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Raupe, Liebe, Hoffnung

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Raupe, Liebe, Hoffnung

Text: Jakob Vicari Foto: Manfred Jarisch

Das Überleben vieler Arten hängt von der Gunst der Menschen ab. Unauffällige Geschöpfe wie der Goldene Scheckenfalter haben da schlechte Karten. Doch er schaffte es, die Herzen zweier Männer zu erobern. Nun verteidigen sie den Schmetterling – auch gegen Volkes Zorn

An einem Sonntagmorgen steht ein Mann auf einer Wiese im Brandenburger Nirgendwo. Auf dem Kopf einen Tropenhut, in der rechten Hand eine blaue Kühlbox, in der linken ein vom Wind aufgeblähtes Schmetterlingsnetz, erscheint er wie ein aus der Zeit gefallenes Mitglied einer Expedition Alexander von Humboldts. Vor ihm liegt eine Feuchtwiese: Zwischen gelben Sumpfdotterblumen stehen rötlich-violette Orchideen. Ein Kuckuck ruft, ein Grasfrosch hüpft vorbei. Der Mann nähert sich einem Stock, an dem ein Stück Absperrband flattert. Er kniet sich hin, deutet auf ein grünes Blatt an einer unscheinbaren Pflanze gleich daneben. „Teufelsabbiss“, sagt er. Die bevorzugte Wirtspflanze des Goldenen Scheckenfalters. Ein Tropfen Schweiß rinnt unter dem Tropenhut hervor. Ein Tropfen von so vielen, die ihn diese Mission schon gekostet hat.

Hartmut Kretschmer, ein kleiner Mann mit grauem Schnurrbart und aufmerksamen Augen, züchtet seit fünf Jahrzehnten Schmetterlinge. Jeder seiner Handgriffe strahlt geübte Routine aus. Er kniet sich hin, öffnet die Kühlbox und nimmt mit beiden Händen behutsam ein Marmeladenglas heraus. Darin sitzen sie nun: fünf Falter. Eher klein, höchstens vier Zentimeter Spannweite haben ihre Flügel. Vorsichtig dreht er den Deckel auf und schüttet die flatternde Fracht an die markierte Stelle. Die Falter bleiben ganz ruhig sitzen, so als hätten sie mit der Freiheit nun wirklich nicht gerechnet.

Für seine Auferstehung musste der Goldene Scheckenfalter die Herzen zweier Männer erobern. Er musste entführt werden, einen Wald verdrängen, die EU-Bürokratie für sich gewinnen, Prüfungen durch den Bund der Steuerzahler überstehen und schließlich Mario Barths schlichte Witze aushalten. Der Kampf um die Rückkehr des unauffälligen Insekts kostete bisher mindestens 3,3 Millionen Euro. Warum das eine gut angelegte Investition in die Vielfalt unserer Natur ist, davon erzählt diese Geschichte. Mehr noch als die Geschichte des Falters ist es aber die von Hartmut Kretschmer und Detlef Kolligs – zweier spröder Romantiker, die sich an unterschiedlichen Orten dem Schicksal des Schmetterlings verschrieben haben.

Vor sechzig Jahren noch gab es den Goldenen Scheckenfalter beinahe überall. Er ist von Nordafrika bis nach Korea verbreitet, doch viele Bestände schrumpfen. Deutschland bildet das Zentrum der Unterart Euphydryas aurinia aurinia, die aber in den meisten Bundesländern bereits ausgestorben ist. Und nicht nur dem Scheckenfalter, den deutschen Schmetterlingen insgesamt geht es schlecht. Wo vor zweihundert Jahren an manchen Orten noch etwa 117 Arten flatterten, finden sich heute gerade einmal 71 Tagfalter. Die Rote Liste der bedrohten Arten ist voll von Schmetterlingen.

Wenn vom Artenschutz die Rede ist, denkt man an Seeadler, Luchs und Wolf, die Symboltiere der großen Kampagnen. Insekten fehlt diese Aufmerksamkeit. Zwar sorgte das Bienensterben in den letzten Jahren für Furore. Doch Bienen sind Nutztiere. Schmetterlinge, überhaupt Wildinsekten, haben zwar Anhänger, aber es gibt keine Spendenkampagnen und keine Großprojekte, die sie schützen. Dabei spielen sie für ein funktionierendes Ökosystem eine noch größere Rolle als die Räuber am Ende der Nahrungskette. Artenschutz ist auch ein Wettbewerb um die Gunst der Menschen. Der Scheckenfalter, der flatternde Hinterbänkler, hat diesen Wettbewerb gerade erst aufgenommen. Seine Spezialfähigkeit: Er ist ein Vorbote. Wenn dem Goldenen Scheckenfalter ein Gebiet genügt, dann genügt es auch Dutzenden weniger anspruchsvollen Arten. Pflanzen wie dem Waldläusekraut, dem Katzenpfötchen oder dem Sonnentau, Pilzen wie dem Häublingsähnlichen Nabeling. Das Vorkommen des Scheckenfalters ist wie ein Siegel: „Perfekte Feuchtwiese“. Wer den Scheckenfalter rettet, rettet ein ganzes Biotop.

Zärtlich besieht sich Hartmut Kretschmer die gerade ausgesetzten Schmetterlinge, die in der neuen Umgebung zaghaft mit den Flügeln schlagen. „Der da sieht ziemlich zerknittert aus“, sagt er und zeigt auf einen seiner Schützlinge. „Aber besser zerknittert als ausgestorben.“ Ausgestorben sein, das ist normalerweise ein endgültiger Zustand, selbst für einen Falter, bei dem ein einziges Weibchen Hunderte Eier legt. Kretschmer kennt die Eigenheiten der Fortpflanzung aller Schmetterlinge Brandenburgs. Seit frühester Jugend hat er sie gefangen, studiert und gezüchtet. Er weiß, wie empfindlich die frisch geschlüpften Raupen sind, nur wenige Millimeter groß. Er weiß, wie anfällig die größeren Raupen für Temperaturschwankungen, feuchtes Wetter und Parasiten sind. Er kennt ihre speziellen Nahrungsvorlieben und die Bedingungen, unter denen sich eine Raupe zurückzieht, um einen Kokon zu spinnen. Er kennt sich nicht nur mit Schmetterlingen aus, er ist vor allem ein Experte für das Leben ihrer Puppen und Raupen. Marmeladenglas für Marmeladenglas hat er Goldene Scheckenfalter aus seinem Garten geholt, als Falter und als Raupen, und überall in Brandenburg wieder angesiedelt. Das ist das kleine Artenschutzwunder des Hartmut Kretschmer, 63 Jahre alt, in der Verwaltung tätig, seit sieben Jahren verwitwet, wohnhaft in Neuenhagen bei Berlin.

Die Rettung des Goldenen Scheckenfalters in Brandenburg begann mit einem Akt zivilen Ungehorsams. Kretschmer entdeckte auf einer Niedermoorwiese am Galenbecker See im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern unverhofft eine große Zahl der verschwunden geglaubten Tiere. „Da flogen tausend Stück, es war unglaublich“, sagt er. Die Wiese war zu DDR-Zeiten eher zufällig ungenutzt geblieben. Jetzt sollte der See aufgestaut werden – zum Schutz der Vögel. Kretschmer ahnte, dass das letzte Vorkommen der Falter weit und breit es kaum überleben würde, wenn der See einmal unerwartet über die Ufer träte. Er entschloss sich, einige von ihnen zu retten, holte sich eine Erlaubnis vom Umweltministerium in Schwerin und fing 15 Weibchen und 15 Männchen ein, die er mitnahm in seinen Garten in Brandenburg. Einige Monate später stand die Wiese tatsächlich unter Wasser, und ein Großteil der überwinternden Raupen ertrank.

„Da hatte ich den Goldenen Scheckenfalter an der Backe“, sagt Kretschmer. Er sagt das mit einem Lächeln. Denn in dem Moment verliebte er sich in ihn und widmete sich der Pflege der womöglich dreißig letzten Exemplare Ostdeutschlands. Im Garten steht zwischen Obstbäumen ein kleines Gewächshaus. Es ist ein großer Garten, der viel Arbeit macht. Doch noch mehr Arbeit mache der unscheinbare Holzkasten mit den Raupen der Scheckenfalter, sagt Kretschmer. Denn sie brauchen täglich Futter und frisches Wasser. Kretschmer tut das auch für sich selbst. Die Wiederauferstehung des Scheckenfalters ist sein Meisterstück, der krönende Abschluss seines Lebens für den Naturschutz.

Dabei würde es kaum auffallen, wenn der seltene Falter sang- und klanglos ausstirbt. „Golden“ – schon der Name ist ziemlich dick aufgetragen. Nur in den ersten Stunden seines Lebens strahlen die winzigen Schuppen auf den Flügeln noch im leuchtenden Goldorange eines Sonnenuntergangs. Doch schon bald nutzen sie sich ab, und der Falter trägt eher die Farben einer verwaschenen Sitzecke aus den Siebzigerjahren – viel creme, braun und orange mit einigen gelben Flecken.

Er gehört zur Familie der Edelfalter, aber er ist keiner, dem man ein bewunderndes „Oh“ hinterherruft, und auch kein eleganter Flieger. Die längste Zeit seines Lebens, den Herbst, den Winter und den Frühling, verbringt er als stachelige schwarze Raupe. Im Reigen der Tagfalter ist der Scheckenfalter eine eher unspektakuläre Art. Niemand interessierte sich für ihn, als er noch zahlreich an Ackerrändern und auf Weiden lebte, und kaum jemand nahm davon Notiz, als er sich anschickte zu verschwinden. Und so ist es fast ein Wunder, dass ausgerechnet er plötzlich im Zentrum des europäischen Schmetterlingsschutzes steht.

Sie passen zusammen, der Falter und Kretschmer. Auch er ist niemand, der gerne im Vordergrund steht, Kretschmer vermeidet jedes Pathos. Er schützt den Falter nicht, um anderen stolz sein Schmetterlingsparadies zu zeigen. Lange zögerte er, ob er die Orte, an denen die Scheckenfalter lebten, überhaupt öffentlich machen sollte. Wenn er heute Menschen dort sieht, legt er die Stirn in Falten und marschiert schnellen Schrittes zu ihnen, um streng zu fragen, was sie herführt. Wenn jedoch ein Falter vorbeiflattert, entspannt sich sein Gesicht, seine Augen folgen ihm durch die Luft und er läuft mit beinahe kindlicher Begeisterung hinterher, um festzustellen, welcher Art er angehört.

Obwohl viele Schmetterlingsarten in Deutschland gerade rasch seltener werden, sieht man noch immer so manchen Falter durch die Luft tänzeln – meist handelt es sich dabei um Generalisten wie Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs: Ihre Raupen entwickeln sich auf Brennnesseln, als Erwachsene saugen sie bei verschiedenen Blüten Nektar. Verschwunden sind meist die unbekannten Spezialisten, die auf wenige Pflanzen angewiesen waren, auf Pflanzen, die an blühenden Ackerrändern wuchsen, die untergepflügt oder durch Herbizide vernichtet wurden.

Auch der Goldene Scheckenfalter ist ein Spezialist – Spezialist fürs Unauffällige. Er lebt auf Heiden, Magerrasen und Feuchtwiesen, vor allem auf dem Teufelsabbiss. Die grüne Pflanze fällt kaum ins Auge – bis im Spätsommer ihre halbkugeligen Blütenköpfchen in kräftigem Violett aufgehen. Dann sammeln sich ringsherum die Raritäten der Schmetterlingswelt: Sumpfhornklee-Widderchen, Lungenenzian-Ameisenbläuling, Braunfleckiger Perlmutterfalter und Blutströpfchen. Und unten an den Blättern knabbern die Raupen des Scheckenfalters. Der Pflanze wurden Schutzkräfte gegen den Teufel nachgesagt. Doch gegen die Entwässerung und die Industrialisierung der Landwirtschaft halfen sie nicht: Die Leibspeise des Scheckenfalters ist vielerorts verschwunden.

Hartmut Kretschmer, Bauernsohn, war ein kleiner Junge, als die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR begann. Der Vater musste die Pferde abgeben, seinen ganzen Stolz. Beim Sohn hingegen kam der Verlust schleichend – der Verlust der geliebten Falter. Ein älterer Cousin hatte dem Fünfjährigen die Geheimnisse der Schmetterlinge gezeigt, er war fasziniert und begann, sie zu studieren. Er jagte sie mit dem Netz – und spießte sie auf. Nachts schaltete er eine Quecksilberdampflampe an seinem Fenster an, um die Nachtschwärmer anzulocken. Doch je länger er sich mit ihrem geheimnisvollen Leben beschäftigte, desto weniger Falter kamen. Die neue Art der Landwirtschaft, das System der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften mit ihren riesigen Monokulturen, ließ die Schmetterlinge immer seltener werden.

Mit der Freiheit der Menschen verschwand auch das Tier, das sie symbolisiert. Und Kretschmer musste dem Sterben hilflos zusehen. Im elterlichen Hof richtete er einen Raum ein, in dem er Schmetterlinge züchtete. Er studierte Biologie, kam im staatlichen Forschungszentrum für Bodenfruchtbarkeit unter. Doch die Falter hatten ihn in die Opposition gedrängt. Er saß in der Behörde und träumte vom Naturschutz – in einem Land, dem es nur um die Erfüllung von Planzahlen ging. Er lebte wie eine unauffällige Raupe, die auf die Sonne wartet, um sich zu verwandeln.

Dann kam die Wende. Für Kretschmer war es auch eine Wende zum Naturschutz. Ab 1989 arbeitete er am Nationalparkprogramm der sterbenden DDR mit, als auf ihrem Gebiet mehrere Großschutzgebiete gegründet wurden. Große Teile Brandenburgs wurden damals von der Treuhand verwaltet, Kretschmer sorgte dafür, dass Naturschutzstiftungen Land kaufen konnten. Man unterschätzt diesen Mann leicht, der lange geübt hat, nicht aufzufallen, lange gewartet hat auf seine Gelegenheit. Man merkt, dass er entschlossen ist, sich nicht mehr aufhalten zu lassen. Der Käfig mit den Nachzuchten in seinem Garten ist so etwas wie seine persönliche Aufarbeitung der DDR.

Heute leitet er die Abteilung Großschutzgebiete beim Landesumweltamt Brandenburg. Davon profitiert auch der Scheckenfalter, denn in seiner Position lässt Kretschmer viele Wiesen so pflegen, dass sie schmetterlingstauglich werden. Was den Faltern zum Überleben fehlt, ist nicht Wildnis. Es geht ihnen dort gut, wo die Natur durch Schafe, Rinder oder Ziegen geformt wird und nicht verbuscht. Heute flattern wieder Scheckenfalter durch Brandenburg, die ihr Leben der Entführung ihrer Vorfahren verdanken. Marmeladenglas für Marmeladenglas kamen sie zurück.

Kretschmers einsamer Kampf ließ viele Insektenliebhaber neue Hoffnung schöpfen – auch Detlef Kolligs. Bisher waren Versuche, Falter wieder anzusiedeln, meist nur von bescheidenem Erfolg gekrönt. Kolligs arbeitet tagsüber für die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, nachts zählt er als freiberuflicher Gutachter Schwärmer und Motten. Auch er: ein Besessener. Auf Kretschmer traf er bei einer Tagung über Tagfalter. Beflügelt von dessen Vorstoß in Brandenburg, fasste er einen großen Plan: Keine kleine Zucht, keine Marmeladengläser, sondern das größte Schmetterlings-Wiederansiedlungsprojekt, das es in Europa je gab, wollte er ins Leben rufen. Ein tollkühnes Vorhaben. Aber das schreckte ihn nicht ab.

Detlef Kolligs steht in seinem Garten. Kurze Hosen, T-Shirt, Sandalen, Ring im Ohr. Hinter dem unscheinbaren Weißklinkerhaus im Örtchen Muscheln nahe Kiel steht der „Tresor“ des millionenschweren EU-Projektes. Ein blauer Aufkleber mit gelben Sternen klebt an einer Aluminiumtür, doch kein Schloss sichert den Schatz dahinter, das Scheckenfalter-Gold. Durch die Tür gelangt man in ein Zelt aus halbtransparentem Gitterstoff, drei Schritte lang, zwei Schritte breit. Dutzende Scheckenfalter sitzen innen auf der Gaze. Sie sind gerade geschlüpft, noch strahlend golden, sehen aus wie gemalt.

Behutsam tritt Kolligs in das Schmetterlingszelt. Am Boden wächst in schwarzen Töpfen Teufelsabbiss. Kolligs greift vorsichtig nach einem Blatt und dreht es um. Er lacht erleichtert auf. In dichten Paketen hängen gelbe Kugeln darunter. „Das sind die Eier der Scheckenfalter. Jetzt sind sie noch gelb, später werden sie rot“, sagt er. Zehntausende Raupen haben Kolligs und seine Mitstreiter im Rahmen des Projektes schon ausgesetzt. Im August spinnen die Raupen ein Wintergespinst, oft Hunderte gemeinsam an einer großen Futterpflanze. Im Frühjahr brauchen sie viel Sonne. Dann kriechen sie auf die Oberseite der Blätter – und werden zur leichten Beute für Vögel. Der Scheckenfalter ist von Natur aus etwas ungeschickt, kein Überlebenskünstler. Kolligs sagt: „Wenn aus den ganzen Raupen hier wenigstens hundert Scheckenfalter werden, sind wir schon glücklich.“

Auch Kolligs hat als Junge Schmetterlinge gejagt und aufgespießt. Die Eltern waren Präparatoren am Naturkundemuseum in Kiel. Über die toten Falter kam er zu den lebenden. Und von den lebenden zu den aussterbenden. Kolligs wurde Autor der Roten Liste – eine deprimierende Beschäftigung. Einige seiner schmetterlingsbegeisterten Freunde ertrugen es nicht, nur den Verlust zu dokumentieren, und suchten sich andere Hobbys. Kolligs machte weiter. „Einer muss sich ja kümmern“, sagt er.

Das Naturschutzgebiet Reesholm, eine Halbinsel im Ostseearm Schlei, ist streng geschützt, das Betreten strikt verboten. Kolligs steht inmitten der Salzwiesen und lässt den Blick auf der Suche nach Faltern schweifen. Ein Grollen liegt in der Luft, ein Tornado-Jet fliegt über die Halbinsel hinweg. Kolligs schaut auf. Über ihm kreist ein Seeadler. „Ein schöner Vogel“, sagt er, „aber für den Erhalt des Seeadlers ist die deutsche Population nicht entscheidend.“ Ihn zu schützen, so erklärt er, helfe den kleinen Arten nicht viel, den heimischen Orchideen, Schmetterlingen, Käfern und Pilzen. Großtiere wie der Seeadler bräuchten vor allem Platz. Ganz anders der Scheckenfalter. Nur drei, vier Meter breit ist die Stelle, auf die Kolligs jetzt zeigt. Für ungeübte Augen ist es ein Stück hügeliger Wiese. Doch tatsächlich: Dort tanzen zwei Scheckenfalter umeinander. „Als wären sie nie weg gewesen“, sagt er zufrieden.

„Man muss sich immer entscheiden“, sagt Kolligs, „man kann nicht alle Arten in einem kleinen Flecken Naturschutzgebiet schützen.“ Während er auf dem Weg zurück nach Kiel durch ein vermeintliches Insekten-Schlaraffenland fährt – draußen vor dem Autofenster scheinen kräftig grüne Wiesen wie auf das flache Land geklebt – fängt Kolligs unvermittelt an zu schimpfen: „Dieses verdammte Sattgrün, mit Phosphor überdüngte Agrarwüste“, sagt er. „Hier müsste sich beigefarbene Heide, Magerrasen, Feuchtwiese befinden.“ Es war nicht die graue Tristesse der Städte, die ihn anstachelte, etwas zu tun, es war der Anblick dieses Einheitsgrüns, jeden Tag, überall. „Der Scheckenfalter braucht nicht viel zum Leben“, sagt Kolligs. Doch für das Wenige war in der auf höchste Effizienz getrimmten Umwelt der industriellen Landwirtschaft kein Platz mehr.

Deshalb überzeugte Kolligs seinen Arbeitgeber, die Stiftung Naturschutz, von seinem Rettungsplan. Ein halbes Jahr schrieb er an einem Antrag für EU-Gelder, 130 Seiten umfasste er am Ende. Als Kolligs schließlich 3,3 Millionen Euro für die Wiederansiedlung des Scheckenfalters, genauer gesagt, für die Unterart aurinia aurinia bekam, war er selbst überrascht. 3,3 Millionen Euro, mit dieser Summe kann man rund vierzig Meter U-Bahn oder 300 Meter Autobahn finanzieren – oder eben eine Schmetterlingsart wiederbeleben. Kolligs sagt: „Die Investition in Artenschutz zahlt sich langfristig am meisten aus.“

Die Förderung durch die Europäische Union erhob das unauffällige Insekt über Nacht sozusagen zum europäischen Naturerbe. Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt – nicht viel Zeit, um eine ausgestorbene Tierart wieder anzusiedeln, deren Lebensraum verschwunden ist. Als das Team schließlich Raupen aus Dänemark als Grundlage für die Zucht bekam, legte Kolligs los – es wurde ein Start mit Hindernissen. Um Platz für den Scheckenfalter zu schaffen, ließ er auf einer Binnendüne in der Nordoer Heide südlich von Itzehoe Fichten fällen. Es ist das Gebiet, in dem 1991 die letzten beiden Exemplare des Falters in Schleswig-Holstein gesehen worden waren. Die Bagger hinterließen eine wüste Stelle. Während für Kolligs außer Zweifel stand, dass er ein seltenes und ökologisch wertvolles Biotop von einem künstlich angelegten Forst befreite, sahen viele Anwohner nur, dass ein Wald verschwand und sandiger Boden zurückblieb. Für die „Forstumwandlung“ hatten sie wenig Verständnis.

Und dann kam Mario Barth. Der Comedian mit dem nicht eben tiefsinnigen Humor schickte im Februar 2014 für die Show „Mario Barth deckt auf“ ein Kamerateam in die Nordoer Heide. Hier werde für 3,3 Millionen Euro ein Wald gefällt, hieß es, und alles für einen wertlosen Falter. Am Ende steht ein Reporter vor der Brache und sagt ins Mikro: „Das ist doch Irrsinn.“ Der Volkszorn kochte: Verschwendung! Kein Wort von den 14 Projektgebieten, die von Bäumen und Büschen befreit und regelmäßig beweidet werden müssen, von der aufwendigen Ansiedlung des Teufelsabbisses und der langfristigen Erfolgskontrollen. Den Zuschauern wurden Kolligs und seine Kollegen nicht als Artenschützer, sondern als Holzfäller und Steuerverschwender präsentiert. „Wir hatten so etwas schon geahnt“, sagt Kolligs. „Deshalb haben wir Informationsabende angeboten. Aber da ist kaum jemand gekommen. Und dann standen wir am Fernsehpranger. Da mussten wir durch.“

Die bürokratischen Hürden, das Unverständnis für seine Arbeit, die Missgunst, all das vergisst Kolligs, wenn er mit einem Holzkasten in der Hand über die Feuchtwiese stapft. Er trägt wieder T-Shirt und kurze Hose. Den Kasten hat er sorgfältig in eine rote Decke gewickelt und hält ihn mit beiden Armen fest. Es ist dieser Moment, für den er die Raupen im Garten füttert, sich mit Anträgen herumärgert und mit Mario Barth anlegt. Der Moment, in dem er den Kasten vorsichtig auspackt, die Tür öffnet und die Falter in die Freiheit entlässt. Erst einer, dann zwei, schließlich flattern alle Scheckenfalter davon. Er schaut ihnen nach. „Die Ansiedlung wird nicht überall klappen“, sagt er. „Aber jetzt ist er erst mal da.“ Bis 2018 hat Detlef Kolligs noch Zeit, die Schmetterlinge nach Schleswig-Holstein zurückzuholen.

Auch Hartmut Kretschmer zieht vorsichtig optimistisch Bilanz: „Vielleicht ist das ein Anfang der Rettung“, sagt er. An einigen Orten in Brandenburg haben sich nun wieder stabile Populationen entwickelt. Seine Arbeit auf der Feuchtwiese ist für heute getan. Kretschmer verstaut das Marmeladenglas in der Kühlbox. Dann wendet er seinen Kopf, schwenkt das Schmetterlingsnetz und pirscht davon, einem Falter hinterher.

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