Willkommen im Variantenreich

Greenpeace Magazin

Ausgabe 3.17

Willkommen im Variantenreich

Text: Wolfgang Hassenstein / Foto: Susan Middleton

Oktopusse, Sepien und Kalmare sind hochentwickelte Lebewesen mit erstaunlichen Fähigkeiten. Die Verwandlungskünstler spielen im marinen Ökosystem eine Schlüsselrolle – und könnten von Überfischung und Klimawandel sogar profitieren

Bei einem nächtlichen Tauchgang im Roten Meer, entlang einer Riffwand voll pulsierendem Korallenleben, stehen sie plötzlich vor uns im Wasser: zwei Kalmare, im Licht unserer Lampen in Regenbogenfarben schillernd, beinahe regungslos. Nur die Flossensäume rund um ihre handtellergroßen Körper bewegen sich wellenförmig, als seien es fliegende Teppiche. Die Fantasiegeschöpfe legen ihre Arme vorn zusammen, richten sich auf und lassen sich langsam wieder sinken, als scannten sie uns ab. Dann, von einer Sekunde auf die andere, sind sie mit einer Art Warp-Antrieb wieder in der Dunkelheit verschwunden.

Begegnungen mit Tintenfischen provozieren oft Science-Fiction-Vergleiche. Zugleich landen Illustratoren, die extraterrestrische Lebensformen ersinnen, schnell bei krakenartigen Wesen – offenbar sind kaum fremdartigere Lebewesen vorstellbar. Im Spielfilm „Arrival“ von 2016 etwa sind es intelligente Siebenarmer, die mit den Menschen Kontakt aufnehmen und versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Doch genügend Rätsel bergen schon die irdischen Vertreter der Kopffüßer, so ihr offizieller Name, mit ihren rund tausend Arten. Biologen unterscheiden die achtarmigen, bodenlebenden Oktopusse von zehnarmigen, im Freiwasser schwimmenden Kalmaren und den ebenfalls zehnarmigen, gedrungeneren Sepien. In beinahe jeder Meeresregion sind Spielarten der versierten Jäger zu Hause – von den Tropen bis in die Polargebiete, von den Küsten bis in die Tiefsee. Im marinen Ökosystem spielen sie eine Schlüsselrolle.

Uwe Piatkowski, Biologe am Geomar, dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, kennt sich mit Tintenfischen aus wie kein Zweiter in Deutschland. Als Anfang 2016 an Schleswig-Holsteins Nordseeküste 13 Pottwale strandeten, eilte er an den Deich bei Kaiser-Wilhelm-Koog, um die Verdauungstrakte der Meeressäuger zu obduzieren. Er entdeckte darin neben Autoteilen, Eimern, Plastiksäcken und Kaffeekapseln – „für die Tiere gefährlich, aber offenbar nicht die Todesursache“ – noch etwas Unverdauliches, das ihn elektrisierte: „Wir haben mehr als 100.000 Tintenfischschnäbel gefunden“, so der Meeresforscher. Die scharfen Mundwerkzeuge, die an Papageienschnäbel erinnern, sind beim lebenden Tier zwischen den Fangarmen verborgen.

Es stellte sich heraus, dass die Wale vor allem Nordische Köderkalmare gefressen hatten, eine Art, die in der Nordsee sonst gar nicht vorkommt. „Stürme in den Wochen zuvor hatten Wassermassen in die Nordsee gedrückt“, erklärt der Forscher, „und mit ihnen offenbar große Mengen Kalmare.“ Die Pottwale könnten den Tintenfischen gefolgt sein, so Piatkowskis Hypothese, und hätten dann im Flachwasser die Orientierung verloren. (...)

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