bundestagswahl24.Mai 2017

Eckpunkte des SPD-Wahlprogramms: Das hat die Partei im Bereich der Umweltpolitik vor

Es hat ein paar Tage gedauert, bis der Leitantrag des SPD-Vorstands zum Wahlprogramm nach der Pressekonferenz auf der Webseite der Partei stand. Erst mussten noch ein paar allzu ehrgeizige umweltpolitische Ziele der ersten Textfassung korrigiert werden. Spitzenkandidat Martin Schulz zieht nun mit einem wenig zukunftstauglichen Konzept in den Wahlkampf.

„Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler”, lautete die Entschuldigung, die man dieser Tage immer wieder aus der Berliner Zentrale der SPD hörte. Tatsächlich ist im Willy-Brandt-Haus zuletzt einiges schief gelaufen. Nach dem misslungenen Auftakt bei den Landtagswahlen im Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, die allesamt für die SPD verloren gingen, legte die Parteiführung zum Wochenbeginn einen veritablen Stolperstart in den Bundestagswahlkampf hin.

Eine für Montag anberaumte Pressekonferenz wurde erst abgesagt, fand dann doch statt – allerdings ohne den Spitzenkandidaten Martin Schulz. Und wer danach in der Zentrale nach dem dort präsentierten Leitantrag für das Regierungsprogramm fragte, wurde in den Tagen darauf immer wieder vertröstet. Es müssten noch einige Fehler und Ungenauigkeiten ausgemerzt werden, hieß es zu Erklärung.

Fast alle umweltpolitischen Ambitionen sind verschwunden

Erst seit Mittwochvormittag steht der gesamte Leitantrag des SPD-Vorstands zum Regierungsprogramm auf der Webseite der Partei. Und damit ist nun auch erkennbar, welchen Kurs die SPD einschlagen würde, wenn es nach dem verbockten Anfang am Ende doch für einen Wahlsieg reichen würde.

Wer sich um den Schutz der Ressourcen, der Artenvielfalt oder des Klimas sorgt, sollte sich allerdings überlegen, ob er der SPD im September seine Stimme geben möchte. Denn nach dem Hickhack der vergangenen Tage sind aus dem Leitantrag fast alle umweltpolitisch ambitionierten Ziele verschwunden. Geblieben ist nur ein müdes „Weiter so“, das viel Rücksicht auf die traditionell sozialdemokratische Klientel in der konventionellen Energiebranche und im Kohlebergbau nimmt.

SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz soll erkennbarer werden. In der Umweltpolitik war bislang wenig von ihm zu sehen. Foto: dpa

So hatten sich die Sozialdemokraten im Entwurf des Leitantrags vom 15. Mai 2017 noch zum Ziel gesetzt, den Ausstoß von CO2 in Deutschland bis 2020 im Vergleich zu 1990 um mindestens 40 Prozent zu senken, bis 2050 um 80 bis 95 Prozent. Das bedeute, vollständig von fossilen Energien auf erneuerbare Energien umzusteigen, hieß es dort noch. Der nun vorliegende Entwurf bleibt nach den Korrekturen des SPD-Parteivorstands vage: „Bis 2050 wollen wir weitestgehend Treibhausgasneutralität erreichen.“ Vom Ausstieg aus der Kohle ist keine Rede mehr.

Keine klaren Zielvorgaben für Unternehmen und Verbraucher

„Wir werden ein nationales Klimaschutzgesetz erarbeiten“, postulierte man noch forsch in der ersten Fassung des Leitantrags. Und dieses Gesetz werde Ziele für alle klimarelevanten Sektoren enthalten. Nach der Überabeitung würde eine SPD-geführte Bundesregierung erstmal einen „Dialog mit den Unternehmen, den Gewerkschaften und den Beschäftigten in den betroffenen Sektoren führen“. Die Ergebnisse dieses Dialoges sollten im Rahmen eines nationalen Klimaschutzgesetzes umgesetzt werden. Konkret bedeutet das: mit klaren Zielvorgaben will man Unternehmen und Verbraucher lieber nicht belasten.

Auch von einem CO2-Mindestpreis, der finanzielle Anreize zur Verminderung klimaschädlicher Emissionen schaffen würde, haben sich die SPD-Oberen im Zuge der Überarbeitung des Leitantrags verabschiedet. Statt der klaren Forderung im Entwurf ist nun nur noch von „Verhandlungen für die Vereinbarung von CO2-Mindestpreisen auf europäischer Ebene“ die Rede. Und die sollen erst geführt werden, wenn der Emissionshandel seine Funktion als Klimaschutzinstrument nicht erfüllen kann.

„Diese Ignoranz beim Klimaschutz schadet dem Klima​“

Umweltschützer sind enttäuscht vom umweltpolitischen Programm der SPD, das mit den anderen Punkten des Leitantrags am 25. Juni von einem außerordentlichen Parteitag abgesegnet werden soll. Tobias Austrup, Politischer Referent für die Energie- und Verkehrswende bei Greenpeace, macht auch wirtschaftspolitische Bedenken geltend:  „Wenn die SPD die deutsche Wirtschaft modernisieren will, muss sie auch ihre Umweltpolitik fortschrittlicher gestalten.“ Im Leitantrag fänden sich weder der Kohleausstieg, noch der Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor oder eine Agrarwende. „Diese Ignoranz beim Klimaschutz schadet dem Klima und sie schadet all jenen Unternehmen, die auf dem boomenden Zukunftsmarkt nachhaltiger und sauberer Technik mitspielen wollen“, warnt Austrup.

Matthias Lambrecht

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Import von Soja23.Mai 2017

Für das Fleisch auf unserem Teller holzen US-Agrarriesen Regenwälder ab

Die Umweltschutzorganisation „Mighty Earth“ hat die Abholzung von Regenwäldern in Brasilien und Bolivien für den Anbau von Soja aufgedeckt. Verantwortlich dafür seien die US-Agrarkonzerne Bunge und Cargill. Da deutsche Unternehmen zu den führenden Soja-Importeuren gehören, müssten sie sich für ein Ende der Rodungen stark machen, fordern die amerikanischen Umweltschützer. 

Es ist, als ob der Schwarzwald binnen eines halben Jahrzehnts all seiner Bäume beraubt würde: 6500 Quadratmeter groß ist die Regenwaldfläche in der zentralbrasilianischen Savanne, die allein zwischen 2011 und 2015 abgeholzt wurde, um Platz für den Futtermittelanbau zu schaffen. Vor allem Soja wird auf den gerodeten Flächen gepflanzt – die Basis für Viehfutter, das auch nach Deutschland exportiert wird. Rinder, Schweine oder Hühner werden damit aufgezogen. Sie liefern Milchprodukte, Eier und Fleisch, die auf unseren Tellern landen.

Futtermittelhändler bieten finanzielle Anreize für die Rodung

Die US-amerikanische Umweltorganisation Mighty Earth hat die Abholzung tropischer Ökosysteme in der brasilianischen Savanne und im bolivianischen Amazonasbecken mit Hilfe von Satellitenüberwachung und Recherchen vor Ort aufgedeckt und dazu eine Studie veröffentlicht. Vor allem zwei US-Agrarriesen treiben die Abholzung in diesen Regionen voran, trotz anderslautender Beteuerungen und Selbstverpflichtungen: Bunge, eines der größten Handels- und Verarbeitungsunternehmen von Öl- und Getreidesaaten, und Cargill, ein Mischkonzern, der sowohl mit Getreide als auch mit Vieh und verarbeiteten Lebensmitteln handelt. Diese Konzerne unternehmen nicht genug, „um die erhebliche Abholzung in der Region zu verhindern, in denen sie tätig sind“, analysieren die Umweltschützer von Mighty Earth. In vielen Fällen böten sie sogar finanzielle Anreize, um die Landwirte vor Ort zu weiteren Rodungen anzuspornen.

Dabei hat Cargill vor drei Jahren zusammen mit anderen Firmen die „New York Declaration on Forests“ unterzeichnet und sich verpflichtet, die Abholzung von Regenwäldern bis 2030 zu beenden. Dass den Versprechen des Unternehmens keine Taten folgen, hatte auch schon die Kampagnenorganisation „Facing Finance“ festgestellt. In einem 2014 veröffentlichten Bericht warfen sie dem US-Konzern vor, sich viel zu wenig gegen die Abholzung des Regenwaldes und gegen Kinder- und Zwangsarbeit auf Palmöl-Plantagen zu engagieren.

Dagegen erklärten Cargill und Bunge gleichermaßen, dass Mighty Earth die Beteiligung der beiden Konzerne an der Abholzung überzeichne. „Ein Unternehmen allein kann dieses Problem nicht lösen”, sagte Bunge-Manager Steward Lindsay der „New York Times“. Er forderte stattdessen ein gemeinsames Vorgehen der Firmen sowie mehr Kontrollen und Transparenz. Bunge habe bereits Millionen Dollar in die nachhaltige Nutzung landwirtschaftlicher Flächen investiert. Die New Yorker Erklärung zum Waldschutz hat Bunge nicht unterzeichnet.

Cargill-Chef David MacLennan kündigte dagegen eine genaue Prüfung der Vorwürfe an. Wenn diese zuträfen, sei das „nicht akzeptabel“. Cargill habe sich verpflichtet, die Entwaldung zu beenden und werde sein Versprechen auch halten. Insider bezweifeln das: Der Anreiz sei groß, durch eine Ausdehnung der Anbauflächen das Angebot zu erhöhen und damit die Sojapreise niedrig zu halten.

Wo eben noch Urwald stand, werden – wie hier im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso – Sojaplantagen angelegt. Foto Lunae Parracho/Greenpeace

Moratorium gegen die Abholzung am Amazonas sollte als Vorbild dienen

Für Mighty-Earth-Chef Glenn Hurowitz ist es tragisch und vollkommen unnötig, dass Regenwälder weiterhin dem Sojaanbau weichen müssen. In den brasilianischen Amazonas-Regenwäldern sei es schließlich dank eines Moratoriums binnen zehn Jahren gelungen, die Sojaproduktion in diesem Gebiet durch eine effizientere Bewirtschaftung bereits zur Verfügung stehender Ackerflächen zu erhöhen und die Rodung fast vollständig zu stoppen. Umweltschutzorganisationen, darunter Greenpeace, hatten damals Druck auf die Sojaproduzenten gemacht, die 2006 das Moratorium mit Vertretern aus Politik und Nichtregierungsorganisationen vereinbart hatten. Dieses Beispiel sollte auch für andere Regionen als Vorbild dienen, fordert Hurowitz.

Selbst große Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé, Unilever, McDonald's, Mars und Kellogg’s haben Cargill und Bunge aufgefordert, kein Soja mehr auf frisch abgeholzten Flächen anzubauen. Die US-amerikanischen Umweltschützer sehen aber auch die hiesigen Verbraucher und Unternehmen in der Verantwortung: „Deutschland ist ein führender Importeur von Soja aus Südamerika und kann sich daher mit kraftvoller Stimme für bessere Umweltpraktiken bei Produkten einsetzen”, heißt es in dem Bericht von Mighty Earth.

Kontrolle der Anbaubedingungen von Soja bei deutschen Abnehmern noch lückenhaft

Eine Umfrage des Greenpeace Magazins unter den führenden Fleischproduzenten und Lebensmittelhandelsketten in Deutschland zeigt, dass es zwar erste Ansätze zur nachhaltigen Beschaffung von Soja als Futtermittel, aber auch noch viel Raum für Verbesserungen gibt. 

Die Fleischproduzenten Tönnies und Westfleisch beantworteten die Fragen des Greenpeace Magazins nicht. Lediglich Aldi Nord und Aldi Süd teilten mit, dass sie keinerlei unmittelbare Geschäftsbeziehung zu Cargill und Bunge unterhalten. Man habe als Einzelhändler aber nur „sehr bedingten Einfluss auf sämtliche Akteure zu Beginn der Wertschöpfung“, räumte Aldi Süd ein. Dort werde gerade an der Einkaufspolitik für Soja und Futtermittel gefeilt, um „den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen auch im Hinblick auf die Anbaufläche als Kriterium künftiger Lieferverträge zu etablieren“. Wie und nach welchen Kriterien die Herkunft der Futtermittel kontrolliert werden soll, konnte das Unternehmen aber noch nicht sagen.

Aldi Nord hat festgelegt, Frischfleisch aus Brasilien nur von Schlachtbetrieben zu beziehen, die sich dem sogenannten Rinder-Abkommen angeschlossen haben. Damit könne eine Verbindung zur Entwaldung im Amazonas ausgeschlossen werden. Der Discounter gab zudem an, gemeinsam mit Lieferanten, relevanten Anspruchsgruppen und externen Experten nach weiteren Möglichkeiten zu suchen, damit „das von uns genutzte Soja nicht zur Abholzung der Regenwälder beiträgt“.

Rewe, Lidl und Edeka machten keine Angaben zu möglichen Geschäftsbeziehungen mit Cargill oder Bunge. Rewe teilte mit, künftig verstärkt eiweißreiche Futtermittel aus Europa beziehen zu wollen und deshalb etwa den gentechnikfreien Sojaanbau im Donauraum zu fördern. Lidl ist nach eigenen Angaben bestrebt, das Angebot an gentechnikfreien Lebensmitteln stetig auszuweiten und konsequent auf zertifiziert nachhaltiges Soja zu setzen. Maßgeblich dafür sei der „ProTerra-Standard Soja“, wonach Wälder und Gebiete mit hohem Schutzwert seit 2004 nicht in Anbauflächen für Soja umgewandelt werden dürfen. Edeka erklärte, bei Eigenmarken auf die Beschaffung von europäischen Futtermitteln und auf nachhaltigeres, gentechnikfreies, zertifiziertes Soja umzustellen. Zudem setze sich das Unternehmen bei allen Produkten für eine gentechnikfreie Nutztierfütterung sowie die Schonung von Umwelt und Ressourcen beim Futtermittelanbau ein und engagiere sich für eine weitere Verbesserung der Zertifizierungsstandards. 

Die Metro Group hat sich als Mitglied des Consumer Goods Forum (CGF) verpflichtet, die Regenwälder zu schützen und bis 2020 die Abholzung zu beenden. Richtlinien zur nachhaltigen Beschaffung von Palmöl, Holz und Papier gibt es bei Metro bereits. An einer Einkaufsrichtlinie für Soja und einem Maßnahmenkatalog zur Kontrolle der Herkunft der Futtermittel in der Lieferkette wird noch gearbeitet. Dass Cargill und Bunge als weltweit führende Futtermittelhersteller an Fleischproduzenten liefern, deren Produkte in den Metro-Märkten landen, kann das Unternehmen daher nicht ausschließen. Man hoffe aber auf einen „intensiven Dialog“ mit Cargill im Rahmen des CGF.

Auch die Fleischhersteller Vion und PHW wollten die Frage nach dem Bezug von Futtermitteln von Cargill oder Bunge nicht beantworten. Die PHW-Gruppe, die etwa Geflügelfleisch unter der Marke Wiesenhof vertreibt, hat die unternehmenseigene Futtermühle zertifizieren lassen. Zu einer der Kernanforderungen dieser unabhängigen Zertifizierung zähle der verantwortungsbewusste Umgang mit Importfuttermitteln, besonders mit Soja und Sojaprodukten.

Die Vion Food Group, ein internationaler Fleischproduzent mit Produktionsstandorten in den Niederlanden und in Deutschland, gab an, in Zusammenarbeit mit seinen Lieferanten und deren Futtermittelproduzenten seit mehreren Jahren nach „nachhaltigen und verbraucherorientierten Lösungen bezüglich der Zusammensetzung der Futtermittel“ zu suchen. Vion sei zudem Mitglied des „Runden Tischs für verantwortungsvolles Soja“ (Round Table on Responsible Soy, RTRS), der 2006 mit dem Ziel gegründet worden ist, die negativen Umweltauswirkungen des Sojaanbaus durch Mindestanforderungen zu reduzieren und die sozialen Bedingungen für die Arbeiter zu verbessern.

Umweltschutzorganisationen wie Friends of the Earth gehen die RTRS-Kriterien zum Schutz des Regenwaldes nicht weit genug: So sei etwa nicht klar geregelt, wer bestimmt, was ein schützenswerter Urwald ist. Darüber werde zumeist vor Ort befunden und die Entscheidungsträger seien oftmals anfällig für Anreize von Unternehmen, die die betroffenen Waldgebiete bewirtschaften wollen.

Und die Zertifizierung von Soja ist nach Einschätzung von Mighty Earth zwar ein erster Schritt. Doch sei der Marktanteil zertifizierten Sojas bislang nur gering und die Wirkung auf die Lebensmittelindustrie insgesamt sehr überschaubar. „Wir glauben, dass die Unternehmen selbst in der Verantwortung stehen, ihre eigene Lieferkette zu bereinigen und zu einer gemeinsamen, branchenweiten Lösung beizutragen, die die Abholzung vermindert und schließlich beendet", sagt Mighty Earth-Campaignerin Lucia von Reusner. Das bereits existierende Soja-Moratorium für den brasilianischen Amazonas habe sich als das bei weitem wirkungsvollste Instrument erwiesen. „Wir hoffen, dass die deutschen Fleischhersteller und Supermarktketten diese Forderung unterstützen, um diesen Erfolg in anderen Ökosytemen zu wiederholen, die das dringend brauchen.“

Matthias Lambrecht            

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Klimaschutz23.Mai 2017

Klima-Killer Trump kann die Jobs in der Kohleindustrie nicht retten

US-Präsident Donald Trump wollte beim G7-Gipfel auf Sizilien den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen verkünden. Doch er zögert – denn eine Kehrtwende würde auch der amerikanischen Wirtschaft schaden.

„Jobs, Jobs, Jobs!“, hatte US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf immer wieder versprochen. Und er hatte auch gleich ein einfaches Rezept parat, wie sein Ziel zu erreichen sei: mit dem schnellen Ende der Maßnahmen gegen den Klimawandel, den Trump als Erfindung der Chinesen bezeichnete – erdacht um den USA zu schaden.

Bis zum G7-Gipfel, zu dem die Staats- und Regierungschefs der sieben größten Industriestaaten am Freitag im sizilianischen Taormina zusammenkommen, wollte Trump eigentlich die künftige Haltung der USA zum Pariser Klimaschutzabkommen festlegen. Doch die dazu für vergangenen Dienstag anberaumte Vorbereitungssitzung der US-Regierung wurde kurzfristig abgesagt. Der Termin ist damit bereits zum zweiten Mal verschoben worden. Trump wolle sich Zeit nehmen, um eine Entscheidung „im besten Interesse der Vereinigten Staaten“ zu treffen, begründete sein Sprecher Sean Spicer die Verzögerungstaktik.

Trumps Berater streiten über den Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen

Doch US-Medien berichten von einem Streit hinter den Kulissen des Weißen Hauses. Trumps nationalkonservativer Chefstratege Steve Bannon und der neue Chef der Umweltbehörde EPA, Scott Pruitt, fechten ihn mit Präsidententochter Ivanka Trump und ihrem Ehemann Jared Kushner. Bannon und Pruitt sind hartnäckige Leugner der von Menschen gemachten Erderwärmung. Trumps Tochter und ihr Mann gelten als Befürworter des Klimaabkommens.

„America first“ lautet die Devise, die der neue Mann im Weißen Haus auch bei der Energieversorgung verfolgt. Sein erklärtes Ziel ist, die USA unabhängig von Importen zu machen – ohne Rücksicht auf das Klima und die natürlichen Ressourcen. Ob die Deregulierung zugunsten von Öl und Kohle für mehr Wirtschaftswachstum sorgt und wie versprochen neue Jobs schafft oder verloren gegangene Arbeitsplätze zurückholt, ist indes zweifelhaft.

Denn der Ausbau der erneuerbaren Energie wird in den USA wie anderswo in der Welt vorangetrieben. Die Produktion von Strom aus Wind oder Sonne wird immer günstiger und kann inzwischen auch ohne Subventionen mit Öl, Kohle oder Gas konkurrieren. Weltweit fließt inzwischen mehr als doppelt so viel Geld in den Bau von Windkraft- oder Solarstromanlagen als in neue Kohlekraftwerke. Für 2020 rechnet die kalifornische Beratungsfirma Frost & Sullivan damit, dass fast drei Viertel der weltweiten Energieinvestitionen in den Ausbau der Solarenergie fließen werden. Derzeit liegt dieser Anteil bei etwa einem Drittel.

Mehr Jobs durch erneuerbare Energien als in der Kohlebranche

Auch in Texas drehen sich überall die Rotoren – der einstige Ölstaat ist zum weltweit sechstgrößten Produzenten von Windenergie aufgestiegen. Die Zahl der Jobs, die mit dem Ausbau der Erneuerbaren in den USA entstanden sind, übersteigt heute schon die Zahl der Beschäftigten in der Kohle-Branche um ein Vielfaches. Nach Angaben des Washingtoner Environmental and Energy Study Institute gibt es in der Solar- und Windenergiebranche aktuell rund 475.000 Jobs.

In den Bergwerken und den Kraftwerken, die den fossilen Brennstoff verfeuern, arbeiten dagegen nur noch gut 160.000 Menschen – und ihre Zahl sinkt bereits seit den achtziger Jahren. Grund dafür sind nicht Obamas Umweltgesetze, sondern der Gas-Boom durch das umstrittene Fracking. Diese Arbeitsplätze werden die Dekrete des Präsidenten nicht zurückbringen, warnte selbst Richard Murray, Gründer und Chef von Murray Energy, dem größten Kohlebergbauunternehmen der USA: „Ich würde vorschlagen, dass er (Trump) seine Erwartungen etwas herunterfährt.“

Große Unternehmen gehen auf Distanz zum US-Präsidenten

Große Unternehmen aus allen Branchen aber auch Investoren haben sich auf die neuen Anforderungen zum Schutz des Klimas längst eingestellt. So erklärten der Technologiekonzern Apple ebenso wie die Handelskette Walmart, trotz des Politikwechsels im Weißen Haus an den bereits eingeleiteten Umweltschutzmaßnahmen festzuhalten. Der legendäre Finanzinvestor Warren Buffett verkündete vor einigen Tagen, dass sein „Appetit auf Windkraft und Solarenergie“ weiter groß sei.

trump_dpaWähler Trumps zeigen in Ohio, dass sie sein Engagement für Kohle unterstützen. Foto: picture alliance / ZUMA

Selbst ein Ölmulti wie der britisch-niederländische Konzern Shell, der mit fossiler Energie immer noch den Hauptteil seines Geschäfts macht, kann der Trump'schen Kehrtwende nur wenig abgewinnen. „Wir glauben, dass der Klimawandel real ist“, erklärte der Vorstandschef Ben van Beurden im US-Radiosender NPR. „Wir glauben, dass die Welt einen Wandel bei der Energieversorgung braucht, um einen sehr signifikanten Anstieg der globalen Temperaturen zu verhindern. Und wir müssen Teil der Lösung sein.“ Am meisten Sorge bereite seinem Unternehmen dabei die Unberechenbarkeit der Politik. „Wir wollen, dass die Vereinigten Staaten eine starke, sinnvolle und einflussreiche Rolle in den weltweiten Verhandlungen übernehmen“, sagte er.

Inzwischen dämmert offenbar auch Trump und seinen Beratern, dass der vollmundig angekündigte Ausstieg aus dem Klimaabkommen die USA wirtschaftlich weit zurückwerfen könnte. Wenn nicht Kohle und Öl sondern Sonne und Wind die wahren Wachstumstreiber sind, könnte ein wichtiger Jobmotor stottern, sollten sich die USA aus der Klimaschutzpolitk verabschieden. Derzeit wächst die Zahl der Arbeitsplätze, die mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien entstehen, zwölf Mal so stark wie der Rest der US-Wirtschaft.

Eine Kehrtwende in der Klimapolitik würde die USA weltweit isolieren

Die Delegationen auf der in der vergangenen Woche zu Ende gegangenen UN-Klimakonferenz in Bonn zeigten sich von Trumps Drohungen nur wenig beeindruckt. Die Umsetzung der 2015 in Paris beschlossenen Klimaziele wurde weiter konkretisiert. Sollte Trump den Ausstieg der USA aus den globalen Bemühungen um den Klimaschutz anordnen, stände er damit gegen die breite Mehrheit der UN-Staaten. China und die EU führen das Lager der Paris-Befürworter an. In einer gemeinsamen Erklärung stellte die Europäische Union mit 79 Entwicklungsländern aus Afrika, dem Pazifik und der Karibik klar, dass der Klimavertrag von Paris „unumkehrbar und nicht verhandelbar“ sei.

Der Klimabeauftragte und Chefunterhändler der Obama-Regierung Todd Stern griff den US-Präsidenten in einem Beitrag für die „Washington Post“ scharf an und warnte vor dem diplomatischen Schaden durch den drohenden Verlust an Glaubwürdigkeit. Die USA habe nicht die Macht, den Vertrag von Paris einseitig aufzukündigen. „Das ist kein Reality TV“, erklärte Todd in Anspielung auf Trumps Fernsehkarriere. „Man kann souveränen Führern rund um die Welt nicht einfach sagen: Du bist gefeuert.“

Matthias Lambrecht

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Weltbienentag19.Mai 2017

Wie wir die Bienen jetzt noch retten können

Ohne die Bienen hätten wir weder Obst noch Gemüse auf dem Tisch – von Honig ganz zu schweigen. Monokulturen und Ackergifte bringen viele der emsigen Insekten allerdings in Lebensgefahr. Es ist allerhöchste Zeit zu handeln. Zum Weltbienentag zeigen wir wie.

Die Biene ist ein wahres Power-Tier. Auf der Suche nach Nektar legt sie riesige Entfernungen zurück, bestäubt die Blütenpflanzen, schleppt ihre Ausbeute in den Stock, füttert ihre Schwestern und legt Honigvorräte an – eigentlich hätten wir allen Grund, sie zum Weltbienentag am 20. Mai einmal kräftig hochleben zu lassen.

Doch aktuell steht es schlecht um das fleißige Insekt. Auf deutschen Feldern erstrecken sich Mais-Monokulturen bis zum Horizont. Wiesen werden viel zu häufig abgemäht. Unsere Bienen sind quasi auf Zwangsdiät und drohen zu verhungern. Als wäre das nicht schon genug, geben ihnen Ackergifte oft den letzten Rest.


Der Biene verdanken wir sowohl Obst als auch Gemüse. Es lohnt sich, dass wir uns für ihr Wohl einsetzen. Foto: dpa

Ohne Flora keine Fauna und umgekehrt: Vielfalt braucht gesunde Biotope – mit Frühblühern, die dem Winter trotzen, mit bunten Sommerblumen und mit Arten, die auch im späten Herbst noch Nahrung für Insekten bieten. Mit Ihrer Hilfe kann jetzt ein großes Stück Ackerland zur blühenden Landschaft werden. Das geht ganz einfach:

Werden Sie zum Blühpaten für 20 Quadratmeter Vielfalt – das ist unsere mit Abstand bunteste Aboprämie! Unsere Partner bei diesem Projekt sind das „Netzwerk Blühende Landschaft“, eine Initiative der Bienenfreunde „Mellifera e.V.“, und der Landwirt Hauke Hinz aus dem Dorf Kleve bei Itzehoe. Auf 10.000 Quadratmetern sprießen mit Ihrer Hilfe Malven, Klee, Ringelblumen, Lupinen, Borretsch, Luzerne oder Phacelia. Diese Blumen sind schön anzuschauen, bereichern die Artenvielfalt, fördern den Humusaufbau, bieten Nahrung für Bestäuber und Lebensraum für zahlreiche Insekten und Vögel.

Wenn Sie die „Blumenwiese“ wählen, verwandelt Ihr neues oder verschenktes Abonnement der Digital- oder Druckausgabe des Greenpeace Magazins ein Stück Acker in 20 Quadratmeter Vielfalt. Besuchen können Sie Ihre Patenblumen übrigens auch – das „Netzwerk Blühende Landschaft“ bietet Führungen durch diesen neuen Naturraum an. Und die sind nicht nur für Bienen interessant.

JH/gpm

Mehr über die faszinierende Welt der Bienen erfahren Sie auch in unserem Buch „Die Biene – Eine Liebeserklärung“. Darin berichten unsere Autorinnen Katja Morgenthaler und Kerstin Eitner unter anderem über die erstaunlichen Fähigkeiten der Biene – einem Tier, das UV-Licht sieht, in stereo riecht und mit den Füßen schmeckt. 

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Atomkraft19.Mai 2017

Frankreichs neuer Minister für Umwelt Nicolas Hulot wird Atomgegner enttäuschen

Die Berufung des bekannten Umweltaktivisten in die Regierung von Emmanuel Macron weckt hohe Erwartungen, auch beim Reizthema Atom. Doch der Kurs wird von ganz oben vorgegeben.

Die neue französische Regierung dämpft Hoffnungen von Atomgegnern auf eine beschleunigte Energiewende. Der Nuklearanteil an der Energieproduktion solle mit einem „verantwortlichen Zeitplan“ vermindert werden, sagte Regierungssprecher Christophe Castaner am Donnerstag in Paris nach der ersten Kabinettssitzung. Weitere Themen waren die Arbeitsweise unter dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron und die Parlamentswahlen im Juni. 

Die Berufung des populären Umweltaktivisten und Filmemachers Nicolas Hulot zum Umweltminister hatte Erwartungen geschürt, wonach ein Kurswechsel in der Energiepolitik anstehen könnte. Der 62-Jährige ist für seine kritische Haltung zur Atomenergie bekannt. „Ein Minister stellt keine Bedingungen, weder an den Premierminister, noch an den Staatspräsidenten“, resümierte Castaner, der auch Staatssekretär ist. Hulot war Sondergesandter von Macrons Amtsvorgänger François Hollande zur Vorbereitung der Pariser Klimakonferenz im Dezember 2015 gewesen.

Castaner machte deutlich, dass Macron das seit langem beschlossene Energiewende-Gesetz in die Tat umsetzen will. Das Ziel lautet dabei, der Atomkraft am Strommix bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Frankreich erzeugt rund drei Viertel seines Stroms aus Kernkraft. Erneuerbare Energien steuern nach früheren Angaben nur etwa 16,5 Prozent bei, in Deutschland ist es fast doppelt so viel.

Schon vor der Wahl Macrons hatte die Umweltorganisation Grrenpeace die umweltpolitischen Pläne des neuen Präsidenten als „Reförmchen“ und „Augenwischerei“ abgetan. „Ein bisschen mehr Bio, ein bisschen mehr erneuerbare Energiequellen.“ Nichts Halbes und nichts Ganzes sei das, hieß es in einer Stellungnahme. Die Kritik: das aktuelle ökonomische System mit seinem negativen Einfluss auf die Umwelt werde nicht ausreichend in Frage gestellt.

Greenpeace störte unterdessen eine Aktionärsversammlung des Stromkonzerngiganten EDF. Der Konzern sei technisch und finanziell nicht in der Lage, sein Nuklearprogramm fortzuführen, meint Greenpeace. EDF-Chef Jean-Bernard Lévy ist hingegen der Auffassung, dass die Atomkraft unerlässlich für die Energieunabhängigkeit Frankreichs sei. Das gelte für die nächsten Jahrzehnte, sagte er laut Nachrichtenagentur AFP. EDF betreibt unter anderem das umstrittene Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass, dass geschlossen werden soll. 

Macron hatte die Ressortchefs aus verschiedenen politischen Lagern am Mittwoch ernannt. Die Regierung unter dem konservativen Premier Edouard Philippe will bald eine Lockerung des Arbeitsrechts angehen. Rasch soll auch ein neues Gesetz gegen Interessenkonflikte bei Politikern kommen. Abgeordnete werden dann nicht mehr Familienmitglieder beschäftigen dürfen. Der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon war wegen möglicher Scheinbeschäftigung seiner Frau ins Visier der Justiz und damit im Wahlkampf ins Schleudern geraten.

dpa/gpm

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ernährung18.Mai 2017

Diese Ausstellung zeigt, wie wir mit Seetang und Mehl-Würmern satt werden

Eine Alge, die wie Schinkenspeck schmeckt, und ein echter falscher Hase: Eine Hamburger Design-Ausstellung hat ungewöhnliche Vorschläge parat, was künftig unsere Teller zieren könnte. Das Ziel ist nichts Geringeres als die Revolution unserer Ernährung – die „Food Revolution 5.0“.

„Es ist schon fünf nach zwölf“, sagt Kuratorin Claudia Banz mit besorgtem Blick. Was sie damit meint? Während in armen Ländern wie Somalia Menschen verhungern, wird hierzulande jedes achte Brot weggeworfen. Die Weltbevölkerung wächst rasant und unsere Ressourcen werden immer knapper. Durch Klimawandel und industrielle Landwirtschaft schwinden die Flächen, auf denen noch natürliche Ernten eingefahren werden können. Kurz: Es sind die großen Probleme, denen sich die neue Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe widmet – Probleme, die am Küchentisch allzu oft mit einem resignierten Schulterzucken abgetan werden.

Die Designer von „Food Revolution 5.0“ lassen den Besucher damit nicht so einfach davonkommen. „Die Menschen denken immer, sie können nichts tun. Dabei gibt es eine Menge, was man tun kann“, sagt Kuratorin Banz. Die Ausstellung bietet eine ganze Reihe Denk- und Handlungsanstöße, mit denen unsere Ernährung umgekrempelt werden könnte. Es sind Antworten, die dreißig junge Designer auf die Frage gegeben haben, wie und was sie künftig essen wollen.

Da ist zum Beispiel Hanan Alkouh aus Kuwait. Sie kommt zu dem Schluss, dass wir andere, neue Lebensmittel brauchen, statt weiter Fleisch zu konsumieren. Beinahe ein Fünftel der globalen CO2-Ausstöße werden durch die Viehwirtschaft verursacht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt schon lange vor übermäßigem Verzehr von rotem Fleisch. Alkouhs Gedanke: Was würde es bedeuten, wenn wir von einem auf den anderen Tag aufhören, Fleisch zu essen? Das traditionelle Handwerk der Schlachter würde aussterben; die Kultur der Verarbeitung und Zubereitung von Fleisch- und Wurstwaren. Ein bedauerlicher Verlust, findet Alkouh, und ersetzt das Fleisch einfach durch Seetang.


Sieht aus wie Fleisch, ist aber Seealge. Die Designerin Hanan Alkouh will das Handwerk des Schlachters vegetarisch machen. Foto: Tom Mannion.

Für den Nachbau der Fleischproduktion hat die Designerin die rote Seealge „Dulse“ genutzt, die entlang der Pazifik- und Atlantikküsten wächst und so wenige Ressourcen verbraucht, dass man von „Netto-Kohlenstoff-Verbraucher“ sprechen kann. Gebraten schmeckt die Pflanze wie Schinkenspeck, tatsächlich steckt sie aber voller wertvoller Mineralstoffe, Vitamine und Antioxidantien. Vivian Michalski, kuratorische Assistentin, sagt: „Die Designerin erhält die traditionellen Berufe des Schlachters und Metzgers und zeigt zugleich eine Alternative zu Fleisch auf.“

Es gibt Falschen Hase, besser gesagt: bugs’ bunny

Auch die deutsche Designerin Carolin Schulze will der herkömmlichen Fleischindustrie an den Kragen. Sie setzt auf Insekten. Einziges Problem: Heuschrecken und Maden haben keinen guten Ruf bei Europäern. Die meisten ekeln sich davor oder halten sie für unhygienisch. Vielleicht liegt’s am Erscheinungsbild? Schulze püriert Mehlwürmer zu einer Paste und formt sie mit Hilfe eines 3-D-Druckers zu kleinen Häschen – „Falscher Hase oder bugs’ bunny“, heißt ihr Projekt.


Designerin Carolin Schulze will mehr Menschen animieren, Insekten zu essen. Foto: Carolin Schulze

Weniger Selbstüberwindung fordern die Designer Jihyun Ryou und David Artuffo vom Verbraucher. Sie versuchen das Problem der Lebensmittelverschwendung zu lösen, indem sie neue Lagermöglichkeiten entwickeln. Studien zeigen, dass ein Großteil der Nahrungsmittel weggeworfen werden muss, weil sie im Kühlschrank vergessen werden. Aus den Augen, aus dem Sinn – wer weiß schon haargenau, was gerade im Kühlschrank liegt?

Altes Wissen in neuen Formen

Die Designer haben ältere Menschen gefragt, wie sie früher ihre Lebensmittel aufbewahrt haben. Anhand der Ratschläge entwarfen sie moderne Regalfächer: Möhren und anderes Wurzelgemüse halten sich am besten in einem kleinen Gefäß aus kühlem Sand. Über einer mit Wasser gefüllten Keramikschale bleibt Obst mehrere Wochen frisch. Der Kühlschrank kann hier getrost ignoriert werden. Kuratorin Banz sagt: „Die Designer haben einen Weg gefunden, altes, sich bewährtes Wissen in eine neue, zeitgemäße Form zu übersetzen.“ Inzwischen bieten Ryou und Artuffo ihr Aufbewahrungssystem sogar im Internet an.

Die Umsetzbarkeit nimmt in der Ausstellung „Food Revolution 5.0“ einen besonderen Stellenwert ein. „Es ist keine Kunstausstellung, sondern eine Designausstellung“, betont Kuratorin Banz. Im sogenannten „Critical Design“ gehe es in erster Linie darum, innovative und praktische Lösungsansätze auf dringliche Probleme aufzuzeigen. Prototypen von Projekten, die niemals funktionieren könnten, hätten da nichts zu suchen. Stattdessen sind mutige und kreative Ideen erwünscht, selbst wenn sie noch ein wenig Zeit brauchen, um perfekt zu funktionieren. Vivian Michalski sagt: „Die Ausstellung soll die Besucher zum Nachdenken anregen: Was kann ich eigentlich selber auf die Beine stellen, um mich künftig besser, nachhaltiger zu ernähren?“

Julia Huber

Die Design-Ausstellung „Food Revolution 5.0“ eröffnet am Freitag, 19. Mai, und ist bis zum 29. Oktober 2017 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Dienstags bis sonntags 10.00 bis 18.00 Uhr, donnerstags bis 21.00. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro.

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Tierwohl – 3.17
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divestment17.Mai 2017

So will ein reicher Vegetarier in vierzig Jahren Massenhaltung von Tieren beenden

Der britische Vermögensverwalter Jeremy Coller bläst zum Rückzug aus Unternehmen, die ihr Geschäft mit Fleisch aus industrieller Landwirtschaft machen. Er und Investoren mit fast zwei Billionen Dollar Vermögen drohen McDonald’s oder Nestlé mit Kapitalentzug, sollten sie sich nicht von der Massentierhaltung verabschieden.

Jeremy Coller ernährt sich seit seinem elften Lebensjahr vegetarisch. Das war seine ganz persönliche Reaktion auf die Bedingungen, unter denen Schlachttiere massenhaft gehalten und getötet werden. Mit seinem Job als einer der erfolgreichsten Finanzinvestoren hatte die private Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten, lange nichts zu tun.

Doch seit zwei Jahren ist das anders. Der Mittfünfziger rutschte in eine Midlife Crisis, die ihn dazu brachte über sein Leben, seine Rolle und das Geschäft nachzudenken, das er seit 1990 aufgebaut hatte. Und er fasste einen ebenso klaren wie ehrgeizigen Beschluss: Für die zweite Lebenshälfte hat Coller es sich zum Ziel gemacht, die Massentierhaltung in den kommenden vierzig Jahren zu beenden.

Massenhaft Hühner: Wenn in eng besetzten Ställen Pandemien ausbrechen, trifft dieses Geschäftsrisiko auch die Kapitalgeber der betroffenen Unternehmen. Foto: dpa

Es spricht einiges dafür, dass der Londoner Investor mit Herz für Tiere seinem Ziel zumindest sehr nahe kommt. Denn Coller kennt die Welt der mächtigen Investoren, die mit ihrem Kapitaleinsatz die Geschicke von Unternehmen bestimmen. Um deren Milliarden müssen die Konzernchefs buhlen, wenn sie ihre Investitionen finanzieren wollen und auf deren Rückendeckung sind sie angewiesen, wenn sie ihren Job behalten wollen.

Coller verwaltet ein Vermögen im Wert von gut 15 Milliarden Euro. Hinter seiner Initiative „Farm Animal Investment Risk and Return” (FAIRR) hat er inzwischen mehr als 70 große Vermögensverwalter versammelt. Es sind Fonds und Versicherungen aus aller Welt, die zusammen über ein Kapital von mehr als 1,8 Billionen Euro bestimmen – eine Summe, die dem 180-fachen Wert des Stromriesen RWE entspricht. Ziel von FAIRR ist es, große Investoren über oftmals unterschätzten Risiken der Massentierhaltung zu informieren, die ihre Renditen schmälern könnten. Mit diesem Wissen sollen sie Unternehmen, in deren Aktien oder Anleihen sie ihr Geld angelegt haben, zum Umlenken bewegen. Oder ihnen mit dem Abzug von Kapital drohen, falls die Firmen weiter auf eine nicht nachhaltige Fleischproduktion setzen.

Industrielle Landwirtschaft ist für Investoren eine hochriskante Produktionsmethode

„Die übermäßige Abhängigkeit der Welt von der Massentierhaltung, um die wachsende Nachfrage nach Proteinen zu bedienen, ist das Rezept für eine finanzielle, soziale und ökologische Krise”, argumentiert Coller.

In ausführlichen Analysen für Investoren beschreibt er die Risiken, die drohen, wenn diese Nachfrage einer wachsenden Weltbevölkerung mit einer weiter zunehmenden Fleischproduktion befriedigt werden soll. „Industrielle Landwirtschaft ist zunehmend eine hochriskante Produktionsmethode, die nicht nur signifikante Umweltschäden anrichtet, sondern auch die öffentliche Gesundheit gefährdet –  etwa durch das verstärkte Aufkommen von Bakterien, die gegen Antibiotika immun sind oder den Ausbruch von Pandemien wie der Vogelgrippe“, heißt es etwa in dem Bericht „The future of food – the investment case for a protein shake up“ zur Zukunft der Ernährung. Darin beschreibt er nicht nur die Risiken des Antibiotika-Einsatzes in der Massentierhaltung sondern auch die Folgen der Entwaldung und des hohen Wasserverbrauchs bei der Tierfutterproduktion.

US-Gesellschaften wie Boston Common Asset Management, der norwegische Finanzkonzern Nordea oder der britische Versicherer Aviva haben sich inzwischen Coller angeschlossen. Die kühl rechnenden Finanzmanager hat der Londoner für seine Initiative gewinnen können, indem er ihnen die gefährliche Wirkung der industriellen Landwirtschaft aufgezeigt hat. Denn die schadet nicht nur den Tieren und gefährdet Mensch und Umwelt. Sie ist ebenso ein Risiko für die Verwalter großer Vermögen.

In einer Fallstudie mit mehreren großen Investoren, die in ihrer Anlagepolitik das Tierwohl berücksichtigen, führt FAIRR auch den deutschen Versicherungskonzern Allianz an, der bei der Auswahl seiner Investments strenge ethische, soziale und ökologische Kriterien anlege und dabei auch das Tierwohl berücksichtige. Die Allianz schaut unter anderem auf den Einsatz von Antibiotika in der Fleischproduktion oder auf eine artgerechte Tierhaltung. „Sind diese Kritieren nicht erfüllt, führt das zum Ausschluss", erklärt eine Unternehmenssprecherin gegenüber dem Greenpeace Magazin.

Schließlich machen nicht nachhaltige Geschäftspraktiken die Unternehmen anfällig für unkalkulierbare Einbrüche. Wenden sich Verbraucher von Unternehmen ab, deren Produktqualität sie nicht mehr vertrauen oder droht eine verschärfte staatliche Regulierung, um die schädlichen Folgen der Massentierhaltung zu begrenzen, drückt das auf die Rendite. Und Gammelfleisch-Skandale oder Keime in Fleischprodukten können die Aktienkurse beteiligter Unternehmen binnen Stunden abstürzen lassen und Milliardenvermögen vernichten.

Der Vegetarier Coller favorisiert das wachsende Geschäft mit pflanzlichen Alternativen

Statt sich auf derart zweifelhafte Wagnisse einzulassen, rät Vegetarier Coller den Investoren auf das Geschäft mit Alternativen zu tierischen Produkten zu setzen, die Menschen ebenfalls mit den nötigen Proteinen versorgen können – wie etwa vegane Eiscreme, Café mit Mandelmilch oder Veggie-Burger. Und die Unternehmen, die diese Chancen noch nicht erkannt haben, lässt er wissen, dass sich ihre Geldgeber dafür interessieren, wie sie von dem Markt für pflanzenbasierte Proteine etwa aus Gemüse, Getreide, Nüssen oder Algen profitieren wollen. Denn diesem Markt wird für die kommenden fünf Jahre eine jährliche Wachstumsrate von 8,4 Prozent vorausgesagt.

Im vergangenen Jahr schrieb die FAIRR-Initiative 16 global operierende Lebensmittelkonzerne an und forderte sie auf, Alternativen zum Geschäft mit Fleisch zu erkunden und die Risiken der Massentierhaltung in ihrem Geschäft für Investoren transparent zu machen. Unternehmen wie Nestlé, Unilever, Kraft Heinz und die US-Supermarktkette Walmart standen auf der Liste der Adressaten.

Müller Milch schneidet bei der Bewertung von Tierwohlstandards schlecht ab

Coller baut nicht nur mit Forderungen und Informationen Druck auf, er ist auch an der „Business Benchmark on Farm Animal Welfare“ (BBFAW) beteiligt, einer von Tierschutzverbänden gegründeten Organisation, die weltweit die Tierwohl-Anstrengungen einzelner Firmen bewertet. Die Ergebnisse werden in einem jährlich erscheinenden Bericht veröffentlicht. 

Dort finden sich neben McDonald's oder Danone auch deutsche Supermarktketten wie etwa Aldi Nord und Aldi Süd, denen immerhin erste Fortschritte bei der Sicherung des Tierwohl attestiert werden. So gibt es bei Aldi Nord inzwischen einen klaren Kriterienkatalog, den die Einkäufer des Discounters beachten müssen, wenn sie für das Unternehmen tierische Lebensmittel, aber auch Schuhe, Textilien oder Kosmetika beschaffen. Zu den Unternehmen, die das Tierwohl nach Einschätzung von BBFAW noch überhaupt nicht auf ihrer Agenda haben, gehört die Unternehmensgruppe Theo Müller, die hierzulande zu den führenden Anbietern von Molkereiprodukten zählt.

Auch wenn es Jeremy Coller inzwischen gelungen ist, eine beachtliche Finanzmacht zu organisieren, um seine Anliegen durchzusetzen, weiß er, dass das Wohl der Tiere in der industriellen Landwirtschaft bei vielen Managern und Vermögensverwaltern noch nicht ganz oben auf der Agenda steht. Doch die ersten Erfolge seiner Initiative machen ihm Mut. „Menschen sind auch Tiere“, lautet eines der Argumente, mit dem er um weitere Unterstützung wirbt. Im Gegensatz zu uns Menschen könnten Schweine, Kühe, Schafe oder Hühner ihre Interessen jedoch nicht selbst vertreten. Deshalb sei es umso wichtiger, dass seine Initiative dafür eintrete – und sichere Anlagen mit stabilen Renditen seien schließlich auch im besten Interesse der Investoren.

Matthias Lambrecht

Mehr zum Thema Tierwohl finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins mit dem Titel „Haltung zeigen“. Für die Titelgeschichte haben wir auf konventionellen Vorzeigehöfe nachgefragt, was sie für eine artgerechte Haltung der Tiere tun.   

Lesen Sie auch weitere Texte unserer Divestment-Serie:

In „So investieren Sie ihr Geld nachhaltig“ geben wir eine Orientierungshilfe für ihre Bankgeschäfte. Denn wer Geld anlegen will, ohne die Umwelt zu schädigen, kann aus einem immer größeren Angebot wählen. Aber nicht überall, wo „Nachhaltigkeit“ draufsteht, ist das Geld auch nach ethischen Kriterien investiert.

In "Schmutzige Geldanlagen – Münster steigt aus, Dortmund macht weiter" geht es um Investitionen von öffentlichen Trägern. Gerade Kommunen und Länder tun sich schwer, von sterbenden Energieriesen zu lassen, wie in Nordrhein-Westfalen, wo Politik und Kohleindustrie traditionell eng miteinander verbunden sind.

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Tierwohl – 3.17
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divestment16.Mai 2017

So investieren Sie Ihr Geld nachhaltig

Wer Geld anlegen will, ohne die Umwelt zu schädigen, kann aus einem wachsenden Angebot wählen. Aber nicht überall, wo „Nachhaltigkeit“ draufsteht, ist das Geld auch nach ethischen Kriterien investiert. Eine Orientierungshilfe.​

Was heißt überhaupt nachhaltige Geldanlage?

Das Spektrum reicht von Aktien und Anleihen nachhaltig wirtschaftender Unternehmen über Investmentfonds bis zu Direktanlagen in ökologisch sinnvolle Projekte. Der Begriff „nachhaltig“ umfasst in der Regel drei Aspekte: Ökologie, Soziales und gute Unternehmensführung.

Der europäische Branchen-Dachverband für nachhaltige Investments, das European Sustainable and Responsible Investment Forum (Eurosif), hat Standards für nachhaltige Fonds entwickelt. Inzwischen investiert jeder zwanzigste Investmentfonds hierzulande in nachhaltige Wertpapiere. Die gut 400 nachhaltig orientierten Publikumsfonds im deutschsprachigen Raum verwalten mehr als 40 Milliarden Euro – viermal so viel wie vor zehn Jahren.

Wo kann ich sicher sein, dass mein Geld sozial und ökologisch verantwortlich angelegt wird?

Wer direkt in Windanlagen, Aufforstungsprojekte oder ähnliche Geschäfte investiert, hat im Prinzip die größte Sicherheit, dass sein Geld für den gewünschten Zweck verwendet wird. „Wenn die Projekte in der Region des Anlegers beheimatet sind, haben sie obendrein den Charme, dass man sich vor Ort direkt anschauen kann, was mit dem Geld passiert“, sagt der Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Eine Möglichkeit der nachhaltigen Geldanlage: Solarpanels wie hier in Sachsen-Anhalt.   Foto: dpa

Allerdings sind solche Direktanlagen allenfalls etwas für Profis. Denn die Betreiber, an denen sich die Investoren beteiligen, sind häufig kleine und junge Firmen. Welche Rendite der Betrieb abwirft und wie groß die Risiken sind, ist für Laien kaum kalkulierbar. Und wenn etwa mit einem jährlichen Ertrag von sechs Prozent oder mehr für Wasserkraft oder „Grüne Immobilien“ geworben wird, gilt wie bei allen anderen Anlageformen: Hohe Renditen werden mit hohen Risiken erkauft.

Eine Alternative sind Aktien von Unternehmen mit sauberen Geschäftsmodellen. Allerdings sind die nicht ganz leicht auszumachen. Orientierung können die von den Firmen selbst publizierten Nachhaltigkeitsberichte bieten. Allein: Auch Anlagen in einzelne Aktien sind für Kleinanleger ein Wagnis. Breiter gestreute Risiken bieten nachhaltig orientierte Investmentfonds: Schon mit einem Anteil wird ein ganzer Korb von Wertpapieren erworben. Die Krux: Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist nicht gesetzlich geschützt. Ein blumig beworbener Öko-Fonds kann also durchaus auch Betreiber von Kohle- und Atomkraftwerken im Portfolio führen. Wer das vermeiden will, muss sich genauer mit den Anlagestrategien befassen.

Wer kann mich seriös beraten?

Es gibt keinen staatlich geprüften Berater für nachhaltige Geldanlagen. „Anleger müssen sich selbst schlau machen“, sagt Nauhauser. Informationen finden sich im Internet: So sortiert die von der Industrie unabhängige Plattform nachhaltiges-investment.org sämtliche im deutschsprachigen Raum zugelassenen Publikumsfonds nach Rendite und liefert weitere Infos. Die Fondsratingagentur Morningstar hat im März 2016 ein Bewertungssystem für die Nachhaltigkeit von Fonds eingeführt.

Sind Siegel, die ethische Investments bewerten, glaubwürdig?

Die Antwort von Verbraucherschützer Nauhauser ist ernüchternd: „Ich kann keine vertrauenswürdigen Siegel nennen.“ Denn Agenturen und Verbände, die die Auszeichnungen vergeben, arbeiten durchweg mit Fondsgesellschaften zusammen, die in der Regel für die Verwendung eines Siegels zahlen. „Zwar werden die Siegel-Anbieter darauf achten, dass die zertifizierten Fonds die Nachhaltigkeitskriterien einhalten, damit das Siegel glaubwürdig ist“, sagt Nauhauser. Dennoch bestehe ein Interessenkonflikt: Denn wenn weniger Fonds das Siegel führen, nimmt der Siegel-Anbieter auch weniger Geld ein. „Wie strikt ein Anbieter die Einhaltung der Vorgaben kontrolliert und Verstöße ahndet, weiß letztlich niemand“, kritisiert Nauhauser.

Wie bewerten Anbieter auf dem Finanzmarkt die Nachhaltigkeit ihrer Anlageziele? 

Im Wesentlichen lassen sich drei Konzepte unterscheiden, mit denen Anbieter am Finanzmarkt die Nachhaltigkeit von Anlagen bestimmen: Beim sogenannten Best-in-Class-Ansatz suchen sie Aktien und Anleihen von Unternehmen oder Staaten heraus, die im Vergleich zu anderen Unternehmen oder Ländern am nachhaltigsten wirtschaften oder die wirkungsvollste Umweltpolitik verfolgen. Ein Aktienfonds könnte danach etwa auch in Chemiefirmen investieren – wenn sie die Umwelt im Vergleich mit der Konkurrenz am wenigsten belasten.

Strenger ist die zweite Strategie: die Anlage nach dem Ausschlussprinzip. Dazu definieren die Investoren bestimmte Negativkriterien oder übernehmen Standards – zum Beispiel von Organisationen wie dem europäischen Dachverband für nachhaltige Geldanlagen Eurosif. Dabei werden problematische Branchen wie die Atom- und Ölindustrie oder Waffenhersteller grundsätzlich ausgeschlossen. Eine dritte Strategie verfolgen sogenannte Themenfonds, die gezielt in bestimmte nachhaltige Branchen wie Wind- und Wasserkraft investieren oder auch in Unternehmen, die besonders umweltfreundliche Produkte oder Klimaschutztechnik herstellen.

Bedeutet nachhaltig anzulegen auf Rendite zu verzichten?

Nicht unbedingt. Nach Angaben der Fondsratingagentur Morningstar haben Fonds, die weltweit in Aktien sozial verantwortlich handelnder Unternehmen anlegen, im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre sogar besser abgeschnitten als Welt-Aktienfonds klassischer Unternehmen. Daraus lässt sich aber noch nicht ableiten, dass sich nachhaltige Investments regelmäßig besser entwickeln als konventionelle:  „Viele Anleger hat das Investieren in besonders ökologische oder ethisch orientierte Fonds gegenüber herkömmlichen Produkten Rendite gekostet“, sagt Morningstar-Analystin Barbara Claus. Der Grund: Unter den herausgefilterten Unternehmen sind oftmals besonders profitable Firmen.

Dennoch: Wer genau hinschaut, findet nachhaltige Fonds, die den Vergleich nicht scheuen müssen. So konnte beispielsweise der Aktienfonds First State Asia Pacific Sustainability Fund den Vergleichsindex asiatischer Aktien regelmäßig schlagen. Auch der weltweit investierende Carnegie Worldwide Ethical oder der EF Global Sustainable lieferten in den vergangenen Jahren überdurchschnittliche Renditen.

Ist das Risiko ethischer Investments eigentlich größer als das konventioneller Investments?

Das Risiko ist dann besonders groß, wenn Anleger aus dem Gefühl heraus, etwas Gutes tun zu wollen, nicht genau genug prüfen, wem sie ihr Geld anvertrauen. Zudem scheint das Geschäftsmodell gerade von Direktinvestments auf den ersten Blick zwar verständlich und das Risiko überschaubar. Die Praxis hat allerdings gezeigt, dass dem nicht immer so ist.

Der bislang spektakulärste Fall war die Pleite des 1,4 Milliarden Euro schweren Windanlagenbetreibers Prokon im Jahr 2014. 75.000 Anleger mussten einen großen Teil ihrer Einlagen abschreiben. Nach der Insolvenz wurde Prokon ab 2015 von den Gläubigern als Genossenschaft mit fast 40.000 Mitgliedern weitergeführt. 

Risiken lauern ebenfalls bei nachhaltigen Investmentfonds: Wer sein Geld etwa in Themenfonds anlegt, sollte berücksichtigen, dass Fonds, die sich nur auf kleine Teilmärkte konzentrieren, besonders krisenanfällig sein können.

Wie viel Geld brauche ich, um ethisch investieren zu können?

Direktinvestments sind meist nur mit mindestens 1000 bis 5000 Euro möglich. Wer sich dafür interessiert, sollte insgesamt eine mittlere fünfstellige Anlagesumme zur Verfügung haben. Denn auch hier gilt: Um das Risiko zu streuen, sollte eine einzelne Anlageposition im Portfolio des Anlegers nicht mehr als zehn Prozent ausmachen. Anteile an nachhaltig anlegenden Investmentfonds sind teilweise bereits ab 100 Euro oder weniger zu haben. Wer wenig investiert, sollte die Kosten im Blick behalten. Hausbank oder Onlinebroker kassieren meist eine pauschale Mindest-Ordergebühr.

Fondsgesellschaften verlangen zudem teils saftige Ausgabeaufschläge, hinzu kommen bei Nachhaltigkeitsfonds vergleichsweise hohe laufende Managementgebühren. Der Ökoworld Ökovision Classic C etwa kostet pro Jahr mindestens 2,5 Prozent der angelegten Summe. Diese Gebühren gehen den Anlegern als Gewinn verloren. Bei der relevanten Rendite nach Kosten rangiert der Fonds im Vergleich der Zeitschrift „Finanztest“ dann auch nur noch in der unteren Hälfte der weltweit anlegenden Aktienfonds. Bei Fonds sollten Anleger stets einige Jahre Haltedauer einplanen, um Wertverluste aussitzen zu können. Kurseinbrüche sind bei Aktien nämlich möglich. Und um die auszugleichen, braucht es vor allem: Zeit. Auch das ist ein durchaus nachhaltiger Gedanke.

André Schmidt-Carré / Olaf Wittrock

Dieser Artikel erschien erstmals im Greenpeace Magazin Geld Spezial 1.16. Hier finden Sie weitere Tipps und Geschichten zu Geld – und was es kann und darf.

Lesen Sie auch: Schmutzige Geldanlagen – Münster steigt aus, Dortmund macht weiter: Gerade Kommunen und Länder tun sich schwer, von sterbenden Energieriesen zu lassen, wie in Nordrhein-Westfalen, wo Politik und Kohleindustrie traditionell eng miteinander verbunden sind. 

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NRW-Landtagswahl15.Mai 2017

Das bedeutet das Ergebnis in Nordrhein-Westfalen für die Umwelt-Politik

Rot-Grün adé – kommt jetzt Schwarz-Gelb? In NRW hat die Wahl einen Machtwechsel herbeigeführt. Doch der echte Verlierer könnte am Ende das Klima sein.  

Es ist eine historische Niederlage für die SPD in NRW. Mit gerade mal 31,2 Prozent erzielen die Sozialdemokraten in ihrem Stammland das schlechteste Ergebnis seit der ersten Landtagswahl im Jahr 1947. Die CDU und die FDP schaffen es hingegen mit 100 von 199 Sitzen auf eine hauchdünne Mehrheit im nordrhein-westfälischen Parlament. Da die Grünen schon vor der Wahl eine Jamaika-Koalition ausgeschlossen hatten, ist dies die wahrscheinlichste Regierungskonstellation. 


Lange Gesichter bei den Grünen. NRW-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann (r.) gestand am Sonntag in Düsseldorf ihre Wahlschlappe ein. Foto: dpa

Insbesondere für die Umweltpolitik wird eine schwarz-gelbe Koalition enorme Auswirkungen haben. Denn mit dem knappen Scheitern der Linken an der Fünf-Prozent-Hürde und dem Zusammenschrumpfen der Grünen auf 6,4 Prozent sind jene Kräfte im Landtag auf ein Minimum reduziert, die sich eindeutig für einen baldigen Ausstieg aus der Braunkohle ausgesprochen hatten. 

Kohleausstieg liegt in weiter Ferne

„Ausstiegsszenarien aus der konventionellen Energieversorgung, die sich allein an Jahreszahlen orientieren, lehnen wir ab“, heißt es im Wahlprogramm der CDU in NRW. Stattdessen solle bis 2045 weiter Braunkohle verstromt werden. Allein über die Frage, wie viel Kohle abgebaut werden darf, will die von Spitzenkandidat Armin Laschet angeführte Partei mit sich reden lassen.

Und auch ihr Wunsch-Koalitionspartner FDP fährt einen Pro-Kohle-Kurs. Die Liberalen haben sich laut eigenen Angaben einer „rationalen Energie- und Klimapolitik“ verschrieben. Dazu gehört für sie auch, dass der Abbau von Braunkohle und der Betrieb von Kohlekraftwerken weiter möglich bleiben sollen.

Klimaschutzgesetz vor dem Aus

Doch das Festhalten an der Braunkohle ist nicht die einzige besorgniserregende Nachricht. Es könnte noch schlimmer für den Klimaschutz kommen. Denn die CDU warb im Wahlkampf damit, das von Rot-Grün auf den Weg gebrachte Klimaschutzgesetz wieder abzuschaffen. Dieses war im Jahr 2013 verabschiedet worden – erstmals in einem deutschen Bundesland. Für den bisherign NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Bündnis 90/ Die Grünen) war es eine logische Konsequenz, dass sein Bundesland eine Vorreiterrolle einnimmt. „Ein Drittel aller deutschen Treibhausgase werden hier ausgestoßen“, sagte er dem Greenpeace Magazin. „Daher stellen wir uns seit dem Jahr 2010 mit einer neuen Klimaschutzpolitik dieser Verantwortung.“ Ein Versprechen, das mit dem Abstürzen der Grünen auf 6,4 Prozent und dem Regierungswechsel zu Schwarz-Gelb schwer einzuhalten sein dürfte.

Denn die Union scheint es mit der Verantwortung für die Treibhausgase in NRW nicht so eng zu sehen. „Für das Weltklima macht es keinen Unterschied, ob Emissionen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Spanien stammen“, sagte Rainer Deppe (CDU), Vorsitzender des Unterausschusses Klimaschutzplan im Düsseldorfer Landtag, im aktuellen Greenpeace Magazin. Die Einsparung von CO2 solle daher eher „im internationalen Rahmen“ stattfinden – nicht mit einem Gesetz auf Landesebene. Deppe sagte: „Eine isolierte Reduktion von Klimagasen in einem Bundesland bewirkt außer der Schwächung der dortigen Industrie nichts.“

Greenpeace Magazin

Lesen Sie auch: Im aktuellen Greenpeace Magazin beantworten Johannes Remmel (Bündnis 90 / Die Grünen), bisheriger Umweltminister in NRW, Rainer Deppe (CDU), Vorsitzender des Unterausschusses Klimaschutzplan im Düsseldorfer Landtag und Johann Wackerbauer, Umweltökonom am Institut für Wirtschaftsforschung, die Frage, ob ein Bundesland das Klima per Gesetz schützen kann.

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divestment15.Mai 2017

Schmutzige Geldanlagen: Münster steigt aus, Dortmund macht weiter

Investitionen in fossile Energien sind in Zeiten des Klimawandels höchst umstritten. Doch gerade Kommunen und Länder tun sich schwer, von den sterbenden Energieriesen zu lassen – wie in Nordrhein-Westfalen, wo Politik und Kohleindustrie traditionell eng miteinander verbunden sind. Dabei könnte es so einfach sein, zeigt das Beispiel Münster.

„Wir können uns gut vorstellen, weitere RWE-Aktien zu kaufen“, sagte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) vor zwei Wochen der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Und das, obwohl der kohlelastige Stromkonzern in den letzten Jahren Milliardenverluste einfuhr und auf der Jahreshauptversammlung Ende April schon zum zweiten Mal in Folge verkündete, an seine Anteilseigner keine Dividende ausschütten zu können.

Für die große Anlegergruppe der Städte und Landkreise aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren bereits in den vergangenen Jahren Millioneneinbußen die Folge. Trotzdem halten einige treu an ihren Anteilen fest.

Die Stadt Dortmund ist bereits jetzt mit Anteilen von 4,1 Prozent der größte kommunale Aktionär von RWE. Wo Städte wie Essen, Bochum und Düsseldorf sich von den Anteilen des Energieriesen trennten, vertraut der Oberbürgermeister von Dortmund, der auch im Aufsichtsrat von RWE sitzt, auf die Zusagen des Konzern-Finanzvorstandes: Im laufenden Jahr will RWE wieder schwarze Zahlen schreiben und in den nächsten drei Jahren fünfzig Cent pro Aktie als Dividende ausschütten. Darum könnte sich laut Sierau „auch ein kreditfinanzierter Kauf von Aktien lohnen“. Die RWE-Aktie habe in den vergangenen Monaten „eine gute Entwicklung genommen“, sagte der Oberbürgermeister.

Mensch, Natur und soziale Gerechtigkeit wichtiger nehmen als Gewinne – darum geht es der Divestment-Bewegung. Beim Klimacamp in der Lausitz 2016 protestierten sie lautstark gegen die Kohleindustrie. Foto: Markus Heine / picture alliance / NurPhoto

Richtig ist, dass die erfolgreichen Tochterfirma Innogy, die mit Ökostrom aus Wind- und Sonnenenergie satte Gewinne einfährt und RWE zuletzt eine 680 Millionen Euro schwere Dividende einbrachte. Das rentable Zukunftsgeschäft trägt mit dazu bei, dass RWE aus den roten Zahlen herauskommt. Warum dann nicht gleich in klimafreundliche Solar- und Windkraft investieren?

Seit der Aufteilung des Unternehmens RWE sind die kommunalen Aktionäre nur an der RWE AG beteiligt, die für das konventionelle Kraftwerksgeschäft und die Verwaltung der Altlasten zuständig ist – die vielversprechende Wind- und Sonnenenergiesparte hat die Tochter Innogy übernommen. Deshalb ist der Vorstoß des Dortmunder Oberbürgermeisters umstritten: „Statt einen guten Weg für den längst überfälligen Verkauf der RWE-Aktien zu suchen, will der OB im Gegenteil weiter in ein Unternehmen investieren, das sich vornehmlich mit der Abwicklung von Kraftwerksaltlasten befassen muss“, sagt Ulrich Langhorst, Fraktionssprecher der Grünen im Stadtrat in Dortmund. „Jetzt gerade dort Geld auf Pump zu investieren, ist aus unserer Sicht strategisch, wirtschaftlich und umweltpolitisch absurd.“

„Der Vergleich zeigt: Die Performance von ökologischen Geldanlagen ist gegebenfalls sogar besser“

Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Münster: Die nordrhein-westfälische Kommune will künftig als erste Stadt Deutschlands das Geld der Pensionsfonds zur Absicherung der Beamtenpension ethisch korrekt und vor allem klimafreundlich einsetzen.

Der Politikwechsel wurde von Aktivisten der Gruppe „Fossil Free“ angestoßen und von den Grünen in die Kommunalpolitik eingebracht: Seit dem Kommunalwahlkampf 2014 setzten sie sich dafür ein, dass die Anlagen verschoben werden – denn bis dato waren in beiden Fonds etwa dreißig Millionen Euro in Unternehmen wie RWE, BASF, der österreichischen Mineralölverwaltung OVM oder dem italienischen Energiekonzern Enel angelegt.

Nach der Wahl konnten sie fraktionsübergreifend politische Mitstreiter für das sogenannte Divestment, also den Rückzug aus Investitionen in klimaschädliche und ethisch fragwürdige Unternehmen, gewinnen. „Da Renditevergleiche zeigen, dass die Performance von ethischen und ökologischen Geldanlagen im Vergleich zu schmutzigen Geldanlagen gleich hoch, gegebenenfalls sogar besser ist, haben Kritiker finanzpolitisch wenige Argumente“, sagt Otto Reiners, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat von Münster. Daraufhin wurden die Kriterien für kommunale Geldanlagen überarbeitet, sodass mittlerweile keine öffentlichen Gelder mehr in Unternehmen angelegt werden, die klimaschädliche Geschäfte machen, in denen Kinder beschäftigt werden oder die an der Rüstungsindustrie verdienen.

Der Finanzmarkt spielt eine große Rolle für den Klimawandel​

Klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht. Mehr als vier Milliarden Euro haben die Bundesländern für Versorgungsrücklagen der Beamtenpensionen angelegt. Die Finanzexpertin Susan Dreyer vom „Carbon Disclosure Project“ kritistiert die intransparente Anlage öffentlicher Gelder. Gerade der Finanzmarkt spiele eine große Rolle für den Klimawandel. „Dort gibt es Hebel und Menschen, die Verantwortung übernehmen müssen. Sonst finanzieren wir, ohne es zu wollen, Kohlekraftwerke.“

Und sind die Millionen einmal investiert, ist das Umsteuern schwierig: In Nordrhein-Westfalen haben die Pensionsfonds derzeit 81 Millionen Euro in Firmen angelegt, die mit fossilen Energieträgern ihr Geld verdienen. Überdies profitierte das Land auch als Anleger in der Tabak- und Alkoholindustrie: Gut 19 Millionen Euro steckte Nordrhein-Westfalen in Unternehmen wie Carlsberg, Heineken und Philipp Morris. Ab dem Jahr 2018 sollen die Beamtenpensionen zwar sozialer und klimagerechter angelegt werden – doch bisher hat das nordrhein-westfälische Finanzministerium keine Kriterien für alternative Investitionen vorgelegt.

Ein neuer Öko-Aktienindex soll helfen

Dabei gibt es längst Fonds, die Finanzspritzen für fossile Unternehmen ausschließen. Auch das „Carbon Disclosure Project“ arbeitet an einem eigenen, sauberen Fonds. „Das ist alles keine Zauberei, sondern eine mathematische Aufgabe“, sagt Susanne Dreyer. Gerade erst veröffentlichten die Finanzdienstleister Oekom Research AG und Solactive AG den ethisch-ökologischen Aktienindex „Solactive oekom ESG Fossil Free Eurozone 50 Index“ – eine alternative Anlagemöglichkeit, um Bundesländern, Städten und Kommunen das Divestment zu erleichtern.

Der Index wurde im Auftrag des Landes Berlin erstellt und schließt alle Kohle-, Erdöl- und Erdgasunternehmen sowie die Atom- und Rüstungsindustrie aus. Nun wird, auch hier dank der Initiative von „Fossil Free“, Berlin als erstes Bundesland seine Versorgungsrücklagen für Beamtenpensionen in Höhe von 823 Millionen Euro de-investieren.

Für Nordrhein-Westfalen ist es bis dahin noch ein langer Weg. Zwar zeigen Vorreiter-Kommunen wie Münster, dass Veränderung möglich ist. Europaweit werden in der Region aber nach wie vor die meisten umweltschädlichen Emissionen in die Luft geblasen – und Kohlekraft gilt hier weiterhin als zukunftstaugliche Technologie.

Julia Lauter

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Artenschutz15.Mai 2017

Wale im Hamburger Hafen: Erfreuliche Rückkehr mit fatalen Folgen

Ein Jahrhundert lang gingen Schweinswale nicht auf Beutezug in deutsche Flüsse. Nun sind sie zurück – und finden eine Welt voller Gefahren.

Blättert man durch Meyers Großes Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1906, liest man Erstaunliches über den Schweinswal: „Der Braunfisch [so die damalige Bezeichnung der Schweinswale; Anm. d. Red.] lebt gesellig im Nordatlantischen Ozean, von Grönland bis Nordafrika, auch in der Ostsee, ist häufig in der Nordsee, geht bis zum Mittelmeer, steigt weit in die Flüsse hinauf (bis Paris, Magdeburg)...“

Schweinswale in der Elbe bei Magdeburg? Kaum zu glauben aus heutiger Sicht, stehen die Kleinen Tümmler, wie sie auch genannt werden, doch in Deutschland als „stark gefährdet“ auf der Roten Liste. Ihr Bestand ist rückläufig, in der Nord- und Ostsee sterben jährliche Tausende unter anderem in Fischernetzen oder werden durch den Baulärm von Offshore-Windparks aus den Schutzgebieten vertrieben. Dass auch Flüsse zu ihrem natürlichen Lebensraum zählen könnten, hatte kaum jemand auf dem Zettel – bis jetzt.

Denise Wenger ist Biologin und leidenschaftliche Schweinswalschützerin. Vor zehn Jahren begann sie ihren Kampf für die Meeressäuger. Vereinzelte Schweinswale wurden damals in norddeutschen Flüssen wie Elbe und Weser gesichtet – „verirrte“ Exemplare, wie es hieß. Doch die Biologin entwickelte ein Sichtungsprogramm, installierte Detektoren, die die Klicklaute der Wale aufzeichneten, und rief auf der Webseite walschutz.org eine Onlinekarte ins Leben, über die Bürger Sichtungen von Schweinswalen melden konnten.

Die Sichtungskarte von walschutz.org zeigt an, wo Schweinswale gesehen wurden. Sie basiert auf Meldungen von Bürgern und zeigt die Sichtungen aus dem Jahr 2016. Grafik: Schweinswale e.V., GeoBasis-DE/BKG, Google

Und tatsächlich: Immer mehr Tiere wurden entdeckt – in manchen Jahren mehr, wie 2013, und manchen Jahren weniger, wie 2014 und 2015. Im vergangenen Jahr dann der bisherige Höhepunkt: Rund 650 Sichtungen wurden gemeldet – ganze Gruppen von Schweinswalen zogen die Elbe hinauf bis in den Hamburger Hafen. Ungefähr achtzig bis hundert Tiere seien es laut Wengers Schätzung gewesen, die sich zwischen Februar und Mai in der Elbe tummelten. Von „verirrten Einzeltieren“ kann keine Rede mehr sein.

Sorge um das Überleben der Wale

„Die Wale folgen den Stint-Schwärmen, die zum Ablaichen aus der Nordsee ins Süßwasser schwimmen“, erklärt Wenger. Nach Jahrzehnten der Industrialisierung habe sich die Wasserqualität in den vergangenen zwanzig Jahren durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie verbessert. „Deswegen haben sich bestimmte Fischarten wieder angesiedelt und mit den wandernden Fischen kommen die Schweinswale“, sagt Wenger.

Doch so schön die Rückkehr der Schweinswale in ihr historisches Habitat ist, die Biologin sieht die Entwicklung mit Sorge: „Schwimmen die Wale die Elbe hinauf, erwarten sie in Hamburg lärmende und schmutzige Hafenanlagen.“ Einige Tiere hätten auffällige Hautkrankheiten, möglicherweise hervorgerufen durch Chemikalien im Wasser, oder Verletzungen, die von Netzen, Schiffsschrauben oder Kollisionen mit Booten herrührten. Besonders kleine Schnellboote seien eine Gefahr. „Für die sich akustisch orientierenden Wale muss der Lärm im Hafenwassser enorm sein: Laute Schiffsmotoren aller Art, Sonargeräusche von Booten, um die Wassertiefe zu messen – ein unvorstellbarer Krach, den die Kaimauern noch verstärken“, sagt Wenger. Das bedeute Stress und könne sich auch auf das Gehör der Wale auswirken.

Jedes Jahr Anfang Mai kommt dann auch noch der „Hafengeburtstag“ hinzu, ein Fest, das mehr als eine Million Besucher anzieht und bei dem sich unzählige Schiffe zur großen Parade auf der Elbe versammeln. „Kurz vor dem Hafengeburtstag im vergangenen Jahr erreichten mich noch mehrere Sichtungsmeldungen von einer großen Gruppe Schweinswale im Hafengebiet“, sagt Wenger. „Das hörte nach dem Hafengeburtstag abrupt auf.“

Stattdessen riefen täglich Bürger an, die tote Wale im Hafengebiet meldeten – insgesamt 29 von ihnen wurden in den drei Wochen nach dem Hafengeburtstag gemeldet. In den acht Wochen zuvor waren es nur drei gewesen.

Die Stadt bestreitet einen Zusammenhang zwischen dem Tod der Wale und dem Hafengeburtstag. Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt habe die gefundenen Tiere untersucht. „Die Zusammenhänge, die zum Tod der überwiegend jungen Tiere führten, sind sehr unterschiedlich“, heißt es aus der Behörde für Umwelt. „Festgestellte Todesursachen waren u.a. Lungenentzündung, Parasitenbefall, Unterernährung oder Verletzungen durch Schiffsschrauben. Auch Orientierungsprobleme und Schwächung aufgrund des Unterwasserlärmpegels in Europas drittgrößtem Hafen könnten eine Rolle gespielt haben. Aber selbst das ist nicht nachgewiesen.“ Die Untersuchungsberichte wollte die Behörde auf Anfrage des Greenpeace Magazins nicht herausgeben.

Ob das zeitliche Zusammentreffen von Hafengeburtstag und den Funden toter Wale Zufall war oder ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht, ist also noch nicht klar. Immerhin scheinen die Behörden der Hansestadt die Rückkehr der Schweinswale – und die Verantwortung, die daraus folgt – mittlerweile nicht mehr zu ignorieren. Die Umweltbehörde prüfe derzeit zusammen mit der „Hamburg Port Authority“ ein Monitoring, um mehr Erkenntnisse über Anzahl, Verhalten und Beeinträchtigungen von Schweinswalen in der Elbe zu gewinnen. „Noch diesen Sommer werden wir mit Unterwasser-Schallmessungen beginnen“, heißt es. Unterwassermikrofone können die Klicklaute der Wale aufzeichnen.

Denise Wenger freut sich darüber, ihr Einsatz scheint Früchte zu tragen. Sie führt mit der Stadt Gespräche über den Schutz der Schweinswale und über das Monitoring. „Gott sei Dank besteht dieses Jahr keine große Gefahr“, sagt sie. „Es wurden kaum Wale gesichtet, weil es nur wenig Stint gab.“ Für den diesjährigen Hafengeburtstag vom 5. bis 7. Mai erwartet sie keine Todfunde.

Die Wal-Pause verschafft ihr Zeit, um konkrete Vorschläge für Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Sie wünscht sich beispielsweise ein Tempolimit für die schnellen Motorboote während der Schweinswalsaison und eine Art Schutzzone außerhalb der Fahrrinne.

Auch der Einsatz von Warngeräten für die Tümmler könnte eine Möglichkeit sein – insbesondere vor dem Hafengeburtstag. Einige Walfreunde plädieren gar für die Verschiebung der Großveranstaltung in den Juni, wenn sich die Tiere wieder aus der Elbe zurückgezogen haben.

Doch bis nach Magdeburg, wie vor hundert Jahren, werden es die Kleinen Tümmler auch dann nicht mehr schaffen. Bei Geesthacht, kurz hinter Hamburg ist Schluss – ein Wehr mit Schleuse und Fischaufstieg versperrt den Weg.

Frauke Ladleif

Foto: Sophia Wenger/dpa. Zwei Schweinswale schwimmen am 31. März 2013 in der Elbe vor Finkenwerder bei Hamburg

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Tierwohl – 3.17
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Neue Ausgabe15.Mai 2017

Haltung zeigen! Wie wir die Lebensqualität für alle Tiere verbessern

Hühner, Schweine und Rinder sollen ein gutes Leben haben, das fordern immer mehr Verbraucher und Politiker. Wir ziehen in unserer neuen Ausgabe Zwischenbilanz und stellen fest: Das Wohl der Tiere lässt sich verbessern – aber nur, wenn auch konventionelle Landwirte deutlich besser bezahlt werden.​

Die Einstellung gegenüber der Nutztierhaltung ist im Wandel: Achtzig Prozent der Deutschen fordern bessere Lebensbedingungen – und zwar für alle Tiere. Dennoch ist der Anteil von artgerecht erzeugtem Biofleisch bei Schweinen und Geflügel verschwindend gering. Grüne Minister in den Landwirtschaftshochburgen der Republik haben sich deshalb vorgenommen, die Tierhaltung in der Breite zu verbessern. 

Unser Autor Andreas Weber hat sich auf die Suche nach konventionellen Landwirten begeben, die Pionierarbeit leisten. Sie versuchen, ihren Legehennen und Mastschweinen die Langeweile zu vertreiben, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen, auch wenn ihre Schnäbel und Ringelschwänze unversehrt bleiben. Und sie gönnen ihren Tieren mehr Platz und Auslauf, ganz einfach, weil sie das richtig finden. Außerdem traf er auf Züchter, die eine überraschend effektive Möglichkeit gefunden haben, dem schmerzhaften Enthornen junger Kälber ein Ende zu bereiten. Vielversprechende Ansätze zeigen sich also in vielen Bereichen – doch bei den Besuchen konventioneller Vorzeigehöfe wird auch klar: Der Wunsch nach mehr Tierwohl wird nur in Erfüllung gehen, wenn die Gesellschaft bereit ist, sich den Mehraufwand der Landwirte etwas kosten zu lassen.

3/17

Der Agrarökonom Achim Spiller sieht nicht nur die Konsumenten und Landwirte in der Pflicht – sondern vor allem die großen Handelsunternehmen. Er fordert sie im Interview mit dem Greenpeace Magazin dazu auf, den Wunsch der Verbraucher nach mehr Tierwohl ernst zu nehmen und mutige Entscheidungen zu treffen. Ein Blick in die Niederlande zeigt: Es kann funktionieren. Dort hat Fleisch aus aus tiergerechterer Produktion in den Supermärkten einen Anteil von bis zu fünfzig Prozent.

Nicht nur leere Absichtserklärungen unterschreiben, sondern selbst aktiv werden – dieser Maxime folgt Sebastian Jünemann. Mit Unterstützung der linksalternativen Szene hat der Berliner aus einem Gerätewagen des Technischen Hilfswerks eine mobile Klinik für Kriegsgebiete gebaut. Mit seinem Verein „Cadus“ will er damit in Syrien Menschenleben retten. Wir haben ihn getroffen, kurz bevor er in die Krisenregion aufgebrochen ist.

Eine innovative Idee hatte auch das Kollektiv „Tools for Action“. Die Künstler bringen mit Folie und Luft Entspannung und Spaß in hitzige Demonstrationen. Mit aufblasbaren Würfeln mischen sie internationale Klimaschutzproteste und Veranstaltungen gegen Rechtsextreme auf. Und durchbrechen damit die festgefahrenen Linien zwischen Demonstranten und Polizisten.

In dieser Ausgabe zeigen wir außerdem den ungewöhnlichen Weg der Alpenbauern Marcel und Sabine Heinrich, die als „Hüter der verborgenen Vielfalt“ alte Kartoffelarten anbauen. Und wir tauchen ab in die Tiefen der Meere, um die Verwandlungskünste der Oktopusse, Sepien und Kalamare zu bestaunen: „Willkommen im Variantenreich“. Anlässlich des „Overshoot Day“, der die alljährliche Erschöpfung natürlicher Ressourcen markiert, zieht unser Reporter Dirk Gieselmann die Öko-Bilanz seines eigenen Lebens und stellt fest: „Ich bin ein Monster.“ Denn würde jeder Mensch so konsumieren wie er, bräuchte es drei weitere Erden. 

Diese und viele weitere spannende Geschichten finden Sie in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.17. Das Heft erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Bahnhofskiosk oder für 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – das ist neu – auf dem Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Hanna Gieffers

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Kohleausstieg12.Mai 2017

So kann die Wahl in Nordrhein-Westfalen dem Klima schaden

Die Landtagswahl am Sonntag droht zur Absage an einen schnellen Ausstieg aus der rheinischen Braunkohle zu werden. Kommt die große Koalition, bleibt das Bundesland Deutschlands Klimakiller Nummer eins. Dabei würde eine baldige Abkehr von der Kohle und der konsequente Ausbau der Erneuerbaren die Jobs in der Region sichern.

Sven Lehmann muss um jede Stimme kämpfen. Kurz vor der Landtagswahl am 14. Mai sehen Meinungsforscher die Grünen in Nordrhein-Westfalen bei kaum mehr als sechs Prozent. „Viele Menschen gehen davon aus, dass wir ganz selbstverständlich in den Landtag einziehen. Aber das ist kein Selbstläufer”, warnt der Chef der NRW-Landespartei in einem Interview.

Lehmann hofft auf Rückenwind nach dem guten Abschneiden der grünen Parteifreunde am vergangenen Sonntag in Schleswig-Holstein. Doch eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition in Düsseldorf ist angesichts der aktuellen Umfrageergebnisse nur noch ein Hoffnungswert. Denn auch die SPD ist zuletzt zurückgefallen.

Für die Klimapolitik sind das düstere Aussichten: Bislang regierten die beim Kohleausstieg in NRW traditionell zögerlichen Sozialdemokraten mit grünem Korrektiv. Die Wahl könnte zu politische Konstellationen führen, die Forderungen von Klimaschützern nach einem schnellen Ende des Abbaus der rheinischen Braunkohle noch weniger folgen dürften.

Braunkohletagebau im nordrhein-westfälischen Hambach: Eine Schneise der Verwüstung. Foto: picture alliance / blickwinkel

Lediglich zwei Parteien mit Chancen auf Einzug in den Landtag machen sich in NRW dafür stark, den Tagebau so bald wie möglich zu beenden: Neben den Grünen, die in den nächsten zwanzig Jahren aus der Kohle aussteigen wollen, fordert nur noch die Linke, sofort mit dem Ausstieg anhand eines verbindlichen Fahrplan zu beginnen. Doch wie die Grünen liegen auch die Linken mit dieser klaren Haltung nur knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde.

Die SPD laviert hingegen, um möglichst keine Wähler zu verprellen: Es sollen zwar immer weniger fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Aber die Versorgungssicherheit dürfe dabei nicht in Gefahr geraten. Mit der von der Landesregierung 2015 verabschiedeten Leitentscheidung für das rheinische Braunkohlerevier seien Planungssicherheit und Perspektiven für die Menschen im Revier geschaffen worden. Daran will die SPD festhalten. Immerhin sieht der mit dem grünen Koalitionspartner ausgehandelte Kompromiss eine Verkleinerung des Braunkohletagebaus in Garzweiler vor.

Umweltschützern gehen die Maßnahmen aber nicht weit genug: „Die Entscheidung von Rot-Grün bringt wenig für den Klimaschutz“, kritisiert Dirk Jansen, Landesgeschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Ergebnis. Die Landesregierung sei vor dem Stromriesen RWE eingeknickt.

Liberale machen sich für Kohlekraftwerke stark

Für Umweltschützer wie Jansen ist Nordrhein-Westfalen der „Klimaschädling Nummer eins in Deutschland“. Schließlich werden ein Drittel der CO2-Emissionen der Bundesrepublik aus NRW in die Atmosphäre geblasen. Geht es nach der CDU, soll sich daran so bald nichts ändern. An der genehmigten Betriebsdauer der Tagebaue bis zum Jahr 2045 will die Union nicht rütteln. Allein über die Frage, wie viel Kohle abgebaut werden darf, will die von Spitzenkandidat Armin Laschet angeführte Partei mit sich reden lassen. Doch auch in näherer Zukunft gehört die Braunkohle für die Christdemokraten zum Energiemix.

Mit der FDP, die unter ihrem Bundesvorsitzenden Christian Lindner in NRW ein zweistelliges Ergebnis einfahren könnte, hätte die Union einen möglichen Koalitionspartner an Ihrer Seite, der sich einer „rationalen Energie- und Klimapolitik“ verschrieben hat. Dazu gehört für die Liberalen, dass der Abbau von Braunkohle und der Betrieb von Kohlekraftwerken weiterhin möglich bleiben soll.

Anfang Mai bezog der grüne Umweltminister Johannes Remmel – gemeinsam mit den drei grünen Umweltministern aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg – in einer „Düsseldorfer Erklärung“ Position für einen schnellen Ausstieg aus der Kohle: Darin fordern die grünen Minister unter anderem, in den kommenden drei Jahren zehn der größten Dreckschleudern in Nordrhein-Westfalen abzuschalten. Remmels Regierungschefin Hannelore Kraft kanzelte diese Forderung umgehend als unzulässige Vermischung von Parteifunktion und Ministeramt ab. Die schnelle Abschaltung der Kohlekraftwerke sei nicht die Position der NRW-Landesregierung, stellt die Ministerpräsidentin und SPD-Spitzenkandidatin klar.

Am Freitag vergangener Woche übergaben mehrere Umweltorganisationen – darunter der BUND, die Klima-Allianz Deutschland und Greenpeace – der Landesregierung eine Resolution mit 33.000 Unterschriften zum Stopp des Braunkohletagebaus. Doch Kraft entzog sich der Kritik, dass die Landesregierung trotz nachgewiesener Klimaschädlichkeit an der Braunkohle festhalte, – und nahm die Petition in der Düsseldorfer Staatskanzlei nicht persönlich an.  

In Nordrhein-Westfalen schrecken die vermeintlich negativen Folgen eines Ausstiegs für Arbeitsplätze und Wirtschaft die Landes-SPD immer noch mehr, als die Folgen weiterer Braunkohleverstromung für das Klima. Schließlich ist das Industrierevier an Rhein und Ruhr  vom Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte gebeutelt. Kein Kumpel fährt hier mehr in die Schächte der Steinkohlebergwerke ein, in Duisburg-Hüttenheim kämpfen derzeit die Beschäftigten des letzten großen Stahlwerks in der Region um ihre Jobs. Da mögen die Sozialdemokraten nicht auch noch das schnelle Ende der Braunkohle verkünden.

Energieexperten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung warnen schon seit langem, dass das Hinauszögern des Unvermeidlichen am Ende teurer kommt: „Jedes Bundesland kann ohne Braunkohle, jedes Bundesland muss ohne Braunkohle – weil die Energiewende zur Konsequenz hat, dass man aus der Kohle in den nächsten Jahrzehnten aussteigt und dafür konsequent auf erneuerbare Energien umstellt", so Kemfert. Weil NRW so viel Kohlestrom habe, scheine man hier aber den notwendigen Wandel zu scheuen, bemängelte Kempfert bereits vor gut zwei Jahren – dabei seien die Potenziale riesig.

Ausbau der Erneuerbaren könnte Jobs in der Region sichern

Seitdem hat sich wenig getan. Mit einem Anteil von rund zwölf Prozent des Bruttostromverbrauchs, der mit Hilfe erneuerbarer Energien gewonnen wird, liegt Nordrhein-Westfalen immer noch am unteren Ende des Bundesländer-Rankings.

Dabei wäre ein schneller Ausstieg mit dem richtigen Konzept ohne Jobverluste möglich. In einer Anfang der Woche veröffentlichten Studie rechnet das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag des Ökostromanbieters Greenpeace Energy vor, wie es gehen kann: Rund 4500 Stellen, die 2030 im rheinischen Braunkohlerevier noch übrig wären, lassen sich durch neue Jobs ersetzten, die der Umstieg auf erneuerbare Energien schafft – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen:  „Es macht einen großen Unterschied, wie man diesen Ausbau angeht“, sagt Bernd Hirschl vom IÖW. „Wenn er durch regional verwurzelte Akteure und im Bürgerenergie-Rahmen vorangetrieben wird, entstehen durch den Ausbau von Windenergie und Photovoltaik besonders viele Arbeitsplätze vor Ort.“

Doch kurz vor der Entscheidung am Sonntag schließen die Wahlkämpfer lieber politische Konstellationen aus, als über zukunftsweisende Lösungen nachzudenken: Die noch amtierende Ministerpräsidentin Kraft erteilte einer rot-rot-grünen Koalition eine Absage. Die FDP erklärte, nicht für eine Ampelkoalition zur Verfügung zu stehen. Und die Grünen halten weiter Distanz zu CDU und FDP. So wird in Düsseldorf für die nächste Legislaturperiode eine große Koalition der Kohlefreunde wahrscheinlich.

Bei Greenpeace Energy mag man auf die politischen Entscheidungen für einen schnellen Ausstieg in NRW nicht mehr warten und bietet einen Ökostromtarif an, mit dem die Abnehmer nicht nur Solarstrom aus Tagebaurevieren beziehen, sondern über einen Solidaritätsbeitrag von einem Cent pro Kilowattstunde auch den Ausbau der Kapazitäten der Erneuerbaren in der Region fördern. „Deutschland muss bis 2030 spätestens aus der Braunkohle aussteigen, sonst sind unsere Klimaziele nicht zu erreichen“, sagt Nils Müller, Vorstand der unabhängig von der Umweltschutzorganisation Greenpeace wirtschaftenden Energiegenossenschaft. „Wir haben 13 Jahre für den Ausstieg. Es muss also jetzt beginnen! Wir wollen nicht länger auf die Politik warten.”  

Matthias Lambrecht

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NRW-Landtagswahl11.Mai 2017

Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen: Was nützt das Klimaschutz-Gesetz?

Das rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen hat 2013 als erstes Bundesland ein Klimaschutzgesetz verabschiedet. Die CDU will es nach der Wahl wieder abschaffen. Wir haben NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), CDU-Klimapolitiker Rainer Deppe und Umweltökonom Johann Wackerbauer gefragt, wie gut ein Bundesland das Klima überhaupt per Gesetz schützen kann.

Johannes Remmel, 54, (Bündnis 90/Grüne), Umweltminister von Nordrhein-Westfalen

„Ja, denn Klimaschutz fängt vor der eigenen Haustür an. Nordrhein-Westfalen ist nicht nur spürbar von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen, es ist auch in besonderem Maße dafür verantwortlich. Ein Drittel aller deutschen Treibhausgase werden hier ausgestoßen. Daher stellen wir uns seit dem Jahr 2010 mit einer neuen Klimaschutzpolitik dieser Verantwortung. Durch vielfältige Maßnahmen sollen die Treibhausgase in NRW bis zum Jahr 2020 um mindestens 25 Prozent und bis zum Jahre 2050 um mindestens 80 Prozent reduziert werden. Diese Ziele sind im NRW-Klimaschutzgesetz von 2013 festgelegt und im Klimaschutzplan von 2015 in Maßnahmen übersetzt worden, bei denen auch die Wirtschaft mitmacht. Die hat nämlich längst erkannt, dass Klimaschutz ein Innovationstreiber und gut für den Umsatz ist. Klar ist aber auch, dass erst mit vielen weiteren wirksamen Klimaschutzgesetzen in anderen Ländern, im Bund und auf internationaler Ebene eine Chance besteht, die Erderwärmung einzudämmen.“

Braunkohlekraftwerk in NRW. Foto: picture alliance/ Horst Ossinger

Rainer Deppe (CDU), 60, Vorsitzender des Unterausschusses Klimaschutzplan im Düsseldorfer Landtag

„Nein, ein isoliertes Landesklimaschutzgesetz verunsichert nur die Wirtschaft. Für das Weltklima macht es keinen Unterschied, ob Emissionen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Spanien stammen. Deshalb gibt es aus gutem Grund den europäischen Emissionshandel, auch wenn ein weltweites System natürlich noch besser wäre. Eine isolierte Reduktion von Klimagasen in einem Bundesland bewirkt außer der Schwächung der dortigen  Industrie nichts. Zumal jede Tonne Stahl, die in Duisburg und nicht in China produziert wird, ein Beitrag zum Schutz des Weltklimas ist. Außerdem wollen wir mit innovativen Produkten und Herstellungsverfahren aus Nordrhein-Westfalen einen messbaren Beitrag zum Erreichen der Pariser Klimaziele leisten. Denn ressourceneffiziente Produkte aus NRW sparen über ihren gesamten Lebenszyklus deutlich mehr Treibhausgase ein, als eine Verlagerung ihrer Herstellung verursachen würde.“

Johann Wackerbauer, 59, Umweltökonom am Ifo Institut für Wirtschaftsforschung

„Regionen oder Bundesländer können allenfalls positive Impulse geben. Der Klimawandel ist ein globales Phänomen – und der Einfluss eines einzelnen Bundeslandes auf die internationale Klimaschutzpolitik nur gering. Regionen oder Bundesländer können allenfalls positive Impulse geben und Beispiele dafür liefern, wie Klimaschutz konkret umgesetzt werden kann. Diese Vorreiterrolle beanspruchen allerdings auch schon Deutschland und die Europäische Union. Die Wirkung auf die Wirtschaft eines einzelnen Bundeslandes hängt davon ab, wie diese strukturiert ist. Gibt es viele Anbieter von Umwelttechnologien, könnten regionale Klimaschutzprogramme positive ökonomische Auswirkungen haben. Unternehmen mit hohem Energieeinsatz sind dagegen benachteiligt, wenn die Auflagen strenger sind als in anderen Regionen. Der Nettoeffekt ist zunächst also unsicher. Für den Schutz des Klimas wäre in erster Linie ein weltweit einheitlicher Preis für Treibhausgasemissionen wichtig.“ 

Bastian Henrichs

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frankreich08.Mai 2017

Diese Personen könnten unter Emmanuel Macron die Umweltpolitik bestimmen

Erste Namen kursieren für die wichtigsten umweltpolitischen Ämter in der Regierung Macron, eine echte Vision für Themen wie Landwirtschaft, Energie und Umweltschutz ist jedoch nicht in Sicht.

Tausende Anhänger jubeln dem frisch gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu, vor der Pyramide des Louvre-Museums in Paris spricht er über Hoffnung, Mut und den Kampf gegen Ungleichheiten. Eines fehlt in seiner ersten Rede als Präsident: die Umwelt. Frankreich werde „an seinem Engagement hinsichtlich des Klimawandels“ festhalten, sagt er lediglich.

Er habe ein Umwelt-Programm, gemalt wie ein „impressionistisches Bild“: bloß kleine Pinseltupfer, kein großes Gemälde. So beschrieb es die französische Zeitung „Le Monde“ vor ein paar Wochen. Während seiner Wahlkampfauftritte sprach Macron zwar von „ökologischer Dringlichkeit“, die Energiewende nannte er „die Herausforderung des 21. Jahrhunderts“. Doch der Blick hinter die Schlagworte zeigt: Revolutionäre Vorschläge, um diese Herausforderungen anzugehen, fehlen im Programm.

Vor imposanter Kulisse: Emmanuel Macron spricht am Abend seines Wahlsiegs vor dem Louvre zu seinen Anhängern. Foto: dpa

Es kommt also auf die Personen an, die Macrons Umweltpolitik in Zukunft bestimmen werden. Einer seiner Mitarbeiter, der nicht mit Namen genannt werden will, sagte gegenüber dem Greenpeace Magazin, dass Christophe Castaner, 51, sehr gute Chancen auf den Posten als Umweltminister habe. Der charismatische Politiker und ehemalige Bürgermeister einer südfranzösischen Gemeinde ist einer der aktuellen Sprecher Macrons und hat sich innerhalb der Bewegung um Umwelt- und Wohnungsbaufragen gekümmert.

Offiziell bestätigt ist dieser Name jedoch noch nicht – ebenso wie der des Premierministers, das wichtigste Amt der Regierung Macron. Dieser Posten ist eine Schlüsselposition, die den Ton für die gesamte Regierung angibt. Ein Name ist in den letzten Tagen in der französischen Presse immer wieder aufgetaucht: Laurence Parisot, die ehemalige Chefin des mächtigen französischen Arbeitgeberverbandes. Die 57-Jährige sympathisiert mit „En Marche !“, der Bewegung Macrons, dementierte im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin aber die Gerüchte: „Niemand aus der Bewegung hat mich bislang gefragt.“

Ein weiterer Name: Audrey Bourolleau. Die 37-Jährige war im Wahlkampf verantwortlich für Landwirtschaftsfragen. Nach einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat sie sich bisher um den Export von Bordeaux-Weinen Richtung Asien gekümmert. „Sie ist als neue Landwirtschaftsministerin vorgesehen“, sagt ein Mitarbeiter Macrons.  

Führungspersonen der französischen Grünen unterstützen Macron

Gewichtige Führsprecher hat der neue Präsident auch außerhalb seiner eigenen Bewegung. Umweltschützer der ersten Stunde, wie der Deutsch-Franzose und ehemalige Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit, haben immer wieder die Politik Macrons verteidigt. „Jede Stimme, die Macron fehlen wird (...), ist eine Stimme, die der Umwelt fehlen wird“, heißt es zum Beispiel in einer Kolumne, der vor kurzem in der Zeitung „Journal Du Dimanche“ erschien.

Und nicht nur Grünen-Politiker haben dem Wahlsieger den Rücken gestärkt. Die ehemalige französische Umweltministerin Ségolène Royale zeigte sich bei Macrons letzter großen Wahlkampfveranstaltung in Paris Anfang letzter Woche. Von Seiten Macrons wurde jedoch beteuert, dass sie als Privatperson anwesend gewesen sei.

Weniger Atomenergie, mehr erneuerbare Energiequellen

Was also sind Macrons Ideen im Bereich Umweltpolitik? Viele seiner Vorschläge ähneln denen des jetzigen Präsidenten François Hollande. Wie sein Amtsvorgänger will Macron den Strom aus Atomkraft reduzieren, bis 2025 sollen es „nur“ noch 50 Prozent am französischen Energiemix sein. Das AKW an der deutsch-französischen Grenze in Fessenheim soll geschlossen werden.

Gleichzeitig plant Frankreichs neuer Präsident bis zum Jahr 2022 die Kapazität der Windkraftanlagen und Solaranlagen zu verdoppeln. Hier bleibt er hinter bereits beschlossenen Plänen zurück. Hollande hat bis 2023 eine Vervierfachung der Kapazitäten im Vergleich zu 2014 vorgesehen.

Unter Macron wird es keine Agrarwende geben

Thema Lebensmittel und Landwirtschaft: Während des Wahlkampfes hatte Macron immer wieder betont, dass er die aktuelle Position Frankreichs beim Thema gentechnisch veränderter Lebensmittel weiterverfolgen möchte. Konkret bedeutet das: sie dürfen nicht im Land verkauft werden, jedoch soll auch weiterhin von staatlicher Seite zu ihnen geforscht werden.

Die große Agrarwende hin zur Bio-Landwirtschaft wird man von dem neuen französischen Staatschef nicht erwarten können. Zwar verspricht er, französischen Bauern jährlich 200 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, wenn sie die Natur in der Umgebung ihrer Felder pflegen oder ihre Tiere auf Weiden halten. Auch soll ein weiterer Fonds gefüttert mit fünf Milliarden Euro Bauern helfen, stärker auf das Tierwohl zu achten.

Doch an der industriellen Anbauweise und an der Förderung großer Höfe hält er fest. Beim jährlichen Kongress der Nationalen Bauerngewerkschaft Ende März betonte er, dass es mit ihm als Präsidenten eine „intensive Landwirtschaft“ geben werde. Arnaud Rousseau, Präsident des größten Französischen Bauernverbandes FNSEA in der Region Seine et Marne freut sich, dass Emmanuel Macron gewählt wurde. Er hat den jetzigen Präsidenten auf der Pariser Landwirtschaftsmesse im Februar getroffen. „Ich unterstütze seinen globalen und europäischen Ansatz und finde es gut, dass er die Landwirtschaft modernisieren will", sagte Rousseau gegenüber dem Greenpeace Magazin. Er und seine Mitstreiter erwarten viel von Macron – vor allem, dass er die großen Supermarktketten zu faireren Preisen auffordert. „Landwirtschaft muss sich wieder lohnen in Frankreich“, sagt der Bauer.

Weniger Diesel, mehr Elektro

Einen neuen Vorschlag macht Macron im Bereich der Mobilität: Er will weg vom Diesel-Motor. Seit Jahren subventioniert Frankreich durch Steuererleichterungen indirekt Diesel-Autos; diese Steuern möchte Macron erhöhen. Auch verspricht er Käufern, die ihr Diesel-Auto durch ein Hybrid- oder Elektrofahrzeug oder ein sparsameres Benzinmodell ersetzen, eine Zuzahlung von 1000 Euro.

Wie reagieren Nichtregierungsorganisationen auf die Ankündigungen des neuen Präsidenten? Greenpeace Frankreich tut Macrons Pläne als „Reförmchen“ und „Augenwischerei“ ab: „Ein bisschen mehr Bio, ein bisschen mehr erneuerbare Energiequellen.“ Nichts Halbes und nichts Ganzes sei das, heißt es in einer Stellungnahme. Die Kritik: das aktuelle ökonomische System mit seinem negativen Einfluss auf die Umwelt werde nicht ausreichend in Frage gestellt.

Ob Macron seine Umweltpolitik wie geplant durchsetzen wird, hängt nicht zuletzt von den Parlamentswahlen im Juni in Frankreich ab. Denn der neue Staatschef ist auf eine Mehrheit seiner Bewegung in der Nationalversammlung angewiesen. Sollten jedoch die Sozialisten oder die Konservativen viele Stimmen gewinnen, wird er Kompromisse eingehen müssen – sowohl personell als auch inhaltlich.

Hanna Gieffers

Lesen Sie auch: Niedrige Preise für Milch und Fleisch treiben die Höfe in Frankreich in den Ruin. Oft fühlen sich die Landwirte von der Politik verraten. Weil sie keine Perspektive sehen, begehen immer mehr französische Bauern Selbstmord, 2. Mai 2017

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Engagement02.Jan 2017

Los geht's! Was Sie 2017 tun können

Das neue Jahr bricht an – mit all den Unwägbarkeiten und Herausforderungen, mit denen das letzte zu Ende ging. Wir zeigen Ihnen eine Auswahl wichtiger Termine und Aktionen, die Mut machen und für die sich Ihr Einsatz lohnt.

Landwirtschaft – Ab ins Beet

Schon am 21. Januar können Sie für gutes Essen auf die Straße gehen: „Wir haben es satt!“ skandieren dann wieder Tausende Bauern, Naturschützer und kritische Verbraucher auf einer Großdemonstration in Berlin. Die Aktion, die zum Start der landwirtschaftlichen Leistungsschau „Grüne Woche“ stattfindet, will an die Proteste der vergangenen sieben Jahren anknüpfen und 10.000 Menschen auf die Straße bringen, um für eine bäuerlich-ökologische Landwirtschaft und fairen Handel zu demonstrieren. Die Veranstalter wollen im Jahr der Bundestagswahl die Agrar- und Ernährungswende zum zentralen politischen Thema machen.

Wer das wichtig findet, aber es im Januar nicht zur Demonstration im kalten Berlin schafft, der möge sich den Start der Gartensaison im März im Kalender markieren: Ob im eigenen Garten, auf dem Balkon oder in einem Gemeinschaftsgarten mit anderen: Gartenarbeit kann immer auch politische Arbeit sein. Sei es, dass Sie durch den Anbau alte Gemüsesorten vermehren und bewahren oder durch die insektenfreundliche Bepflanzung bedrohten Bestäubern wie Bienen, Hummeln und Faltern eine Heimat bieten. Ihr Garten kann Teil der Agrarwende werden. Vernetzten Sie sich mit den urbanen Gärtnern in Ihrer Stadt – gemeinsam macht die Gartenarbeit noch mehr Spaß!

Es gibt viel zu tun 2017 – packen wir es an! Foto: picture alliance

Naturschutz – In den Garten

Los geht es zwischen dem 6. und 8. Januar – und zwar mit einer Aktion der besonders schönen Art: An diesen Tagen veranstaltet der Nabu die „Stunde der Wintervögel“. Dabei sind Naturfreunde dazu angehalten, sich eine Stunde Zeit zu nehmen für die Beobachtung der Vögel in ihrem Garten, auf dem Balkon oder im Park, um so die Bestandszahlen der gefiederten Wintertiere zu ermitteln. Falls Sie es an diesem Wochenende nicht schaffen sollten: Das großangelegte Citizen Science Projekt findet nicht nur im Winter, sondern auch im Mai statt — dann unter dem Titel „Stunde der Gartenvögel“. Einen weiteren wichtigen Termin für passionierte Naturschützer gibt es am 17. September: der „Coastal Clean Up Day“. Hier tun sich engagierte Menschen weltweit zusammen, um die Verschmutzung an den Küsten und Ufern zu beseitigen und mit ihren konzertierten Aktionen auf das Problem der Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen. Reihen Sie sich ein!

Mobilität – Aufs Rad

Damit die klimafreundliche Mobilität der Zukunft ins Rollen kommt, müssen Politik und Wirtschaft einen klaren Kurs in Richtung Elektromobilität fahren. Doch auch im Bereich der Stadtplanung und der Förderung innovativer Mobilitätskonzepte muss auf dem Weg zu klimafreundlicheren Städten noch viel ungenutztes Potenzial erschlossen werden. Wie kann man als einzelner diese Prozesse unterstützen? Zum Beispiel, in dem man an den deutschlandweiten Fahrradaktionen der Bewegung „Critical Mass“ teilnimmt. Die Bewegung, die in fast allen größeren Deutschen Städten aktive Mitstreiter hat, trifft sich einmal im Monat, um in einer großen Gruppe durch die Stadt zu radeln. Dabei nutzen sie einen Absatz der Straßenverkehrs-Ordnung zu ihren Gunsten, der die Bildung eines so genannten Fahrrad-Verbandes regelt: Sobald mindestens 16 Radfahrer gemeinsam unterwegs sind, darf ein solcher Fahrrad-Pulk trotz benutzungspflichtiger Radwege die Fahrbahn nutzen und verhält sich an Ampelkreuzungen wie ein einziges großes Fahrzeug – wenn der erste Radfahrer bei grünem Licht die Haltlinie überquert, dürfen ihm alle anderen folgen, auch wenn die Ampel zwischenzeitlich auf Rot umschaltet. Die Rundfahrten, zu denen sich oft Hunderte Radler versammeln, setzen ein starkes Zeichen für eine neue urbane Moblität, die auch noch Spaß macht!

Politik und Gesellschaft – Nach Berlin

Im Februar wird womöglich vorzeitig eine neues Parlament in Italien gewählt, Ende April werden wir die Präsidentschaftswahl in Frankreich mit Spannung verfolgen – beide Ergebnisse gelten als richtungsweisend für die Zukunft der EU. Im Spätsommer steht dann in Deutschland die Bundestagswahl ins Haus, sie wird voraussichtlich am 17. oder 24. September stattfinden. Bis dahin werden die möglichen Koalitionen hinreichend diskutiert worden sein (Reicht es für Rot-Rot-Grün? Bleibt es bei der Großen Koalition? Wie viele Stimmen wird die AfD bekommen und was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft aus?). Wer das Viel- und Schöngerede des Wahlkampfs mit ein paar Hintergrundinformationen unterfüttern möchte oder gar noch auf einen entscheidenden Wahlimpuls hofft, dem seien die lobbykritischen Stadtführungen der Organisation „Lobby Control“ ans Herz gelegt. Ab März erfahren Sie bei Spaziergängen auf den Spuren der Lobbyisten im Berliner Regierungsviertel mehr über die Einflussnahme rund um TTIP, undurchsichtige Lobbyagenturen und verdeckte Geldgeschenke an Parteien. Gut zu wissen!

Klimaschutz – Zur Grube

Die Rettung des Klimas kann ohne einen schnellen Kohleausstieg nicht gelingen – doch Union und SPD schrecken vor den mächtigen Lobbys zurück und schieben ihn auf die lange Bank. Die derzeit größten Anti-Kohle-Proteste in Deutschland und Mitteleuropa werden vom Bündnis „Ende Gelände“ organisiert – Umwelt- und Klimaschützer demonstrieren in kreativen Massenaktionen nahe der großen Kohlekraftwerke im Rheinland und in der Lausitz gegen die klimaschädliche Kohleverstromung und für eine nachhaltige und solidarisch Klimapolitik. Voraussichtlich wird auch diese Aktion wieder am Pfingstwochenende, Ende Mai, stattfinden. Mit dabei sind nicht nur engagierte Bürger aus Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern, sondern auch internationale Aktivisten, deren Heimat bereits heute vom Klimawandel betroffen ist. Neben den Demonstrationen gibt es viele Vorträge, Workshops und andere Veranstaltungen, die dazu einladen, die Klimabewegung kennenzulernen und gemeinsam über Alternativen zu bestehenden Energie- und Wirtschaftskonzepten nachzudenken. Keine Vorkenntnisse vorausgesetzt!

Internationale Verhandlungen – Auf die Straße

Am 7. und 8. Juli findet dann der G20-Gipfel in Hamburg statt, bei dem die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer für Verhandlungen zusammenkommen. Dies wird das erste offizielle Gipfeltreffen sein, an dem auch der neue US-Präsident Donald Trump teilnimmt. Linke Organisationen haben Gegenproteste angekündigt, Zehntausende Teilnehmer werden erwartet. Und dann wird vom 6. bis 17. November auch noch die Weltklimakonferenz in Deutschland stattfinden. Bonn als Sitz des Sekretariats der UN-Klimarahmenkonvention bekam den Zuschlag, weil die Fidschi-Inseln, die 2017 die Präsidentschaft der Weltklimakonferenz inne haben, eine solche internationale Großkonferenz nicht ausrichten können. Nun wird also die alte Bundeshauptstadt zum Hotspot der internationalen Klimapolitik – und für deren Gegner. Eine gute Gelegenheit, bei diesem wichtigen Ereignis dabei zu sein: Informieren Sie sich vorab, ob engagierte und interessierte Naturschützer aus Ihrem Umfeld nach Bonn aufbrechen, um Druck zu machen, damit die Welt die Ziele von Paris fest im Blick behält. In Zeiten der Trump-Präsidentschaft, in der das Klimawandel-Leugnen salonfähig wird, braucht es jede Stimme für eine enkeltaugliche Zukunft!

Julia Lauter

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Tierwohl – 3.17
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