Zarte Gipfelstürmer

Greenpeace Magazin

Ausgabe 1.17

Zarte Gipfelstürmer

Text: Wolfgang Hassenstein / Foto: Manfred Jarisch

Schnee, Wind und eisige Kälte: Für Bäume ist das Hochgebirgsklima nichts. Doch einer Vielzahl bezaubernder Blumen genügt der kurze Sommer zum Wachsen und Blühen. Auf dem Hochschwab in den Ostalpen nehmen Forscher sie unter die Lupe – und finden seltene Arten, die durch den Klimawandel in Bedrängnis geraten.

Ein Interview mit Manuela Winkler, 42, Mitarbeiterin des globalen Forschungsnetzwerks GLORIA

Was treibt Sie als Pflanzenforscherin ins Hochgebirge – da wächst doch kaum etwas? Nur auf den ersten Blick. Wer genauer hinschaut, findet eine Vielzahl interessanter Arten. Wir untersuchen die Auswirkungen des Klimawandels auf die alpine Vegetation, also oberhalb der Baumgrenze. Allerdings sind die Pflanzen dort oben wegen des rauen Klimas sehr klein – man muss sich ihnen kniend nähern, um sie gut zu erkennen. Manche Arten unterscheiden sich nur durch ihre Behaarung. Da braucht man eine Lupe.

Können Sie die Blumen nicht pflücken und dann in Ihrem Institut bestimmen? Wir haben auf dem Hochschwab auf vier Gipfeln Dauerbeobachtungsflächen genau abgemessen und markiert – so wie ein Netzwerk von Wissenschaftlern in 120 Bergregionen weltweit. Im Abstand von fünf bis zehn Jahren kehren wir zurück, um die Veränderungen zu dokumentieren. Wenn wir dort Pflanzen ausreißen, würde das die Ergebnisse verfälschen.

Sie zählen also vor Ort jede Blume? Nicht jede, aber wir arbeiten überall nach einem einheitlichen System. Wir legen zum Beispiel einen Rasterrahmen aus, stechen an jedem der hundert Kreuzungspunkte eine Stricknadel in den Boden und notieren alle Pflanzenarten, die sie berühren. Die Ergebnisse speisen wir dann in unsere zentrale Datenbank ein – zusammen mit Daten von allen Kontinenten. Denn wir koordinieren in Wien an der Akademie der Wissenschaften und der Universität für Bodenkultur das globale Netzwerk GLORIA zur Erforschung der alpinen Umwelt.

Was haben Sie herausgefunden? Tatsächlich wandern die Arten aufgrund des wärmer werdenden Klimas im Mittel weiter die Berge hinauf, weil es oben kälter ist. Das heißt, sie verlagern nach und nach ihre Standorte. Das Ergebnis ist deutlich: Unsere erste europäische Studie ergab, dass sie im Durchschnitt rund vier Meter pro Jahrzehnt gipfelwärts wandern. Metastudien, die mehrere Untersuchungen zusammenfassen, auch aus den USA, kamen sogar auf rund 15 Meter pro Dekade. Rechnet man das auf die Erwärmung um, ergibt sich pro Grad Temperaturanstieg eine Verlagerung der Vegetation um siebzig Höhenmeter.

Ist das für Sie als Wissenschaftlerin einfach nur interessant – oder ist das ein Problem? Es hat zum Beispiel Folgen für bedrohte Arten. Es gibt Studien, die Populationsentwicklungen aufgrund von Klimaszenarien in die Zukunft projizieren, darunter eine Arbeit über österreichische Endemiten – also über Arten, die nur hier, meist in einem sehr begrenzten Gebiet vorkommen. Sie zeigt, dass einige von ihnen wirklich gefährdet sind. Das Sternhaar-Felsenblümchen zum Beispiel und die Clusius-Schafgarbe – sie werden wahrscheinlich selbst bei einem moderaten Klimawandel verschwinden.

Weil die Berge, auf denen sie wachsen, nicht hoch genug sind, um weiter hinaufzuwandern? Meistens ist es etwas komplizierter. Die Frage ist, ob seltene Pflanzen es rechtzeitig an neue Standorte schaffen. Sie können ja nicht sagen: Da will ich hin! Da spielt der Wind eine Rolle, der die Samen verbreitet, und der Zufall. Wo ein Samen landet, muss etwas Erde vorhanden sein, was im Hochgebirge oft nicht der Fall ist. Manche Arten haben ganz besondere Ansprüche: Die bedrohte Clusius-Schafgarbe zum Beispiel wächst nur in sogenannten Schneetälchen, und das nächste, das passen würde, liegt vielleicht weit entfernt. Das größte Problem aber sind oft konkurrierende Pflanzen, die aus tieferen Lagen nach oben gelangen und den Hochgebirgsarten das Leben schwer machen. Wir haben diesmal auf unseren Flächen sogar Baumkeimlinge gefunden. Und noch ein letzter wichtiger Punkt: Die Fläche, auf der die Pflanzen keimen können, wird nach oben immer kleiner – ganz einfach, weil Berge kegelförmig sind.

Was ist am Hochschwab so besonders, dass Sie ihn für Ihre Forschung ausgesucht haben? Weil er ein Wasserschutzgebiet ist, in dem eine der Wiener Hochquellen liegt, dürfen dort keine Tiere weiden. Das ist natürlich gut für uns. Außerdem gehört er zu den nordöstlichen Kalkalpen, wo viele Endemiten vorkommen – und die sind durch den Klimawandel besonders gefährdet.

Als Wanderer wünsche ich mir im Hochgebirge Enzian und Edelweiß. Gibt es die dort? Die Vegetation am Hochschwab ist ziemlich vielfältig, wir haben fast 200 Arten. Enziane sind jede Menge dabei, sieben verschiedene sogar. Auch das Edelweiß gibt es dort, allerdings nur selten – da man muss schon wissen, wo man suchen muss.
Interview: Wolfgang Hassenstein

In unserer Magazin-App schauen Sie im Video den Forschern am Hochschwab über die Schulter.