ausgabe08.Aug 2017

Hoffnung Europa: Folgen Sie uns durch den Kontinent Utopia

Tausendmal wurde die Idee eines geeinten, friedlichen Europas schon totgesagt – und tausendundeinmal zu neuem Leben erweckt. Wir haben uns in Zeiten des Umbruchs auf eine Reise zur Jugend Europas gemacht. Begleiten Sie uns in die Zukunft!

Es sind unsichere Zeiten in Europa: Im Osten des Kontinents zerbröseln der türkische Rechtsstaat und die Hoffnungen der proeuropäischen Ukrainer, im Nordwesten verabschiedet sich Großbritannien in eine ungewisse Zukunft, im Süden sind die Gesellschaften noch immer von der Wirtschaftskrise gezeichnet, im Norden grassiert die Angst, die Armen dies- und jenseits des Mittelmeeres wollten auch ein Stück vom Kuchen. Zwischen all dem Schimpfen auf die Bürokratie, das Demokratiedefizit und die EU insgesamt hört man nun wieder häufiger die Stimmen, die die europäische Idee trotz allem als Hoffnungsprojekt hochhalten.

Doch was ist eigentlich noch von der „europäischen Idee“ geblieben? Worauf dürfen wir in Europa hoffen – und wovor müssen wir uns fürchten? Um diesen Fragen, um dem „Kontinent Utopia“ auf den Grund zu gehen, ist unsere Reporterin Lena Niethammer, 27, in die Zukunft gereist: Zur Jugend, die Europa gestalten wird. Sie sprach mit Geflüchteten auf Lampedusa, mit Arbeitslosen in Griechenland, mit Schotten und Katalanen, die von der Unabhängigkeit träumen, mit Polen, die den Rechtsruck ihrer Gesellschaft aufhalten wollen, und mit Rumänen, die sich mit aller Kraft gegen den Ausverkauf der Natur wehren. Sieben Länder bereiste Niethammer, zurück bringt sie uns Geschichten, die ein Schlaglicht auf die Zukunft des Hoffnungsprojektes EU werfen.

Diese Reportage, das Herzstück unseres aktuellen Heftes, wird ergänzt durch Nachrichten, Experteninterviews und Berichte über Best-Pratice-Projekte in den einzelnen Ländern. Der Journalist Andre Wilkens versucht sich in seinem Essay „Frieden ist Papierkram“ an einer Ehrenrettung der europäischen Bürokratie. Noch mehr Enthusiasmus entfachen die EU-Praktikanten und Trainees, die wir in Brüssel nach ihren Visionen für Europa gefragt haben. Ihr Credo: „Wir sind nur relevant, wenn wir zusammenarbeiten“ – sie wollen mehr, nicht weniger gemeinsame Politik.

Um Europa auch visuell einzufangen, haben wir in dieser Ausgabe Illustratoren, Grafiker und Street-Art-Künstler in den besuchten Ländern ausfindig gemacht – das Ergebnis sind beeindruckende Zeitzeugnisse, die die Befindlichkeiten in ihren Heimatländern widerspiegeln und unserem Bild vom „Kontinent Utopia“ eine weitere Dimension hinzufügen.

Und nicht nur den Titel und die große Erzählform wagen wir in dieser Ausgabe neu: Das Greenpeace Magazin zeigt sich erstmals seit zehn Jahren im komplett neuen Gewand. In Zukunft werden wir uns in jeder Ausgabe vor allem einem Thema widmen – so können wir mit Reportagen, Porträts und Hintergrundberichten noch mehr in die Tiefe gehen, die Dinge auch mal aus ungewöhnlichen Perspektiven betrachten und neue Formen des Erzählens einsetzen. Natürlich bleiben wir uns treu – und berichten fundiert und kritisch über Umwelt, Klima, Artenschutz, Menschenrechte und soziale Bewegungen.

Wir hoffen, dass wir Sie mit dem Mut der europäischen Jugend anstecken und für eine neue Sicht auf Europa und auf unser Magazin begeistern können.

Lesen Sie mehr in unserer neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 5.17 „Europa“. Diese erhalten Sie ab sofort in unserem Warenhaus, ab dem 11. August am Bahnhofskiosk oder ab 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und auf dem Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung. Viel Freude beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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Europa - 5.17
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Mineralwasser-Werbung08.Aug 2017

Adelholzener Alpenquellen: Der reine Wahnsinn!

Die „Adelholzener Alpenquellen“ werben derzeit mit ganzseitigen Anzeigen für ihr Mineralwasser. Per Lkw wird es bis in die norddeutsche Tiefebene gefahren und dort in Bio-Supermärkten verkauft – das Leergut muss anschließend wieder zurück nach Bayern. „Die reine Kraft der Alpen?“ Der reine CO2-Wahnsinn!

Glitzernde Gipfel, Sonnenschein, alles bayrisch-blauweiß – herrlich! Im Neuschnee steckt eine Wasserflasche, daneben der Slogan: „KLAR WIE KAISERWETTER“. Die Welt ist schön, und wenn du dieses Produkt kaufst, tust du dir etwas Gutes, so die Werbebotschaft, die die „Adelholzener Alpenquellen“ derzeit per Annonce bundesweit verbreiten. Wir haben sie im Bahnhofskiosk von Hamburg-Altona entdeckt.

Gleich nebenan gibt es einen Bio-Supermarkt mit beachtlichem Mineralwasser-Sortiment: Die Alnatura-Filiale führt Adelholzener Wasser in fünf verschiedenen Sorten, in drei Größen, in Glas- und PET-Flaschen. Ein gesundes Naturprodukt, natürlich mit Mehrweg-Pfand – aber halt! War da nicht was mit „regional ist besser“?

Bad Adelholzen liegt im Landkreis Traunstein unweit der Berchtesgadener Alpen, nach Hamburg sind es von dort gut 900 Straßenkilometer. Rechnet man den Weg zum Bio-Großhändler nördlich der Stadt und zurück hinzu, hat jede Flasche Wasser von der Abfüllanlage bis zum Altonaer Supermarkt knapp tausend Kilometer hinter sich. Wenn sie dann ausgetrunken ist, muss sie leer nach Bad Adelholzen zurückgebracht werden, denn aus Marketinggründen wird Adelholzener Wasser in Spezialflaschen mit Alpenpanorama-Relief gefüllt. Sprudel in der guten alten Brunneneinheitsflasche, auch Perlenflasche genannt, die beim nächsten Mal von einem Mineralbrunnen in Norddeutschland wiederbefüllt werden könnte, gibt es bei Alnatura nicht.

Weil die ganze Hin- und Herfahrerei von Wasserflaschen Energieverschwendung ist und die Emissionen der ständig wachsenden Lkw-Kolonnen den deutschen Klimaschutzzielen komplett zuwiderlaufen, haben wir die Adelholzener-Anzeige neu betextet:

Keine_Anzeige_5.17„Keine Anzeige“ von den Adelholzener Alpenquellen – aus dem Greenpeace Magazin 5.17​

Erst kürzlich hat das Greenpeace Magazin vom Institut ESU-services in Schaffhausen in einer Kurzstudie ausrechnen lassen, wie viel Energie für Herstellung, Verpackung und Transport von Flaschenwasser in verschiedenen Varianten verbraucht wird (siehe folgende Grafik aus der Ausgabe 4.17). Wie erwartet, schneiden Mehrwegflaschen in der Kalkulation besser ab als Einweg-Pfandflaschen – sofern das Wasser aus der Region stammt. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob die Mehrwegflasche aus Glas oder Kunststoff hergestellt wurde: Pro Liter Wasser schlagen rund hundert Milliliter „Erdöl-Äquivalente“ zu Buche, also jene Energiemenge, die in der entsprechenden Menge Öl steckt. Der Kunde kann noch etwas Energie einsparen, indem er das Wasser statt mit dem Auto per Fahrrad oder zu Fuß nach Hause bringt, aber entscheidend ist: Die Einweg-Pflandflasche, die im Leergutautomaten lautstark zerknüllt wird, verursacht einen um fünfzig Prozent höheren Energieverbrauch.

Quelle: ESU-services für Greenpeace Magazin, Grafik: Carsten Raffel

Die Bilanz verkehrt sich allerdings ins Gegenteil, wenn das Mineralwasser aus größerer Entfernung angeliefert wird. Weil Mehrwegflaschen wieder zu den Abfüllbetrieben gefahren werden müssen und Glas schwerer ist als PET, schneidet in der ESU-Kalkulation die Glas-Mehrwegflasche vom anderen Ende der Republik – oder aus dem Ausland – am schlechtesten ab: Fast 300 Milliliter Erdöl-Äquivalente werden hier pro Liter Wasser verbraucht. Um die Energieverschwendung anschaulich zu machen, kann man sich im Alnatura-Regal neben jeder dritten Flasche Mineralwasser vom Alpenrrand eine weitere voll Mineralöl vorstellen. Pfui Deifi!

Apropos Deifi: Die Adelholzener Alpenquellen gehören zu hundert Prozent der „Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul“, und die Gewinne des Wasserverkaufs gehen komplett in soziale Projekte: Das finden wir sympathisch. Es sei deshalb erwähnt, dass unsere „Keine Anzeige“ auch einem anderen überregionalen Mineralbrunnen hätte gelten können, wenn er uns eine so schöne Vorlage geliefert hätte. Allerdings liegt Bad Adelholzen, mit Verlaub, besonders ab vom Schuss. 

Wir geben ja zu, liebe Ordensschwestern: Das Wasser eurer Alpenbäche ist appetitlicher als die Schlammbrühe in unseren norddeutschen Flüssen. Aber: Das Mineralwasser hat auch hier oben beste Qualität! Das Gleiche gilt übrigens auch für Leitungswasser: Wer das trinkt, kann noch viel mehr Energie sparen (siehe die Spalte links in der Grafik). Und, sorry, liebe Adelholzener: Unser Hamburger Leitungswasser schmeckt auch nicht anders als Eure Sorte „Naturell“ – auch wenn Ihr auf barmherzige.net meldet, dass diese derzeit „besonders im Trend“ liegt.

Den Adelholzener Alpenquellen sei die Bewahrung der Schöpfung ein großes Anliegen, schreibt Ihr im Internet. Die rasche nationale Expansion allerdings, von der Ihr dort außerdem berichtet, und der Export von Wasserflaschen in mittlerweile dreißig Länder, passen damit leider nicht recht zusammen. 

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Die neue Ausgabe 5.17 „Europa“ erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 11. August am Bahnhofskiosk oder ab 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung. Viel Freude beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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Engagement04.Aug 2017

Studenten bekämpfen den Klimawandel: „Wir können und müssen noch viel mehr tun“

Sommerferien? Nix da. Diese Studierenden aus ganz Europa bilden sich auch in ihrer freien Zeit weiter. Ihr Ziel: Ideen entwickeln und Start-ups gründen, die helfen, den Klimawandel aufzuhalten. Zur Zeit machen sie Station in Hamburg. Wir haben mit sechs von ihnen über ihre Wünsche und Ziele gesprochen. 

Sie kommen aus den Niederlanden, Ungarn, Spanien und Italien, aus Belgien, Dänemark und Norwegen. Es sind aber auch Studierende dabei, die aus Indien, Taiwan und Syrien stammen und irgendwo in Europa studieren. 40 junge Menschen, die sich auf eine gemeinsame Reise begeben. Fünf Wochen lang. Hamburg, London, Riga heißen die Stationen. Statt ihren Sommer am Meer zu verbringen, lassen sie sich gerade in den Räumen der Universität Hamburg zu „Klima-Innovatoren“ ausbilden.

Seit 2010 organisiert Climate KIC, ein Netzwerk des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT), dieses Bildungsprogramm. Jedes Jahr schickt das Institut über 300 junge Menschen in acht Gruppen durch Europa, um sie für den Klimawandel zu sensibilisieren.

Auf ihrer Reise treffen die Studierenden der unterschiedlichsten Disziplinen Unternehmer, Wissenschaftler und Forscher, besuchen Seminare und Workshops und lernen, was es bedeutet ein eigenes Unternehmen zu gründen. Denn das ist das Ziel: Die Studenten sollen sich während der Reise inspirieren lassen, klimafreundliche Ideen entwickeln und diese im besten Fall gemeinsam verwirklichen. Dabei bekommen sie Unterstützung von erfahrenen Gründern und Coaches.

Wir stellen einige der jungen Menschen vor, die die Zukunft Europas gestalten werden. Wenn es nach ihnen ginge, wäre die Erde ein grüner, nachhaltiger und klimafreundlicher Ort.

Landi Malene Hjartaaker, 22, aus Norwegen

„Der Klimawandel ist in Norwegen ein viel diskutiertes Thema. Auf der einen Seite regiert eine grüne Partei, die Autos aus den Stadtzentren fern halten will, es wird sehr viel für den Radverkehr getan und unsere Energie kommt zu fast hundert Prozent aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig sind wir eine Ölnation und obwohl wir dem Pariser Abkommen zugestimmt haben, wird weiterhin nach neuen Ölvorkommen gesucht, auch in sensiblen Gebieten. Das ist sehr widersprüchlich.

Ich habe gerade meinen Abschluss gemacht und nehme mir nun ein Jahr lang Zeit, um mich inspirieren zu lassen und dann mein eigenes grünes Start-up zu gründen. Ich möchte bei der "Climate Journey“ neue Ideen entwickeln und Leute kennenlernen, die aus anderen Bereichen kommen, aber ähnlich denken wie ich.“

Bram Berkelmans, 25, aus den Niederlanden

„In den Niederlanden kommen im Moment nur sechs bis sieben Prozent der Elektrizität aus erneuerbaren Energien. Da ist Deutschland deutlich weiter. Wir haben zwar viele Nachhaltigkeitsinitiativen, aber wir können und müssen noch viel mehr tun. Denn ich sehe den Klimawandel als große Gefahr für die Welt. Über das Gründen von Unternehmen können wir helfen, die Probleme zu lösen, die der Klimawandel mit sich bringen wird. Mit vierzig ambitionierten Studenten können wir uns gegenseitig inspirieren und über Lösungen für die Zukunft nachdenken.

Ein kleines Business habe ich schon: Ein Kollege lebt auf einer Farm und gemeinsam haben wir einen Hektar Soja angepflanzt. Das ist eher ungewöhnlich bei dem hiesigen Klima. Im September werden wir ernten und dann sehen, ob die Bohnen von guter Qualität sind.“ 

Balasubramania Viswanathan, 22, Indien, studiert in Stockholm

„Ich möchte Herausforderungen identifizieren, die mit dem Klimawandel zusammenhängen und die durch die Innovationskraft von Start-ups gelöst werden können. Es ist doch klar: Jeder muss seinen Lebensstil ändern, wenn wir etwas erreichen wollen und die Großkonzerne, die mit dem größten Fußabdruck, müssten vorangehen. Aber es gibt sicher ein paar Kleinigkeiten, die wichtig sind, die sich auch mithilfe von Start-ups lösen lassen. So eins würde ich gerne selbst gründen.“

Ahmad Alshaghel, 26, aus Syrien, studiert in Portugal

„Zuerst habe ich den Klimawandel eher aus der wissenschaftlichen Perspektive betrachtet, jetzt denke ich darüber nach, wie ich meine Ideen kommerzialisieren kann. Ich hoffe, dass dieses Programm mir dabei helfen kann, ein paar realistische Ideen zu entwickeln, und dass ich danach verstehe, was es braucht, um ein Start-up aufzubauen. Mein Fokus liegt auf dem Bau von nachhaltigen Gebäuden.

Ich wünsche mir, dass ich irgendwann nach Syrien zurückkehren kann. Im Moment haben die Menschen dort natürlich ganz andere Probleme. Aber wenn der Wiederaufbau losgeht, werden wir als erstes an diese Dinge denken müssen: Wie sollen unsere Städte aussehen, wie die Gebäude? Welche Materialien verwenden wir? Selbst wenn ich nicht zurückkehren kann, werde ich versuchen zu helfen und meine Ideen für den Wiederaufbau einzubringen.“ 

Lili Balogh, 26, aus Ungarn

„Im September starte ich mein eigenes Unternehmen – eine ganzheitlich wirtschaftende Farm im Norden Ungarns. Wir haben Tiere und bauen alle möglichen Nutzpflanzen an. Der Fokus liegt allerdings auf der Hanfproduktion und -verarbeitung. Ich habe Agrarwissenschaft studiert und bin Bioingenieurin. In diesem Bereich kenne ich mich also aus, ich habe aber wenig Ahnung davon, wie man ein Unternehmen führt und aufbaut. Ich hoffe, dass ich nach den fünf Wochen ausreichend Fähigkeiten besitze, um meine Idee zu verwirklichen.

Das Niveau ist sehr hoch und alle sind super motiviert, schließlich verbringen wir alle unseren Sommer hier. Es ist schon speziell, dass sich so viele Leute dafür begeistern, mehr über den Klimawandel zu lernen. Und es ist immer schön, sich von anderen Menschen inspirieren zu lassen. Vielleicht will ja jemand bei meiner Farm mitmachen!?“

Elias De Keyser, 22, Belgien

„Viele meiner Mitbürger denken, dass der Klimawandel sie nicht wirklich etwas angeht, weil Belgien nicht von den Auswirkungen betroffen ist und selbst auch nicht zu den schlimmsten Klimasündern gehört. Aber die Leute interessieren sich zunehmend dafür, das ist zumindest mein Eindruck.

Das Problem ist unser kompliziertes politisches System. Wir haben zwar das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet, viele Menschen sind aber frustriert von der Zurückhaltung der Politik. Deswegen haben wir mit einer NGO zusammen einen Gerichtsprozess angestrengt, mit dem wir die belgische Regierung verpflichten wollen, ihre Klimaziel einzuhalten. Weit über 10.000 Menschen haben die Petition unterschrieben, um uns zu unterstützen. So können wir hoffentlich den Prozess der Implementierung von Klimazielen beschleunigen.“

Bastian Henrichs (Text und Portraitfotos)

Aufmacherfoto: Universität Hamburg

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Ökologischer Fußabdruck02.Aug 2017

„Earth Overshoot Day“: Wie wir die Ausbeutung der Erde stoppen können

Die natürlichen Ressourcen unseres Planeten reichen ab heute nicht mehr für die weltweite Nachfrage in diesem Jahr– das hat die Forschungsorganisation „Global Footprint Network“ errechnet. Doch es gibt Möglichkeiten, wie wir diese Entwicklung aufhalten können.

Ab heute, dem 2. August, leben wir auf Pump, das Budget der Natur für dieses Jahr haben wir aufgebraucht – es ist „Earth Overshoot Day“. Das bedeutet: wir verlangen der Erde mehr natürliche Ressourcen ab, als sie im ganzen Jahr generieren kann.   

Das hat die amerikanische Forschungsorganisation „Global Footprint Network“ berechnet. Seit den 70er-Jahren beziffert sie jährlich den menschlichen Ressourcenverbrauch – anhand 15.000 offizieller Datenpunkte pro Land und Jahr, gesammelt von den Vereinten Nationen. Der Rechnung liegt das Konzept des „ökologischen Fußabdrucks“ zugrunde. Die Forscher stellen zwei rechnerische Größen gegenüber: Den Bedarf der Menschen an Wäldern, Flächen, Wasser und Ackerland und im Gegensatz dazu die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Ressourcen und zur Aufnahme von Müll und Emissionen. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Menschheit verlangt der Erde zu viel ab. Für Mathis Wackernagel, Gründer des „Global Footprint Network“, ist der Grundkonflikt klar: „Das größte Problem ist, dass unser Wirtschaftssystem losgelöst von den Ressourcen agiert. Wir nehmen es nicht ernst, dass die natürlichen Ressourcen knapp werden.“

Die Ressourcen der Erde sind immer früher im Jahr erschöpft.

Rechnerisch bräuchte die Weltbevölkerung heute bereits 1,7 Planeten pro Jahr, um ihren Appetit an natürlichen Ressourcen wie Wäldern, Ackerland oder Fischgründen zu stillen. Seit Anfang dieser Berechnung in den 70er-Jahren ist dieser Hunger immer größer geworden. Allein im Vergleich zum Vorjahr ist der „Earth Overshoot Day“ wieder sechs Tage nach vorne gerückt. Würde die Menschheit weiter so wirtschaften wie bisher, wäre der Stichtag im Jahr 2030 schon am 28. Juni – vor allem aufgrund der steigenden CO2-Emissionen. Sie machen heute bereits 60 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Menschheit aus.

mathis

Der 54-jährige Schweizer Mathis Wackernagel stellt mit dem "Earth Overshoot Day" den Verbrauch der natürlichen Ressourcen anschaulich dar. Foto: Global Footprint Network 

Alarmierend ist, dass es kaum noch Länder auf der Erde gibt, die auf das Ressourcenkonto einzahlen. Industrienationen wie Deutschland verbrauchen sogar deutlich mehr Ressourcen als der weltweite Durchschnitt. Würden alle Länder so wirtschaften wie Deutschland, wären sogar 3,2 Planeten pro Jahr nötig. Vor allem hohe CO2-Emissionen aus Verkehr und Energiegewinnung und der Verbrauch von viel Fläche durch die Landwirtschaft fallen für Deutschland negativ ins Gewicht. „Deutschland muss sich fragen, ob es sich noch leisten kann, keine Ressourcensicherheit zu haben“, warnt Wackernagel.

Doch es sei noch nicht zu spät, diese fatale Entwicklung umzukehren. Halbierten die Menschen weltweit ihre Nahrungsmittelabfälle, würde sich das Datum des „Earth Overshoot Day“ um ganz elf Tage in die Zukunft verschieben, halbierten sie den weltweiten CO2-Ausstoß von Autos, würden zusätzliche 89 Tage hinzukommen. Vier Faktoren bestimmen laut Wackernagel ganz besonders den ökologischen Fußabdruck: Wie bauen wir unsere Städte und Häuser? Wie produzieren wir unsere Energie? Was essen wir? Und wie groß ist die Bevölkerung? Kompakte Städte mit einem funktionierendem Nahverkehrsangebot, in denen Menschen leben, die erneuerbare Energien verbrauchen, die lokal hergestellte Lebensmittel und wenig Fleisch essen und maximal zwei Kinder haben, sind für ihn erstrebenswert. „Jede einzelne Person kann helfen, die Ressourcen zu schonen“, sagt Wackernagel. „Indem sie weniger mit dem Auto fährt, weniger Essen wegwirft, weniger Fleisch isst und Energie aus erneuerbaren Quellen nutzt.“ Auch wenn diese Maßnahmen nicht immer populär seien, der Natur würden sie helfen.

Hanna Gieffers

Wann ihr ganz persönlicher „Earth Overshoot Day“ ist, können Sie auf dieser Seite ausrechnen. 

Unser Reporter Dirk Gieselmann erzählt in der Reportage „Ich bin ein Monster“ wie auch er sich schuldig macht bei der Ausbeutung unseres Planeten. 

Illustration: Ariane Spanier

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Fairer Handel31.Jul 2017

Bittere Zeiten für Kakaobauern: Was tun Konzerne wie Nestlé?

Der Kakaopreis ist im Keller und verschärft die Lage der Kakaobauern, die trotz harter Arbeit in Armut leben. Was tun die Schoko-Konzerne? Am Donnerstag diskutieren Nestlé-Vertreter mit Menschenrechts-Aktivisten in Berlin – wir haben vorab mit Ihnen gesprochen.

Obwohl die Schokolade im Supermarkt so viel kostet wie immer: Die Schoko-Konzerne kaufen die Kakaobohnen derzeit deutlich günstiger ein. Der Kakaopreis ist derzeit auf einem Zehn-Jahres-Tief, eine Tonne Bohnen kostete derzeit rund 1800 Euro. Seit September 2016 ist der Preis um mehr als ein Drittel gefallen. Zum Problem wird das nun für die Produzenten des Rohstoffes, vor allem den Kakaobauern in Westafrika: Die Elfenbeinküste, Ghana, Kamerun und Nigeria sind wichtige Kakaobohnenlieferanten. Ein Drittel der globalen Kakaoernte kommt aus der Elfenbeinküste, das Land ist der weltgrößte Produzent. Etwa 60 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Kakaobohnen stammen von dort. Die rund 800.000 Kleinbauern in der Elfenbeinküste verdienen je zirka 0,50 US-Dollar am Tag und leben trotz harter körperlicher Arbeit in extremer Armut. Bislang hatte die Regierung der Elfenbeinküste die Preisschwankungen abgepuffert, indem sie den Kakaobauern einen Mindestpreis pro Kilo gezahlt hat. Doch zum 1. April hat sie diesen Preis um 30 Prozent gesenkt – der Preissturz belastete die Staatskassen zu stark.

Um über die Runde zu kommen, sparen die Bauern häufig bei der Pflege der Plantagen – obwohl gerade das für die Kakaopflanze und zukünftige Ernten wichtig ist. Und weil die Bauern vom Kakaoverkauf kaum leben können, beschäftigen sie in der Erntezeit weniger Plantagenarbeiter. Oft genug bedeutet das: Noch mehr Kinderarbeit. „Noch 2015 arbeiteten mehr als 2 Millionen Kinder weltweit auf Kakaoplantagen, die Mehrheit davon unter missbräuchlichen Bedingungen“, sagt Evelyn Bahn, die für die entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Inkota die Kampagne „Make Chocolate Fair“ leitet. „Seit über 15 Jahren versprechen Schokoladenunternehmen, dass missbräuchliche Kinderarbeit im Kakaosektor bekämpft wird. Doch dafür muss den Kakaobauern ein Preis gezahlt werden, der sowohl die Grundbedürfnisse der Familien absichert als auch ermöglicht in die Plantagen zu investieren.“

Die Frage lautet: Was tun Schoko-Konzerne wie Nestlé, um ihre Lieferanten und Produzenten in diesen Zeiten zu unterstützen? „Unsere Projekte sind langfristig ausgelegt, und bislang waren vor Ort in der Elfenbeinküste noch keine konkreten Auswirkungen des reduzierten Mindestpreises festzustellen“, sagt Achim Drewes, Sprecher von Nestlé Deutschland. „Unser klares Ziel ist, den Bauern und ihren Familien auch im Kakaoanbau eine angemessene Lebensgrundlage zu bieten.“ Das Unternehmen verfolgt schon seit längerem einen „Cocoa Plan“, der zur Umsetzung dieses Zieles beitragen soll. Das Motto: Besserer Anbau, besseres Leben, besserer Kakao. „2016 wurden 2,2 Mio. leistungsfähige Pflanzensetzlinge an die Bauern ausgegeben, und 57.000 Bauern in besseren Anbaumethoden geschult“, sagt Drewes. Darüber hinaus wurde in allen 69 Partnerkooperativen Ende 2016 das „Child Labor Monitoring“ eingeführt, um Kinderarbeit aufzudecken. Außerdem sollen rund 230.000 Menschen vom Wasser- und Sanitärprogramm mit dem Roten Kreuz profitiert haben, das Nestlé eingeführt hat.

Der niedrige Kakaopreis macht den Bauern in der Elfenbeinküste das Leben schwer – trotz harter körperlicher Arbeit leben sie oft in extremer Armut. Foto: dpa

Viele dieser Ansätze zur Verbesserung der Lebensgrundlage der Kakaobauern findet auch Evelyn Bahn vom Netzwerk Inkota grundsätzlich gut. Doch sie kritisiert, dass die grundsätzlichen Probleme zu wenig adressiert würden. Viele Maßnahmen des „Nestlé Cocoa Plan“ zielten nur auf höhere Ernteerträge ab, so Bahn. Die aktuelle Preisentwicklung zeige aber, dass höhere Ernteerträge den Unternehmen zwar billigen Rohstoff sicherten, die Kakaobauern jedoch weiterhin in Armut lebten. Darüber hinaus stellt Bahn die Wirksamkeit der Maßnahmen in Fragen. „Eine Schule verhindert noch nicht, dass Kinder auf Grund der Armut ihrer Eltern arbeiten müssen. Und eine Schulung sagt nichts darüber, wie viele Bauern das Gelernte auch anwenden. Nestlé präsentiert uns viele Zahlen, aber keine darüber, was sich für die Bauernfamilien tatsächlich verändert“, sagt Bahn. Solange der Konzern keine Daten über die Einkommenssituation der Bauern veröffentliche, müsse weiter davon ausgegangen werden, dass die Familien weiterhin unterhalb der Armutsgrenze leben. „Wenn es messbare Erfolge gäbe, dann würde Nestlé uns das sicher nicht vorenthalten“, sagt Bahn.

Nestlé Deutschland bezieht schon jetzt den kompletten Kakao aus dem „Nestlé Cocoa Plan“, weltweit macht der Anteil aus dem besonderen Förderprogramm 34 Prozent des vom Unternehmen verarbeiteten Kakao aus. Die Herstellung ist mit dem Nachhaltigkeitssiegel UTZ ausgezeichnet. „Das Programm wird kontinuierlich weiter ausgebaut, um die notwendige Transparenz in der Lieferkette herzustellen und Probleme gezielt angehen zu können“, sagt Achim Drewes. Auch hier stimmt Evelyn Bahn grundsätzlich zu: Diese Zertifizierungssysteme tragen maßgeblich dazu bei, dass die Lieferketten transparenter sind und die Bauern in Kooperativen gestärkt werden. „So können sie perspektivisch mehr Marktmacht erhalten und ihre Rechte einfordern“, sagt Bahn. Doch Zertifizierungen wie Fairtrade, UTZ und Rainforest Alliance seien kein Garant dafür, dass die Menschen faire Preise erhalten und es keine Kinderarbeit auf den Plantagen gibt. „Wer sicher gehen möchte, dass keine Kinderarbeit in der Schokolade steckt, sollte Schokolade mit Kakao aus Lateinamerika kaufen“, sagt Bahn. Dort sei die Einkommenssituation der Kakaobauern besser und darum die Wahrscheinlichkeit für missbräuchliche Kinderarbeit sehr gering. Weil damit aber den Kakaobauern in Westafrika nicht geholfen sei, rät Evelyn Bahn Verbrauchern dazu, selbst tätig zu werden und bei den Schokoladenhersteller immer wieder die faire Bezahlung der Lieferanten einzufordern – zum Beispiel über ein Formular auf der Seite der „Make Chocolate Fair“- Kampagne.

Es gibt also viel zu diskutieren zwischen Vertretern von Nestlé und Menschenrechts-Aktivistinnen. Am kommenden Donnerstag, den 3. August, findet deshalb auf dem Weltacker der Internationalen Gartenausstellung in Berlin ein Podiumsgespräch statt, bei dem Achim Drewes und Evelyn Bahn über die Frage „Wie wird Schokolade fair?“ sprechen. Um 17 Uhr beginnt die Veranstaltung, wer sich mit einer Mail an die Adresse carla@2000m2.eu anmeldet, bekommt kostenlosen Zugang zum Gelände der Internationalen Gartenschau. Ein spannendes Gespräch über die Umsetzung fairer Handelsketten in einer globalisierten Welt ist garantiert.

Julia Lauter

Mehr über die Marktmacht der Lebensmittelkonzerne und über nachhaltige, innovative und zukunftsweisende Alternativen find Sie in unserem aktuellen Heft.

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artenvielfalt28.Jul 2017

Blumenwiese als Schutzprojekt: Besuchen Sie das Blütenparadies von Bauer Hauke Hintz

Intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden machen Bienen das Leben schwer. Greenpeace-Magazin-Leser unterstützen den Landwirt bei seinem Kampf gegen das Artensterben. Nun können Sie die Erfolge begutachten.​

Das Insektensterben ist im Wahlkampf angekommen: „Wir sind die Partei, die eine Antwort hat auf den stummen Frühling, wenn es immer weniger Singvögel gibt, wenn Bienen immer weniger sind und die Insekten abnehmen“, sagte Parteichef Cem Özdemir im Mai und warb damit um die Stimmen derer, die in Sorge um die Natur sind.

Der aktuelle Agrar-Report des Bundesamtes für Naturschutz bestätigt, dass der Gesamtbestand der Insekten in Deutschland in den letzten dreißig Jahren deutlich abgenommen hat. Von den etwa 560 Wildbienenarten gelten 41 Prozent als bestandsgefährdet, insgesamt sind laut der „Roten Liste“ in Deutschland 45 Prozent der wirbellosen Tiere vom Aussterben bedroht. Eine internationale Studie des neuen UN-Weltrates für Biodiversität zeigt, dass in manchen Regionen bis zu vierzig Prozent der Fluginsekten vom Aussterben bedroht sind. Obwohl diese Zahlen meist auf Hochrechnungen beruhen, weil es kaum flächendeckende Langzeitmonitorings gibt, ist klar: Wir haben ein Problem.

Bald eine Rarität? Für Bestäuber wie Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind bunt blühende Wiesen Buffet und Heimat zugleich. Foto: Enver Hirsch

Die Frage lautet: Wie ist den Ursachen des Insektensterbens – den Auswüchsen der industriellen Landwirtschaft, den raumgreifenden Monokulturen, dem Pestizideinsatz und der Überdüngung – beizukommen? Kann man Bienen, Hummeln und Schmetterlingen noch anderswo als an der Wahlurne oder im (Bio-)Supermarkt unterstützen?

Landwirt Hauke Hintz ist überzeugt, dass das geht. Er steht neben seinem einem Hektar großen Blütenmeer, voller gelber Sonnenblumen, weißer Buchweizenblüten, blauer Kornblumen und orangefarbener Ringelblumen. Die bunte Wiese fällt auf zwischen den einheitlich bepflanzten Feldern rundherum. „Das ist der erste Sommer, aber die Wiese ist schon sehr gut besucht von Insekten“, sagt Hintz. Und auch andere Tiere werden angelockt: „Gleich nach dem Anlegen hatten wir hier die ersten Rehkitze, die die Wiese als Rückzugsort genutzt haben.“ Hier, beim schleswig-holsteinischen Kleve, hat Hintz auf einer Fläche von 10.000 Quadratmetern ein kleines Paradies geschaffen: Wo andernorts die Artenvielfalt verdrängt wird, bietet seine Wiese vielen Tieren ein reiches Buffet und neuen Lebensraum.

Das macht Bauer Hintz nicht alleine: Unterstützt wird er von Lesern des Greenpeace Magazins, die mit ihrem Abonnement Patenschaften für die Blühflächen übernommen haben. Seit März 2017 kooperiert das Greenpeace Magazin mit dem Netzwerk Blühende Landschaft, um mit dem Projekt „BienenBlütenReich“ einfaches Ackerland in wertvolle Biotope zu verwandeln. Für jedes neu abgeschlossene oder verschenkte Abonnement unterstützt das Greenpeace Magazin Hauke Hintz in seinen Bemühungen, die Biodiversität zu retten.

„Immer wieder kommen Landwirte auf mich zu und fragen: Wat hes du denn dor?“, sagt Hintz. Viele seiner Kollegen interessierten sich für den Erhalt der Artenvielfalt, doch jeder sei wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. „Wenn man Kredite abbezahlen und eine Familie ernähren muss, dann finden nur wenige Zeit und Muße für solche Artenschutzprojekte“, sagt er. Mehr Förderungen könnten einen Umbau der Landwirtschaft beschleunigen, sagt Hintz. „Wer die Artenvielfalt erhalten will, der sollte es sich nicht so einfach machen und nur auf die Bauern schimpfen – am Ende sitzen wir ja alle in einem Boot“, sagt er.

Um mehr Menschen für die Wiesenpracht zu begeistern, lädt Hauke Hintz Interessierte nächste Woche zu einem Sommerabend im Grünen ein: Am 3. August 2017 um 18 Uhr erwartet er in der Hauptstraße 2 in 25594 Nutteln/Kleve Bienen- und Hummelfreunde, die mit ihm gemeinsam die Artenvielfalt in Augenschein nehmen wollen. Die Naturgartenplanerin Barbara Stark vom Netzwerk Blühende Landschaft wird den Besuchern die ökologischen Zusammenhänge der Blumenwiese nahebringen und ihnen Tipps geben, wie sie selbst zum Artenschützer werden können. Außerdem ist der ortsansässige Imker Thomas Herbst mit von der Partie, der die Fragen der Besucher aus Sicht der Imkerinnung beantworten kann. Wenn Sie also in Norddeutschland wohnen oder gerade in Schleswig-Holstein Urlaub machen – dann kommen Sie doch mit auf den Acker!

Wir kooperieren seit März 2017 mit dem Netzwerk „Blühende Landschaft“: Hier können Sie ein Greenpeace-Magazin-Abo abschließen oder verschenken, um damit Ackerland in eine insektenfreundliche Blumenwiese zu verwandeln.

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Artenschutz26.Jul 2017

Neue Polizei-Methode: Ein Puder soll den Elfenbeinschmuggel eindämmen

Weil illegaler Elfenbeinhandel und Wilderei florieren, sinkt die Zahl der Afrikanischen Elefanten dramatisch. Forscher in England haben jetzt ein neues Puder entwickelt, mit denen Fahnder den Tätern auf die Schliche kommen können.

Die Methode gehört zum Standardrepertoire von Polizisten: Mit einem kleinen magnetischen Stab tragen sie feinstes Puder auf Gegenstände auf, um anschließend mithilfe einer Folie Fingerabdrücke sichtbar zu machen. Doch mit Elfenbein funktionierte das bislang nur bedingt – zu uneben und porös ist die Oberfläche, ungeeignet für herkömmliches Puder. Viele Details konnten damit nicht sichtbar gemacht werden, nach nur zwei bis drei Tagen waren Fingerabdrücke vollkommen unbrauchbar.

Nun soll ein neu entwickeltes Puder die detaillierte Erkennung von Fingerabdrücken ermöglichen – und das auch noch 28 Tage, nachdem Wilderer, Zwischenhändler oder Verkäufer die Stoßzähne in den Händen hatten. Ein Forscherteam des King’s College London hat das Puder entwickelt, in enger Zusammenarbeit mit dem Metropolitan Police Service und dem International Fund for Animal Welfare (IFAW). Den Anstoß gab der Londoner Polizist Mark Moseley, der zwei Jahre lang an einer effektiven Methode gefeilt hatte. Die Neuheit: Die Partikel sind mit nur vierzig Mikrometern Durchmesser ultrafein und überdies magnetisch. Das Puder erlaubt es, detailliertere Fingerabdrücke auf Elefantenstoßzähnen sichtbar zu machen. „Es ist ein großer Schritt und wird in Zukunft helfen, weltweite Schmugglernetzwerke zu zerstören“, hofft David Cowdrey, 49, Kampagnenchef der Nichtregierungsorganisation IFAW, der das Projekt begleitet hat. 

Im letzten Jahr haben Ermittler das neue Puder erstmals bei einem großen Elfenbeinfund am Flughafen Heathrow eingesetzt. Interpol sowie die Polizei in Frankreich und in Malawi haben erste Puder-Ausrüstungen erhalten. In Kenia arbeiten Polizisten seit sechs Monaten mit dem Puder – und konnten dank ihm bereits 15 Schmuggler und Wilderer festnehmen. Fünf von ihnen entpuppten sich sogar als Leute aus den eigenen Reihen. „Sie alle haben sich bislang ziemlich sicher gefühlt“, sagt Cowdrey, „das ist jetzt vorbei.“ Schmuggler, deren Fingerabdrücke auf den Stoßzähnen gefunden werden, können aufgrund dieses Beweises verurteilt werden. Weitere Pluspunkte: Eine Puderdose, die für 2500 Anwendungen reicht, kostet gerade mal sechs Euro, und Polizisten oder Ranger können in nur einer Stunde lernen, wie das neue Puder anzuwenden ist. Die kenianische Polizei hat nach den ersten erfolgreichen Einsätzen gleich 15 weitere Sets bestellt.

IFAW

David Cowdrey von der Organisation IFAW ist davon überzeugt, mit dem neuen Puder vor allem Mittelsmännern des internationalen Schmuggelgeschäftes das Handwerk legen zu können. Foto: IFAW

Stefan Ziegler, 50, Artenschutzbeauftragter beim WWF, sieht das neue Puder zwar als einen wichtigen Mosaikstein zur Bekämpfung des Elfenbeinhandels. Doch befürchtet er: „Die neue Methode wird sich irgendwann in Schmugglerkreisen herumsprechen, viele werden dann Handschuhen benutzen.“ Cowdrey, der die Szene seit Jahren beobachtet, ist sich hingegen sicher: „Die wenigsten benutzen Handschuhe. Und das wird sich in Zukunft so schnell nicht ändern."

Der Kampf gegen den illegalen Elfenbeinhandel ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn in 18 Ländern Afrikas ist die Zahl der Afrikanischen Elefanten zwischen 2007 und 2014 um fast ein Drittel zurückgegangen – von knapp einer halben Million auf rund 350.000 Tiere. Zwar ist der Handel mit Elfenbein seit 1989 international verboten. Doch seit einigen Jahren sind Wilderei und Elfenbeinschmuggel wieder dramatisch angestiegen. Dass das Verbot nicht wirkt, liegt vor allem daran, dass sich vor allem in asiatischen Ländern eine große Menge illegales Elfenbein unter die legale Ware mischt. Hierfür werden Stoßzähne und Elfenbeinprodukte, die weit jünger sind als 28 Jahre, als antike Stücke verkauft – für die in den meisten Ländern bislang kein Verkaufsverbot gilt. Das Internet mit seinen anonymen Verkaufs- und Ankaufmöglichkeiten, Korruption sowie unzureichende Kontrollen in den Herkunftsländern wie Kenia oder Tansania trieben den Handel in den letzten Jahren zusätzlich an.

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Das Set mit dem innovativen Puder ist günstig, nach nur einer Stunde Training kann man die ersten Stoßzähne untersuchen. Foto: IFAW

Damit weniger Elefanten getötet werden, sollten sich vor allem zwei Dinge ändern, sagt Ziegler: „Bei potenziellen Käufern muss das Bewusstsein dafür geschärft werden, wie viele Tiere für ihre Stoßzähne auf grauenvolle Weise getötet werden.“ In Europa und den USA seien viele Menschen dafür längst sensibilisiert, doch in Asien sei Elfenbein als Schmuck und als Material für geschnitztes Kunsthandwerk noch immer sehr beliebt. Und zweitens müsse der Elfenbeinhandel besonders in Asien komplett verboten werden. „Gibt es einen legalen Markt, ist das immer ein Schlupfloch für illegale Ware“, sagt der Artenschutzexperte.   

Doch einen Hoffnungsschimmer für die noch lebenden Elefanten gibt es: China hat vor kurzem angekündigt, den Handel mit Elfenbein zum Ende des Jahres komplett zu verbieten. Der Preis für ein Kilo Elfenbein ist danach auf 700 Dollar gefallen – Ende 2016 bekamen Händler noch 2000 Dollar dafür. David Cowdrey findet, dass solche Verbote und eine harte Verfolgung der Täter Hand in Hand gehen müssen. Sein Ziel ist es deshalb, in Zukunft eine afrikaweite Datenbank aufzubauen, in der die Fingerabdrücke von Wilderern, korrupten Polizisten und anderen Zwischenhändlern erfasst werden. „Nur so können die internationalen Schmugglerringe langfristig gesprengt werden“, sagt er.

Hanna Gieffers

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Rückzug aus dem Bundestag24.Jul 2017

„Die Große Koalition hätte sich das Agrarministerium sparen können“

Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik und Tierschutz der Fraktion Bündnis 90/Grüne, hat mit 36 Jahren bereits zehn Jahre Bundestag hinter sich. Nun will sie aufhören – auch weil sie frustriert ist vom Mangel an Gestaltungsmöglichkeiten in der Opposition.

Frau Maisch, Sie sind mit 25 Jahren in den Bundestag eingezogen. Wie hat sich das angefühlt zwischen all den alten Herren?

Nicole Maisch: Gelegentlich war das eine Herausforderung. Einmal wurde ich am Eingang des Plenarsaals abgewiesen, und man sagte mir, dass Praktikanten doch bitte auf der Besuchertribüne Platz nehmen sollten. Das hat sich aber schnell gelegt.

Nach zehn Jahren haben Sie genug vom Bundestag. Weshalb?

Es tut einer Demokratie gut, wenn es Wechsel gibt. Ich bin mit 25 Jahren in den Bundestag gekommen und halte es nicht für sinnvoll, bis zur Rente da zu sitzen. Und ich muss sagen: Immer nur Oppositionsarbeit zu leisten, unter drei verschiedenen Regierungen, das war bisweilen schon hart. Denn in der Opposition zu arbeiten, heißt auch, Dinge nicht umsetzen zu können, die eigentlich dringend angegangen werden müssten. Es war für mich in den letzten Jahren frustrierend zu sehen, dass sich weder im Naturschutz noch in der Landwirtschaft etwas tut. Ich habe jetzt mehr Lust, irgendetwas zu machen, wo der Gestaltungsspielraum größer ist.

Was hat sie als junge Frau dazu veranlasst, in die Politik zu gehen?

Der Umweltschutz war die Triebfeder. Ich wollte etwas verändern. Als ich in die Partei eingetreten bin, war sie in der Regierung. Das war eine große Motivation, weil ich sah, dass man da viel bewegen kann.

Grünen-Politikerin Nicole Maisch war über zehn Jahre Mitglied im Bundestag. Sie ist sich sicher: „Es braucht die Grünen mehr denn je.“ Foto: dpa

Haben Sie das Gefühl, dass sie etwas bewegt oder verändert haben?

Ja, das denke ich schon. Ein Highlight war unser Erfolg mit dem Onlineportal „Marktwächter“, einem Frühwarnsystem für Verbraucherzentralen, das auf der Partizipation der Bevölkerung basiert. Wir waren die ersten, die das im Bundestag gefordert haben, mittlerweile ist es umgesetzt worden und mit vielen Millionen im Haushalt hinterlegt. Sehr befriedigend ist auch, dass wir die Agrarwende als neues großes Umweltthema etablieren konnten, neben dem Klimawandel und der Energiewende, die auch andere Parteien besetzen. In diesem Bereich haben wir die politische Deutungshoheit gewonnen. Trotzdem wird ständig darüber diskutiert, wozu man die Grünen nach dem Atomausstieg noch braucht – aber das ist Quatsch. Es braucht die Grünen mehr denn je. Unzufrieden macht mich allerdings der Gedanke daran, was wir alles hätten erreichen können, wenn wir eine Mehrheit gehabt hätten, die unsere Ideen zumindest zum Teil mitträgt. Viele Kompromisse wären dann besser ausgefallen. Wir schauen schon zu lange von der Seitenlinie aus zu und können teilweise nur fassungslos den Kopf schütteln.

Worüber zum Beispiel?

Vor allem über die Agrarpolitik. Wir brauchen eine Strategie, wie wir aus den Pestiziden langfristig aussteigen und kurzfristig den Gifteinsatz deutlich reduzieren können. Sonst kriegen wir das Artensterben, die zweite große Umweltkatastrophe neben dem Klimawandel, nicht in den Griff. Wir schauen zu, wie unsere ländlichen Räume veröden, Allerweltsarten aussterben. Zweitens brauchen wir einen Ausstieg aus der industriellen Massentierhaltung, aber auch da hat sich gar nichts getan. Das Schlimme ist: Das sind alles Transformationsprozesse, die nicht von heute auf morgen funktionieren. Was wir jetzt versäumt haben, wird uns in wenigen Jahren einholen. Das gilt auch für den Ökolandbau. Auf all diesen Feldern hat Herr Schmidt, der Bundesagrarminister, nichts getan. Da hätte sich die Große Koalition das Landwirtschaftsministerium ebenso gut sparen können.

Wie begeistert man denn die Bauern und die Bauernverbände für eine Agrarwende?

Mit Geld. Natürlich auch über eine gesellschaftliche Diskussion, denn viele Landwirte sind ja bereit, etwas zu machen. Aber am Ende sind das Unternehmer, und die tun, was sich rechnet. Letztlich brauchen wir die Milliarden aus den europäischen Töpfen, um den ökologischen Umbau zu leisten. Das Geld muss nur in andere Kanäle fließen. Statt in Flächenprämien sollte es den gesellschaftlich gewünschten Leistungen folgen – nämlich dem Wunsch nach Tierschutz und gesundem Essen.

Ein Landwirt in Brandenburg bringt Maissaat aus. Foto: dpa

Als Sie 2007 in den Bundestag einzogen, erschien der vierte Bericht des UN-Klimarates, dann kam die Katastrophe von Fukushima, inzwischen hat die Welt das Pariser Klimaabkommen beschlossen. Hilft es eigentlich eher dabei grüne Politik zu machen, wenn Umweltthemen im Fokus stehen, oder kann es auch kontraproduktiv sein?

In meine Zeit im Bundestag fiel eine ganze Reihe wichtiger Ereignisse, das stimmt. Ich habe dann oft gedacht, wie schön es jetzt wäre, mal nicht nur in der Opposition zu sein. Wenn da jetzt einfach mal jemand im Umweltministerium sitzen würde, der eine ganz andere Agenda hat als Frau Hendricks oder Herr Schmidt im Agrarministerium. Grundsätzlich hilft es aber natürlich, wenn solche Themen laut und häufig diskutiert werden.

Es führt aber auch dazu, dass andere Parteien diese Themen ebenfalls besetzen und die Grünen sich schwer tun, sich abzugrenzen. Ist das ein Grund dafür, dass es für die Grünen im Wahlkampf noch nicht so gut läuft?

Ich sehe gar nicht, dass eine andere Partei Umweltthemen besetzt. Wer Christian Schmidt zum Agrarminister macht, der zeigt allen Leuten, die für Arten- und Tierschutz oder gesundes Essen arbeiten, ganz deutlich die Arschkarte. Die SPD ist aber nicht viel besser: Als ich anfing, war Sigmar Gabriel, damals Umweltminister, mit der Kanzlerin auf dem Polarmeer und der „Klima-Onkel“. Als Wirtschaftsminister hat er das alles wieder vergessen und einen auf Kohlepatron gemacht. Und Frau Hendricks twittert immer mal eine schöne Bauernregel, aber Umweltpolitik habe ich in den vergangenen Jahren nicht viel gesehen. Ich glaube einfach, dass die Mehrheit der Bevölkerung andere Themen als dringender wahrnimmt. Es gibt global eine Fülle von Krisenherden, die immer näher an uns heranrücken. Unser Versäumnis ist es, nicht noch deutlicher zu machen, dass viele dieser Krisen direkt mit Ökofragen zu tun haben. Wir müssen deutlicher erklären, warum so viele Menschen aus Afrika hierher kommen, dass es auch damit zu tun hat, dass wir lokale Wirtschaftsstrukturen mit unserer europäischen Agrarpolitik untergraben.

Hat ihr Rückzug aus dem Bundestag auch mit dem fehlenden Glauben daran zu tun, dass die Grünen wieder Teil der Regierung werden könnten?

Nein. Ich habe darüber auch schon nachgedacht, und Freunde haben mir dieselbe Frage gestellt. Es hat eher damit zu tun, dass es nach mehr als zehn Jahren einfach an der Zeit ist, etwas anderes zu sehen. Ich bin gar nicht so pessimistisch, dass wir es schaffen, eine Regierungskoalition hinzukriegen. Das Rennen ist ja noch völlig offen. Alle bis auf die CDU und die Linke haben signalisiert, dass sie irgendwie miteinander können. Ich glaube, es wird sehr spannend im September.

Können Sie sich denn eine Rückkehr vorstellen?

Auf jeden Fall, sehr gut sogar. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Jahren viel dazu lerne, um dann dem Parlament noch ganz andere Qualitäten bieten zu können als jetzt. Da habe ich sogar große Lust drauf.

Was tun sie als nächstes?

Ich hoffe, dass ich einen Job finde, bei dem ich ganz konkret am ökologischen Umbau mitarbeiten kann. Was genau das sein wird, weiß ich jetzt aber noch nicht. Ich bin aber zuversichtlich, dass mich jemand braucht.

Bastian Henrichs

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Urlaub21.Jul 2017

Urlaubsplanung: Wie nachhaltiges Reisen funktionieren kann

Wer im Alltag schon auf die Umwelt achtet, für den sind nachhaltige Urlaube erst recht interessant. Wir haben Tipps zusammengestellt, wie die schönste Zeit im Jahr auch eine gute Zeit für Natur und Menschen im Reiseland werden kann.

Die Vereinten Nationen haben 2017 zum „Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus“ ausgerufen. Und einer Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zufolge würde knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung ihren Urlaub gerne umwelt- und sozialverträglich gestalten. Grund genug, sich Gedanken darüber zu machen, wie sich die eigenen Urlaubspläne so gestalten lassen, dass die schönste Zeit im Jahr auch eine gute Zeit für die Umwelt und Menschen im Resieland werden kann.

Was bedeutet nachhaltiges Reisen?

Laut der Weltorganisation für Tourismus der UN (UNWTO) orientiert sich nachhaltiger Tourismus an drei Grundsätzen: umweltfreundliches Handeln wie zum Beispiel ein minimaler Gebrauch von Plastik, der Schutz von Natur- und Kulturerbestätten und die Unterstützung von Angestellten vor Ort. Reisen sollten demnach ökologisch tragbar, wirtschaftlich fair und sozial verträglich sein. Die Frage bleibt, wie das konkret aussieht und ob diese Grundsätze bei der An- und Abreise oder der Buchung der Unterkunft berücksichtigt werden können.

Wohin soll ich fahren?

An den Strand, in die Berge oder doch in eine spannende Stadt reisen? Wer einen Urlaub plant, hat die Qual der Wahl. Die umweltfreundlichste Variante: Ein Reiseziel wählen, das in der Nähe des Wohnortes liegt und das mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist. Ist das nicht möglich, so gilt die Maxime: Lieber einmal lange weg als häufig kurze Reisen. Wer Fernreisen mag, dem kann die gemeinnützige Organisation „Ethical Traveler“ Orientierungshilfe geben. Jedes Jahr veröffentlicht sie eine Übersicht von zehn exotischen Ländern, die sich im Jahr zuvor ethisch besonders korrekt verhalten haben. Auf der aktuellen Liste stehen: Belize in Zentralamerika, die Inselgruppe Cabo Verde vor der Küste Westafrikas, Chile, Mongolei oder Tonga, ein Inselstaat im Südpazifik. Bei der Wahl des Urlaubsortes kann man auch auf Siegel wie die „Blaue Flagge“ achten. Sie wird an Strände und Häfen verliehen, die durch exzellente Wasserqualität und gutes Umweltmanagement punkten.   

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Radfahren in Chile – laut „Ethical Traveler“ eines der ethisch korrektesten Reiseziele. Die CO2-Emissionen des Fluges kann die Umweltorganisation "Atmosfair" kompensieren. Foto: picture alliance/robertharding

Wie kann ich verreisen?

Besonders klimaschädlich ist laut UNWTO das Fliegen – 40 Prozent des CO2-Ausstoßes im weltweiten Tourismus entfallen auf diese Art der Fortbewegung. Danach folgen mit 23 Prozent die Anreise mit dem Auto. Bus und Bahn sind am umweltfreundlichsten. Gibt es keine Alternative zu einer Flugreise, kann man mit der Umweltorganisation „Atmosfair“ die Treibhausgasemissionen von Flügen oder Hochseekreuzfahrten ausgleichen. Passagiere zahlen dafür freiwillig einen von ihren Emissionen abhängigen Klimaschutzbeitrag, den die Organisation dazu verwendet, erneuerbare Energien in Entwicklungsländern auszubauen.

Wo kann ich wohnen?

Fast jede Hotelkette versucht mittlerweile ihre Gäste darauf hinzuweisen, dass die Handtücher nicht mehr täglich gewechselt werden müssen. Wem das viel zu wenig ist, der kann sich an verschiedenen Nachhaltigkeits-Gütesiegeln für Hotels und Ferienwohnungen orientieren. Zum Beispiel am „Grünen Schlüssel“, vergeben von der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung. Oder am „TourCert-Siegel“ oder der Zertifizierung vom „Global Sustainable Tourism Council“. Möchte man in den Alpen Urlaub machen, kann man bei der Auswahl der Unterkunft das Umweltgütesiegel für Alpenvereinshütten berücksichtigen.

Wer bietet mir nachhaltige Komplettpakete an?

Sie möchten eine Reise aus einer Hand? In den letzten Jahren haben sich immer mehr Veranstalter auf nachhaltige Urlaube spezialisiert. Im „Forum Anders Reisen“ haben sich über 130 solcher Anbieter zusammengeschlossen. Im Angebot stehen dort nachhaltige Safaris in Südafrika, Aufenthalte auf einem Biohof in der französischen Normandie oder eine Radtour durch China. Urlaube ohne in den Flieger zu steigen, bietet die Plattform „BUND-Reisen“ an. Sie arbeitet eng mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz zusammen und bietet Dolomiten-Wanderungen, Touren in die baltischen Nationalparks oder Reisen zum Vogelzug auf die Insel Pellworm an. Diese spezialisierten Anbieter garantieren ein Komplettpaket an guter Zeit – für den Urlauber und das Reiseland.

Hanna Gieffers

Mehr zum Thema nachhaltiges Reisen finden Sie in unserer Ausgabe des Greenpeace Magazins aus dem Februar 2016. Unsere Reporterin Svenja Beller wanderte eine Woche planlos durch den Harz, unser Autor Andreas Weber postulierte: „Das Glück ist dort, wo wir uns die Zeit nehmen es zu finden“.

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