energieeffizienz 02.Dez 2016

Energie aus Abwasser: Dänisches Klärwerk versorgt sich komplett autark

Erstmals produziert eine Kläranlage im dänischen Aarhus Biogas aus Haushaltsabwasser. Mit der daraus gewonnenen Energie wird nun das Abwasser aufbereitet und zusätzlich noch umliegende Häuser mit Strom versorgt.

Die Marselisborg Kläranlage in der dänischen Stadt Aarhus ist energieneutral: Sie nutzt das städtische Abwasser, um sich mit Strom zu versorgen. Das funktioniert im Prinzip wie in einer herkömmlichen Biogasanlage – nur mit Abwassern aus Haushalten statt mit Gülle oder Bioabfällen. Zunächst wird das organische Material, die sogenannte Biomasse, aus dem Abwasser gefiltert und bei 38 Grad von einer speziellen Bakterienart in Methan umgesetzt. Dieses Biogas wird dann verbrannt und liefert die Energie, mit der das Abwasser dann vollständig geklärt und das frische Wasser durch die Wasserleitungen von Aarhus gepumpt wird.

Das Wasser im Marselisborg Klärwerk im dänischen Aarhus wird mit der Energie aus der Biomasse im Abwasser gereingt.  Foto: Aarhus Vand

„Wir produzieren 50 Prozent mehr Energie als das Klärwerk benötigt. Die überschüssige Elektrizität geht als Grüne Energie raus an die Verbraucher“, so Lars Schrøder vom Betreiber des Klärwerks Aarhus Vand. Neben der Stromversorgung von 200.000 Bewohnern in Aarhus können zusätzlich 500 Haushalte jährlich mit Heizungswärme versorgt werden – ein lukrativer Mehrwert für die Klärwerksbetreiber. Bis 2030 sollen auch die anderen neun Kläranlagen des Betreibers energie- und CO2-neutral werden. „Das ist gut für die Umwelt und die Verbraucher, wenn dänischen Kläranlagen zunehmend von Energienutzern zu Energieproduzenten werden und sogar noch Strom verkaufen“, so der Landwirtschaftsminister von Dänemark, Esben Lunde Larsen.

„Die Leistung von Dänemark zu kopieren wird nicht ganz leicht“, so Molly Walton, Energieexpertin bei der Internationalen Energiebehörde gegenüber der Fachzeitschrift „New Scientist“. Klärwerke müssten einerseits groß genug sein, um genügend Biomasse auffangen zu können. Andererseits können schon äußere Einflüsse wie Regen oder das Grundwasser dafür sorgen, dass weniger Energie aus dem Abwasser hergestellt werden kann. In den Klärwerken der dänischen Hauptstadt Kopenhagen versucht man bereits, das System ebenfalls einzuführen. Und auch in den USA interessieren sich Klärwerksbetreiber für die energieneutrale Technik aus Aarhus, verrät Lars Schrøder.

Anica Beuerbach

Fabrikexplosion 02.Dez 2016

32 Jahre nach der Giftgas-Katastrophe: Die vergessenen Menschen von Bhopal

Eine Pestizidfabrik explodiert in Nordindien, Giftgas entweicht, tötet 25.000 Menschen und vergiftet eine halbe Millionen weitere. Seit 32 Jahren sind die Betroffenen auf sich alleine gestellt – am Jahrestag der Katastrophe ringen sie um Aufmerksamkeit für ihren Kampf um Gerechtigkeit.

Kurz nach Mitternacht, in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984: In Bhopal, der Hauptstadt des nordindischen Bundesstaates Madhya Pradesh, explodiert ein Tank in einer Pestizid-Fabrik. Was folgt, gilt als die schwerste Chemiekatastrophe aller Zeiten: Tausende Menschen sterben noch in der Unglücksnacht, 25.000 in den folgenden Tagen, weitere 500.000 erleiden irreversible Gesundheitsschäden. Doch bis heute übernimmt der Konzern Cabride Corporation, der heute zum größten Chemiekonzern der Welt, Dow Chemicals, gehört, keine Verantwortung für die Katastrophe. Bis heute wurden die Opfer nicht angemessen entschädigt und fast kein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen.

Überlebende und Angehörige von Opfern des Chemieunfalls demonstrieren am 31. Jahrestag der Katastrophe in Bhopal. Foto: Sanjeev Gupta / picture alliance / dpa

Das, was damals in Bhopal geschah, wirkt bis heute nach. Die Chemiefabrik in Bhopal liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Slum – rund eine Millionen Menschen wurden Anfang Dezember 1984 vom austretenden Methylisocyanat (MIC) im Schlaf überrascht. Bis zu 40 Tonnen der hochgiftigen Substanz, die zur Herstellung von Pestiziden eingesetzt wird, gelangte nach der Explosion eines Aufbewahrungstanks in Form von Gas ins Freie. Da das gasförmige MIC schwerer ist als Luft, kroch die Wolke über den Boden und vergiftete die Bewohner des Slums: Schleimhäute und Haut der Opfer wurden zerfressen, durch das Einatmen des Gases schwoll der Körper der Betroffenen an und innere Organe wurden geschädigt. Wer nicht sofort starb leidet bis heute an den Folgen: Lähmungen, Leber- und Nierenschäden, Angstzustände. Die Wahrscheinlichkeit für Krebs- und Tuberkuloseerkrankungen in der Gegend ist deutlich erhöht, viele Kinder kommen mit Mißbildungen zur Welt.

Um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, protestieren die Betroffenen und Angehörige der Opfer wie an jedem Jahrestag des Unglücks in Bhopal, es werden aber auch internationale Proteste stattfinden: Unterstützer demonstrieren an der Wallstreet in New York und in den kommenden Tagen wird es in Midland im US-Bundestaat Michigan, dem Hauptsitz des Dow Chemical Konzerns, und an verschiedenen Produktionsstandorten in Texas Protestaktionen geben. Die Aktionen werden von Organisationen weltweit unterstützt, unter anderem von der International Campaigne für Justice in Bhopal, von Aid India, Greenpeace und der deutschen Stiftung Ethik und Ökonomie.

Die zerstörte Fabrik vergiftet bis heute Grund, Boden und Menschen. Eine aktuelle Studie der ortsansässigen Sambhavna Trust Clinic zeigt, dass die Kontaminierung des Gebietes rund um das verfallene Gebäude in den letzten vier Jahren um weitere zwei Quadratkilometer angewachsen ist. Tausende Tonnen giftigen Mülls lagern bis heute auf dem verlassenen Fabrikgelände und schaffen auch 32 Jahre nach der Katastrophe immer weitere Opfer. „Die Entschädigung der Menschen, die in dieser Gegend wohnen, sollte absolute Priorität haben“, sagt Dr. Mohammad Ali Qaisar, Leiter der Studie.

Die genaue Ursache für das Desaster liegt bis heute im Dunkeln. Auf ungeklärtem Weg muss Wasser in den Tank eingedrungen sein, das mit dem MIC reagierte und so den Tank explodieren lies. Eindeutig ist aber, dass die Anlage und die Nachbarschaft nicht ausreichend gesichert war: Gemäß der Richtlinien von Cabride Corporation hätte eine so große Menge an Methylisozyanat nicht in dicht besiedelten Gebieten gelagert werden dürfen. In Europa wäre das zulässige Maximum eine halbe Tonne gewesen. Zudem wird dem Konzern vorgeworfen, Sicherheitsmaßnahmen zu Gunsten geringerer Kosten und entsprechende Schulungen für das Personal drastisch reduziert, Routine-Instandhaltungsmaßnahmen vernachlässigt und keine Katastrophenschutzpläne für die Bevölkerung ausgearbeitet zu haben.

Auch die juristische Aufarbeitung der Katastrophe dauert weiterhin an: 15 Jahre nach der Katastrophe verurteilte das höchste indische Gericht den US-Konzern zur Zahlung von 470 Millionen US-Dollar, weitere 250 Millionen US-Dollar zahlte die Versicherung. Doch Betroffenenverbände sagen, dass das Geld noch nicht bei ihnen angekommen ist: Selbst Opfer mit schwersten Behinderungen erhielten nur rund 650 US-Dollar, viele Leidtragende der Katastrophe bekamen bis heute keinerlei Entschädigung. Verantwortung für die Katastrophe lehnt der Dow Chemicals ab, ebenso wie das Tragen der Kosten für die Aufräumarbeiten. Die indische Regierung verweist hingegen auf die Unverhältnismäßigkeit der bisherigen Entschädigungszahlungen von 1989 und fordert weitere Zahlungen in Höhe von bis zu einer Milliarde US-Dollar.

Derweil wurden 2009, 25 Jahre nach dem Unfall, sieben verantwortliche Manager und Techniker zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von 2100 US-Dollar verurteilt. Die neueste juristische Wendung: Im Oktober 2016 ordnete das zuständige Gericht in Bhopal die Vernehmung zweier Männer an, die in der Nacht der Katastrophe dem damaligen Geschäftsführer, Warren Anderson, dabei halfen, aus Indien zu fliehen und so der Strafverfolgung zu entgehen. Unbehelligt von der Justiz starb Warren Anderson 2015 im Alter von 92 Jahren in Florida.

Julia Lauter

Katastrophenhilfe 02.Dez 2016

Cholera in Haiti: Ban Ki-moon entschuldigt sich, gesteht aber keine Schuld der Vereinten Nationen ein

Ein halbes Jahr nach den schweren Erdbeben auf Haiti 2010 bricht eine Cholera-Epidemie aus, fast 10.000 Menschen sterben. Ob UN-Einsätzkräfte für den Ausbruch verantwortlich sind – darüber wird weiter gestritten.

„Wir entschuldigen uns beim haitianischen Volk“, erklärte der scheidende UN-Generalsekretär Ban Ki-moon gestern auf der Generalversammlung der Vereinigten Nationen in New York. Die UN habe nicht genügend getan, um den Ausbruch der Cholera 2010 auf Haiti einzudämmen. Seine Worte wurden live in das Büro für internationales Recht in der haitianischen Hauptstadt Port-Au-Prince übertragen. Unabhängige Experten glauben, dass UN-Einsatzkräfte die Choleraepidemie hervorgerufen haben – Ban Ki-moon nahm in seiner gestrigen Rede dazu keine Stellung.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon bei einer Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen.  Foto: picture alliance / AP Photo

Im Januar 2010 hatte ein Erdbeben im Inselstaat Haiti großflächig Häuser und Infrastruktur zerstört, mehr als 300.000 Menschen starben Schätzungen zufolge. Soldaten der Vereinten Nationen – sogenannte „Blauhelmsoldaten“ – errichteten kruz nach der Naturkatastrophe Zeltlager für die Überlebenden. In einem Stützpunkt von nepalesischen UN-Soldaten wurden Fäkalien und Abwasser wegen unzureichender Sanitäranlagen direkt in den benachbarten Fluss geleitet, aus dem die Einheimischen ihr Trink- und Versorgungswasser beziehen. Mehrere unabhängige Epidemiologen sehen hierin die Ursache für die Choleraepidemie, die ab Oktober 2010 auf Haiti grassierte. Bis dato war die Insel frei von Cholera gewesen. Während der Epidemie infizierten sich eine halbe Millionen Menschen – fast 10.000 Menschen starben an der Krankheit.

Drei Jahre später reichten ein Bündnis von Menschenrechtsanwälten Klage gegen die Vereinten Nationen ein und forderten eine Entschädigung der Opfer und den Bau eines funktionierenden Trink- und Abwassersystems für die betroffenen Regionen. Das Bundesgericht in New York entschied im August diesen Jahres in dieser Sache zugunsten der UN: Die Vereinten Nationen hätten keine Schuld am Ausbruch der Krankheit.

Im Oktober rief Ban Ki-moon die Weltgemeinschaft dazu auf, die Opfer der Epidemie sowie die Angehörigen von Verstorbenen mit 200 Millionen Dollar (184 Millionen Euro) zu unterstützen – noch heute leben fast 800.000 mit Cholera infizierte Menschen auf Haiti. Weitere 200 Millionen Dollar sollen zukünftig für bessere Wasser- und Sanitäranlagen bei UN-Einsätzen in Krisengebieten ausgegeben werden, um den Ausbruch von Epidemien zu verhindern, so Ban Ki-moon auf der gestrigen Generalversammlung.

Anica Beuerbach

Landwirtschaft 01.Dez 2016

Nature-Studie: Auf zu oft gemähten Wiesen leben die immer gleichen, wenigen Arten

Schon wenn zweimal jährlich gemäht wird, schwindet die Biodiversität auf Nutzwiesen drastisch. Biologen haben deutschlandweit Grasflächen unter die Lupe genommen und ihre Ergebnisse im renommierten Fachblatt „Nature“ veröffentlicht.

Nicht nur Äcker, auch die ökologisch eigentlich wertvolleren Wiesen werden in Deutschland intensiv bewirtschaftet – auf Kosten der biologischen Vielfalt. Das betrifft nicht nur einzelne Spezies, sondern ganze Artengemeinschaften aus Pflanzen, Vögel, Insekten, Pilzen und auch Mikroorganismen, die an Pflanzen oder im Boden leben. Das stellte ein Forscherteam um Martin Gossner von der Technischen Universität München fest. Die Studie, in der erstmals 4000 Arten auf 150 bewirtschafteten Grasflächen in Deutschland untersucht wurden, erschien diese Woche in der Fachzeitschrift „Nature“.

Die Heuernte wirkt romantisch – doch wenn zu oft gemäht wird, verarmt die Tierwelt auf den Wiesen.   Foto: Patrick Pleul/dpa

Spezialisierte Arten verschwinden unabhängig davon, ob die Wiese zweimal oder mehrmals im Jahr gemäht wird: „Schon bei einer moderaten Bewirtschaftung von Grünland reduzieren sich die Artengemeinschaften überregional auf die gleichen, wenig anspruchsvollen Generalisten“, erklärte Gossner. Wird beispielsweise eine spezielle Grasart durch das Mähen minimiert und dann durch schneller nachwachsende, herkömmliche Grasarten ersetzt, zieht das einen Verlust von Tieren und Mikroorganismen mit sich, die sich von der Pflanze ernähren oder darauf wohnen.

Übrig blieben auf den untersuchten Nutzwiesen immer die gleichen Arten – daraus ergeben sich deutschlandweite „Einheitswiesen“. Ausschlaggebend dafür ist die Art der Bewirtschaftung, nicht die klimatische Lage der Wiese, so die Wissenschaftler. Es wäre es daher wichtig, Nutzwiesen möglichst nachhaltig zu bewirtschaften, damit die Artenvielfalt in Deutschland nicht gefährdet wird. Von einer höheren Biodiversität könnten Landwirtschaft und Menschen sogar profitieren, so Gossner. Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen lockern den Boden auf und reichern ihn an, oder sie helfen den Nutzpflanzen durch natürliche Schädlingsbekämpfung beim Wachsen.

Anica Beuerbach

Digitale Grundrechte 01.Dez 2016

„Die Würde des Menschen ist auch im digitalen Zeitalter unantastbar“

Mit einer Charta wollen Kulturschaffende und EU-Parlamentarier die Grundrechte des Menschen auf die digitale Welt ausweiten. Jeder kann mitdiskutieren – und die Charta im Netz unterschreiben.

„Die Würde des Menschen ist auch im digitalen Zeitalter unantastbar“ – so lautet Artikel 1 der Charta der Digitalen Grundrechte – zumindest im ersten Entwurf, der heute veröffentlicht wurde. 14 Monate lang haben Bürger, Journalisten, Datenschützer sowie Politiker aus Deutschland an dem Entwurf mitgearbeitet, der nun 23 Artikel umfasst. Initiiert wurde die Charta unter anderem vom Kolumnisten Sascha Lobo, „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, dem EU-Abgeordneten der Grünen Jan Philipp Albrecht und dem scheidenden EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz.

Zu den Grundrechten im digitalen Zeitalter gehört auch der Schutz vor Überwachung und der Daten, heißt es im Entwurf der Charta.  Foto: picture alliance/Ulrich Baumgarten

Die Charta der Digitalen Grundrechte soll die „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ für EU-Bürger gewährleisten und eine „rechtsstaatliche Ordnung auch im digitalen Zeitalter schaffen“. Kurz: Menschen sollen im Internet und bei der digitalen Erfassung die gleichen Rechte genießen wie im „echten“ Leben. Das sind das Recht auf Würde, Freiheit und Gleichheit. Auch die persönliche Meinung soll im Internet unzensiert bleiben. Nur wenn Artikel 1 gebrochen wird, also digitale Hetze und Mobbing gezielt Personen schädigen, müsse das unterbunden werden, so die Autoren des Entwurfs.

Dazu umfasst die Charta Rechte, die speziell die Digitalisierung im Sinne der Bürger kontrollieren sollen. Digitale Massenüberwachung soll nur zu bestimmten Zwecken erfolgen – dass die eigene Wohnung überwacht wird, soll gar nicht erlaubt sein. Auch sichert die Charta zum Beispiel den Einsatz von Künstlicher Intelligenz ab.

Ein für die Autoren und Datenschützer wichtiger Punkt ist das „Recht auf Verschlüsselung eigener Daten“. Damit soll es Nutzern möglich sein, sich vor dem Zugriff durch Unternehmen oder Regierungen auf den Inhalt von zum Beispiel Emails oder in der Cloud gespeicherten Daten zu schützen. Die Charta der Digitalen Grundrechte soll auch das Thema „Netzneutralität“ endlich rechtlich sichern. So wäre es Internetanbietern verboten, bestimmte Daten bei der Übertragung zu bevorzugen und somit gegebenenfalls die Inhalte von zahlenden Unternehmen einfacher zugänglich zu machen.

Am 5. Dezember wird der Entwurf dem Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres des Europäischen Parlaments in Brüssel vorgelegt. Alle Bürger der EU sind ab heute aufgerufen, sich auf digitalcharta.eu an der Diskussion um die weitere Gestaltung und Ausarbeitung der Charta zu beteiligen und diese durch eine digitale Unterschrift zu unterstützen.

Anica Beuerbach

interview 01.Dez 2016

Grüner Energieexperte: „Die Union will Ausbau der Erneuerbaren beenden“

Einflussreiche CDU-Abgeordnete wollen die Ökostromförderung in der nächsten Legislaturperiode auslaufen lassen. Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, sagt gegenüber greenpeace-magazin.de, was das für den Klimaschutz bedeutet.

In der CDU gibt es Pläne, die Ökostromförderung schon im Lauf der nächsten Legislaturperiode komplett zu streichen. Ist das realistisch? Die Union wandelt in der Energiepolitik wieder einmal auf postfaktischen Pfaden und fordert die Abschaffung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, EEG. Was das soll und was die Alternative wäre, erklärt sie nicht. Der Erfolg des EEG scheint für Teile der Union ein solches Trauma zu sein, dass es dort den Blick auf die Realität verstellt. Es geht nicht, das Pariser Klimaabkommen umsetzen zu wollen, was die Union samt Bundeskanzlerin Merkel auch beschlossen hat, aber gleichzeitig den Ausbau der erneuerbaren Energien auszubremsen. Klimaneutralität geht nur mit hundert Prozent erneuerbaren Energien, dieser Tatsache muss sich auch die Union endlich stellen. Wer das EEG abschaffen will, muss auch erklären, wie der Erneuerbaren-Ausbau konkret finanziert werden soll.

Oliver Krischer, 47, ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag.   Foto: privat
 
Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter? In Wahrheit geht es der CDU/CSU darum, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beenden, um das Geschäftsmodell der alten Energiekonzerne und ihren Kohlekraftwerken über die Zeit zu retten. Immer noch scheint ein relevanter Teil der Union zu glauben, die Energieversorgung diesen Landes sei ohne Kohle nicht möglich. Deshalb werden erneuerbare Energien per se als Gefahr betrachtet. Aber diese Politik ist absurd, ganz besonders für eine Partei, die ansonsten vorgibt, Interessen des Mittelstandes zu vertreten, denn gerade die erneuerbaren Energien sind doch dezentral und mittelständig geprägt. Die Unionsparteien malen gerne eine angebliche Deindustrialisierung des Landes an Wand, vernichten aber mit ihrer Politik selbst zehntausende Jobs in der Erneuerbaren-Branche. Die Solarindustrie hat die CDU/CSU schon erfolgreich aus dem Land getrieben, jetzt ist die Windbranche dran. Das ist doch absurde Politik.

Was hätte eine solche Entscheidung für Folgen? Deutschland wird krachend sein Klimaschutzziel 2020 verfehlen – von der Umsetzung des Paris Klimaabkommens hierzulande gar nicht zu reden - auch weil der Erneuerbaren-Ausbau nicht schnell genug vorankommt und die Bundesregierung den Kohleausstieg nicht anpackt. Dank der  Politik der Großen Koalition ist der Ausbau von Bioenergie praktisch schon bei Null angekommen und bei Solar liegt sie selbst weit unter dem zu niedrigen Ausbaukorridor der Bundesregierung. Bei der Windenergie an Land geht zwar im Moment noch etwas voran, aber das Ende ist durch Ausschreibungen und Ausbaudeckel in den nächsten Jahren schon absehbar. Wenn die Union sich durchsetzt und das EEG komplett abschafft, wird es keinen Erneuerbaren-Ausbau mehr geben. Aber genau darum geht es der Union meines Erachtens.

Es heißt doch, die erneuerbaren Energien seien teilweise schon heute billiger als als Kohle und Atom oder nahe daran. In der Union wird argumentiert, sie müssten nun auf eigenen Beinen stehen. Wann sind Ihrer Meinung nach die Erneuerbaren so weit, dass sie ohne Förderung auskommen können? Immer wenn viel Wind- und Sonnenstrom im Netz ist, sinkt der Börsenstrompreis. Im heutigen Strommarktdesign machen sich die erneuerbaren Energien ihren eigenen Markt kaputt. Deshalb brauchen wir ein neues Strommarktdesign, welches die Erneuerbaren in den Mittelpunkt rückt, die anderen Energieerzeugungsformen müssen sich daran orientieren. Wir wollen, dass der Einspeisevorrang für die erneuerbaren Energien sowie die feste Einspeisevergütung weiter das Herzstück des EEG bleiben. Die Einspeisevergütung unterstützt das Ziel, dass Bürgerinnen und Bürger weiterhin überall in Deutschland Investitionen auslösen und so die Akteursvielfalt im Strommarkt weiter zunimmt.

Trübe Aussichten für die Ökostrombranche? Windräder in Brandenburg.   Foto: picture alliance/dpa
 
Käme der Plan, der ein Kern- und Herzensthema der Grünen in Frage stellt, in der CDU durch und würde seinen Weg in ihr Wahlprogramm finden – was würde das für die schwarz-grünen Gedankenspiele im Bund bedeuten? Machen wir uns nichts vor: Die Union spricht das aus, was Sigmar Gabriel Politik in den letzten Jahren war: Die Abrissbirne der Energiewende. Mir fällt keine relevante progressive Entscheidung des SPD-Chefs im Sinne der Energiewende ein. Richtig ist, dass die Union oft versucht hat, das noch negativ zu toppen. Dass es im Moment überhaupt noch einen relevanten Ausbau an Windenergie gibt, liegt vor allem an dem Druck, den grüne Landesregierungen über den Bundesrat entfaltet haben. CDU/CSU und SPD tun sich in der Energiepolitik leider nicht viel. Das wird, egal mit wem, eine schwierige Nummer für eine ambitionierte grüne Energiewende- und Klimaschutzpolitik.
 
Wäre es angesichts der in immer mehr Feldern offenkundigen Differenzen zwischen Unionsparteien und Grünen, von der Flüchtlings- über die Sozial- bis zur Energiepolitik, nicht an der Zeit, für 2017 klar ein ökologisch ambitioniertes Linksbündnis anzustreben? Dass Rot-Rot das Gegenteil einer ambitionierten Energie- und Klimaschutzpolitik bedeuten kann, kann man in Brandenburg besichtigen. Das zeigt sich auch in der Kombination mit im Kern zwei struktur-konservativen sozialdemokratischen Parteien. Die klimaschädliche Braunkohle erhält Bestandsschutz. Grüne regieren erfolgreich in elf Bundesländern in völlig unterschiedlichen Konstellationen von Rot-Rot-Grün bis Grün-Schwarz. Das haben wir uns oft nicht ausgesucht sondern den Wählerwillen mit unserer Programmatik in der jeweiligen Konstellation umgesetzt. Wir wollen politische Inhalte wie Energie- und Klimaschutz voranbringen, nicht bestimmte Parteikonstellation an die Macht bringen. Uns geht es um Inhalte, nicht um Farbenspiele.

Interview: Wolfgang Hassenstein

Neue Ausgabe 01.Dez 2016

Die Zauberberge: Folgen Sie uns ins wilde Herz Europas

Reisen Sie mit uns zu den Gipfeln der Alpen, um in turbulenten Zeiten durchzuatmen und sich einen Überblick zu verschaffen. Lassen Sie sich von Almrettern und Gletscherforschern, Partisanen und Bären inspirieren – denn ein Leben ohne Aussicht ist zwar denkbar, aber sinnlos.

Wir erleben Zeiten, in denen man sich kaum abzuwenden wagt von den Nachrichten über immer neuen Absurditäten und Schrecken. Warum der Blick in die Berge gerade jetzt lohnt? Weil es „das Andere“ auch noch gibt. Leiser, unauffälliger zwar, aber es ist da.

Wir laden Sie ein auf eine faszinierende Reise in die Alpen, zu Almrettern, Gletscherforschern, Partisanen und Bären, auf deren Spuren wir das wilde Herz Europas durchqueren. Ihre Geschichten zeigen uns: Es geht auch anders. Wir können Natur und Landschaft schützen und politischen Widerstand leisten. Wir können lernen, im Einklang mit wilden Tieren zu leben und die Zartheit der kleinsten Blumen zu schätzen. Wir können den Klimawandel fühlen, sehen und spüren – und andere davon überzeugen, dass wir gemeinsam etwas dagegen unternehmen müssen. Die Reise ins Gebirge, sie gibt uns Impulse und neue Energie für die Herausforderungen im Flachland: Auf 100 Seiten erkunden wir deshalb mit Ihnen Wildnis und Kulturlandschaft der Alpen.

Die poetischen Bilder für das gesamte Alpen-Spezial stammen vom Münchner Fotografen Manfred Jarisch, der mehrere Wochen lang für uns unterwegs war, um den Zauber der Berge einzufangen. Sie zeigen eine Ziegensennerin, die Fremden den Rhythmus der Alpen beibringt: „Sensen, Heuen, Melken“ statt „Höher, Schneller, Weiter“. Sie bringen uns die Bärenversteher in den Bergen des Trentino nahe und führen uns mit romantischen Landschaftsmalern und glaziologischen Forschern zu deren großer Liebe: Den Grindelwaldgletschern. Und wir folgen unserem schweizerischen Autor Christian Schmidt auf den Spuren seiner Kindheit durch drei Jahreszeiten – Winter, Sommer und Herbst – in das vom Klimawandel bedrängte Edel-Skiresort Gstaad.

Wenn Sie dann Lust bekommen, selbst die schönsten, geheimsten und eindrucksvollsten Ecken der Alpen zu entdecken, teilen wir unser Recherchewissen mit Ihnen: In unserem 16 Seiten langen Serviceteil finden sie Hinweise und Empfehlungen für eine schöne und naturverträgliche Anreise, für Ziele in der Wildnis, Tierbeobachtungen und darüber hinaus Hintergrundwissen über Naturschutz und Gletscherforschung, Literaturempfehlungen, kulinarische Besonderheiten und die Wege zu den außergewöhnlichsten Gipfelhütten. Lassen Sie sich verzaubern!
 

 

Das neue Greenpeace Magazin 1.17 erhalten Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 2. Dezember an allen Bahnhofskiosken und für 33,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – ganz neu – auch auf dem Smartphone lesen. Dort stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Bis zum 2. Januar können Sie unsere App gratis und unverbindlich mit der Ausgabe „Essen Spezial“ testen. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Abfallvermeidung 30.Nov 2016

„Kehrwieder“: Hamburg will mit großen Kaffeeanbietern Becher-Pfandsystem testen

Der Kampf gegen das massenhafte Wegwerfen von Coffee-to-go-Bechern hat Konjunktur. Nun soll in der Hamburger Innenstadt ein Rückgabesystem getestet werden – mit dabei sind Starbucks, McDonald’s, Tchibo und große Bäckereiketten.

In Hamburg landen jährlich etwa 60 Millionen Einweg-Kaffeebecher im Müll – eine riesige Ressourcenverschwendung und ein wachsendes Problem für die Stadtreinigung. Nun plant die Hansestadt ein Rückgabesystem – und neben kleineren Cafés und Bäckereien haben auch Großketten wie Tchibo, Starbucks und McDonald's, Le Crobag, Balzac und regionale Bäckereiketten ihre Beteiligung zugesagt. „Die Zeit ist reif für ein Mehrweg-System, viele Leute greifen mit schlechtem Gewissen zu den Pappbechern“, sagte der grüne Umweltsenator Jens Kerstan am Dienstag bei einem ersten „Fachgespräch“ zum städtischen Kaffeebecher-Pfandsystem. Auch das Hamburger Fair-Trade-Start-Up „El Rojito“ sowie Organisationen wie Robin Wood und Deutsche Umwelthilfe unterstützen die Idee.

„Kehrwieder-Becher“ heißt die Mehrweglösung, die von der Grünen Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft vorgeschlagen wird. Der Becher soll gegen ein Pfand bei kooperierenden Verkaufsstellen erworben und bei einer beliebigen Filiale zurückgegeben werden können. Während einer Testphase von zwölf Monaten bei Filialen in der Hamburger Innenstadt sollen Details geklärt werden, zum Beispiel, ob auch die Rückgabe des Bechers über spezielle Pfandautomaten möglich ist. Auch die Rückerstattung des Geldes muss sinnvoll verteilt werden – wenn zum Beispiel werktags in den Außenbezirken morgens Coffee-To-Go gekauft und dann die Becher vermehrt in der Innenstadt zurückgegeben werden würden. Die Grünen schlagen dafür einen Pfandbon oder eine Smartphone-App vor.

Ebenfalls diskutiert wird noch über die Höhe des Pfands. Für einen nachhaltigen Mehrwegbecher, den „El Rojito“ bereits in zwölf Hamburger Cafés anbietet, zahlen die Kunden 1,50 Euro Pfand. Tchibo-Vertreter Stefan Dierks allerdings fordert ein Pfand von fünf Euro, damit der „Kehrwieder“-Becher auch garantiert zurückgebracht und nicht als Souvenir benutzt werde.

Letzte Woche hatte Freiburg das erste städtische Rückgabe-System für Mehrweg-Kaffeebecher vorgestellt. In Hamburg Klimabilanz könnten dadurch etwa 2400 Tonnen klimaschädliches CO2 eingespart werden, so die Grünen.

Anica Beuerbach

menschenrechte 30.Nov 2016

Amnesty: Kinderarbeit bei Palmöl-Zulieferer von Nestlé, Unilever, Colgate und Kellogg’s

Amnesty International deckt menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit auf Ölpalmplantagen in Indonesien auf. Palmöl des betroffenen Agrarunternehmens steckt in Produkten neun großer Konzerne, darunter Nestlé, Unilever, Colgate und Kellogg’s.

Die Arbeitsbedingungen auf den indonesischen Plantagen des weltgrößten Palmöl-Produzenten Wilmar mit Sitz in Singapur verstoßen gegen die Menschenrechte, heißt es in einem heute veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Wilmar ist Zulieferer für neun führende Hersteller von Lebensmitteln und Haushaltsprodukten sowie Palmöl-Raffinerien: Afamsa, Archer Daniels Midland, Colgate-Palmolive, Elevance, Kellogg’s, Nestlé, Procter & Gamble, Reckitt Benckiser und Unilever.

„Unternehmensriesen wie Colgate, Nestlé und Unilever versichern uns Verbrauchern, dass ihre Produkte ‚Nachhaltiges Palmöl’ enthalten, aber unsere Recherchen zeigen, dass das Palmöl alles ist, nur das nicht“, erklärte Meghna Abraham, Leiterin der Untersuchungen bei Amnesty International.

Auf mehreren Plantagen des Unternehmens Wilmar und Tochterfirmen arbeiten laut den Amnesty-Recherchen Kinder im Alter von acht bis 14 Jahren. Sie müssten schwere körperliche Arbeit verrichten, zum Beispiel zwölf bis 25 Kilogramm schwere Säcke mit Palmfrüchten tragen. Darüber hinaus gebe es auch für erwachsene Arbeiter keine Schutzkleidung gegen aggressive Pestizide oder den Rauch durch die Brandrodungen. Amnesty International berichtet von einem 14-jährigen Jungen, der für seinen kranken Vater einspringt – zur Schule geht er derzeit nicht mehr. Seine zehn und zwölf Jahre alten Brüder helfen ihm nach der Schule.

Des Weiteren dokumentierte Amnesty mehrere Fälle von Frauen, die ohne richtige Anstellung als Tagesarbeiterinnen eingesetzt werden und keine Kranken- oder Rentenversicherung bezahlt bekommen. In einem Extremfall verdiente eine Arbeiterin nur 2,50 US-Dollar am Tag. Auch gebe es Vorarbeiter, die den Arbeitern nicht oder weniger bezahlten, zum Beispiel wenn diese sich weigerten, unbezahlte Überstunden zu machen, da sie von der schweren Arbeit bereits Schmerzen an Händen, Füßen und Rücken haben – oder wenn sie Fehler machen, etwa unreife Früchte zu sammeln.

„Offensichtlich läuft etwas schief, wenn Unternehmen mit zusammengerechnet jährlich 325 Milliarden Dollar Einnahmen, solche Zustände auf den Plantagen ihres Zulieferers dulden“, so Meghna Abraham. Amnesty International fordert von den neun Konzernen offenzulegen, in welchen ihrer Produkte Palmöl aus den betroffenen Plantagen steckt. Wie das Greenpeace Magazin erst am Dienstag berichtete steckt Palmöl auch in Dieselkraftstoffen.

Anica Beuerbach

Banknoten 30.Nov 2016

Fettiges Geld: Britischer Fünf-Pfund-Schein enthält tierischen Talg

Vegetarier und Veganer in Großbritannien sind entsetzt: Der neue Fünf-Pfund-Schein, der seit September im Umlauf ist, enthält tierisches Fett.

Schon das Grundmaterial der neuen britischen Fünf-Pfund-Note ist gewöhnungsbedürftig: Die Scheine bestehen aus einem Kunststofffilm und sind dadurch flüssigkeitsabweisend, fälschungssicherer und langlebiger als herkömmliche Banknoten aus Papier. Weil sie einfacher zu produzieren sind und seltener ersetzt werden müssen, seien sie auch umweltfreundlicher, argumentiert die Bank of England. Doch etwa zwei Monate nach Einführung der neuen Banknote ist es nun zu einem Eklat gekommen.

Seit Plastiktüten kostenpflichtig sind, hat sich der Müll an den Stränden halbiert

Die neue, nicht-vegetarische Plastik-Geldnote mit Talganteil.    Foto: dpa

Auf die Anfrage eines Twitter-Users, ob die neuen Fünf-Pfund-Scheine tierische Fette enthielten, bestätigte die Bank of England am Montag: „Es gibt Spuren von Talg in den Kunststoffen, die als Basis für die Fünf-Pfund-Scheine genutzt werden.“ Der Talg mache den Schein wasserabweisend und die Oberfläche besonders glänzend.

Der Fragensteller antwortete entsetzt: „Das ist ein Schock, das zu erfahren – Vegetarier und Veganer mit tierischem Fett im Portemonnaie“. Nun schlägt die Enthüllung hohe Wellen: Mehr als 90.000 Menschen haben inzwischen eine Petition bei change.org unterschrieben, die die Bank auffordert, bei der Produktion auf Talg zu verzichten. Unter dem Twitter-Hashtag #NewFiver äußerten sich viele Briten verärgert über die Fahrlässigkeit der englischen Zentralbank. Andere nehmen die Nachricht mit Humor:

„Mmmm... Tut mir leid, liebe Veggies, aber das ist gut.“

Großbritannien ist nicht das erste Land, dass Geld auf Kunststoffpolymere drucken lässt, in mehr als 30 Ländern werden sie bereits genutzt. In Australien bezahlt man schon seit mehr als zwanzig Jahren mit solchen Banknoten, es folgten Länder wie Singapur und Neuseeland. Der „Herald“ Neuseeland schrieb heute, das die neuseeländische Zentralbank jetzt überprüfen lässt, ob ihre Scheine ebenfalls Talg enthalten. Sie werden von der gleichen Gelddruckerei produziert wie das Britische Pfund. Nächstes Jahr sollen in Großbritannien auch Zehn-Pfund-Scheine auf Kunststoff gedruckt werden, 2020 folgen die Zwanzig-Pfund-Noten. Dann ohne tierische Fette, hoffen britische Vegetarier und Veganer.

Anica Beuerbach

agrosprit 29.Nov 2016

Immer mehr Palmöl im Tank europäischer Dieselautos

Erstmals ist in der EU der Palmöl-Import für die Produktion von Biodiesel höher als für Lebensmitteln, Tierfutter oder Kosmetik, zeigt eine aktuelle Studie. Die Abkehr vom klimaschädlichen Biodiesel kommt zu langsam voran.

Schon seit Jahren ist bekannt, dass für die Gewinnung von Palmöl vor allem in Südostasien großflächig Regenwälder abgeholzt werden, um Plantagen anzulegen. Trotzdem ist der Import des Rohstoffs in die EU von 2014 bis 2015 um drei Prozent gestiegen, zeigt eine neue Studie des europäischen NGO-Verbandes „Transport & Environment“. Von den mehr als sieben Millionen importierten Tonnen Palmöl machte 2015 erstmals die Nutzung für Biodiesel den größten Anteil aus – mit 46 Prozent, ein Anstieg um 2,6 Prozent. Knapp dahinter lag mit 45 Prozent die Verwendung für Lebensmittel, Futtermittel und Kosmetik. Neun Prozent entfielen auf die Erzeugung von Wärme und Strom.

Seit Plastiktüten kostenpflichtig sind, hat sich der Müll an den Stränden halbiert

Für Ölpalm-Plantagen in Indonesien müssen große Teile von Regenwaldflächen durch Brandrodung weichen.  Foto: dpa

Biodiesel aus Palmöl ist momentan der günstigste Biokraftstoff am europäischen Markt. Es macht 32 Prozent des Biodiesels aus und immerhin fast zwei Prozent des gesamten Dieselkraftstoffs aus. Das kommt unter anderem durch die von der EU 2009 eingeführte Beimischungsquote, die Hersteller dazu verpflichtet, mineralischem Diesel Biodiesel beizumischen. Allerdings ist das an der Zapfsäule für die Autofahrer nicht zu erkennen: „Verbraucher können versuchen, Palmöl im Essen oder in Kosmetika zu meiden, aber die EU-Regel für Biosprit zwingt sie dazu, Palmöl beim Autofahren zu verbrennen – meistens ohne es zu wissen“, kritisiert Jori Sihvonen, Biokraftstoff-Experte von Transport & Environment.

„Die Auswirkungen der verfehlten europäischen Biokraftstoff-Politik können wir jeden Tag beobachten, beispielsweise in unseren Projektregionen in Indonesien“, erklärte Thomas Tennhardt, der Vizepräsident des Naturschutzbundes Nabu. „Die Waldflächen schrumpfen hier bedrohlich und damit auch der Lebensraum von gefährdeten Arten und indigenen Völkern.“ Transport & Environment rechnet vor: „Wenn die Welt dem derzeitigen Durst Europas nach Palmöl-Biodiesel folgen würde, dann entspräche das 4,3 Millionen Hektar tropischen Landes – also dem Rest des Regenwaldes auf Borneo, Sumatra und  der malaysischen Halbinsel.“

Viel zu spät hat die EU das Problem erkannt: Sie will mit einer überarbeiteten Richtlinie für erneuerbare Energien den Anteil von Biokraftstoffen am Markt bis 2021 auf sieben Prozent, bis 2030 auf 3,8 Prozent begrenzen, so ein Entwurf der EU-Kommission, den vor wenigen Tagen die Nachrichtenagentur Reuters veröffentlicht hat. Derzeit allerdings machen Biokraftstoffe „nur“ 4,9 Prozent des EU-Marktes aus – die Obergrenze für 2021 erlaubt somit noch vier Jahre lang eine Steigerung der Importe. Ein endgültiges Aus für Biokraftstoffe sieht die EU in ihrem Entwurf nicht vor.

Bei der Herstellung von Palmöl-Biodiesel werden laut Transport & Environment dreimal so viele Treibhausgasemissionen frei wie durch herkömmlichen Diesel aus fossilen Quellen. Verantwortlich für die extrem schlechte Klimabilanz sind im Vorfeld des Anbaus vorgenommene Rodungen und die Trockenlegung von Moorwäldern, durch die enorme Mengen Kohlenstoff nicht nur aus dem Holz, sondern auch aus den Torfböden frei werden. Laut der Umweltorganisation haben auch andere Biokraftstoffe eine schlechtere Bilanz als herkömmlicher Diesel auf Erdölbasis. Soja produziert zweimal und Raps 1,2-mal so viele Emissionen.

Mehr zum Thema Palmöl und wie Sie es vermeiden können lesen Sie im Greenpeace Magazin 6.16.

Anica Beuerbach

Zillertal-Werbung 29.Nov 2016

Schöne neue Alpenwelt!

Eine Anzeigenkampagne für das Tiroler Zillertal verspricht: „100% Winter!“ Von rustikalem Holz umrahmt soll das wohl signalisieren: Bei uns ist die Welt noch in Ordnung. Dabei rüstet die alpine Skiindustrie rasant auf, um den Touristen den Anblick des Klimawandels zu ersparen – eine beispiellose Materialschlacht im Hochgebirge. Wir finden, die Anzeige sollte ehrlicherweise so aussehen:

Seit Plastiktüten kostenpflichtig sind, hat sich der Müll an den Stränden halbiert

„Keine Anzeige“ des Zillertals – mit neuem Foto und neuem Text – aus dem Greenpeace Magazin „Alpen Spezial“ 1.17

„179 topmoderne Liftanlagen“ gibt es im Zillertal, mit einer „Gesamtförderkapazität von 306.150 Personen/Stunde“ – so kann man mal eben die Bewohner einer Großstadt auf die „508 Kilometer perfekt präparierte Pisten“ schaffen. „Österreichs längste Talabfahrt“, „Österreichs steilstes Pistenerlebnis“ und auf dem Hintertuxer Gletscher auch noch „Österreichs einziges Ganzjahresskigebiet“ – die Region protzt mit Superlativen. Nun verspricht eine Werbekampagne auch noch „100% Winter!“ Denn: „Ein bisschen ist einfach nicht genug.“

Dabei wissen wir doch: Auch in Tirol ist der Winter nicht mehr das, was er einmal war – das Klima der Berge wandelt sich sogar mehr als doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Laut Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik war das Jahr 2015 in Österreichs hochalpinen Regionen das wärmste seit Beginn der Messungen. „100% Winter“? Davon kann immer seltener die Rede sein.

Deshalb wandert die Schneegrenze immer weiter bergauf – und mit ihr das wachsende Arsenal von Schneekanonen. In einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit versuchen die alpinen Wintersportregionen, mit Skigebietserweiterungen, neuen Superseilbahnen und immer mehr Hightech auf der Piste die Konkurrenz zu übertrumpfen und den steigenden Temperaturen zu trotzen. Vor zehn Jahren gab es laut Schätzungen europaweit 3100 Schneekanonen, inzwischen sind es allein in Österreich mehr als 20.000, zwei Drittel der Pisten im Land können künstlich beschneit werden. Der Winter aus der Retorte ist zum Normalzustand geworden – auch im Zillertal, wo bereits 1450 Anlagen zur „technischen Beschneiung“ in Stellung gebracht wurden.

Umweltschützer sind über die Entwicklung entsetzt. Als „ressourcenintensiven Luxus“ kritisiert der österreichische Alpenverein die Beschneiung, sie könne „aus klimatischen Gesichtspunkten nur als kurzfristige Maßnahme der Seilbahnindustrie angesehen werden“ und sei „ökonomisch und ökologisch nicht nachhaltig“. Der BUND Naturschutz in Bayern und die Gesellschaft für ökologische Forschung beziffern in ihrer Studie „Der gekaufte Winter“ den Energieverbrauch der künstlichen Beschneiung auf alpenweit 2100 Gigawattstunden pro Saison – das ist etwa so viel, wie eine Stadt mit 500.000 Einwohnern im Jahr verbraucht. Der Wasserbedarf, rund 280 Millionen Kubikmeter pro Saison, entspreche sogar dem dreifachen Jahresverbrauch der Millionenstadt München.

Mithilfe von Baggern und Sprengstoff entstehen riesige Speicherbecken und großflächige Abraumhalden in Hochgebirgslandschaften, deren spezialisierte Vegetation durch den Klimawandel ohnehin in Bedrängnis gerät. Für Wasser-, Druckluft- und Stromleitungen werden tiefe, frostfreie Gräben gegraben, hinzu kommen Pump- und Kompressorstationen, Kühlanlagen und Zubringerstraßen für Lkws. Die Beschneiungsanlagen sind teils in Betonschächten fest installiert, mobile Schneekanonen werden zum Saisonstart mit dem Hubschrauber an Ort und Stelle gebracht. Dort dröhnen sie dann des Nachts auf den beleuchteten Pisten, die mit schweren Raupen planiert werden. Schöne neue Alpenwelt.

Natürlich ist es verständlich, dass die Tiroler sich mächtig ins Zeug legen und Abermillionen investieren, um den Winter festzuhalten. Die Tourismusbranche ist der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig.

Unverständlich ist jedoch, dass die Skigebiete, ob im Zillertal oder anderswo, nicht weiter in die Zukunft blicken und sich an die Spitze der Klimaschutzbewegung setzen. Nirgends in Europa sind die Auswirkungen der Erderwärmung schon heute so deutlich sichtbar wie in den Alpen, und langfristig sind die Prognosen düster: Um bis zu 5,6 Grad droht sich der Alpenraum im Laufe des Jahrhunderts zu erwärmen. Selbst die weit oben gelegenen Gletscherskigebiete, als schneereiche Ausweichorte immer beliebter, bieten keine langfristige Sicherheit. Auf dem Hintertuxer Gletscher, so erfährt man auf dessen eigener Website, sind fünf Mitarbeiter jedes Jahr monatelang damit beschäftigt, 80.000 Quadratmeter „Gletschervlies“ auszulegen und wieder einzuholen, um die Eisschmelze wenigsten etwas zu verlangsamen.

Es gäbe also gute Gründe für weitblickende Touristiker, die Gäste zum Beispiel dazu aufzufordern, zum Schutz des Klimas nur noch mit dem Zug anzureisen – das Zillertal hat eine gute Bahnanbindung. Doch die Zillertal Tourismus GmbH erklärt auf ihrer Website erst einmal stolz, man habe „eine eigene Autobahnausfahrt“ und drei „Flughäfen in der Nähe“. Lieber Schnee, ade!

Wolfgang Hassenstein

In jedem Greenpeace Magazin zeigen wir auf der letzten Seite eine Fake-Werbeanzeige. Das Zillertal-Motiv stammt aus unserer neuen Ausgabe, einem 100-seitigen Alpen-Spezial, dass Sie ab sofort im Warenhaus, ab dem 2. Dezember an allen Bahnhofskiosken und für 33,50 Euro im Abo erhalten. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf dem Tablet und – ganz neu – auch auf dem Smartphone lesen. Dort stehen Ihnen zusätzliche Fotos, Videos und weiteres Bonusmaterial zur Verfügung – für iOS und Android. Bis zum 2. Januar können Sie unsere App gratis und unverbindlich mit der Ausgabe „Essen Spezial“ testen. Viel Spaß beim Lesen, Schauen und Ausprobieren!

Erneuerbare Energien 28.Nov 2016

Solarcontainer aus Deutschland sollen günstigen Strom in Afrika produzieren

Ein Crowdfunding-Projekt soll den umweltschädlichen Diesel in afrikanischen Dörfern durch saubere und vor allem günstigere Solarkraft ersetzen.

Was die Ökostrombranche in Deutschland anstrebt, ist in Afrika ungewollt Realität – die dezentrale Energieversorgung. Allerdings gibt es entscheidende Unterschiede: Weil 70 Prozent der Haushalte nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, wird Strom bisher in vielen afrikanischen Gemeinden mithilfe stinkender Dieselgeneratoren erzeugt; Kerosin und Holzkohle befeuern einfache Lampen und Öfen. In den letzten Jahren kommt jedoch ein Trend zur Solarenergie hinzu. Die saubere Energiequelle birgt für den sonnenreichen Kontinent ein riesiges Potenzial.

Seit Plastiktüten kostenpflichtig sind, hat sich der Müll an den Stränden halbiert

Der Solarcontainer im Dorf Mourdiah in Mali liefert bereits erfolgreich Solarstrom. Das deutsche Start-Up „Africa Green Tec“, hier der Geschäftsführer Torsten Schreiber, plant noch weitere Container in Mali. Foto: Africa Green Tec

Nun will das deutsche Start-Up-Unternehmen „Africa Green Tec“ in 25 Dörfern in Mali Solarcontainer installieren. Nach dem erfolgreichen Pilotprojekt im Dorf Mourdiah, startete Mitte des Monats die Crowdfunding-Aktion für das Dorf Niamé über die Plattform „Crowd 4 Climate“. Die Technik stammt von dem Wittenberger Unternehmen Tesvolt: eine Lithium-Batterie, die den gewonnenen Strom speichert und so eine Versorgung auch bei Dunkelheit ermöglicht sowie Solarmodule mit einer Kapazität von 37 bis 45 Kilowatt pro Container. Für ein Dorf reichen zwei solcher Anlagen aus. Der Strom koste die Verbraucher nur 38 bis 50 Cent pro Kilowattstunde – nur halb so viel oder sogar weniger als Strom aus Dieselgeneratoren (rund ein Euro). Zudem wird kein zusätzlicher Kraftstoff benötigt, der aus entfernten Städten geholt werden muss. Zusätzlich kann das Solarsystem auch mit einer Wiederaufbereitungsanlage für Wasser ausgestattet werden. Das Projekt, das 52 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen könnte, wurde kürzlich mit dem Handelsblatt Energy Award ausgezeichnet.

Laut der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) sind die Preise in Afrika für solarbetriebene Stromsysteme seit 2010 um 80 Prozent gesunken und damit eine gute, nachhaltige Alternative – auch für die ärmere Bevölkerung. Neben der Nachhaltigkeit der Energieform hilft dieses und ähnliche Solarprojekte in afrikanischen Ländern auch die Nahrungssicherheit der Bevölkerung zu erhöhen.

Anica Beuerbach
 

Abfallvermeidung 28.Nov 2016

Schwedische Verbraucher sollen Reparaturen von der Steuer absetzen können

Ob Kleidung oder Fahrrad, Haushaltsgerät oder Smartphone – immer mehr landet auf dem Müll, obwohl eine Reparatur oft schon helfen würde. Nun will Schwedens Regierung mit gezielten Steuervergünstigungen gegen die Wegwerfmentalität angehen.

Früher hielten unsere Haushaltsgeräte noch mehrere Jahrzehnte – jetzt geben sie oft schon nach wenigen Jahren den Geist auf. Der neue Pullover hat schon nach drei Wochen ein Loch im Ärmel, das Smartphone-Display ist durchs Runterfallen gesprungen. Ab auf den Müll damit und neu kaufen. In Schweden werden jährlich 800.000 Haushaltsgeräte weggeworfen. Das Verbraucherministerium will dem ressourcen- und energieverschwenderischen Trend nun entgegenwirken.

Ab 1. Januar 2017 sollen Verbraucher, die ihre Geräte zu Hause von Handwerkern reparieren lassen, die Hälfte der anfallenden Arbeitskosten bei der Steuer absetzen können. Bei Reparaturen in der Fahrradwerkstatt, beim Schneider oder Schuster gibt es eine reduzierte Mehrwertsteuer – nur noch 12 statt 25 Prozent. Das sieht der Haushaltsentwurf des schwedischen Verbraucherministeriums vor. Ihm muss das Parlament im Dezember noch zustimmen.

Seit Plastiktüten kostenpflichtig sind, hat sich der Müll an den Stränden halbiert

Ein klappriges Fahrrad wird in einer Werkstatt in der schwedischen Haupstadt Stockholm wieder fit gemacht – ab nächstem Jahr soll das niedriger besteuert werden.  Foto: picture alliance

„Das soll einen Anreiz geben, seine Dinge reparieren zu lassen, anstatt sie wegzuwerfen und neu zu kaufen“, sagte der schwedische Verbraucherminister, Per Bolund (Grüne Partei), der Deutschen Presse-Agentur. Neben den Vorteilen für die Umwelt, wie Einsparungen von CO2-Emissionen und Ressourcen bei der Produktion neuer Geräte, verspricht er sich auch eine positive Entwicklung für die regionalen Arbeitsmärkte. Dazu Bolund: „Wir glauben, dass diese Branche mehr zu tun bekommt, also werden mehr Menschen in diesem Bereich arbeiten, und die wiederum zahlen Einkommensteuer.“ 76,5 Millionen Euro will die rot-grüne Regierung für die Steuervergünstigung zur Verfügung stellen. Dazu soll es eine begleitende Informationsplattform sowie aufklärende Angebote über Abfallvermeidung für Schulen und Unternehmen geben.

Schweden ist ein weltweites Vorbild bezüglich seiner Müllpolitik. Nur ein Prozent des anfallenden Mülls landet auf Deponien, beinahe die Hälfte wird recycelt.

Anica Beuerbach

Atomkraft 28.Nov 2016

Schweizer wollen von Oldtimer-Reaktoren abhängig bleiben

Eine Mehrheit von 54 Prozent der Schweizer hat am Sonntag gegen einen beschleunigten Atomausstieg gestimmt.

Als das Atomkraftwerk Beznau 1 im Jahr 1969 ans Netz ging, baute VW noch seinen „Typ 3“, der heute wie ein charmanter Oldtimer aus grauer Vorzeit wirkt. Nun haben die Schweizer entschieden: Der dienstälteste Meiler der Welt, der seit mehr als einem Jahr wegen gravierender Sicherheitsmängel abgeschaltet ist, darf wieder in Betrieb genommen werden. 54 Prozent der Stimmbürger lehnten am Sonntag die Volksinitiative „für einen geordneten Atomausstieg“ ab, die die Laufzeit der schweizerischen Atomkraftwerke auf 45 Jahre begrenzt hätte. Ein Erfolg hätte de facto das Aus für Beznau 1 bedeutet, das im Schweizer Kanton Aargau nur wenige Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt gebaut wurde.

Seit Plastiktüten kostenpflichtig sind, hat sich der Müll an den Stränden halbiert

Anti-Werbung im Kornfeld von Greenpeace: „Der älteste Atomreaktor der Welt – Willkommen in der Schweiz“    Foto: Nicolas Fojtu/Greenpeace

Zunächst waren der Initiative, die von der Sozialdemokratischen Partei (SP) und zahlreichen Umweltverbänden wie Greenpeace unterstützt wurde, gute Chancen eingeräumt worden. Die Grüne Partei hatte sie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima vorgeschlagen, als die Stimmung auch in der traditionell atomfreundlichen Schweiz gekippt war. Doch der Bundesrat – die Schweizer Regierung – und Wirtschaftsverbände haben in den vergangenen Wochen an Boden gewonnen, vor allem mit Warnungen, ein beschleunigter Ausstieg würde die Versorgungssicherheit des Landes gefährden. Derzeit erzeugen Atomreaktoren 38 Prozent des Stroms, die Schweiz zählt zu den Ländern mit den höchsten Nuklearanteilen weltweit. Wäre die Initiative angenommen worden, hätten neben Beznau 1 zwei weitere der fünf Reaktoren im kommenden Jahr endgültig abgeschaltet werden müssen; 13 Prozent der Stromerzeugung im Land wären weggefallen.

Doch im Heimatland der Solar-Impulse-Piloten, denen im Juli die erste Weltumrundung mit einem Solarflugzeug gelang, kommt der Ausbau von Wind- und Solarstrom nur schleppend voran. Gründe sind unter anderem, ähnlich wie in Deutschland, Streitigkeiten um den Bau von Stromtrassen. Wirtschaftsverbände hatten gewarnt, dass diese für rasch zunehmende Stromimporte nicht ausreichen würden. Vielen Schweizern ist überdies eine verstärkte Abhängigkeit vom Ausland in jeder Beziehung ein Graus. Nun bleibt das Land allerdings auf unabsehbare Zeit von einer Technologie abhängig, die Kritikern als hoffnungslos völlig veraltet gilt. Der neueste der fünf schweizerischen Reaktoren ging im Jahr 1984 ans Netz – er wurde also gebaut, als in Wolfsburg noch der kastenförmige „Golf I“ vom Band lief.

Dass es in Ländern, die stark auf Atomkraftwerke setzen, mit der viel beschworenen Versorgungssicherheit nicht weit her ist, muss derzeit Frankreich erleben: Dort bangt man um die Strom- und Wärmeversorgung im kommenden Winter, weil eine ganze Reihe von Reaktoren wegen gravierender Sicherheitsmängel stillliegt. Dagegen fällt in Deutschland mit seinem hohen Wind- und Solarstromanteil der Strom nur selten aus. In der Schweiz ist die Herausforderung der Energiewende übrigens geringer als in anderen Ländern: 56 Prozent des Stroms stammen in dem Alpenland ohnehin aus – erneuerbarer – Wasserkraft.

Die Grünen in der Schweiz versuchen nun, dem Abstimmungsergebnis auch Positives abzugewinnen. Immerhin hätten 46 Prozent gegen den Willen des Bundesrates gestimmt. Die Atomkraftgeger fordern nun feste Restlaufzeiten für die schweizerischen Reaktoren.

Wolfgang Hassenstein

energiewirtschaft 09.Mär 2016

Milliarden-Verluste: Die Energieriesen kommen immer mehr ins Straucheln

Die Bilanzen der Energieriesen lesen sich schlecht, ausbleibende Dividende reißen riesige Löcher in die Haushaltskassen zahlreicher Kommunen im Ruhrgebiet – die Debatte um einen gerechten Ausstieg aus Atom- und fossiler Energie hat gerade erst begonnen.

2015 verbuchte der größte Energiekonzern Deutschlands Eon einen Verlust von knapp sieben Milliarden Euro. RWE legte mit seinem Geschäftsbericht gestern einen Verlust von 170 Millionen Euro offen. Die Strategien im Umgang mit dem Niedergang von Teilen ihres Kerngeschäftes ähnelt sich bei den zwei größten Deutschen Stromanbietern: Eon wickelt das Gas- und Kohlegeschäft seit neuestem über die Tochtergesellschaft Uniper ab und will sich unter dem alten Namen neu erfinden; RWE verkündete gestern, das Geschäft mit der Ökoenergie ab April 2016 abzuspalten und der grünen Sparte einen neuen Namen zu geben –  das soll gegen die Abschreibungen auf Kraftwerke in Milliardenhöhe und die trüben Geschäftsaussichten helfen.

90 Prozent der globalen Fischbestände am oder über dem Limit befischt

Fossile Energien, wie hier im Tagebau Welzow-Sued, im Dämmerzustand – wie wird der Ausstieg gestaltet werden? Foto: picture alliance / zb

RWE will den Abstieg außerdem mit massiven Sparmaßnahmen bekämpfen: Bis 2018 sollen die Kosten um weitere 500 Millionen Euro gesenkt werden, die Stammaktionäre werden keine Dividende für das Geschäftsjahr 2015 erhalten. Für viele Kommunen ist das ein großes Problem: 25 Prozent der RWE-Eigner sind Kommunen, die meisten davon im Ruhrgebiet. Die ausbleibenden Dividenden reißen ein riesiges Loch in die Stadtkassen. In Essen fehlen 18 Millionen Euro, in Mühlheim 7,2 Millionen Euro, Bochum entgehen 4 Millionen Euro. „Der Vorschlag eines Dividendenausfalls für die RWE-Stammaktien ist für uns eine böse Überraschung“, sagt Uwe Bonan, Kämmerer der Stadt Mühlheim. „Nach Bekanntgabe habe ich auf den Kalender geschaut, ob eventuell schon der 1. April ist!“ Auch der Stadtkämmerer von Essen zeigte sich schockiert: „Das übertrifft meine schlimmsten Alpträume“, sagt er, das nächste Aufeinandertreffen mit dem RWE-Aufsichtsrat werde „kein gemütliches Kaffeetrinken“.  

Für die Kommunen sei die aktuelle Lage zwar sehr bitter, aber auch seit Langem absehbar gewesen, erklärte die Umweltschutzorganisation Greenpeace nach Bekanntwerden der Sparmaßnahme. Sie rät ihnen, ihre RWE-Anteile so bald wie möglich zu verkaufen – nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen: „Mit dem Kohlekonzern RWE ist kein Geld mehr zu verdienen", sagte ein Sprecher. Das müssten die Kommunen nun schmerzhaft lernen.

Julia Lauter