Weltbienentag19.Mai 2017

Wie wir die Bienen jetzt noch retten können

Ohne die Bienen hätten wir weder Obst noch Gemüse auf dem Tisch – von Honig ganz zu schweigen. Monokulturen und Ackergifte bringen viele der emsigen Insekten allerdings in Lebensgefahr. Es ist allerhöchste Zeit zu handeln. Zum Weltbienentag zeigen wir wie.

Die Biene ist ein wahres Power-Tier. Auf der Suche nach Nektar legt sie riesige Entfernungen zurück, bestäubt die Blütenpflanzen, schleppt ihre Ausbeute in den Stock, füttert ihre Schwestern und legt Honigvorräte an – eigentlich hätten wir allen Grund, sie zum Weltbienentag am 20. Mai einmal kräftig hochleben zu lassen.

Doch aktuell steht es schlecht um das fleißige Insekt. Auf deutschen Feldern erstrecken sich Mais-Monokulturen bis zum Horizont. Wiesen werden viel zu häufig abgemäht. Unsere Bienen sind quasi auf Zwangsdiät und drohen zu verhungern. Als wäre das nicht schon genug, geben ihnen Ackergifte oft den letzten Rest.


Der Biene verdanken wir sowohl Obst als auch Gemüse. Es lohnt sich, dass wir uns für ihr Wohl einsetzen. Foto: dpa

Ohne Flora keine Fauna und umgekehrt: Vielfalt braucht gesunde Biotope – mit Frühblühern, die dem Winter trotzen, mit bunten Sommerblumen und mit Arten, die auch im späten Herbst noch Nahrung für Insekten bieten. Mit Ihrer Hilfe kann jetzt ein großes Stück Ackerland zur blühenden Landschaft werden. Das geht ganz einfach:

Werden Sie zum Blühpaten für 20 Quadratmeter Vielfalt – das ist unsere mit Abstand bunteste Aboprämie! Unsere Partner bei diesem Projekt sind das „Netzwerk Blühende Landschaft“, eine Initiative der Bienenfreunde „Mellifera e.V.“, und der Landwirt Hauke Hinz aus dem Dorf Kleve bei Itzehoe. Auf 10.000 Quadratmetern sprießen mit Ihrer Hilfe Malven, Klee, Ringelblumen, Lupinen, Borretsch, Luzerne oder Phacelia. Diese Blumen sind schön anzuschauen, bereichern die Artenvielfalt, fördern den Humusaufbau, bieten Nahrung für Bestäuber und Lebensraum für zahlreiche Insekten und Vögel.

Wenn Sie die „Blumenwiese“ wählen, verwandelt Ihr neues oder verschenktes Abonnement der Digital- oder Druckausgabe des Greenpeace Magazins ein Stück Acker in 20 Quadratmeter Vielfalt. Besuchen können Sie Ihre Patenblumen übrigens auch – das „Netzwerk Blühende Landschaft“ bietet Führungen durch diesen neuen Naturraum an. Und die sind nicht nur für Bienen interessant.

JH/gpm

Mehr über die faszinierende Welt der Bienen erfahren Sie auch in unserem Buch „Die Biene – Eine Liebeserklärung“. Darin berichten unsere Autorinnen Katja Morgenthaler und Kerstin Eitner unter anderem über die erstaunlichen Fähigkeiten der Biene – einem Tier, das UV-Licht sieht, in stereo riecht und mit den Füßen schmeckt. 

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Tierwohl – 3.17
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Atomkraft19.Mai 2017

Frankreichs neuer Minister für Umwelt Nicolas Hulot wird Atomgegner enttäuschen

Die Berufung des bekannten Umweltaktivisten in die Regierung von Emmanuel Macron weckt hohe Erwartungen, auch beim Reizthema Atom. Doch der Kurs wird von ganz oben vorgegeben.

Die neue französische Regierung dämpft Hoffnungen von Atomgegnern auf eine beschleunigte Energiewende. Der Nuklearanteil an der Energieproduktion solle mit einem „verantwortlichen Zeitplan“ vermindert werden, sagte Regierungssprecher Christophe Castaner am Donnerstag in Paris nach der ersten Kabinettssitzung. Weitere Themen waren die Arbeitsweise unter dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron und die Parlamentswahlen im Juni. 

Die Berufung des populären Umweltaktivisten und Filmemachers Nicolas Hulot zum Umweltminister hatte Erwartungen geschürt, wonach ein Kurswechsel in der Energiepolitik anstehen könnte. Der 62-Jährige ist für seine kritische Haltung zur Atomenergie bekannt. „Ein Minister stellt keine Bedingungen, weder an den Premierminister, noch an den Staatspräsidenten“, resümierte Castaner, der auch Staatssekretär ist. Hulot war Sondergesandter von Macrons Amtsvorgänger François Hollande zur Vorbereitung der Pariser Klimakonferenz im Dezember 2015 gewesen.

Castaner machte deutlich, dass Macron das seit langem beschlossene Energiewende-Gesetz in die Tat umsetzen will. Das Ziel lautet dabei, der Atomkraft am Strommix bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Frankreich erzeugt rund drei Viertel seines Stroms aus Kernkraft. Erneuerbare Energien steuern nach früheren Angaben nur etwa 16,5 Prozent bei, in Deutschland ist es fast doppelt so viel.

Schon vor der Wahl Macrons hatte die Umweltorganisation Grrenpeace die umweltpolitischen Pläne des neuen Präsidenten als „Reförmchen“ und „Augenwischerei“ abgetan. „Ein bisschen mehr Bio, ein bisschen mehr erneuerbare Energiequellen.“ Nichts Halbes und nichts Ganzes sei das, hieß es in einer Stellungnahme. Die Kritik: das aktuelle ökonomische System mit seinem negativen Einfluss auf die Umwelt werde nicht ausreichend in Frage gestellt.

Greenpeace störte unterdessen eine Aktionärsversammlung des Stromkonzerngiganten EDF. Der Konzern sei technisch und finanziell nicht in der Lage, sein Nuklearprogramm fortzuführen, meint Greenpeace. EDF-Chef Jean-Bernard Lévy ist hingegen der Auffassung, dass die Atomkraft unerlässlich für die Energieunabhängigkeit Frankreichs sei. Das gelte für die nächsten Jahrzehnte, sagte er laut Nachrichtenagentur AFP. EDF betreibt unter anderem das umstrittene Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass, dass geschlossen werden soll. 

Macron hatte die Ressortchefs aus verschiedenen politischen Lagern am Mittwoch ernannt. Die Regierung unter dem konservativen Premier Edouard Philippe will bald eine Lockerung des Arbeitsrechts angehen. Rasch soll auch ein neues Gesetz gegen Interessenkonflikte bei Politikern kommen. Abgeordnete werden dann nicht mehr Familienmitglieder beschäftigen dürfen. Der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon war wegen möglicher Scheinbeschäftigung seiner Frau ins Visier der Justiz und damit im Wahlkampf ins Schleudern geraten.

dpa/gpm

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ernährung18.Mai 2017

Diese Ausstellung zeigt, wie wir mit Seetang und Mehl-Würmern satt werden

Eine Alge, die wie Schinkenspeck schmeckt, und ein echter falscher Hase: Eine Hamburger Design-Ausstellung hat ungewöhnliche Vorschläge parat, was künftig unsere Teller zieren könnte. Das Ziel ist nichts Geringeres als die Revolution unserer Ernährung – die „Food Revolution 5.0“.

„Es ist schon fünf nach zwölf“, sagt Kuratorin Claudia Banz mit besorgtem Blick. Was sie damit meint? Während in armen Ländern wie Somalia Menschen verhungern, wird hierzulande jedes achte Brot weggeworfen. Die Weltbevölkerung wächst rasant und unsere Ressourcen werden immer knapper. Durch Klimawandel und industrielle Landwirtschaft schwinden die Flächen, auf denen noch natürliche Ernten eingefahren werden können. Kurz: Es sind die großen Probleme, denen sich die neue Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe widmet – Probleme, die am Küchentisch allzu oft mit einem resignierten Schulterzucken abgetan werden.

Die Designer von „Food Revolution 5.0“ lassen den Besucher damit nicht so einfach davonkommen. „Die Menschen denken immer, sie können nichts tun. Dabei gibt es eine Menge, was man tun kann“, sagt Kuratorin Banz. Die Ausstellung bietet eine ganze Reihe Denk- und Handlungsanstöße, mit denen unsere Ernährung umgekrempelt werden könnte. Es sind Antworten, die dreißig junge Designer auf die Frage gegeben haben, wie und was sie künftig essen wollen.

Da ist zum Beispiel Hanan Alkouh aus Kuwait. Sie kommt zu dem Schluss, dass wir andere, neue Lebensmittel brauchen, statt weiter Fleisch zu konsumieren. Beinahe ein Fünftel der globalen CO2-Ausstöße werden durch die Viehwirtschaft verursacht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt schon lange vor übermäßigem Verzehr von rotem Fleisch. Alkouhs Gedanke: Was würde es bedeuten, wenn wir von einem auf den anderen Tag aufhören, Fleisch zu essen? Das traditionelle Handwerk der Schlachter würde aussterben; die Kultur der Verarbeitung und Zubereitung von Fleisch- und Wurstwaren. Ein bedauerlicher Verlust, findet Alkouh, und ersetzt das Fleisch einfach durch Seetang.


Sieht aus wie Fleisch, ist aber Seealge. Die Designerin Hanan Alkouh will das Handwerk des Schlachters vegetarisch machen. Foto: Tom Mannion.

Für den Nachbau der Fleischproduktion hat die Designerin die rote Seealge „Dulse“ genutzt, die entlang der Pazifik- und Atlantikküsten wächst und so wenige Ressourcen verbraucht, dass man von „Netto-Kohlenstoff-Verbraucher“ sprechen kann. Gebraten schmeckt die Pflanze wie Schinkenspeck, tatsächlich steckt sie aber voller wertvoller Mineralstoffe, Vitamine und Antioxidantien. Vivian Michalski, kuratorische Assistentin, sagt: „Die Designerin erhält die traditionellen Berufe des Schlachters und Metzgers und zeigt zugleich eine Alternative zu Fleisch auf.“

Es gibt Falschen Hase, besser gesagt: bugs’ bunny

Auch die deutsche Designerin Carolin Schulze will der herkömmlichen Fleischindustrie an den Kragen. Sie setzt auf Insekten. Einziges Problem: Heuschrecken und Maden haben keinen guten Ruf bei Europäern. Die meisten ekeln sich davor oder halten sie für unhygienisch. Vielleicht liegt’s am Erscheinungsbild? Schulze püriert Mehlwürmer zu einer Paste und formt sie mit Hilfe eines 3-D-Druckers zu kleinen Häschen – „Falscher Hase oder bugs’ bunny“, heißt ihr Projekt.


Designerin Carolin Schulze will mehr Menschen animieren, Insekten zu essen. Foto: Carolin Schulze

Weniger Selbstüberwindung fordern die Designer Jihyun Ryou und David Artuffo vom Verbraucher. Sie versuchen das Problem der Lebensmittelverschwendung zu lösen, indem sie neue Lagermöglichkeiten entwickeln. Studien zeigen, dass ein Großteil der Nahrungsmittel weggeworfen werden muss, weil sie im Kühlschrank vergessen werden. Aus den Augen, aus dem Sinn – wer weiß schon haargenau, was gerade im Kühlschrank liegt?

Altes Wissen in neuen Formen

Die Designer haben ältere Menschen gefragt, wie sie früher ihre Lebensmittel aufbewahrt haben. Anhand der Ratschläge entwarfen sie moderne Regalfächer: Möhren und anderes Wurzelgemüse halten sich am besten in einem kleinen Gefäß aus kühlem Sand. Über einer mit Wasser gefüllten Keramikschale bleibt Obst mehrere Wochen frisch. Der Kühlschrank kann hier getrost ignoriert werden. Kuratorin Banz sagt: „Die Designer haben einen Weg gefunden, altes, sich bewährtes Wissen in eine neue, zeitgemäße Form zu übersetzen.“ Inzwischen bieten Ryou und Artuffo ihr Aufbewahrungssystem sogar im Internet an.

Die Umsetzbarkeit nimmt in der Ausstellung „Food Revolution 5.0“ einen besonderen Stellenwert ein. „Es ist keine Kunstausstellung, sondern eine Designausstellung“, betont Kuratorin Banz. Im sogenannten „Critical Design“ gehe es in erster Linie darum, innovative und praktische Lösungsansätze auf dringliche Probleme aufzuzeigen. Prototypen von Projekten, die niemals funktionieren könnten, hätten da nichts zu suchen. Stattdessen sind mutige und kreative Ideen erwünscht, selbst wenn sie noch ein wenig Zeit brauchen, um perfekt zu funktionieren. Vivian Michalski sagt: „Die Ausstellung soll die Besucher zum Nachdenken anregen: Was kann ich eigentlich selber auf die Beine stellen, um mich künftig besser, nachhaltiger zu ernähren?“

Julia Huber

Die Design-Ausstellung „Food Revolution 5.0“ eröffnet am Freitag, 19. Mai, und ist bis zum 29. Oktober 2017 im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Dienstags bis sonntags 10.00 bis 18.00 Uhr, donnerstags bis 21.00. Eintritt 12 Euro, ermäßigt 8 Euro.

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Tierwohl – 3.17
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divestment17.Mai 2017

So will ein reicher Vegetarier in vierzig Jahren Massenhaltung von Tieren beenden

Der britische Vermögensverwalter Jeremy Coller bläst zum Rückzug aus Unternehmen, die ihr Geschäft mit Fleisch aus industrieller Landwirtschaft machen. Er und Investoren mit fast zwei Billionen Dollar Vermögen drohen McDonald’s oder Nestlé mit Kapitalentzug, sollten sie sich nicht von der Massentierhaltung verabschieden.

Jeremy Coller ernährt sich seit seinem elften Lebensjahr vegetarisch. Das war seine ganz persönliche Reaktion auf die Bedingungen, unter denen Schlachttiere massenhaft gehalten und getötet werden. Mit seinem Job als einer der erfolgreichsten Finanzinvestoren hatte die private Entscheidung, auf Fleisch zu verzichten, lange nichts zu tun.

Doch seit zwei Jahren ist das anders. Der Mittfünfziger rutschte in eine Midlife Crisis, die ihn dazu brachte über sein Leben, seine Rolle und das Geschäft nachzudenken, das er seit 1990 aufgebaut hatte. Und er fasste einen ebenso klaren wie ehrgeizigen Beschluss: Für die zweite Lebenshälfte hat Coller es sich zum Ziel gemacht, die Massentierhaltung in den kommenden vierzig Jahren zu beenden.

Massenhaft Hühner: Wenn in eng besetzten Ställen Pandemien ausbrechen, trifft dieses Geschäftsrisiko auch die Kapitalgeber der betroffenen Unternehmen. Foto: dpa

Es spricht einiges dafür, dass der Londoner Investor mit Herz für Tiere seinem Ziel zumindest sehr nahe kommt. Denn Coller kennt die Welt der mächtigen Investoren, die mit ihrem Kapitaleinsatz die Geschicke von Unternehmen bestimmen. Um deren Milliarden müssen die Konzernchefs buhlen, wenn sie ihre Investitionen finanzieren wollen und auf deren Rückendeckung sind sie angewiesen, wenn sie ihren Job behalten wollen.

Coller verwaltet ein Vermögen im Wert von gut 15 Milliarden Euro. Hinter seiner Initiative „Farm Animal Investment Risk and Return” (FAIRR) hat er inzwischen mehr als 70 große Vermögensverwalter versammelt. Es sind Fonds und Versicherungen aus aller Welt, die zusammen über ein Kapital von mehr als 1,8 Billionen Euro bestimmen – eine Summe, die dem 180-fachen Wert des Stromriesen RWE entspricht. Ziel von FAIRR ist es, große Investoren über oftmals unterschätzten Risiken der Massentierhaltung zu informieren, die ihre Renditen schmälern könnten. Mit diesem Wissen sollen sie Unternehmen, in deren Aktien oder Anleihen sie ihr Geld angelegt haben, zum Umlenken bewegen. Oder ihnen mit dem Abzug von Kapital drohen, falls die Firmen weiter auf eine nicht nachhaltige Fleischproduktion setzen.

Industrielle Landwirtschaft ist für Investoren eine hochriskante Produktionsmethode

„Die übermäßige Abhängigkeit der Welt von der Massentierhaltung, um die wachsende Nachfrage nach Proteinen zu bedienen, ist das Rezept für eine finanzielle, soziale und ökologische Krise”, argumentiert Coller.

In ausführlichen Analysen für Investoren beschreibt er die Risiken, die drohen, wenn diese Nachfrage einer wachsenden Weltbevölkerung mit einer weiter zunehmenden Fleischproduktion befriedigt werden soll. „Industrielle Landwirtschaft ist zunehmend eine hochriskante Produktionsmethode, die nicht nur signifikante Umweltschäden anrichtet, sondern auch die öffentliche Gesundheit gefährdet –  etwa durch das verstärkte Aufkommen von Bakterien, die gegen Antibiotika immun sind oder den Ausbruch von Pandemien wie der Vogelgrippe“, heißt es etwa in dem Bericht „The future of food – the investment case for a protein shake up“ zur Zukunft der Ernährung. Darin beschreibt er nicht nur die Risiken des Antibiotika-Einsatzes in der Massentierhaltung sondern auch die Folgen der Entwaldung und des hohen Wasserverbrauchs bei der Tierfutterproduktion.

US-Gesellschaften wie Boston Common Asset Management, der norwegische Finanzkonzern Nordea oder der britische Versicherer Aviva haben sich inzwischen Coller angeschlossen. Die kühl rechnenden Finanzmanager hat der Londoner für seine Initiative gewinnen können, indem er ihnen die gefährliche Wirkung der industriellen Landwirtschaft aufgezeigt hat. Denn die schadet nicht nur den Tieren und gefährdet Mensch und Umwelt. Sie ist ebenso ein Risiko für die Verwalter großer Vermögen.

In einer Fallstudie mit mehreren großen Investoren, die in ihrer Anlagepolitik das Tierwohl berücksichtigen, führt FAIRR auch den deutschen Versicherungskonzern Allianz an, der bei der Auswahl seiner Investments strenge ethische, soziale und ökologische Kriterien anlege und dabei auch das Tierwohl berücksichtige. Die Allianz schaut unter anderem auf den Einsatz von Antibiotika in der Fleischproduktion oder auf eine artgerechte Tierhaltung. „Sind diese Kritieren nicht erfüllt, führt das zum Ausschluss", erklärt eine Unternehmenssprecherin gegenüber dem Greenpeace Magazin.

Schließlich machen nicht nachhaltige Geschäftspraktiken die Unternehmen anfällig für unkalkulierbare Einbrüche. Wenden sich Verbraucher von Unternehmen ab, deren Produktqualität sie nicht mehr vertrauen oder droht eine verschärfte staatliche Regulierung, um die schädlichen Folgen der Massentierhaltung zu begrenzen, drückt das auf die Rendite. Und Gammelfleisch-Skandale oder Keime in Fleischprodukten können die Aktienkurse beteiligter Unternehmen binnen Stunden abstürzen lassen und Milliardenvermögen vernichten.

Der Vegetarier Coller favorisiert das wachsende Geschäft mit pflanzlichen Alternativen

Statt sich auf derart zweifelhafte Wagnisse einzulassen, rät Vegetarier Coller den Investoren auf das Geschäft mit Alternativen zu tierischen Produkten zu setzen, die Menschen ebenfalls mit den nötigen Proteinen versorgen können – wie etwa vegane Eiscreme, Café mit Mandelmilch oder Veggie-Burger. Und die Unternehmen, die diese Chancen noch nicht erkannt haben, lässt er wissen, dass sich ihre Geldgeber dafür interessieren, wie sie von dem Markt für pflanzenbasierte Proteine etwa aus Gemüse, Getreide, Nüssen oder Algen profitieren wollen. Denn diesem Markt wird für die kommenden fünf Jahre eine jährliche Wachstumsrate von 8,4 Prozent vorausgesagt.

Im vergangenen Jahr schrieb die FAIRR-Initiative 16 global operierende Lebensmittelkonzerne an und forderte sie auf, Alternativen zum Geschäft mit Fleisch zu erkunden und die Risiken der Massentierhaltung in ihrem Geschäft für Investoren transparent zu machen. Unternehmen wie Nestlé, Unilever, Kraft Heinz und die US-Supermarktkette Walmart standen auf der Liste der Adressaten.

Müller Milch schneidet bei der Bewertung von Tierwohlstandards schlecht ab

Coller baut nicht nur mit Forderungen und Informationen Druck auf, er ist auch an der „Business Benchmark on Farm Animal Welfare“ (BBFAW) beteiligt, einer von Tierschutzverbänden gegründeten Organisation, die weltweit die Tierwohl-Anstrengungen einzelner Firmen bewertet. Die Ergebnisse werden in einem jährlich erscheinenden Bericht veröffentlicht. 

Dort finden sich neben McDonald's oder Danone auch deutsche Supermarktketten wie etwa Aldi Nord und Aldi Süd, denen immerhin erste Fortschritte bei der Sicherung des Tierwohl attestiert werden. So gibt es bei Aldi Nord inzwischen einen klaren Kriterienkatalog, den die Einkäufer des Discounters beachten müssen, wenn sie für das Unternehmen tierische Lebensmittel, aber auch Schuhe, Textilien oder Kosmetika beschaffen. Zu den Unternehmen, die das Tierwohl nach Einschätzung von BBFAW noch überhaupt nicht auf ihrer Agenda haben, gehört die Unternehmensgruppe Theo Müller, die hierzulande zu den führenden Anbietern von Molkereiprodukten zählt.

Auch wenn es Jeremy Coller inzwischen gelungen ist, eine beachtliche Finanzmacht zu organisieren, um seine Anliegen durchzusetzen, weiß er, dass das Wohl der Tiere in der industriellen Landwirtschaft bei vielen Managern und Vermögensverwaltern noch nicht ganz oben auf der Agenda steht. Doch die ersten Erfolge seiner Initiative machen ihm Mut. „Menschen sind auch Tiere“, lautet eines der Argumente, mit dem er um weitere Unterstützung wirbt. Im Gegensatz zu uns Menschen könnten Schweine, Kühe, Schafe oder Hühner ihre Interessen jedoch nicht selbst vertreten. Deshalb sei es umso wichtiger, dass seine Initiative dafür eintrete – und sichere Anlagen mit stabilen Renditen seien schließlich auch im besten Interesse der Investoren.

Matthias Lambrecht

Mehr zum Thema Tierwohl finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins mit dem Titel „Haltung zeigen“. Für die Titelgeschichte haben wir auf konventionellen Vorzeigehöfe nachgefragt, was sie für eine artgerechte Haltung der Tiere tun.   

Lesen Sie auch weitere Texte unserer Divestment-Serie:

In „So investieren Sie ihr Geld nachhaltig“ geben wir eine Orientierungshilfe für ihre Bankgeschäfte. Denn wer Geld anlegen will, ohne die Umwelt zu schädigen, kann aus einem immer größeren Angebot wählen. Aber nicht überall, wo „Nachhaltigkeit“ draufsteht, ist das Geld auch nach ethischen Kriterien investiert.

In "Schmutzige Geldanlagen – Münster steigt aus, Dortmund macht weiter" geht es um Investitionen von öffentlichen Trägern. Gerade Kommunen und Länder tun sich schwer, von sterbenden Energieriesen zu lassen, wie in Nordrhein-Westfalen, wo Politik und Kohleindustrie traditionell eng miteinander verbunden sind.

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Tierwohl – 3.17
Das hat Sie interessiert?Dann sollten Sie erst mal unser Magazin sehen!
Das Greenpeace Magazin gibt es nicht nur im Netz, sondern auch gedruckt und auf dem Tablet für  iOS und  Android. Es erscheint alle zwei Monate und widmet sich den Nachrichten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Jetzt neu am Kiosk, im App Store und im Abo.

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divestment16.Mai 2017

So investieren Sie Ihr Geld nachhaltig

Wer Geld anlegen will, ohne die Umwelt zu schädigen, kann aus einem wachsenden Angebot wählen. Aber nicht überall, wo „Nachhaltigkeit“ draufsteht, ist das Geld auch nach ethischen Kriterien investiert. Eine Orientierungshilfe.​

Was heißt überhaupt nachhaltige Geldanlage?

Das Spektrum reicht von Aktien und Anleihen nachhaltig wirtschaftender Unternehmen über Investmentfonds bis zu Direktanlagen in ökologisch sinnvolle Projekte. Der Begriff „nachhaltig“ umfasst in der Regel drei Aspekte: Ökologie, Soziales und gute Unternehmensführung.

Der europäische Branchen-Dachverband für nachhaltige Investments, das European Sustainable and Responsible Investment Forum (Eurosif), hat Standards für nachhaltige Fonds entwickelt. Inzwischen investiert jeder zwanzigste Investmentfonds hierzulande in nachhaltige Wertpapiere. Die gut 400 nachhaltig orientierten Publikumsfonds im deutschsprachigen Raum verwalten mehr als 40 Milliarden Euro – viermal so viel wie vor zehn Jahren.

Wo kann ich sicher sein, dass mein Geld sozial und ökologisch verantwortlich angelegt wird?

Wer direkt in Windanlagen, Aufforstungsprojekte oder ähnliche Geschäfte investiert, hat im Prinzip die größte Sicherheit, dass sein Geld für den gewünschten Zweck verwendet wird. „Wenn die Projekte in der Region des Anlegers beheimatet sind, haben sie obendrein den Charme, dass man sich vor Ort direkt anschauen kann, was mit dem Geld passiert“, sagt der Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

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Eine Möglichkeit der nachhaltigen Geldanlage: Solarpanels wie hier in Sachsen-Anhalt.   Foto: dpa

Allerdings sind solche Direktanlagen allenfalls etwas für Profis. Denn die Betreiber, an denen sich die Investoren beteiligen, sind häufig kleine und junge Firmen. Welche Rendite der Betrieb abwirft und wie groß die Risiken sind, ist für Laien kaum kalkulierbar. Und wenn etwa mit einem jährlichen Ertrag von sechs Prozent oder mehr für Wasserkraft oder „Grüne Immobilien“ geworben wird, gilt wie bei allen anderen Anlageformen: Hohe Renditen werden mit hohen Risiken erkauft.

Eine Alternative sind Aktien von Unternehmen mit sauberen Geschäftsmodellen. Allerdings sind die nicht ganz leicht auszumachen. Orientierung können die von den Firmen selbst publizierten Nachhaltigkeitsberichte bieten. Allein: Auch Anlagen in einzelne Aktien sind für Kleinanleger ein Wagnis. Breiter gestreute Risiken bieten nachhaltig orientierte Investmentfonds: Schon mit einem Anteil wird ein ganzer Korb von Wertpapieren erworben. Die Krux: Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist nicht gesetzlich geschützt. Ein blumig beworbener Öko-Fonds kann also durchaus auch Betreiber von Kohle- und Atomkraftwerken im Portfolio führen. Wer das vermeiden will, muss sich genauer mit den Anlagestrategien befassen.

Wer kann mich seriös beraten?

Es gibt keinen staatlich geprüften Berater für nachhaltige Geldanlagen. „Anleger müssen sich selbst schlau machen“, sagt Nauhauser. Informationen finden sich im Internet: So sortiert die von der Industrie unabhängige Plattform nachhaltiges-investment.org sämtliche im deutschsprachigen Raum zugelassenen Publikumsfonds nach Rendite und liefert weitere Infos. Die Fondsratingagentur Morningstar hat im März 2016 ein Bewertungssystem für die Nachhaltigkeit von Fonds eingeführt.

Sind Siegel, die ethische Investments bewerten, glaubwürdig?

Die Antwort von Verbraucherschützer Nauhauser ist ernüchternd: „Ich kann keine vertrauenswürdigen Siegel nennen.“ Denn Agenturen und Verbände, die die Auszeichnungen vergeben, arbeiten durchweg mit Fondsgesellschaften zusammen, die in der Regel für die Verwendung eines Siegels zahlen. „Zwar werden die Siegel-Anbieter darauf achten, dass die zertifizierten Fonds die Nachhaltigkeitskriterien einhalten, damit das Siegel glaubwürdig ist“, sagt Nauhauser. Dennoch bestehe ein Interessenkonflikt: Denn wenn weniger Fonds das Siegel führen, nimmt der Siegel-Anbieter auch weniger Geld ein. „Wie strikt ein Anbieter die Einhaltung der Vorgaben kontrolliert und Verstöße ahndet, weiß letztlich niemand“, kritisiert Nauhauser.

Wie bewerten Anbieter auf dem Finanzmarkt die Nachhaltigkeit ihrer Anlageziele? 

Im Wesentlichen lassen sich drei Konzepte unterscheiden, mit denen Anbieter am Finanzmarkt die Nachhaltigkeit von Anlagen bestimmen: Beim sogenannten Best-in-Class-Ansatz suchen sie Aktien und Anleihen von Unternehmen oder Staaten heraus, die im Vergleich zu anderen Unternehmen oder Ländern am nachhaltigsten wirtschaften oder die wirkungsvollste Umweltpolitik verfolgen. Ein Aktienfonds könnte danach etwa auch in Chemiefirmen investieren – wenn sie die Umwelt im Vergleich mit der Konkurrenz am wenigsten belasten.

Strenger ist die zweite Strategie: die Anlage nach dem Ausschlussprinzip. Dazu definieren die Investoren bestimmte Negativkriterien oder übernehmen Standards – zum Beispiel von Organisationen wie dem europäischen Dachverband für nachhaltige Geldanlagen Eurosif. Dabei werden problematische Branchen wie die Atom- und Ölindustrie oder Waffenhersteller grundsätzlich ausgeschlossen. Eine dritte Strategie verfolgen sogenannte Themenfonds, die gezielt in bestimmte nachhaltige Branchen wie Wind- und Wasserkraft investieren oder auch in Unternehmen, die besonders umweltfreundliche Produkte oder Klimaschutztechnik herstellen.

Bedeutet nachhaltig anzulegen auf Rendite zu verzichten?

Nicht unbedingt. Nach Angaben der Fondsratingagentur Morningstar haben Fonds, die weltweit in Aktien sozial verantwortlich handelnder Unternehmen anlegen, im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre sogar besser abgeschnitten als Welt-Aktienfonds klassischer Unternehmen. Daraus lässt sich aber noch nicht ableiten, dass sich nachhaltige Investments regelmäßig besser entwickeln als konventionelle:  „Viele Anleger hat das Investieren in besonders ökologische oder ethisch orientierte Fonds gegenüber herkömmlichen Produkten Rendite gekostet“, sagt Morningstar-Analystin Barbara Claus. Der Grund: Unter den herausgefilterten Unternehmen sind oftmals besonders profitable Firmen.

Dennoch: Wer genau hinschaut, findet nachhaltige Fonds, die den Vergleich nicht scheuen müssen. So konnte beispielsweise der Aktienfonds First State Asia Pacific Sustainability Fund den Vergleichsindex asiatischer Aktien regelmäßig schlagen. Auch der weltweit investierende Carnegie Worldwide Ethical oder der EF Global Sustainable lieferten in den vergangenen Jahren überdurchschnittliche Renditen.

Ist das Risiko ethischer Investments eigentlich größer als das konventioneller Investments?

Das Risiko ist dann besonders groß, wenn Anleger aus dem Gefühl heraus, etwas Gutes tun zu wollen, nicht genau genug prüfen, wem sie ihr Geld anvertrauen. Zudem scheint das Geschäftsmodell gerade von Direktinvestments auf den ersten Blick zwar verständlich und das Risiko überschaubar. Die Praxis hat allerdings gezeigt, dass dem nicht immer so ist.

Der bislang spektakulärste Fall war die Pleite des 1,4 Milliarden Euro schweren Windanlagenbetreibers Prokon im Jahr 2014. 75.000 Anleger mussten einen großen Teil ihrer Einlagen abschreiben. Nach der Insolvenz wurde Prokon ab 2015 von den Gläubigern als Genossenschaft mit fast 40.000 Mitgliedern weitergeführt. 

Risiken lauern ebenfalls bei nachhaltigen Investmentfonds: Wer sein Geld etwa in Themenfonds anlegt, sollte berücksichtigen, dass Fonds, die sich nur auf kleine Teilmärkte konzentrieren, besonders krisenanfällig sein können.

Wie viel Geld brauche ich, um ethisch investieren zu können?

Direktinvestments sind meist nur mit mindestens 1000 bis 5000 Euro möglich. Wer sich dafür interessiert, sollte insgesamt eine mittlere fünfstellige Anlagesumme zur Verfügung haben. Denn auch hier gilt: Um das Risiko zu streuen, sollte eine einzelne Anlageposition im Portfolio des Anlegers nicht mehr als zehn Prozent ausmachen. Anteile an nachhaltig anlegenden Investmentfonds sind teilweise bereits ab 100 Euro oder weniger zu haben. Wer wenig investiert, sollte die Kosten im Blick behalten. Hausbank oder Onlinebroker kassieren meist eine pauschale Mindest-Ordergebühr.

Fondsgesellschaften verlangen zudem teils saftige Ausgabeaufschläge, hinzu kommen bei Nachhaltigkeitsfonds vergleichsweise hohe laufende Managementgebühren. Der Ökoworld Ökovision Classic C etwa kostet pro Jahr mindestens 2,5 Prozent der angelegten Summe. Diese Gebühren gehen den Anlegern als Gewinn verloren. Bei der relevanten Rendite nach Kosten rangiert der Fonds im Vergleich der Zeitschrift „Finanztest“ dann auch nur noch in der unteren Hälfte der weltweit anlegenden Aktienfonds. Bei Fonds sollten Anleger stets einige Jahre Haltedauer einplanen, um Wertverluste aussitzen zu können. Kurseinbrüche sind bei Aktien nämlich möglich. Und um die auszugleichen, braucht es vor allem: Zeit. Auch das ist ein durchaus nachhaltiger Gedanke.

André Schmidt-Carré / Olaf Wittrock

Dieser Artikel erschien erstmals im Greenpeace Magazin Geld Spezial 1.16. Hier finden Sie weitere Tipps und Geschichten zu Geld – und was es kann und darf.

Lesen Sie auch: Schmutzige Geldanlagen – Münster steigt aus, Dortmund macht weiter: Gerade Kommunen und Länder tun sich schwer, von sterbenden Energieriesen zu lassen, wie in Nordrhein-Westfalen, wo Politik und Kohleindustrie traditionell eng miteinander verbunden sind. 

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NRW-Landtagswahl15.Mai 2017

Das bedeutet das Ergebnis in Nordrhein-Westfalen für die Umwelt-Politik

Rot-Grün adé – kommt jetzt Schwarz-Gelb? In NRW hat die Wahl einen Machtwechsel herbeigeführt. Doch der echte Verlierer könnte am Ende das Klima sein.  

Es ist eine historische Niederlage für die SPD in NRW. Mit gerade mal 31,2 Prozent erzielen die Sozialdemokraten in ihrem Stammland das schlechteste Ergebnis seit der ersten Landtagswahl im Jahr 1947. Die CDU und die FDP schaffen es hingegen mit 100 von 199 Sitzen auf eine hauchdünne Mehrheit im nordrhein-westfälischen Parlament. Da die Grünen schon vor der Wahl eine Jamaika-Koalition ausgeschlossen hatten, ist dies die wahrscheinlichste Regierungskonstellation. 


Lange Gesichter bei den Grünen. NRW-Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann (r.) gestand am Sonntag in Düsseldorf ihre Wahlschlappe ein. Foto: dpa

Insbesondere für die Umweltpolitik wird eine schwarz-gelbe Koalition enorme Auswirkungen haben. Denn mit dem knappen Scheitern der Linken an der Fünf-Prozent-Hürde und dem Zusammenschrumpfen der Grünen auf 6,4 Prozent sind jene Kräfte im Landtag auf ein Minimum reduziert, die sich eindeutig für einen baldigen Ausstieg aus der Braunkohle ausgesprochen hatten. 

Kohleausstieg liegt in weiter Ferne

„Ausstiegsszenarien aus der konventionellen Energieversorgung, die sich allein an Jahreszahlen orientieren, lehnen wir ab“, heißt es im Wahlprogramm der CDU in NRW. Stattdessen solle bis 2045 weiter Braunkohle verstromt werden. Allein über die Frage, wie viel Kohle abgebaut werden darf, will die von Spitzenkandidat Armin Laschet angeführte Partei mit sich reden lassen.

Und auch ihr Wunsch-Koalitionspartner FDP fährt einen Pro-Kohle-Kurs. Die Liberalen haben sich laut eigenen Angaben einer „rationalen Energie- und Klimapolitik“ verschrieben. Dazu gehört für sie auch, dass der Abbau von Braunkohle und der Betrieb von Kohlekraftwerken weiter möglich bleiben sollen.

Klimaschutzgesetz vor dem Aus

Doch das Festhalten an der Braunkohle ist nicht die einzige besorgniserregende Nachricht. Es könnte noch schlimmer für den Klimaschutz kommen. Denn die CDU warb im Wahlkampf damit, das von Rot-Grün auf den Weg gebrachte Klimaschutzgesetz wieder abzuschaffen. Dieses war im Jahr 2013 verabschiedet worden – erstmals in einem deutschen Bundesland. Für den bisherign NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Bündnis 90/ Die Grünen) war es eine logische Konsequenz, dass sein Bundesland eine Vorreiterrolle einnimmt. „Ein Drittel aller deutschen Treibhausgase werden hier ausgestoßen“, sagte er dem Greenpeace Magazin. „Daher stellen wir uns seit dem Jahr 2010 mit einer neuen Klimaschutzpolitik dieser Verantwortung.“ Ein Versprechen, das mit dem Abstürzen der Grünen auf 6,4 Prozent und dem Regierungswechsel zu Schwarz-Gelb schwer einzuhalten sein dürfte.

Denn die Union scheint es mit der Verantwortung für die Treibhausgase in NRW nicht so eng zu sehen. „Für das Weltklima macht es keinen Unterschied, ob Emissionen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Spanien stammen“, sagte Rainer Deppe (CDU), Vorsitzender des Unterausschusses Klimaschutzplan im Düsseldorfer Landtag, im aktuellen Greenpeace Magazin. Die Einsparung von CO2 solle daher eher „im internationalen Rahmen“ stattfinden – nicht mit einem Gesetz auf Landesebene. Deppe sagte: „Eine isolierte Reduktion von Klimagasen in einem Bundesland bewirkt außer der Schwächung der dortigen Industrie nichts.“

Greenpeace Magazin

Lesen Sie auch: Im aktuellen Greenpeace Magazin beantworten Johannes Remmel (Bündnis 90 / Die Grünen), bisheriger Umweltminister in NRW, Rainer Deppe (CDU), Vorsitzender des Unterausschusses Klimaschutzplan im Düsseldorfer Landtag und Johann Wackerbauer, Umweltökonom am Institut für Wirtschaftsforschung, die Frage, ob ein Bundesland das Klima per Gesetz schützen kann.

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divestment15.Mai 2017

Schmutzige Geldanlagen: Münster steigt aus, Dortmund macht weiter

Investitionen in fossile Energien sind in Zeiten des Klimawandels höchst umstritten. Doch gerade Kommunen und Länder tun sich schwer, von den sterbenden Energieriesen zu lassen – wie in Nordrhein-Westfalen, wo Politik und Kohleindustrie traditionell eng miteinander verbunden sind. Dabei könnte es so einfach sein, zeigt das Beispiel Münster.

„Wir können uns gut vorstellen, weitere RWE-Aktien zu kaufen“, sagte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) vor zwei Wochen der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Und das, obwohl der kohlelastige Stromkonzern in den letzten Jahren Milliardenverluste einfuhr und auf der Jahreshauptversammlung Ende April schon zum zweiten Mal in Folge verkündete, an seine Anteilseigner keine Dividende ausschütten zu können.

Für die große Anlegergruppe der Städte und Landkreise aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren bereits in den vergangenen Jahren Millioneneinbußen die Folge. Trotzdem halten einige treu an ihren Anteilen fest.

Die Stadt Dortmund ist bereits jetzt mit Anteilen von 4,1 Prozent der größte kommunale Aktionär von RWE. Wo Städte wie Essen, Bochum und Düsseldorf sich von den Anteilen des Energieriesen trennten, vertraut der Oberbürgermeister von Dortmund, der auch im Aufsichtsrat von RWE sitzt, auf die Zusagen des Konzern-Finanzvorstandes: Im laufenden Jahr will RWE wieder schwarze Zahlen schreiben und in den nächsten drei Jahren fünfzig Cent pro Aktie als Dividende ausschütten. Darum könnte sich laut Sierau „auch ein kreditfinanzierter Kauf von Aktien lohnen“. Die RWE-Aktie habe in den vergangenen Monaten „eine gute Entwicklung genommen“, sagte der Oberbürgermeister.

Mensch, Natur und soziale Gerechtigkeit wichtiger nehmen als Gewinne – darum geht es der Divestment-Bewegung. Beim Klimacamp in der Lausitz 2016 protestierten sie lautstark gegen die Kohleindustrie. Foto: Markus Heine / picture alliance / NurPhoto

Richtig ist, dass die erfolgreichen Tochterfirma Innogy, die mit Ökostrom aus Wind- und Sonnenenergie satte Gewinne einfährt und RWE zuletzt eine 680 Millionen Euro schwere Dividende einbrachte. Das rentable Zukunftsgeschäft trägt mit dazu bei, dass RWE aus den roten Zahlen herauskommt. Warum dann nicht gleich in klimafreundliche Solar- und Windkraft investieren?

Seit der Aufteilung des Unternehmens RWE sind die kommunalen Aktionäre nur an der RWE AG beteiligt, die für das konventionelle Kraftwerksgeschäft und die Verwaltung der Altlasten zuständig ist – die vielversprechende Wind- und Sonnenenergiesparte hat die Tochter Innogy übernommen. Deshalb ist der Vorstoß des Dortmunder Oberbürgermeisters umstritten: „Statt einen guten Weg für den längst überfälligen Verkauf der RWE-Aktien zu suchen, will der OB im Gegenteil weiter in ein Unternehmen investieren, das sich vornehmlich mit der Abwicklung von Kraftwerksaltlasten befassen muss“, sagt Ulrich Langhorst, Fraktionssprecher der Grünen im Stadtrat in Dortmund. „Jetzt gerade dort Geld auf Pump zu investieren, ist aus unserer Sicht strategisch, wirtschaftlich und umweltpolitisch absurd.“

„Der Vergleich zeigt: Die Performance von ökologischen Geldanlagen ist gegebenfalls sogar besser“

Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Münster: Die nordrhein-westfälische Kommune will künftig als erste Stadt Deutschlands das Geld der Pensionsfonds zur Absicherung der Beamtenpension ethisch korrekt und vor allem klimafreundlich einsetzen.

Der Politikwechsel wurde von Aktivisten der Gruppe „Fossil Free“ angestoßen und von den Grünen in die Kommunalpolitik eingebracht: Seit dem Kommunalwahlkampf 2014 setzten sie sich dafür ein, dass die Anlagen verschoben werden – denn bis dato waren in beiden Fonds etwa dreißig Millionen Euro in Unternehmen wie RWE, BASF, der österreichischen Mineralölverwaltung OVM oder dem italienischen Energiekonzern Enel angelegt.

Nach der Wahl konnten sie fraktionsübergreifend politische Mitstreiter für das sogenannte Divestment, also den Rückzug aus Investitionen in klimaschädliche und ethisch fragwürdige Unternehmen, gewinnen. „Da Renditevergleiche zeigen, dass die Performance von ethischen und ökologischen Geldanlagen im Vergleich zu schmutzigen Geldanlagen gleich hoch, gegebenenfalls sogar besser ist, haben Kritiker finanzpolitisch wenige Argumente“, sagt Otto Reiners, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtrat von Münster. Daraufhin wurden die Kriterien für kommunale Geldanlagen überarbeitet, sodass mittlerweile keine öffentlichen Gelder mehr in Unternehmen angelegt werden, die klimaschädliche Geschäfte machen, in denen Kinder beschäftigt werden oder die an der Rüstungsindustrie verdienen.

Der Finanzmarkt spielt eine große Rolle für den Klimawandel​

Klingt selbstverständlich? Ist es aber nicht. Mehr als vier Milliarden Euro haben die Bundesländern für Versorgungsrücklagen der Beamtenpensionen angelegt. Die Finanzexpertin Susan Dreyer vom „Carbon Disclosure Project“ kritistiert die intransparente Anlage öffentlicher Gelder. Gerade der Finanzmarkt spiele eine große Rolle für den Klimawandel. „Dort gibt es Hebel und Menschen, die Verantwortung übernehmen müssen. Sonst finanzieren wir, ohne es zu wollen, Kohlekraftwerke.“

Und sind die Millionen einmal investiert, ist das Umsteuern schwierig: In Nordrhein-Westfalen haben die Pensionsfonds derzeit 81 Millionen Euro in Firmen angelegt, die mit fossilen Energieträgern ihr Geld verdienen. Überdies profitierte das Land auch als Anleger in der Tabak- und Alkoholindustrie: Gut 19 Millionen Euro steckte Nordrhein-Westfalen in Unternehmen wie Carlsberg, Heineken und Philipp Morris. Ab dem Jahr 2018 sollen die Beamtenpensionen zwar sozialer und klimagerechter angelegt werden – doch bisher hat das nordrhein-westfälische Finanzministerium keine Kriterien für alternative Investitionen vorgelegt.

Ein neuer Öko-Aktienindex soll helfen

Dabei gibt es längst Fonds, die Finanzspritzen für fossile Unternehmen ausschließen. Auch das „Carbon Disclosure Project“ arbeitet an einem eigenen, sauberen Fonds. „Das ist alles keine Zauberei, sondern eine mathematische Aufgabe“, sagt Susanne Dreyer. Gerade erst veröffentlichten die Finanzdienstleister Oekom Research AG und Solactive AG den ethisch-ökologischen Aktienindex „Solactive oekom ESG Fossil Free Eurozone 50 Index“ – eine alternative Anlagemöglichkeit, um Bundesländern, Städten und Kommunen das Divestment zu erleichtern.

Der Index wurde im Auftrag des Landes Berlin erstellt und schließt alle Kohle-, Erdöl- und Erdgasunternehmen sowie die Atom- und Rüstungsindustrie aus. Nun wird, auch hier dank der Initiative von „Fossil Free“, Berlin als erstes Bundesland seine Versorgungsrücklagen für Beamtenpensionen in Höhe von 823 Millionen Euro de-investieren.

Für Nordrhein-Westfalen ist es bis dahin noch ein langer Weg. Zwar zeigen Vorreiter-Kommunen wie Münster, dass Veränderung möglich ist. Europaweit werden in der Region aber nach wie vor die meisten umweltschädlichen Emissionen in die Luft geblasen – und Kohlekraft gilt hier weiterhin als zukunftstaugliche Technologie.

Julia Lauter

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Artenschutz15.Mai 2017

Wale im Hamburger Hafen: Erfreuliche Rückkehr mit fatalen Folgen

Ein Jahrhundert lang gingen Schweinswale nicht auf Beutezug in deutsche Flüsse. Nun sind sie zurück – und finden eine Welt voller Gefahren.

Blättert man durch Meyers Großes Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1906, liest man Erstaunliches über den Schweinswal: „Der Braunfisch [so die damalige Bezeichnung der Schweinswale; Anm. d. Red.] lebt gesellig im Nordatlantischen Ozean, von Grönland bis Nordafrika, auch in der Ostsee, ist häufig in der Nordsee, geht bis zum Mittelmeer, steigt weit in die Flüsse hinauf (bis Paris, Magdeburg)...“

Schweinswale in der Elbe bei Magdeburg? Kaum zu glauben aus heutiger Sicht, stehen die Kleinen Tümmler, wie sie auch genannt werden, doch in Deutschland als „stark gefährdet“ auf der Roten Liste. Ihr Bestand ist rückläufig, in der Nord- und Ostsee sterben jährliche Tausende unter anderem in Fischernetzen oder werden durch den Baulärm von Offshore-Windparks aus den Schutzgebieten vertrieben. Dass auch Flüsse zu ihrem natürlichen Lebensraum zählen könnten, hatte kaum jemand auf dem Zettel – bis jetzt.

Denise Wenger ist Biologin und leidenschaftliche Schweinswalschützerin. Vor zehn Jahren begann sie ihren Kampf für die Meeressäuger. Vereinzelte Schweinswale wurden damals in norddeutschen Flüssen wie Elbe und Weser gesichtet – „verirrte“ Exemplare, wie es hieß. Doch die Biologin entwickelte ein Sichtungsprogramm, installierte Detektoren, die die Klicklaute der Wale aufzeichneten, und rief auf der Webseite walschutz.org eine Onlinekarte ins Leben, über die Bürger Sichtungen von Schweinswalen melden konnten.

Die Sichtungskarte von walschutz.org zeigt an, wo Schweinswale gesehen wurden. Sie basiert auf Meldungen von Bürgern und zeigt die Sichtungen aus dem Jahr 2016. Grafik: Schweinswale e.V., GeoBasis-DE/BKG, Google

Und tatsächlich: Immer mehr Tiere wurden entdeckt – in manchen Jahren mehr, wie 2013, und manchen Jahren weniger, wie 2014 und 2015. Im vergangenen Jahr dann der bisherige Höhepunkt: Rund 650 Sichtungen wurden gemeldet – ganze Gruppen von Schweinswalen zogen die Elbe hinauf bis in den Hamburger Hafen. Ungefähr achtzig bis hundert Tiere seien es laut Wengers Schätzung gewesen, die sich zwischen Februar und Mai in der Elbe tummelten. Von „verirrten Einzeltieren“ kann keine Rede mehr sein.

Sorge um das Überleben der Wale

„Die Wale folgen den Stint-Schwärmen, die zum Ablaichen aus der Nordsee ins Süßwasser schwimmen“, erklärt Wenger. Nach Jahrzehnten der Industrialisierung habe sich die Wasserqualität in den vergangenen zwanzig Jahren durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie verbessert. „Deswegen haben sich bestimmte Fischarten wieder angesiedelt und mit den wandernden Fischen kommen die Schweinswale“, sagt Wenger.

Doch so schön die Rückkehr der Schweinswale in ihr historisches Habitat ist, die Biologin sieht die Entwicklung mit Sorge: „Schwimmen die Wale die Elbe hinauf, erwarten sie in Hamburg lärmende und schmutzige Hafenanlagen.“ Einige Tiere hätten auffällige Hautkrankheiten, möglicherweise hervorgerufen durch Chemikalien im Wasser, oder Verletzungen, die von Netzen, Schiffsschrauben oder Kollisionen mit Booten herrührten. Besonders kleine Schnellboote seien eine Gefahr. „Für die sich akustisch orientierenden Wale muss der Lärm im Hafenwassser enorm sein: Laute Schiffsmotoren aller Art, Sonargeräusche von Booten, um die Wassertiefe zu messen – ein unvorstellbarer Krach, den die Kaimauern noch verstärken“, sagt Wenger. Das bedeute Stress und könne sich auch auf das Gehör der Wale auswirken.

Jedes Jahr Anfang Mai kommt dann auch noch der „Hafengeburtstag“ hinzu, ein Fest, das mehr als eine Million Besucher anzieht und bei dem sich unzählige Schiffe zur großen Parade auf der Elbe versammeln. „Kurz vor dem Hafengeburtstag im vergangenen Jahr erreichten mich noch mehrere Sichtungsmeldungen von einer großen Gruppe Schweinswale im Hafengebiet“, sagt Wenger. „Das hörte nach dem Hafengeburtstag abrupt auf.“

Stattdessen riefen täglich Bürger an, die tote Wale im Hafengebiet meldeten – insgesamt 29 von ihnen wurden in den drei Wochen nach dem Hafengeburtstag gemeldet. In den acht Wochen zuvor waren es nur drei gewesen.

Die Stadt bestreitet einen Zusammenhang zwischen dem Tod der Wale und dem Hafengeburtstag. Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt habe die gefundenen Tiere untersucht. „Die Zusammenhänge, die zum Tod der überwiegend jungen Tiere führten, sind sehr unterschiedlich“, heißt es aus der Behörde für Umwelt. „Festgestellte Todesursachen waren u.a. Lungenentzündung, Parasitenbefall, Unterernährung oder Verletzungen durch Schiffsschrauben. Auch Orientierungsprobleme und Schwächung aufgrund des Unterwasserlärmpegels in Europas drittgrößtem Hafen könnten eine Rolle gespielt haben. Aber selbst das ist nicht nachgewiesen.“ Die Untersuchungsberichte wollte die Behörde auf Anfrage des Greenpeace Magazins nicht herausgeben.

Ob das zeitliche Zusammentreffen von Hafengeburtstag und den Funden toter Wale Zufall war oder ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht, ist also noch nicht klar. Immerhin scheinen die Behörden der Hansestadt die Rückkehr der Schweinswale – und die Verantwortung, die daraus folgt – mittlerweile nicht mehr zu ignorieren. Die Umweltbehörde prüfe derzeit zusammen mit der „Hamburg Port Authority“ ein Monitoring, um mehr Erkenntnisse über Anzahl, Verhalten und Beeinträchtigungen von Schweinswalen in der Elbe zu gewinnen. „Noch diesen Sommer werden wir mit Unterwasser-Schallmessungen beginnen“, heißt es. Unterwassermikrofone können die Klicklaute der Wale aufzeichnen.

Denise Wenger freut sich darüber, ihr Einsatz scheint Früchte zu tragen. Sie führt mit der Stadt Gespräche über den Schutz der Schweinswale und über das Monitoring. „Gott sei Dank besteht dieses Jahr keine große Gefahr“, sagt sie. „Es wurden kaum Wale gesichtet, weil es nur wenig Stint gab.“ Für den diesjährigen Hafengeburtstag vom 5. bis 7. Mai erwartet sie keine Todfunde.

Die Wal-Pause verschafft ihr Zeit, um konkrete Vorschläge für Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Sie wünscht sich beispielsweise ein Tempolimit für die schnellen Motorboote während der Schweinswalsaison und eine Art Schutzzone außerhalb der Fahrrinne.

Auch der Einsatz von Warngeräten für die Tümmler könnte eine Möglichkeit sein – insbesondere vor dem Hafengeburtstag. Einige Walfreunde plädieren gar für die Verschiebung der Großveranstaltung in den Juni, wenn sich die Tiere wieder aus der Elbe zurückgezogen haben.

Doch bis nach Magdeburg, wie vor hundert Jahren, werden es die Kleinen Tümmler auch dann nicht mehr schaffen. Bei Geesthacht, kurz hinter Hamburg ist Schluss – ein Wehr mit Schleuse und Fischaufstieg versperrt den Weg.

Frauke Ladleif

Foto: Sophia Wenger/dpa. Zwei Schweinswale schwimmen am 31. März 2013 in der Elbe vor Finkenwerder bei Hamburg

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Neue Ausgabe15.Mai 2017

Haltung zeigen! Wie wir die Lebensqualität für alle Tiere verbessern

Hühner, Schweine und Rinder sollen ein gutes Leben haben, das fordern immer mehr Verbraucher und Politiker. Wir ziehen in unserer neuen Ausgabe Zwischenbilanz und stellen fest: Das Wohl der Tiere lässt sich verbessern – aber nur, wenn auch konventionelle Landwirte deutlich besser bezahlt werden.​

Die Einstellung gegenüber der Nutztierhaltung ist im Wandel: Achtzig Prozent der Deutschen fordern bessere Lebensbedingungen – und zwar für alle Tiere. Dennoch ist der Anteil von artgerecht erzeugtem Biofleisch bei Schweinen und Geflügel verschwindend gering. Grüne Minister in den Landwirtschaftshochburgen der Republik haben sich deshalb vorgenommen, die Tierhaltung in der Breite zu verbessern. 

Unser Autor Andreas Weber hat sich auf die Suche nach konventionellen Landwirten begeben, die Pionierarbeit leisten. Sie versuchen, ihren Legehennen und Mastschweinen die Langeweile zu vertreiben, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen, auch wenn ihre Schnäbel und Ringelschwänze unversehrt bleiben. Und sie gönnen ihren Tieren mehr Platz und Auslauf, ganz einfach, weil sie das richtig finden. Außerdem traf er auf Züchter, die eine überraschend effektive Möglichkeit gefunden haben, dem schmerzhaften Enthornen junger Kälber ein Ende zu bereiten. Vielversprechende Ansätze zeigen sich also in vielen Bereichen – doch bei den Besuchen konventioneller Vorzeigehöfe wird auch klar: Der Wunsch nach mehr Tierwohl wird nur in Erfüllung gehen, wenn die Gesellschaft bereit ist, sich den Mehraufwand der Landwirte etwas kosten zu lassen.

3/17

Der Agrarökonom Achim Spiller sieht nicht nur die Konsumenten und Landwirte in der Pflicht – sondern vor allem die großen Handelsunternehmen. Er fordert sie im Interview mit dem Greenpeace Magazin dazu auf, den Wunsch der Verbraucher nach mehr Tierwohl ernst zu nehmen und mutige Entscheidungen zu treffen. Ein Blick in die Niederlande zeigt: Es kann funktionieren. Dort hat Fleisch aus aus tiergerechterer Produktion in den Supermärkten einen Anteil von bis zu fünfzig Prozent.

Nicht nur leere Absichtserklärungen unterschreiben, sondern selbst aktiv werden – dieser Maxime folgt Sebastian Jünemann. Mit Unterstützung der linksalternativen Szene hat der Berliner aus einem Gerätewagen des Technischen Hilfswerks eine mobile Klinik für Kriegsgebiete gebaut. Mit seinem Verein „Cadus“ will er damit in Syrien Menschenleben retten. Wir haben ihn getroffen, kurz bevor er in die Krisenregion aufgebrochen ist.

Eine innovative Idee hatte auch das Kollektiv „Tools for Action“. Die Künstler bringen mit Folie und Luft Entspannung und Spaß in hitzige Demonstrationen. Mit aufblasbaren Würfeln mischen sie internationale Klimaschutzproteste und Veranstaltungen gegen Rechtsextreme auf. Und durchbrechen damit die festgefahrenen Linien zwischen Demonstranten und Polizisten.

In dieser Ausgabe zeigen wir außerdem den ungewöhnlichen Weg der Alpenbauern Marcel und Sabine Heinrich, die als „Hüter der verborgenen Vielfalt“ alte Kartoffelarten anbauen. Und wir tauchen ab in die Tiefen der Meere, um die Verwandlungskünste der Oktopusse, Sepien und Kalamare zu bestaunen: „Willkommen im Variantenreich“. Anlässlich des „Overshoot Day“, der die alljährliche Erschöpfung natürlicher Ressourcen markiert, zieht unser Reporter Dirk Gieselmann die Öko-Bilanz seines eigenen Lebens und stellt fest: „Ich bin ein Monster.“ Denn würde jeder Mensch so konsumieren wie er, bräuchte es drei weitere Erden. 

Diese und viele weitere spannende Geschichten finden Sie in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.17. Das Heft erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 13. April am Bahnhofskiosk oder für 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – das ist neu – auf dem Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Hanna Gieffers

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Kohleausstieg12.Mai 2017

So kann die Wahl in Nordrhein-Westfalen dem Klima schaden

Die Landtagswahl am Sonntag droht zur Absage an einen schnellen Ausstieg aus der rheinischen Braunkohle zu werden. Kommt die große Koalition, bleibt das Bundesland Deutschlands Klimakiller Nummer eins. Dabei würde eine baldige Abkehr von der Kohle und der konsequente Ausbau der Erneuerbaren die Jobs in der Region sichern.

Sven Lehmann muss um jede Stimme kämpfen. Kurz vor der Landtagswahl am 14. Mai sehen Meinungsforscher die Grünen in Nordrhein-Westfalen bei kaum mehr als sechs Prozent. „Viele Menschen gehen davon aus, dass wir ganz selbstverständlich in den Landtag einziehen. Aber das ist kein Selbstläufer”, warnt der Chef der NRW-Landespartei in einem Interview.

Lehmann hofft auf Rückenwind nach dem guten Abschneiden der grünen Parteifreunde am vergangenen Sonntag in Schleswig-Holstein. Doch eine Fortsetzung der rot-grünen Koalition in Düsseldorf ist angesichts der aktuellen Umfrageergebnisse nur noch ein Hoffnungswert. Denn auch die SPD ist zuletzt zurückgefallen.

Für die Klimapolitik sind das düstere Aussichten: Bislang regierten die beim Kohleausstieg in NRW traditionell zögerlichen Sozialdemokraten mit grünem Korrektiv. Die Wahl könnte zu politische Konstellationen führen, die Forderungen von Klimaschützern nach einem schnellen Ende des Abbaus der rheinischen Braunkohle noch weniger folgen dürften.

Braunkohletagebau im nordrhein-westfälischen Hambach: Eine Schneise der Verwüstung. Foto: picture alliance / blickwinkel

Lediglich zwei Parteien mit Chancen auf Einzug in den Landtag machen sich in NRW dafür stark, den Tagebau so bald wie möglich zu beenden: Neben den Grünen, die in den nächsten zwanzig Jahren aus der Kohle aussteigen wollen, fordert nur noch die Linke, sofort mit dem Ausstieg anhand eines verbindlichen Fahrplan zu beginnen. Doch wie die Grünen liegen auch die Linken mit dieser klaren Haltung nur knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde.

Die SPD laviert hingegen, um möglichst keine Wähler zu verprellen: Es sollen zwar immer weniger fossile Brennstoffe zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Aber die Versorgungssicherheit dürfe dabei nicht in Gefahr geraten. Mit der von der Landesregierung 2015 verabschiedeten Leitentscheidung für das rheinische Braunkohlerevier seien Planungssicherheit und Perspektiven für die Menschen im Revier geschaffen worden. Daran will die SPD festhalten. Immerhin sieht der mit dem grünen Koalitionspartner ausgehandelte Kompromiss eine Verkleinerung des Braunkohletagebaus in Garzweiler vor.

Umweltschützern gehen die Maßnahmen aber nicht weit genug: „Die Entscheidung von Rot-Grün bringt wenig für den Klimaschutz“, kritisiert Dirk Jansen, Landesgeschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Ergebnis. Die Landesregierung sei vor dem Stromriesen RWE eingeknickt.

Liberale machen sich für Kohlekraftwerke stark

Für Umweltschützer wie Jansen ist Nordrhein-Westfalen der „Klimaschädling Nummer eins in Deutschland“. Schließlich werden ein Drittel der CO2-Emissionen der Bundesrepublik aus NRW in die Atmosphäre geblasen. Geht es nach der CDU, soll sich daran so bald nichts ändern. An der genehmigten Betriebsdauer der Tagebaue bis zum Jahr 2045 will die Union nicht rütteln. Allein über die Frage, wie viel Kohle abgebaut werden darf, will die von Spitzenkandidat Armin Laschet angeführte Partei mit sich reden lassen. Doch auch in näherer Zukunft gehört die Braunkohle für die Christdemokraten zum Energiemix.

Mit der FDP, die unter ihrem Bundesvorsitzenden Christian Lindner in NRW ein zweistelliges Ergebnis einfahren könnte, hätte die Union einen möglichen Koalitionspartner an Ihrer Seite, der sich einer „rationalen Energie- und Klimapolitik“ verschrieben hat. Dazu gehört für die Liberalen, dass der Abbau von Braunkohle und der Betrieb von Kohlekraftwerken weiterhin möglich bleiben soll.

Anfang Mai bezog der grüne Umweltminister Johannes Remmel – gemeinsam mit den drei grünen Umweltministern aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg – in einer „Düsseldorfer Erklärung“ Position für einen schnellen Ausstieg aus der Kohle: Darin fordern die grünen Minister unter anderem, in den kommenden drei Jahren zehn der größten Dreckschleudern in Nordrhein-Westfalen abzuschalten. Remmels Regierungschefin Hannelore Kraft kanzelte diese Forderung umgehend als unzulässige Vermischung von Parteifunktion und Ministeramt ab. Die schnelle Abschaltung der Kohlekraftwerke sei nicht die Position der NRW-Landesregierung, stellt die Ministerpräsidentin und SPD-Spitzenkandidatin klar.

Am Freitag vergangener Woche übergaben mehrere Umweltorganisationen – darunter der BUND, die Klima-Allianz Deutschland und Greenpeace – der Landesregierung eine Resolution mit 33.000 Unterschriften zum Stopp des Braunkohletagebaus. Doch Kraft entzog sich der Kritik, dass die Landesregierung trotz nachgewiesener Klimaschädlichkeit an der Braunkohle festhalte, – und nahm die Petition in der Düsseldorfer Staatskanzlei nicht persönlich an.  

In Nordrhein-Westfalen schrecken die vermeintlich negativen Folgen eines Ausstiegs für Arbeitsplätze und Wirtschaft die Landes-SPD immer noch mehr, als die Folgen weiterer Braunkohleverstromung für das Klima. Schließlich ist das Industrierevier an Rhein und Ruhr  vom Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte gebeutelt. Kein Kumpel fährt hier mehr in die Schächte der Steinkohlebergwerke ein, in Duisburg-Hüttenheim kämpfen derzeit die Beschäftigten des letzten großen Stahlwerks in der Region um ihre Jobs. Da mögen die Sozialdemokraten nicht auch noch das schnelle Ende der Braunkohle verkünden.

Energieexperten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung warnen schon seit langem, dass das Hinauszögern des Unvermeidlichen am Ende teurer kommt: „Jedes Bundesland kann ohne Braunkohle, jedes Bundesland muss ohne Braunkohle – weil die Energiewende zur Konsequenz hat, dass man aus der Kohle in den nächsten Jahrzehnten aussteigt und dafür konsequent auf erneuerbare Energien umstellt", so Kemfert. Weil NRW so viel Kohlestrom habe, scheine man hier aber den notwendigen Wandel zu scheuen, bemängelte Kempfert bereits vor gut zwei Jahren – dabei seien die Potenziale riesig.

Ausbau der Erneuerbaren könnte Jobs in der Region sichern

Seitdem hat sich wenig getan. Mit einem Anteil von rund zwölf Prozent des Bruttostromverbrauchs, der mit Hilfe erneuerbarer Energien gewonnen wird, liegt Nordrhein-Westfalen immer noch am unteren Ende des Bundesländer-Rankings.

Dabei wäre ein schneller Ausstieg mit dem richtigen Konzept ohne Jobverluste möglich. In einer Anfang der Woche veröffentlichten Studie rechnet das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag des Ökostromanbieters Greenpeace Energy vor, wie es gehen kann: Rund 4500 Stellen, die 2030 im rheinischen Braunkohlerevier noch übrig wären, lassen sich durch neue Jobs ersetzten, die der Umstieg auf erneuerbare Energien schafft – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen:  „Es macht einen großen Unterschied, wie man diesen Ausbau angeht“, sagt Bernd Hirschl vom IÖW. „Wenn er durch regional verwurzelte Akteure und im Bürgerenergie-Rahmen vorangetrieben wird, entstehen durch den Ausbau von Windenergie und Photovoltaik besonders viele Arbeitsplätze vor Ort.“

Doch kurz vor der Entscheidung am Sonntag schließen die Wahlkämpfer lieber politische Konstellationen aus, als über zukunftsweisende Lösungen nachzudenken: Die noch amtierende Ministerpräsidentin Kraft erteilte einer rot-rot-grünen Koalition eine Absage. Die FDP erklärte, nicht für eine Ampelkoalition zur Verfügung zu stehen. Und die Grünen halten weiter Distanz zu CDU und FDP. So wird in Düsseldorf für die nächste Legislaturperiode eine große Koalition der Kohlefreunde wahrscheinlich.

Bei Greenpeace Energy mag man auf die politischen Entscheidungen für einen schnellen Ausstieg in NRW nicht mehr warten und bietet einen Ökostromtarif an, mit dem die Abnehmer nicht nur Solarstrom aus Tagebaurevieren beziehen, sondern über einen Solidaritätsbeitrag von einem Cent pro Kilowattstunde auch den Ausbau der Kapazitäten der Erneuerbaren in der Region fördern. „Deutschland muss bis 2030 spätestens aus der Braunkohle aussteigen, sonst sind unsere Klimaziele nicht zu erreichen“, sagt Nils Müller, Vorstand der unabhängig von der Umweltschutzorganisation Greenpeace wirtschaftenden Energiegenossenschaft. „Wir haben 13 Jahre für den Ausstieg. Es muss also jetzt beginnen! Wir wollen nicht länger auf die Politik warten.”  

Matthias Lambrecht

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NRW-Landtagswahl11.Mai 2017

Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen: Was nützt das Klimaschutz-Gesetz?

Das rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen hat 2013 als erstes Bundesland ein Klimaschutzgesetz verabschiedet. Die CDU will es nach der Wahl wieder abschaffen. Wir haben NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), CDU-Klimapolitiker Rainer Deppe und Umweltökonom Johann Wackerbauer gefragt, wie gut ein Bundesland das Klima überhaupt per Gesetz schützen kann.

Johannes Remmel, 54, (Bündnis 90/Grüne), Umweltminister von Nordrhein-Westfalen

„Ja, denn Klimaschutz fängt vor der eigenen Haustür an. Nordrhein-Westfalen ist nicht nur spürbar von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen, es ist auch in besonderem Maße dafür verantwortlich. Ein Drittel aller deutschen Treibhausgase werden hier ausgestoßen. Daher stellen wir uns seit dem Jahr 2010 mit einer neuen Klimaschutzpolitik dieser Verantwortung. Durch vielfältige Maßnahmen sollen die Treibhausgase in NRW bis zum Jahr 2020 um mindestens 25 Prozent und bis zum Jahre 2050 um mindestens 80 Prozent reduziert werden. Diese Ziele sind im NRW-Klimaschutzgesetz von 2013 festgelegt und im Klimaschutzplan von 2015 in Maßnahmen übersetzt worden, bei denen auch die Wirtschaft mitmacht. Die hat nämlich längst erkannt, dass Klimaschutz ein Innovationstreiber und gut für den Umsatz ist. Klar ist aber auch, dass erst mit vielen weiteren wirksamen Klimaschutzgesetzen in anderen Ländern, im Bund und auf internationaler Ebene eine Chance besteht, die Erderwärmung einzudämmen.“

Braunkohlekraftwerk in NRW. Foto: picture alliance/ Horst Ossinger

Rainer Deppe (CDU), 60, Vorsitzender des Unterausschusses Klimaschutzplan im Düsseldorfer Landtag

„Nein, ein isoliertes Landesklimaschutzgesetz verunsichert nur die Wirtschaft. Für das Weltklima macht es keinen Unterschied, ob Emissionen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Spanien stammen. Deshalb gibt es aus gutem Grund den europäischen Emissionshandel, auch wenn ein weltweites System natürlich noch besser wäre. Eine isolierte Reduktion von Klimagasen in einem Bundesland bewirkt außer der Schwächung der dortigen  Industrie nichts. Zumal jede Tonne Stahl, die in Duisburg und nicht in China produziert wird, ein Beitrag zum Schutz des Weltklimas ist. Außerdem wollen wir mit innovativen Produkten und Herstellungsverfahren aus Nordrhein-Westfalen einen messbaren Beitrag zum Erreichen der Pariser Klimaziele leisten. Denn ressourceneffiziente Produkte aus NRW sparen über ihren gesamten Lebenszyklus deutlich mehr Treibhausgase ein, als eine Verlagerung ihrer Herstellung verursachen würde.“

Johann Wackerbauer, 59, Umweltökonom am Ifo Institut für Wirtschaftsforschung

„Regionen oder Bundesländer können allenfalls positive Impulse geben. Der Klimawandel ist ein globales Phänomen – und der Einfluss eines einzelnen Bundeslandes auf die internationale Klimaschutzpolitik nur gering. Regionen oder Bundesländer können allenfalls positive Impulse geben und Beispiele dafür liefern, wie Klimaschutz konkret umgesetzt werden kann. Diese Vorreiterrolle beanspruchen allerdings auch schon Deutschland und die Europäische Union. Die Wirkung auf die Wirtschaft eines einzelnen Bundeslandes hängt davon ab, wie diese strukturiert ist. Gibt es viele Anbieter von Umwelttechnologien, könnten regionale Klimaschutzprogramme positive ökonomische Auswirkungen haben. Unternehmen mit hohem Energieeinsatz sind dagegen benachteiligt, wenn die Auflagen strenger sind als in anderen Regionen. Der Nettoeffekt ist zunächst also unsicher. Für den Schutz des Klimas wäre in erster Linie ein weltweit einheitlicher Preis für Treibhausgasemissionen wichtig.“ 

Bastian Henrichs

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frankreich08.Mai 2017

Diese Personen könnten unter Emmanuel Macron die Umweltpolitik bestimmen

Erste Namen kursieren für die wichtigsten umweltpolitischen Ämter in der Regierung Macron, eine echte Vision für Themen wie Landwirtschaft, Energie und Umweltschutz ist jedoch nicht in Sicht.

Tausende Anhänger jubeln dem frisch gewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu, vor der Pyramide des Louvre-Museums in Paris spricht er über Hoffnung, Mut und den Kampf gegen Ungleichheiten. Eines fehlt in seiner ersten Rede als Präsident: die Umwelt. Frankreich werde „an seinem Engagement hinsichtlich des Klimawandels“ festhalten, sagt er lediglich.

Er habe ein Umwelt-Programm, gemalt wie ein „impressionistisches Bild“: bloß kleine Pinseltupfer, kein großes Gemälde. So beschrieb es die französische Zeitung „Le Monde“ vor ein paar Wochen. Während seiner Wahlkampfauftritte sprach Macron zwar von „ökologischer Dringlichkeit“, die Energiewende nannte er „die Herausforderung des 21. Jahrhunderts“. Doch der Blick hinter die Schlagworte zeigt: Revolutionäre Vorschläge, um diese Herausforderungen anzugehen, fehlen im Programm.

Vor imposanter Kulisse: Emmanuel Macron spricht am Abend seines Wahlsiegs vor dem Louvre zu seinen Anhängern. Foto: dpa

Es kommt also auf die Personen an, die Macrons Umweltpolitik in Zukunft bestimmen werden. Einer seiner Mitarbeiter, der nicht mit Namen genannt werden will, sagte gegenüber dem Greenpeace Magazin, dass Christophe Castaner, 51, sehr gute Chancen auf den Posten als Umweltminister habe. Der charismatische Politiker und ehemalige Bürgermeister einer südfranzösischen Gemeinde ist einer der aktuellen Sprecher Macrons und hat sich innerhalb der Bewegung um Umwelt- und Wohnungsbaufragen gekümmert.

Offiziell bestätigt ist dieser Name jedoch noch nicht – ebenso wie der des Premierministers, das wichtigste Amt der Regierung Macron. Dieser Posten ist eine Schlüsselposition, die den Ton für die gesamte Regierung angibt. Ein Name ist in den letzten Tagen in der französischen Presse immer wieder aufgetaucht: Laurence Parisot, die ehemalige Chefin des mächtigen französischen Arbeitgeberverbandes. Die 57-Jährige sympathisiert mit „En Marche !“, der Bewegung Macrons, dementierte im Gespräch mit dem Greenpeace Magazin aber die Gerüchte: „Niemand aus der Bewegung hat mich bislang gefragt.“

Ein weiterer Name: Audrey Bourolleau. Die 37-Jährige war im Wahlkampf verantwortlich für Landwirtschaftsfragen. Nach einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hat sie sich bisher um den Export von Bordeaux-Weinen Richtung Asien gekümmert. „Sie ist als neue Landwirtschaftsministerin vorgesehen“, sagt ein Mitarbeiter Macrons.  

Führungspersonen der französischen Grünen unterstützen Macron

Gewichtige Führsprecher hat der neue Präsident auch außerhalb seiner eigenen Bewegung. Umweltschützer der ersten Stunde, wie der Deutsch-Franzose und ehemalige Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit, haben immer wieder die Politik Macrons verteidigt. „Jede Stimme, die Macron fehlen wird (...), ist eine Stimme, die der Umwelt fehlen wird“, heißt es zum Beispiel in einer Kolumne, der vor kurzem in der Zeitung „Journal Du Dimanche“ erschien.

Und nicht nur Grünen-Politiker haben dem Wahlsieger den Rücken gestärkt. Die ehemalige französische Umweltministerin Ségolène Royale zeigte sich bei Macrons letzter großen Wahlkampfveranstaltung in Paris Anfang letzter Woche. Von Seiten Macrons wurde jedoch beteuert, dass sie als Privatperson anwesend gewesen sei.

Weniger Atomenergie, mehr erneuerbare Energiequellen

Was also sind Macrons Ideen im Bereich Umweltpolitik? Viele seiner Vorschläge ähneln denen des jetzigen Präsidenten François Hollande. Wie sein Amtsvorgänger will Macron den Strom aus Atomkraft reduzieren, bis 2025 sollen es „nur“ noch 50 Prozent am französischen Energiemix sein. Das AKW an der deutsch-französischen Grenze in Fessenheim soll geschlossen werden.

Gleichzeitig plant Frankreichs neuer Präsident bis zum Jahr 2022 die Kapazität der Windkraftanlagen und Solaranlagen zu verdoppeln. Hier bleibt er hinter bereits beschlossenen Plänen zurück. Hollande hat bis 2023 eine Vervierfachung der Kapazitäten im Vergleich zu 2014 vorgesehen.

Unter Macron wird es keine Agrarwende geben

Thema Lebensmittel und Landwirtschaft: Während des Wahlkampfes hatte Macron immer wieder betont, dass er die aktuelle Position Frankreichs beim Thema gentechnisch veränderter Lebensmittel weiterverfolgen möchte. Konkret bedeutet das: sie dürfen nicht im Land verkauft werden, jedoch soll auch weiterhin von staatlicher Seite zu ihnen geforscht werden.

Die große Agrarwende hin zur Bio-Landwirtschaft wird man von dem neuen französischen Staatschef nicht erwarten können. Zwar verspricht er, französischen Bauern jährlich 200 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, wenn sie die Natur in der Umgebung ihrer Felder pflegen oder ihre Tiere auf Weiden halten. Auch soll ein weiterer Fonds gefüttert mit fünf Milliarden Euro Bauern helfen, stärker auf das Tierwohl zu achten.

Doch an der industriellen Anbauweise und an der Förderung großer Höfe hält er fest. Beim jährlichen Kongress der Nationalen Bauerngewerkschaft Ende März betonte er, dass es mit ihm als Präsidenten eine „intensive Landwirtschaft“ geben werde. Arnaud Rousseau, Präsident des größten Französischen Bauernverbandes FNSEA in der Region Seine et Marne freut sich, dass Emmanuel Macron gewählt wurde. Er hat den jetzigen Präsidenten auf der Pariser Landwirtschaftsmesse im Februar getroffen. „Ich unterstütze seinen globalen und europäischen Ansatz und finde es gut, dass er die Landwirtschaft modernisieren will", sagte Rousseau gegenüber dem Greenpeace Magazin. Er und seine Mitstreiter erwarten viel von Macron – vor allem, dass er die großen Supermarktketten zu faireren Preisen auffordert. „Landwirtschaft muss sich wieder lohnen in Frankreich“, sagt der Bauer.

Weniger Diesel, mehr Elektro

Einen neuen Vorschlag macht Macron im Bereich der Mobilität: Er will weg vom Diesel-Motor. Seit Jahren subventioniert Frankreich durch Steuererleichterungen indirekt Diesel-Autos; diese Steuern möchte Macron erhöhen. Auch verspricht er Käufern, die ihr Diesel-Auto durch ein Hybrid- oder Elektrofahrzeug oder ein sparsameres Benzinmodell ersetzen, eine Zuzahlung von 1000 Euro.

Wie reagieren Nichtregierungsorganisationen auf die Ankündigungen des neuen Präsidenten? Greenpeace Frankreich tut Macrons Pläne als „Reförmchen“ und „Augenwischerei“ ab: „Ein bisschen mehr Bio, ein bisschen mehr erneuerbare Energiequellen.“ Nichts Halbes und nichts Ganzes sei das, heißt es in einer Stellungnahme. Die Kritik: das aktuelle ökonomische System mit seinem negativen Einfluss auf die Umwelt werde nicht ausreichend in Frage gestellt.

Ob Macron seine Umweltpolitik wie geplant durchsetzen wird, hängt nicht zuletzt von den Parlamentswahlen im Juni in Frankreich ab. Denn der neue Staatschef ist auf eine Mehrheit seiner Bewegung in der Nationalversammlung angewiesen. Sollten jedoch die Sozialisten oder die Konservativen viele Stimmen gewinnen, wird er Kompromisse eingehen müssen – sowohl personell als auch inhaltlich.

Hanna Gieffers

Lesen Sie auch: Niedrige Preise für Milch und Fleisch treiben die Höfe in Frankreich in den Ruin. Oft fühlen sich die Landwirte von der Politik verraten. Weil sie keine Perspektive sehen, begehen immer mehr französische Bauern Selbstmord, 2. Mai 2017

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lebensmittel05.Mai 2017

Frisches für Faule: Wie ökologisch ist der Online-Handel mit Lebensmitteln? 

Amazon hat einen Lieferdienst für Lebensmittel gestartet. Der Grund: Selbst schnell verderbliche Waren bestellen immer mehr Menschen online. Der Umwelt tut man damit keinen Gefallen. Doch die Branche will sich bessern.

Bequem ist es schon. Statt sich durch schmale Supermarktgänge zu drängeln, an der Kasse zu warten und schwere Taschen nach Hause zu schleppen, bestellt man vom Sofa aus, was für die nächste am eigenen Herd zubereitete Mahlzeit nötig ist. Und zwar nicht nur Nudeln und Fertigsaucen, immer häufiger bestellen die Deutschen im Netz auch frische Waren wie Obst und Gemüse oder Fleisch und Fisch.

Gemessen am Gesamtumsatz spielt der Online-Lebensmittelhandel zwar mit einem Anteil von nur einem Prozent noch eine untergeordnete Rolle. Mit einem Umsatz von 932 Millionen Euro im Jahr 2016 erzielte die Onlinesparte jedoch ein Plus von 26,6 Prozent und gilt als starker Wachstumsmarkt. Diese Woche hat auch noch „Amazon Fresh“ seinen Lieferdienst in Deutschland gestartet, zunächst nur in Berlin, München soll aber bald folgen.

In den USA schon längst etabliert, startet der Online-Händler Amazon nun auch in Deutschland seinen Lieferdienst für frische Lebensmittel. Foto: Flickr: aaron_anderer (CC BY-ND 2.0)

Die Verbraucherzentrale Brandenburg hat diese Entwicklung zum Anlass genommen, in einer „Marktwächter-Studie“ den auf frische Nahrungsmittel spezialisierten Onlinehandel zu testen. Ein Ergebnis: Es entsteht deutlich mehr Verpackungsmüll als im stationären Handel. „Gekühlte Waren werden häufig in Styroporboxen angeliefert“, sagt Kirsti Dautzenberg, Autorin der Studie. „Darin befinden sich meistens Kühlakkus oder Plastiktüten mit Eis.“ Nur sechs der 179 getesteten Onlinehändler liefern selbst aus und können die Boxen bei der nächsten Fuhre wieder mitnehmen. Die Einführung eines Pfandsystems wäre sinnvoll, schlägt Dautzenberg vor. Der DIN-Verbraucherrat arbeitet bereits daran, Standards für den Lebensmittel-Onlinehandel zu entwickeln. 

Ein weiteres Problem bei der Lieferung frischer Lebensmittel ist die Energiebilanz. Grundsätzlich gilt zwar: Etwas im Netz zu bestellen und liefern zu lassen, verbraucht meist weniger Energie, als ein komplettes Ladengeschäft zu unterhalten. Bei frischen Lebensmitteln, die ununterbrochen gekühlt werden müssen, ist das jedoch anders. Die Waren müssen schneller zu den Kunden und die Lieferanten können deshalb ihre Touren nicht so effizient planen. Dadurch kommt es zu mehr Umwegen und Leerfahrten und somit zu steigenden CO2-Emissionen. Das ergab eine Studie des Öko-Instituts aus dem vergangenen Jahr. 

Der deutsche Paketdienst (DPD) und „Hello Fresh“, die im Februar eine Kooperation verkündeten, glauben die Lösung für die Probleme gefunden zu haben. Hello Fresh, einer der führenden Versandhändler frischer Lebensmittel, nutzt Kartons statt Styroporverpackungen und kühlt seine Waren mit „vollständig biologisch abbaubarer“ Kühlwolle. So entsteht weniger Verpackungsmüll. DPD nutzt zudem ein neues Tracking-System. Zusteller und Kunde stehen in Kontakt. „Damit können wir sehr genau voraussagen, wann das Paket beim Kunden ankommt“, sagt Peter Rey, Sprecher des Paketdienstes. Das erhöhe die Effizienz, da die Zusteller nur selten ein zweites Mal zum Empfänger fahren oder das Paket zur nächsten Abholstelle bringen müssen. 

Kürzlich stellte DPD zudem ein Pilotprojekt in Nürnberg vor. Über kleine Paketlager in der Innenstadt werden die Lieferungen auf elektrische Lastenräder verteilt und emissionsfrei zu den Kunden gebracht.

Bastian Henrichs 

Diesen und viele weitere spannende Artikel finden Sie in der neuen Ausgabe des Greenpeace Magazins 3.17. Das Heft erhalten Sie im Warenhaus oder für 29,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – das ist neu – auf dem Smartphone lesen. In der digitalen Version stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

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energiewende05.Mai 2017

Vor der Landtags-Wahl: Der Streit um die Windräder spaltet Schleswig-Holstein

Es gilt als Musterland der Energiewende. Doch der weitere Ausbau der Windenergie in Schleswig-Holstein ist umstritten. Branchenvertreter und Klimaschützer stehen Bürgerinitiativen und Naturschützern gegenüber. Der ungelöste Konflikt könnte die Fortsetzung der Regierungskoalition gefährden.

Es wird knapp in Schleswig-Holstein. In den letzten Umfragen vor der Wahl schrumpft der Abstand zwischen dem Regierungslager aus SPD, Grünen und der Partei der dänischen Minderheit SSW auf der einen Seite und dem Oppositionslager auf der anderen. Die CDU holt auf – und ein großer Teil der Wähler ist noch unentschlossen.

Nicht auszuschließen, dass bei einem knappen Wahlausgang am Ende der Streit um die Windkraft eine entscheidende Rolle spielt. Dabei zählt Schleswig-Holstein bundesweit zu den Vorreitern bei der Energiewende, eine vergleichbare Erfolgsgeschichte beim Ausbau der Windenergie hat nur Niedersachsen vorzuweisen: Ende 2016 standen 2902 Anlagen mit mehr als als 5900 Megawatt installierter Leistung zwischen Nord- und Ostsee – das entspricht der Nennleistung von vier mittleren Atomkraftwerken. Mehr als tausend weitere Windräder sind im Bau oder im Genehmigungsverfahren. Wenn sie alle am Netz sind, soll die Leistung in Schleswig-Holstein auf mehr als 9000 Megawatt steigen.

Befürworter des Windkraft-Ausbaus haben nur knappe Mehrheit

Doch der Streit über den weiteren Ausbau spaltet das Land. In einer Umfrage hatten die Befürworter im vergangenen Jahr nur noch eine hauchdünne Mehrheit. Die Gegner machen in Initiativen wie „Für Mensch und Natur – Gegenwind Schleswig-Holstein“ mobil gegen „monströse Windkraftanlagen“ die immer näher an Siedlungsgebiete gebaut würden und Kulturlandschaften und Wälder zerstörten.

Windenergieanlage bei Klanxbüll, Schleswig-Holstein. Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten

Dabei ist der Ausbau der Windkraft im windreichen Schleswig-Holstein unverzichtbar, wenn Deutschland insgesamt die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Klimaschutzziele erreichen will. Denn dazu müsste der Anteil der regenerativen Energie an der Stromversorgung bundesweit von derzeit gut 30 Prozent bis 2025 auf gut 60 Prozent steigen.

Die ehrgeizigen Ausbaupläne der Kieler Regierungskoalitionauch stoßen aber auch bei Umweltverbänden auf Kritik, die der verstärkten Nutzung regenerativer Energien zum Schutz des Klimas grundsätzlich positiv gegenüber stehen. Der Landesverband des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) fürchtet um die Bestände von Seeadler, Rotmilan, Mäusebussard oder Weiß- und Schwarzstorch, wenn die Windräder immer näher an deren Nester gebaut werden. Hält die Regierung in Kiel an ihrem erklärten Ziel fest, zwei Prozent der Landesfläche als Vorrangflächen auszuweisen, auf denen Windkraftanlagen gebaut werden dürfen, „wird es sehr, sehr eng”, fürchtet der stellvertretende Landesvorsitzende des Nabu, Fritz Heydemann: „Dann ist zu erwarten, dass die Abstände zu den Brutplätzen sensibler Großvogelarten deutlich vermindert werden.“ Bislang liegt der Anteil der Vorrangflächen an der gesamten Landesfläche bei 1,7 Prozent.

Mit einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Schleswig wurden 2015 wegen verschiedener Rechtsfehler die Regionalpläne für unwirksam erklärt. In diesen Plänen war bis dahin festgelegt, wo Windkraftanlagen in Schleswig-Holstein aufgestellt werden dürfen. Seit dem Urteil gilt ein Moratorium, der Bau neuer Anlagen ist grundsätzlich unzulässig. Es können aber Ausnahmegenehmigungen erteilt werden. Zugleich treibt die Landesregierung die Aufstellung neuer Regionalpläne voran. Das soll bis September 2018 gelingen – dann endet das Moratorium. Und bis dahin können die Kritiker in Anhörungen ihre Bedenken vortragen.

Umweltminister Habeck zeigt Verständnis für die Kritiker

Während sich die für die Landesplanung verantwortliche Kieler Staatskanzlei von den Kritikern bislang wenig beeindrucken lässt, zeigt Robert Habeck, der grüne Superminister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume, Verständnis für deren Bedenken. Er erklärte sich bereit, die ehrgeizigen Ausbauziele zu korrigieren: „Bei der Umsetzung der Energiewende bin ich dafür, das Tempo rauszunehmen“, verkündete Harbeck im vergangenen Mai in einem Zeitungsinterview.

Bislang habe das Ziel gelautet, bis 2020 so viel erneuerbare Energie im nördlichsten Bundesland zu produzieren, dass Schleswig-Holstein damit das Dreifache seines Strombedarfs decken könnte. Das Zieldatum könnte um zehn Jahre nach hinten verschoben werden, schlug Harbeck vor: „Das gibt uns die Chance, die Energiewende kontinuierlich und konsequent voranzubringen, und zwar als gesamtgesellschaftliches Projekt, bei dem die Interessen vom Klima- und Artenschutz bis hin zum Schutz des Wohnumfeldes gut austariert sind.“

Habeck, der zur Urwahl seiner Partei als grüner Spitzenkandidat für die Bundestagswahl antrat und diese knapp verlor, kann sich aber auch ganz anders anhören, wenn der Anlass es erfordert. „Ist es vernünftig, sich in dem Moment aus der Dynamik des Regenerativmarktes zurückzuziehen, wenn die Kosten niedriger werden als die der fossilen Energien?“, fragte er einige Wochen nach seinem Interview auf der Branchenkonferenz Windwert in Kiel – und gab gleich selbst die Antwort: „Das ist dumm!“

Beim Bundesverband Windenergie (BWE) ist man denn auch mit der Arbeit des grünen Landesministers durchaus zufrieden. „Im Umweltministerium sitzen Energiewende-Leute, die mit Herz und Seele dabei sind“, sagt BWE-Landeschef Reinhard Christiansen. Für den Branchenvertreter ist „Windkraft kein Feind des Vogelschutzes“. Deshalb müssten auch Flächen von Rotoren freigehalten werden. Doch wenn Standorte bereits bestehender Anlagen aus den Vorranggebieten, in denen künftig neue Windräder errichtet werden dürfen, herausfallen sollen, dann hört das Verständnis des BWE-Vorstands auf. „Das kann nicht richtig sein, denn dort ist der Bau von Anlagen ja schon mal genehmigt worden“, argumentiert Christiansen.

CDU will Abstand zu Siedlungsflächen erhöhen

Der Windkraft-Lobbyist sieht den Streit um die Windkraftstandorte als ein „Geben und Nehmen“ zwischen Naturschützern auf der einen Seite und den Investoren und Anlagenbetreibern auf der anderen Seite. Schließlich bringe seine Branche über die Ausgleichszahlungen beim Bau von Windrädern viel Geld für den Naturschutz auf.

Einig sind sich Nabu und BWE immerhin schon, das der Grüne Habeck besser geeignet ist, den Interessenkonflikt aufzulösen, als der Umweltminister einer Landesregierung unter CDU-Führung. Denn die Union fischt Wählerstimmen mit Zugeständnissen ans Lager der Windkraftgegner, die sich gegen den Bau in der Nähe von Siedlungsgebieten wenden und verspricht eine Ausweitung des Mindestabstands von derzeit 800 auf 1200 Meter. „Da macht es sich die CDU zu einfach, dieser Abstand funktioniert nicht, wenn zugleich nicht mehr als zwei Prozent der Landesfläche für die Windräder ausgewiesen werden sollen“, warnt Christiansen. Und Heydemann fürchtet „weitere Abstriche zu Lasten des Naturschutzes, weil man meint, man müsste die Abstände zu Siedlungsgebieten erhöhen“.

Für den Nabu-Vertreter ist offensichtlich, dass die wirklich zentralen Fragen im landespolitischen Streit um die Windkraft ausgeblendet werden – vor allem im Wahlkampf, wo unbequeme Wahrheiten auch bei den Grünen nicht gefragt sind: „Wir tun so, als sei Schleswig-Holstein alleine auf der Welt und als ob wir unsere Schuldigkeit getan hätten, wenn wir nur schnell die Windkraft ausbauen“, sagt Heydemann. Diese Rechnung gehe so aber nicht auf, nur mit einem insgesamt niedrigeren Ressourcenverbrauch in den Industrieländern sei der Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen: „Wir müssen anders wirtschaften und den Gürtel enger schnallen – das will nur niemand hören.“

Matthias Lambrecht

Auch im Ländle wird fleißig die Windkraft ausgebaut – seit neuestem mit großem Eifer des Stromriesens EnBW. Lesen Sie hier, wie sich der Atom- und Kohlekonzern im Schnelldurchlauf zum grünen Musterknaben wandeln will, inklusive Interview mit Konzernchef Frank Mastiaux (Greenpeace Magazin 2.2017).

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Landwirtschaft02.Mai 2017

Weil sie keine Perspektive sehen, begehen immer mehr französische Bauern Selbstmord

Niedrige Preise für Milch und Fleisch treiben die Höfe in den Ruin. Oft fühlen sich die Landwirte von der Politik verraten. Auch die beiden aktuellen Präsidentschaftskandidaten scheinen keine Antwort zu haben. 

Das Leben von Vincent begann mit einer glücklichen Kindheit auf einem Hof zwischen Heuballen und Spielzeugtraktoren. Als er die Milchwirtschaft seines Vaters übernahm, war er von Stolz erfüllt. Doch wenige Jahre später kann er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Zerfressen von Sorgen und Zweifel nimmt er sich das Leben.

Die traurige Geschichte stammt aus einem fiktionalen Kurzfilm, der ein Tabuthema beleuchten soll. Denn über die hohe Suizidrate unter Frankreichs Landwirten wird viel zu oft geschwiegen. Das Video ist ein Hilfeschrei, den junge Bauern aus der Landwirtschaftsregion „Grand Est“ in Frankreichs Osten auf Youtube hochgeladen haben. Denn statistisch gesehen begeht in Frankreich jede zwei Tage ein Landwirt Selbstmord. Viele von ihnen fühlen sich allein gelassen, erdrückt von ihren Sorgen und von der Politik vergessen.

bauern

Besonders unter französischen Milchbauern und Rinderzüchtern ist die Suizidrate hoch.   Foto: picture-alliance/maxppp

„Die Situation ist schlimm“, räumt der aktuelle französische Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll gegenüber der Zeitung „Le Monde“ ein. Bauern haben in den vergangenen Jahren immer wieder protestiert. Sie stellten vor Regierungsgebäuden wie in der Kleinstadt Agen im Januar letzten Jahres weiße Kreuze auf, um an ihre toten Kollegen zu erinnern. Auf dem Pariser „Place de la République“ luden sie Obst und Gemüse ab und legten im Herbst 2015 mit 1500 Traktoren aus dem ganzen Land einen Tag lang Paris lahm. Sie protestierten so gegen gefallene Milch- und Fleischpreise und gegen den millionenschweren Rettungsplan der französischen Regierung, den sie als zu gering empfanden.

Mit den Demonstrationen gaben sie ihrem Ärger und ihrer Enttäuschung Raum. Doch auf die Phase der Wut folgte bei vielen Resignation – oder auch Depressionen. Bis einige immer häufiger keinen Ausweg mehr sehen.

Was sind die Gründe, die es den französischen Bauern so schwer machen?

Zu den immer niedriger werdenden Marktpreisen von Milch und Fleisch und den gesunkenen Exportmöglichkeiten addierte sich in den letzten Jahren die wirtschaftliche Krise in Frankreich, die auch viele Landwirte traf. Zu diesem Ergebnis kam eine im Herbst letzten Jahres veröffentlichte Studie der staatlichen Gesundheitsbehörde Frankreichs.

Die Soziologin Véronique Louazel hat im Auftrag der Hilfsorganisation „Solidarité Paysans“ die Geschichten hinter den Zahlen recherchiert. Bei ihren qualitativen Interviews mit Bauern hörte sie immer wieder ähnliche Antworten.

Die Probleme der Landwirte lägen vor allem in drei Bereichen: Zu familiären Problemen und Schwierigkeiten bei der Arbeitsorganisation kämen die finanziellen Notlagen. Ein Drittel der Bauern in Frankreich verdiente 2015 weniger als 350 Euro im Monat. Die Absatzpreise würden häufig von großen Supermarktketten diktiert. „Der finanzielle Druck ist enorm, Gläubiger rufen in manchen Fällen mehrmals am Tag an und bedrängen die Bauern“, berichtet Louazel.

Viele Bauern führten ihren Hof schon in dritter oder vierter Generation, erklärt die Wissenschaftlerin. Sie wollten nicht diejenigen sein, die das Familienunternehmen gegen die Wand fahren. Die Last dieser Verantwortung mache sie oft handlungsunfähig. „Oft halten sie an traditionellen, aber nicht mehr zeitgemäßen Methoden fest“, sagt Louazel. „Das macht es schwierig, sich in Frage zu stellen und alternative Arbeitsmethoden einzuführen.“

Außerdem würden viele Bauern an Burn-out leiden. „Sie können schwer zwischen privater Zeit und Arbeitszeit trennen“, so Louazel. Trotz dieser Probleme nehmen nur wenige Bauern professionelle Hilfe an. „Es ist in der Branche verpönt, sich Schwäche einzugestehen. Nur wenige reden mit Familie oder Nachbarn über ihre Probleme“, sagt Louazel. Oft sei die Situation schon nahezu ausweglos, wenn sie sich durchringen können, nach Hilfe zu fragen.       

Welche Hilfsangebote gibt es, wenn die Hoffnung fast erstickt ist?

Seit 2014 können sich Landwirte an die Plattform „Agri’écoute“ wenden, dort anonym von ihren Problemen berichten und erste Hilfe bekommen. Die Zahl der Anrufe hat sich 2016 innerhalb eines Jahres verdreifacht.

Die Organisation „Solidarité Paysans“ bietet außerdem Mentoringprogramme an. Ein Team aus einem professionellen Berater und einem Freiwilligen – häufig ist es ein pensionierter Bauer – besucht über einen längeren Zeitraum immer wieder den Hof und erarbeitet mit dem betroffenen Landwirt Lösungsstrategien. „Die Bauern können hier frei reden, ohne beurteilt zu werden“, sagt Louazel. Optionen wie eine Reorganisation des Betriebes oder Insolvenz anzumelden rechnen die Teams gemeinsam durch. Jedes Jahr hilft die Organisation etwa 3000 Landwirten.     

Es gibt sie, die Bauern, die durch solche Hilfe wieder auf die Beine gekommen sind. Yann und Pauline zum Beispiel haben ihren Hof, auf dem sie Ziegen, Rinder und Schweine halten, verkleinert. Ihre Milch und ihr Fleisch ist jetzt bio-zertifiziert, ihre Produkte verkaufen sie nur noch direkt an ihre Kunden. „Wir haben alles in Frage gestellt und unsere Herangehensweise unseren Werten angepasst“, erklären sie.

Mit diesem Video machen junge Bauern auf die hohe Suizidrate in ihrer Berufsgruppe aufmerksam. Video: Youtube / Julien J

Auch den Milchbauern Patricia und Philippe konnte „Solidarité Paysans“ helfen. Sie mussten feststellen, dass Bauern nicht viel über ihre Probleme sprechen. „Viele erzählten, dass sie höhere Milchpreise als auf dem Markt üblich ausgehandelt hätten“, sagt Patricia. Auch wenn das nicht immer stimmte. Hilfe holen sich die wenigsten. Sie und ihr Mann haben sich an „Solidarité Paysans“ gewandt, als sie ihre ersten Rechnungen nicht mehr zahlen konnten. Jetzt züchten sie Schweine und verkaufen das Fleisch unter anderem auf Dorfmärkten. Philippe hat außerdem einen Nebenjob angenommen, um über die Runden zu kommen. 

Was hat die französische Politik bisher falsch gemacht?

Viele Bauern sind enttäuscht. Diese Enttäuschung zeigt sich zum Beispiel während des Landwirtschaftsmesse, die jedes Jahr im Februar stattfindet. „Vor zwei Jahren haben Sie uns noch vieles versprochen, aber nichts gemacht“, sagte der Milchbauer und Schweinezüchter Alain dem französischen Präsidenten Francois Hollande dieses Jahr ins Gesicht.

Französische Bauern haben, wie auch Landwirte in anderen europäischen Ländern, mit den sinkenden Preisen für Milch und Fleisch zu kämpfen. Doch in Frankreich, einem der größten landwirtschaftlichen Produzenten in der EU, sind die finanziellen Probleme besonders zu spüren. Denn in Frankreich sind die großen Supermarktketten und Abnehmer besonders mächtig, Produktionskosten und Lohnkosten im Vergleich zu anderen Ländern, besonders hoch. Außerdem fördere die französische Politik laut Patrick Bougeard, Leiter der Organisation „Solidarité Paysans“, vor allem industrielle Großbetriebe.

„Diejenigen, die heute leiden, sind natürlich die Betriebe, die wirtschaftlich am wenigsten leistungsstark sind. Entweder, weil sie hoch verschuldet sind – also die Berufseinsteiger, oder weil die Produktionsstruktur zu klein ist, um Sparmaßnahmen durchführen zu können“, sagte Agrar-Experte Hervé Guyomard, wissenschaftlicher Direktor beim nationalen Agrarforschungsinstitut INRA, vor wenigen Wochen im Deutschlandfunk. Die Agraringenieurin Aurélie Trouvé schlug im französischen Fernsehen deshalb vor: „In Frankreich könnte der Staat Hilfen stärker kleineren Höfen gewähren, die auch die Umwelt schützen.“

Wird sich die Situation für die Landwirte unter Macron oder Le Pen verbessern?

Dass sich die Situation unter einem Präsidenten Emmanuel Macron oder einer Präsidentin Marine Le Pen verbessern wird, daran glaubt Patrick Bougeard nicht. Die Programme beider Kandidaten seien bislang wenig detailliert, was die Landwirtschaftspolitik angehe. Macron vertraue jedoch einem Berater, der auf industrielle Landwirtschaft setzt. „Bei ihm habe ich keine Hoffnung“, sagt Bougeard.

Marine Le Pen setze sich zwar für kleine Höfe ein, den von ihr geplanten Ausstieg aus der EU hält Bougeard jedoch für fatal. Denn bislang werden französische Bauern jedes Jahr mit 9,5 Milliarden Euro Direkthilfe aus dem Fonds der Gemeinsamen Landwirtschaftspolitik (GAP) der EU unterstützt. „Außerdem macht ihr Fremdenhass Marine Le Pen unwählbar“, sagt Bougeard. Dass sich die Situation der Landwirte unter einer der beiden neuen politischen Führungen verbessere, hält Bougeard für unwahrscheinlich.   

Hilfsangebote wie „Solidarité Paysans“ oder „Agri’écoute“ werden deshalb auch in Zukunft noch wichtiger werden. Denn schon heute gibt es nur noch halb so viele Höfe wie noch vor zwanzig Jahren in Frankreich – und jedes Jahr geben weitere drei Prozent der französischen Bauern auf.

Hanna Gieffers

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